Forum Wissenschaft 1/2026: Energiepolitik
21.03.2026: 40 Jahre nach Tschernobyl
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Forum Wissenschaft 1/2026; Foto: USFCRFC, IAEA Imagebank, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons |
Vierzig Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist Atomenergie erneut Gegenstand politischer Neubewertung. Was lange als überwundene Technologie galt, wird heute in vielen Ländern wieder als "klimafreundliche Brückentechnologie" diskutiert. Wir nehmen das Jubiläum jedoch als Ausgangspunkt zur Erinnerung daran, dass Energiepolitik nie nur eine Frage technischer Machbarkeit ist, sondern immer auch von Risiken, Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Aushandlungen geprägt wird. Tschernobyl steht bis heute für die Verwundbarkeit hochkomplexer Energiesysteme und für die ungleich verteilten Folgen ihrer Störungen.
Gegenwärtige Debatten um Energieversorgung kreisen um Versorgungssicherheit, geopolitische Abhängigkeiten und die Dringlichkeit des Klimaschutzes. Die Transformation der Energiesysteme wird dabei häufig als primär technisches oder ökonomisches Projekt gefasst: als Ausbau erneuerbarer Infrastrukturen, als Modernisierung von Netzen, als Frage von Marktmechanismen und Innovationsgeschwindigkeit. Was dabei leicht aus dem Blick gerät, ist, dass Energiewenden immer soziale Transformationen sind, mit konkreten Auswirkungen auf Arbeitsmärkte, regionale Entwicklung, Sorgearbeit und politische Teilhabe. Wer Energie produziert, wer sie verwaltet, wer Risiken trägt und wer über Zukunftspfade entscheidet, ist keineswegs neutral verteilt.
Der Schwerpunkt dieses Hefts setzt genau hier an. Er rückt Energie nicht nur als Ressource oder Infrastruktur in den Blick, sondern als gesellschaftliches Verhältnis. Die Beiträge zeigen, dass Energiepolitik eng mit Fragen von Geschlecht, Care, Migration und regionalem Strukturwandel verwoben ist. Besonders sichtbar wird dies dort, wo Transformationsprozesse mit dem Versprechen von Teilhabe und Erneuerung verbunden werden, in der Praxis jedoch bestehende Ungleichheiten reproduzieren oder verschärfen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt das Gedenken an Tschernobyl eine neue Bedeutung. Es erinnert nicht nur an eine historische Katastrophe, sondern an die Notwendigkeit, technologische Zukunftsentwürfe politisch und sozial zu befragen. Wenn Energiepolitik heute erneut als sicherheitspolitisches Großprojekt formuliert wird, stellt sich umso dringlicher die Frage, wie demokratisch, inklusiv und gerecht diese Zukunft gestaltet wird. Der Schwerpunkt dieses Hefts versteht sich als Beitrag zu dieser Debatte: Er verbindet Energiefragen mit Perspektiven aus der Geschlechterforschung, der Transformationsforschung und der politischen Ökonomie und zeigt, dass eine gelingende Energiewende nicht ohne soziale Gerechtigkeit zu haben ist. Wir danken allen Autor*innen dieser Ausgabe für ihre Mitarbeit.
Unsere nächste Ausgabe erscheint im Juni. Unser Themenschwerpunkt lautet dann "KI in der Wissenschaft". Redaktionsschluss ist der Mai.
<h3>>}Energiepolitik
Arbeitsplatzsicherung und Umweltverantwortung
Den Umgang bundesdeutscher Gewerkschaften mit dem GAU von Tschernobyl beschreibt Maximilian Wimmer
Nachhaltigkeit, Care und Gendergerechtigkeit
Birte Schnurr und Meike Spitzner analysieren die Brisanz des aktuellen Suffizienzdiskurses
Geschlechtergerechter Strukturwandel
Franziska Stölzel und Katharina Beste zeigen am Beispiel der Lausitz eine Voraussetzung gelingender Transformation
What can an Old Mine tell us About Just Transitions?
Sibel Raquel Ersoy et al. beobachten sich überschneidende Ungleichheiten nach dem Kohleabbau aus intersektionaler Perspektive
Energie-Geopolitik
Die existenziellen Gefahren des fossil-nuklearen Systems fordern zügiges und umfassendes Handeln, findet Jürgen Scheffran
Sozial gerechte Energiewende
Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis von Jochen Müller über Technik, Teilhabe und neue Wege zu mehr Klimagerechtigkeit
Bildung und Wissenschaft
Bürokratieabbau durch Hochschulreform
Andreas Keller plädiert dafür, den Begriff des Bürokratieabbaus im Hochschulsystem progressiv zu besetzen
Gesellschaft
Zum Mitgenuss aufgerufen
Die Aktualität der Pariser Kommune von 1871 beleuchtet Florian Grams und skizziert Parallelen zur Gegenwart
Fortschrittsfalle KI
Roberto Simanowski analysiert die Wirkungen von KI und plädiert für eine philosophische Medienkompetenz
Markt und Konsum
Jos Schnurer fragt: Kann man den Markt zähmen und fair und menschenwürdig gestalten?

