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Klaus Holzkamp

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Dieter Boris: Werner Hofmann (1922-1969) zum hundertsten Geburtstag

26.07.2022: Eine Erinnerung an den Initiator der Gründung des BdWi

Am 26. Oktober 1968 kamen in Marburg 18 Hochschullehrer*innen zusammen und gründeten den "Bund demokratischer Wissenschafter (BdW)". Eingeladen zu diesem Treffen hatte der Marburger Soziologe Werner Hofmann, der also mit vollem Recht als Initiator der Gründung des BdWi gelten kann. Am 27. Juli wäre der 1969 verstorbene Hofmann 100 Jahre alt geworden. Dieter Boris erinnert an einen engagierten deutschen Intellektuellen. [Vorveröffentlichung aus Forum Wissenschaft 3/2022]

Werner Hofmanns (H.) wissenschaftliche und politische Bedeutung, vor allem in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, war beträchtlich. Trotz seiner kurzen Lebenszeit - er wurde nur 47 Jahre alt - entfaltete er insbesondere in den nur dreieinhalb Jahren seiner Tätigkeit als "Ordinarius" für Soziologie (1966-1969) in Marburg eine Wirksamkeit auf verschiedenen Gebieten, die andere nicht in Jahrzehnten erreichen.

H. wurde 1922 in Meinigen (Thüringen) als Sohn eines Bankdirektors und einer Malerin geboren, wuchs in München auf, wo er 1941 das Abitur ablegte. Aus "rassischen" Gründen am Studium gehindert, besuchte er 1941-1943 eine Sprachenschule und musste dann bis zum Kriegsende in der Rüstungsindustrie arbeiten. Ab 1945 studierte er zunächst in München Nationalökonomie, Soziologie und Sozialgeschichte, setzte dann das Studium etwa zwei Jahre in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) fort, um nach München zurückzukehren und 1953 in Volkswirtschaftslehre promoviert zu werden; es folgten Assistentenjahre in Wilhelmshaven an der (damaligen) Hochschule für Sozialwissenschaften, die Habilitation in Nationalökonomie 1958, Privatdozentur in Göttingen, wo die venia legendi auf Soziologie erweitert wurde. Erst acht Jahre später erhielt H. einen Lehrstuhl für Soziologie an der Marburger Universität, wo er bis zu seinem Lebensende lehrte. Gemeinsam mit seinem Soziologie-Kollegen Heinz Maus und dem Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth bildete dieses "Dreigestirn" die Grundlage der sog. "Marburger Schule".

H. konzentrierte seine wissenschaftlichen Arbeiten vor allem auf drei Gebiete: a) Analyse der sowjetischen Wirtschaft und Gesellschaft, b) Entwicklung der ökonomischen und sozialen Theorien und c) Analyse der Entwicklungstendenzen des Spätkapitalismus, einschließlich seiner Arbeitswelt.

Beeinflusst von den Traditionen der deutschen Staatswissenschaft und Sozialökonomie und dem Denken von Marx und Engels, sah H. ökonomische Tatsachen und Zusammenhänge immer als soziale, d.|h. historisch entstandene und veränderbare.

In seinem Hauptwerk Die Arbeitsverfassung der Sowjetunion von 1956 untersuchte er die Probleme der Arbeitsdisziplin, des Erziehungssystems, der Mobilität und der wirtschaftlichen Leitungsfunktionen in der Sowjetgesellschaft während der forcierten Industrialisierung. Besonders bekannt wurde seine spätere Analyse des Stalinismus (1967).

In seinen Arbeiten zur geschichtlichen Entfaltung der ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Theorien vom 18. bis zum 20. Jahrhundert suchte er auch längst vergessene, doch relevante Frageansätze und Problemlösungsversuche für den gegenwärtigen wissenschaftlichen Erfahrungsstand fruchtbar zu machen. Er war der Überzeugung, dass die Kenntnis der Ideen der sozialen Emanzipationsbewegungen und ihrer Verbindung mit der jeweiligen historischen Realität vor falschen theoretischen und praktischen Einschätzungen bewahren könne. Insbesondere die breit rezipierte und in mehrere Fremdsprachen übersetzte Ideengeschichte der sozialen Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts (ursprünglich 1962; dann in erweiterter Form in mehreren Auflagen) ist eine besonders wichtige Veröffentlichung H.s gewesen. Eher gegenwartsbezogen und systematisch werden seine Vorstellungen von den Aufgaben einer kritischen Sozialwissenschaft in dem Buch Gesellschaftslehre als Ordnungsmacht (1961) thematisiert; hierin erörterte er auch die vielfältigen Diskussionen und Probleme, die im sog. Werturteilsstreit eine Rolle spielten, stellte von neuem die Frage nach dem gesellschaftlichen Bezug der Sozialwissenschaften und nach der Begründbarkeit von Werturteilen.

