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Klaus Holzkamp

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Workshop: Obdachlose in Osaka: Eine Besetzung des öffentlichen Raums

Workshop im Rahmen des Kongresses "Ungleichheit als Projekt".
Sonntag, 26.11., vormittags

Beschreibung des Workshops

Japan

Japan liegt beim Bruttonationaleinkommen international auf Platz zwei hinter den USA, gefolgt von Deutschland. Zusammen mit den USA monopolisieren Japan und Deutschland über die Hälfte des Reichtums der ganzen Welt.

Public Blue

Anders als die USA gilt Japan als homogene Mittelstandsgesellschaft. Doch gibt es in Japan nach offiziellen Schätzungen ungefähr 25.000 Wohnungslose. Ein Drittel davon lebt alleine in Osaka, der zweitwichtigsten Metropole Japans nach Tokio. Ein Grossteil der Wohnungslosen ist nomadisch, nächtigt unter Pappen, in Einkaufswagen und auf Parkdecks; ein anderer Teil ist gleichsam in der Wohnungslosigkeit sesshaft geworden. Überall in den Parks und an den Flussufern von Osaka sieht man blaue Zelte oder mit blauen Planen bedeckte Baracken – mal locker gruppieren, mal in Reihe gebaut, manchmal zu kleinen Kommunen zusammengeschlossen. Der Begriff der Wohnungslosigkeit beschreibt die Situation dieser No-jyuku-sha – Camper auf dem Feld – nur unzureichend. Slums, Favellas, Barackendörfer, alle diese Begriffe umkreisen das blaue Phänomen der japanischen Großstädte besser.

Öffentlichkeit

Die blauen Behausungen besetzen den öffentlichen Raum, der sonst in Japan eher als Durchgangspassage zwischen Arbeitsplatz und Familienheim durcheilt wird. Kouen, das japanische Wort für Park, meint nicht alleine die Grünfläche, sondern steht für öffentliche Anlagen und bezeichnet damit einen Raum, der nach der Öffnung Japans gegenüber dem Westen zwar städteplanerisch geschaffen wurde, aber gesellschaftlich nicht wirklich belebt ist. Traditionell haben japanische Städte keine öffentlichen Plätze und das Konzept der Öffentlichkeit hat keinen Ort. Die japanischen Städte wurden um den kaiserlichen Hof oder die militärischen Burgen herum gruppiert. Diese politischen Zentren waren bei weitem nicht leer, sondern eher verschanzt. Jenseits der geschlossenen Mitte lichtete kein Platz, kein Park, kein Markt das Straßengeflecht und Häusergewirr. Anstelle der Marktplätze hat das japanische Handelssystem fliegende Händler etabliert. Die traditionelle Stadtarchitektur bietet keinen wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Ort der Versammlung, des öffentliches Austausches oder der Zusammenrottung. Öffentliche Parks wurden als Westimporte geschaffen. Diese neuen Lichtungen des Öffentlichen sind die Wohnorte der Zeltbewohner. Diese Camper auf dem Feld sind den klimatischen Witterungsbedingungen ebenso ausgesetzt wie den sozialen. Denn ebenso wenig, wie die japanische Gesellschaft den öffentlichen Raum als politische Einrichtung traditionell kennt und schätzt, achten sie die Obdachlosen, die sich dort befinden. Zeltbewohner sind "soto".

Einschluss – Ausschluss

Soto meint im Japanischen Außen, im Gegensatz zum uchi, dem Innen. Beide Begriffe beziehen sich auf den räumlichen wie den sozialen Zustand der inneren Dazugehörigkeit oder äußeren Ausgeschlossenheit. Außerhalb der Familie, außerhalb der Unternehmen und draußen auf der öffentlichen Anlage befinden sich die Zeltbewohner jenseits der japanischen Gesellschaft. Gegenüber der äußeren Welt sind die japanischen Innenräume und Haushalte nicht nur metaphorisch, sondern architektonisch abgeschottet. Mauern, geschlossene Fenster, abgeschirmte Innenhöfe und nach innen verlagerte Gärten charakterisieren das gewöhnliche Familienhaus. Ie heißt Familie, Haushalt, Sippe, innere Harmonie und Dazugehörigkeit in der Abgrenzung zum Draußen. Dort draußen leben und arbeiten die Wohnungslosen.

