BdWi unterstützt "Stockholm-Deklaration"
07.04.2026: BdWi unterstützt die "Stockholm-Deklaration" und fordert die Reformation des internationalen Publikationssystems
Die Stockholm-Deklaration ist die im November 2025 von der Royal Swedish Academy of Sciences initiierte und veröffentlichte Erklärung, die grundlegende Reformen des weltweiten wissenschaftlichen Publikationssystems fordert.
Sie richtet sich gegen die profitorientierte "Publish-or-Perish"-Kultur und plädiert für vier Kernprinzipien: Rückführung der Kontrolle über Publikationen an wissenschaftliche Institutionen, Belohnung von Qualität statt Quantität, unabhängige Mechanismen zur Betrugserkennung sowie gesetzliche Schutzmaßnahmen für die Integrität der Wissenschaft.
Probleme im aktuellen Publikationssystem
Der Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) kritisiert das aktuelle Publikationssystem als von kommerziellen Verlagen dominiert, das Wissenschaftsfreiheit durch hohe Publikationskosten und Karrieredruck einschränkt. Besonders Wissenschaftler:innen am Karriereeinstieg sind betroffen: Article Processing Charges (APCs) von bis zu mehreren Tausend Euro pro Artikel sind kaum finanzierbar, ohne Drittmittelförderung oder institutionelle Unterstützung, was zu Abhängigkeit und Ausschluss führt.
Disziplinenunterschiede verschärfen dies. In den Geistes- und Sozialwissenschaften fehlen oft Fördermittel für APCs, im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Feldern mit höheren Drittmitteln, wodurch Ungleichheiten verstärkt werden. Weitere Probleme sind die Vorfinanzierung von Open-Access-Gebühren aus knappen Projektmitteln sowie die Prekarität von Wissenschaftlichen Mitarbeitenden ohne die dafür notwendigen Budgets. Außerdem verstärkt der Druck möglichst viele Publikationen zu veröffentlichen einen Effekt der vielen kleinteiligen Publikationen und kann den Korridor für Grundlagenforschung weiter schmälern.
Verschiedene Mechanismen der Anerkennung von spezifischen Journals als besonders bedeutend führen zu weiteren Abhängigkeitsverhältnissen der Wissenschaftler:innen und des Hochschulsystems von einzelnen Verlagen. Eine weitere absurde Blüte des entfesselten Publikationssystems ist die Nutzung öffentlicher Ressourcen, beispielsweise wenn öffentlich finanzierte Wissenschaftler:innen unentgeltlich Peer-Reviews erstellen und Editor-Arbeit für private Verlage leisten, sie aber mit Steuergeldern hohe Gebühren für eigene Open-Access-Publikationen zahlen müssen. Wenn die Publikation aus verschiedenen Gründen nicht im Open-Access-Format erfolgen kann, bleibt öffentlich finanzierte Forschung der Öffentlichkeit verwehrt. Hier wird erneut deutlich, dass die Kontrolle über wissenschaftliche Publikationen an gemeinnützige Institutionen zurückgeführt werden muss.
Unterstützung der Stockholm-Deklaration durch den BdWi
Der BdWi begrüßt die Stockholm-Deklaration und unterstützt ihre geforderten Veränderungen. Diese stärkt die Wissenschaftsfreiheit wie sie der BdWi seit Jahrzehnten einfordert. Die Stockholm-Deklaration umfasst nicht nur die freie Forschungsgestaltung, sondern auch die demokratische Kontrolle über wissenschaftliche Prozesse gegen die kommerzielle Monopolstellung durch Verlage.
Die Erklärung adressiert zudem zentrale Probleme wie den Karrieredruck, der zu unzureichenden Publikationen und noch nicht ausgereiften oder gar gefälschten Daten führen kann, und schlägt gemeinnützige Modelle (z. B. Diamond Open Access) sowie qualitätsorientierte Anreize vor, um "exzellente Forschung" - verstanden als sehr gute, integritätsbasierte Wissenschaft - zu fördern.
Auch beleuchtet werden in der Deklaration besorgniserregende Entwicklungen wie sogenannten "paper mills", die Autor:innenschaften gegen Bezahlung vermitteln und dabei auch auf KI-basierte Publikationen zurückgreifen. Hier ergibt sich neben der gefälschten Autor:innenschaft ein Spannungsfeld des Umgangs mit KI sowie daraus resultierenden qualitativ minderwertigen Publikationen1 und generell der Komplex der sogenannten "Fake Science". Fake Science erschwert es auf den ersten Blick manipulierte oder durch KI generierte vermeintlich wissenschaftliche Publikationen von qualitativ hochwertigen Forschungsartikeln zu unterscheiden und ist daher sowohl für die redliche Wissenschaft und ihr Publikationswesen ein Problem, als auch für Demokratie und wissensbasierten Diskurs.
Aus diesen Gründen sowie der generellen Notwendigkeit das derzeit vorherrschende Publikationssystem grundsätzlich zu hinterfragen unterstützt der BdWi die Stockholm Deklaration mit ihren vier zentralen Forderungen:
- Rückführung der Kontrolle: Akademien und Institutionen sollen die Kontrolle über Publikationen von kommerziellen Verlagen zurückgewinnen
- Qualität statt Quantität
- Unabhängige Betrugserkennung: Etablierung von Mechanismen zur Erkennung, Sanktionierung und Kennzeichnung von Fake-Artikeln und Paper Mills
- Schutz der Integrität: Gesetzliche und institutionelle Maßnahmen für Integrität, inklusive unabhängiger Prüfstellen
Zur genauen Ausführung der zentralen Forderungen müssen nun ausführliche Diskussionen folgen, auch anschließend an verwandte Diskussionsstränge wie Wissenschaftsfreiheit, die Bedeutung von Fake Science für Demokratie und einen offenen Diskurs, die Nutzung von KI im wissenschaftlichen Publizieren und darüber hinaus, Ownership von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Bedeutung von Grundlagenforschung und ihrer Ausfinanzierung, Fragen nachhaltiger Karrierewege und Anstellungsverhältnisse in der Wissenschaft, Hochschulrankings anhand von Publikationsmetriken sowie Machtmissbrauch in Wissenschaft und Forschung.
Der BdWi unterstützt daher die Stockholm-Deklaration und steht auch für die angrenzenden Diskussionen bereit.