Schon in seiner Dissertation Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (1954) kritisierte H. die gerade entwickelten makroökonomischen Regulierungsmodelle für die spätkapitalistische Wirtschaft als sachlich unstimmig und letztlich unwirksam, da sie von falschen Annahmen über die sozialökonomischen Gegebenheiten ausgingen. In kleineren Arbeiten, z.|B. Europamarkt und Wettbewerb (1959) und Die säkulare Inflation (1962) analysierte er die Internationalisierung des Kapitals, die planmäßige Aufteilung der Märkte zwischen weltumspannenden Konzernen und die Spezialisierung der Produktion sowie die Tendenz zu säkular ansteigenden Preisen, welche er auf oligopolistische Marktstrukturen zurückführte.

Für die nationalökonomische Theoriegeschichte bzw. Geschichte der politischen Ökonomie sind seine umfangreichen Sozialökonomische[n] Studientexte (3 Bände 1964-1966) von lang andauernder Bedeutung geblieben. - Der didaktische Leitfaden für Lehrende über Grundelemente der Wirtschaftsgesellschaft( 1969) hat es auf eine Gesamtauflage von fast 200.000 Exemplaren im Laufe der Jahre gebracht, Größenordnungen, die sich heute fast als märchenhaft für linke Publikationen anhören.

Siebzehn Buchveröffentlichungen und Dutzende wissenschaftliche Aufsätze neben zahlreichen Zeitungsartikeln, Rundfunkvorträgen etc. begründeten eine erhebliche Resonanz H.s, die auch noch lange Zeit nach seinem Tod anhielt.

Vor allem in seinen letzten Lebensjahren entfaltete H. auch eine vielfältige politische Aktivität. Er engagierte sich im Kampf gegen die Notstandsgesetze, rief den "Bund Demokratischer Wissenschafter" ins Leben und war die treibende Kraft im "Aktionsbündnis für demokratischen Fortschritt" (ADF) als dessen hessischer Spitzenkandidat er bei den Bundestagswahlen 1969 antrat. Als Reaktion auf den "Marburger Aufruf" konservativer Professoren, der gegen jegliche Reformen an den Universitäten und gegen die studentische Bewegung gerichtet war, ergriff H. 1968 die Initiative zur Gründung des "Bundes Demokratischer Wissenschafter", dessen erster Vorsitzender er auch war. Seinem Vorstand gehörten u.a. die Professoren Walter Jens, Wolfgang Klafki, Wolfgang Abendroth, Jürgen Habermas, Helmut Ridder und Reinhard Kühnl an; der Bund trat ein für "eine ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewußte Wissenschaft, für Erweiterung der Formen von Öffentlichkeit, von Mit- und Selbstbestimmung und gegen antidemokratische Tendenzen in Hochschulen, Bildungswesen, Gesellschaft, Wirtschaft und Staat." Nach dem Tod H.s erlahmten zunächst die Aktivitäten des BdWi, so dass er 1972 neu gegründet werden musste.

In manchen Aspekten der eigenen Hochschullehre war H. selbst innovativ. So veranstaltete er wohl zum ersten Mal an einer westdeutschen Universität im Sommersemester 1969 ein Seminar über Mitbestimmung, an dem neben Studierenden auch Arbeiter teilnahmen.

Nicht zuletzt infolge seiner widersprüchlichen und extrem differierenden Erfahrungen während seines Sozialisationsprozesses wies H. eine komplexe, manchmal schwierige Persönlichkeit auf. Seine teilweise konservativen und autoritären Züge gerieten gerade in der letzten Lebensphase gelegentlich mit seiner "linken Theorie" und der überwiegend stark anti-autoritären Studierendenbewegung in Konflikt. In fast "preußischer Pflichtauffassung" verfolgte H. energisch und mit großer Konsequenz, was er für richtig und notwendig hielt.

Die widersprüchliche Konstellation zwischen seiner Persönlichkeitsstruktur, seinem Habitus und den damals aktuellen Zeitströmungen, die am Ende zu einer gewissen Isolierung geführt hatte, wurde von Herbert Claas treffend auf den Begriff gebracht: "Werner Hofmanns Hochschätzung vom Lehrstuhlinhaber als personifizierter Wissenschaft, verbunden mit der verlautbarenden Politikform, kam zu spät, um nicht antiautoritären Protest auf sich zu ziehen. Mit seinem Verständnis von der Hilfsfunktion von Wissenschaft vermittels vorausweisender Inhalte der Gesellschaftslehre kam er zu früh, um von den Studenten und Kollegen nicht allein gelassen zu werden bei seinen politischen Anstrengungen über den Bereich der Hochschule hinaus."

Durch die Verbindung wissenschaftlicher Breite und Kreativität mit persönlichem Mut und einem politischen Gestaltungswillen verkörperte er einen unter deutschen Intellektuellen seltenen Typus.

Dieter Boris; Hochschullehrer für Soziologie an der Marburger Universität 1972-2008; wiss. Mitarbeiter bei Werner Hofmann 1966-69.

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