Ihre Ausgesetztheit macht die homeless zu einem Spielball für die Yakuza – die japanische Mafia. Die Yakuza organisiert Teile des Taglöhnermarkts, kauft Arbeitskontingente von Firmen ein, vermittelt diese an Wohnungslose und behält einen Teil des ohnehin geringen Lohnes ein.

Empowerment

Manche der Zeltbewohner haben sich jedoch gegenüber den diskriminierenden Standards der japanischen Gesellschaft ihre obdachlose Lebenssituation als alternative Lebensform angeeignet. Der öffentliche Charakter der Existenz hat auch zu einer Entdeckung des Öffentlichen als politischem Raum geführt und die Ausgesetztheit zu einer Neubestimmung sozialer Beziehungsstrukturen. Manche der aufgereihten Unterkünfte haben einen widerständigen Charakter, insofern die Barackengemeinschaft eine politische und soziale Alternative zum japanischen Durchschnitt zu etablieren versucht. Sie knüpfen damit an eine marginale, immer wieder unterdrückte, aber vorhandene Geschichte politischen Bewusstseins in Japan an. Der viel beschworene japanische Geist ist mithin nicht bloß anpassungsfreudig und harmoniebedürftig, sondern kennt Eigensinn und politische Partizipationsforderungen.

Ein bloß bürgerlicher Mitleidsimpuls, der die Zeltbewohner wohlmeinend als Opfer markiert, übersieht mithin den politischen und eigenmächtigen Aspekt – zumindest mancher öffentlicher Lebensform. Die Enge und das Gebot zur Konformität in der japanischen Familie und am Arbeitsplatz wird gegen eine Gemeinschaft gleichberechtigter Individuen ausgetauscht, die sich nicht um die Harmonie der Aufrechterhaltung des Bestehenden bemühen, sondern für eine veränderte und verbesserte gesellschaftliche Situation einsetzen. Gegenüber der total verwalteten Existenz des durchschnittlichen Japaners wirkt die öffentliche Lebensform wie der Verweis auf eine andere Welt. Gegen die Zerschlagung dieser Lebensform wehren sich die Obdachlosen, wenn sie mit den drohenden Räumungen ihrer Zelte aus den Parks konfrontiert sind.

Räumungen der Lebensform

Die Stadt Osaka lässt Zelte aus Parks räumen und vertreibt Wohnungslose mit dem Mittel der Rücknahme des öffentlichen Raums. Öffentliche Anlagen werden durch Zaunstrukturen parzelliert und damit unzugänglich gemacht. Durch die öffentlichen Grünanlagen führt häufig nur noch ein schmaler Weg zwischen Maschendraht. Damit verschwindet der kouen – die öffentliche Anlage, die das Öffentliche im Stadtraum territorialisiert. Verbliebene Zelte werden eingezäunt und somit den kontrollierten Standards japanischen Wohnens angenähert. Wo die Stadt die Zelte abreißt, stellt sie Massenunterkünfte bereit. Diese offiziellen Anstalten der Unterbringung mit ihrer Platz sparenden Technik der Lagerung und ihrer Logik der Überwachung werden von den Besetzern des Öffentlichen nicht als Alternative zum eigenen Zelt akzeptiert. Den No-jyuku-sha – den Campern auf dem Feld – geht es nicht um die nackte Unterbringung, sondern auch um die Autonomie ihrer Lebensform.

Wider die Abweichung

Die Ästhetik des Stadtbildes ist einer der Gründe für die Vertreibungspolitik. Ein anderer ist die Unterbindung alternativer Lebensformen. Dort wo sich die Zeltbewohner zu Kommunen zusammen finden, entstehen alternative Räume. Die japanische Kontrollgesellschaft duldet aber keine Devianz. Zeltkolonien werden observiert, politische Aktivisten werden aktenkundig, die Polizei "besucht" Personen am Arbeitsplatz, die sich auf politischen Demonstrationen in der Öffentlichkeit gezeigt haben, selbst ausländische Besucher werden von zivilen Männern mit "Knopf im Ohr" unauffällig begleitet, wenn sie mit der Videokamera in der Hand die blauen Zelte dokumentieren. Die Erfahrung "begleitet" zu sein, offenbart, was es bedeutet in dieser harmonisierten Gesellschaft zu leben. Öffentliches politisches Engagement wird als Überschreitung betrachtet, Kritik als unloyal. Konsequenterweise reden die meisten in Japan über Politik nicht.

Referentin

Anke Haarmann

Siehe auch die Ankündigung des Filmes Public Blue auf der Kultur & Co.-Seite.

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