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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Forum Wissenschaft 1/2026

12.03.2026: Energiepolitik

  
 

Forum Wissenschaft 1/2026, Foto: USFCRFC, IAEA Imagebank

40 Jahre nach Tschernobyl

Vierzig Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist Atomenergie erneut Gegenstand politischer Neubewertung. Was lange als überwundene Technologie galt, wird heute in vielen Ländern wieder als "klimafreundliche Brückentechnologie" diskutiert. Wir nehmen das Jubiläum jedoch als Ausgangspunkt zur Erinnerung daran, dass Energiepolitik nie nur eine Frage technischer Machbarkeit ist, sondern immer auch von Risiken, Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Aushandlungen geprägt wird. Tschernobyl steht bis heute für die Verwundbarkeit hochkomplexer Energiesysteme und für die ungleich verteilten Folgen ihrer Störungen.

Gegenwärtige Debatten um Energieversorgung kreisen um Versorgungssicherheit, geopolitische Abhängigkeiten und die Dringlichkeit des Klimaschutzes. Die Transformation der Energiesysteme wird dabei häufig als primär technisches oder ökonomisches Projekt gefasst: als Ausbau erneuerbarer Infrastrukturen, als Modernisierung von Netzen, als Frage von Marktmechanismen und Innovationsgeschwindigkeit. Was dabei leicht aus dem Blick gerät, ist, dass Energiewenden immer soziale Transformationen sind, mit konkreten Auswirkungen auf Arbeitsmärkte, regionale Entwicklung, Sorgearbeit und politische Teilhabe. Wer Energie produziert, wer sie verwaltet, wer Risiken trägt und wer über Zukunftspfade entscheidet, ist keineswegs neutral verteilt.

Der Schwerpunkt dieses Hefts setzt genau hier an. Er rückt Energie nicht nur als Ressource oder Infrastruktur in den Blick, sondern als gesellschaftliches Verhältnis. Die Beiträge zeigen, dass Energiepolitik eng mit Fragen von Geschlecht, Care, Migration und regionalem Strukturwandel verwoben ist. Besonders sichtbar wird dies dort, wo Transformationsprozesse mit dem Versprechen von Teilhabe und Erneuerung verbunden werden, in der Praxis jedoch bestehende Ungleichheiten reproduzieren oder verschärfen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Gedenken an Tschernobyl eine neue Bedeutung. Es erinnert nicht nur an eine historische Katastrophe, sondern an die Notwendigkeit, technologische Zukunftsentwürfe politisch und sozial zu befragen. Wenn Energiepolitik heute erneut als sicherheitspolitisches Großprojekt formuliert wird, stellt sich umso dringlicher die Frage, wie demokratisch, inklusiv und gerecht diese Zukunft gestaltet wird. Der Schwerpunkt dieses Hefts versteht sich als Beitrag zu dieser Debatte: Er verbindet Energiefragen mit Perspektiven aus der Geschlechterforschung, der Transformationsforschung und der politischen Ökonomie und zeigt, dass eine gelingende Energiewende nicht ohne soziale Gerechtigkeit zu haben ist.

Aus dem Inhalt:


Energiepolitik

  • Arbeitsplatzsicherung und Umweltverantwortung
  • Den Umgang bundesdeutscher Gewerkschaften mit dem GAU von Tschernobyl beschreibt Maximilian Wimmer

  • Nachhaltigkeit, Care und Gendergerechtigkeit
  • Birte Schnurr und Meike Spitzner analysieren die Brisanz des aktuellen Suffizienzdiskurses

  • Geschlechtergerechter Strukturwandel
  • Franziska Stölzel und Katharina Beste zeigen am Beispiel der Lausitz eine Voraussetzung gelingender Transformation

  • What can an Old Mine tell us About Just Transitions?
  • Sibel Raquel Ersoy et al. beobachten sich überschneidende Ungleichheiten nach dem Kohleabbau aus intersektionaler Perspektive

  • Energie-Geopolitik
  • Die existenziellen Gefahren des fossil-nuklearen Systems fordern zügiges und umfassendes Handeln, findet Jürgen Scheffran

  • Sozial gerechte Energiewende
  • Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis von Jochen Müller über Technik, Teilhabe und neue Wege zu mehr Klimagerechtigkeit

Bildung und Wissenschaft

  • Bürokratieabbau durch Hochschulreform
  • Andreas Keller plädiert dafür, den Begriff des Bürokratieabbaus progressiv zu besetzen

Gesellschaft

  • Zum Mitgenuss aufgerufen
  • Die Aktualität der Pariser Kommune von 1871 beleuchtet Florian Grams und skizziert Parallelen zur Gegenwart

  • Fortschrittsfalle KI
  • Roberto Simanowskis Plädoyer für eine philosophische Medienkompetenz

  • Markt und Konsum
  • Jos Schnurer fragt: Kann man den Markt zähmen?

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