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Landwirtschaft zwischen Protest und Politik

15.06.2025: Von den Bauernkriegen bis zu den Treckerblockaden der Gegenwart

  
 

Forum Wissenschaft 2/2025; Foto: Filmbildfabrik / shutterstock.com

500 Jahre nach dem Bauernkrieg herrscht wieder Unruhe unter Bäuerinnen und Bauern. In Deutschland wie in anderen EU-Ländern gehen Landwirtinnen und Landwirte auf die Straße, um ihrem Unmut über die nationale und europäische Agrarpolitik Ausdruck zu verleihen. Wie sind diese Proteste zu bewerten? Das Spannungsfeld zwischen EU-Politik und landwirtschaftlicher Existenzsicherung beleuchtet Martin Häusling.

Vor genau 500 Jahren, im Frühjahr 1525, erhoben sich Hunderttausende Bauern in einem der ersten großen Volksaufstände Europas. Lange vor der Französischen Revolution forderten sie in ihren "Zwölf Artikeln" grundlegende Rechte: Gerechtigkeit, Freiheit, Selbstbestimmung. Sie kämpften für eine Welt, in der Menschen nicht länger unterdrückt und ihrer natürlichen Ressourcen beraubt werden sollten. Ihre Anliegen wirken aus heutiger Sicht erstaunlich modern. Dass dieser Aufstand nicht stärker im kollektiven europäischen Gedächtnis verankert ist, liegt auch daran, dass die Geschichtsschreibung meist von den Gewinnern geprägt wird - damals von Klerus, Landadel und Großgrundbesitzern.

Die Bauernkriege wären ohne die Reformation nicht denkbar gewesen. Die Vorstellung, dass jeder Mensch ein Recht auf Selbstbestimmung hat, wurde durch die religiöse Erneuerung stark beflügelt. Doch hohe Frondienste, ungerechte Einschränkungen bei Heirat und Eigentum, das Verbot, Wälder, Flüsse und Wiesen frei zu nutzen, trieben die Bauern schließlich zur Gewalt. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen - Schätzungen zufolge verloren bis zu 100.000 Menschen ihr Leben. Ein eindrucksvolles Bild dieser Zeit zeichnet Lyndal Roper in ihrem Buch Für die Freiheit, das ich jedem zur Lektüre empfehle.

Proteste als Neuauflage bäuerlicher Revolution? Wohl kaum

Was hat das mit der Landwirtschaft heute zu tun? Auf den ersten Blick wenig. Anders als vor 500 Jahren sind Landwirtinnen und Landwirte heute keine entrechtete Bevölkerungsgruppe. Im Gegenteil: Insbesondere die großen Interessenverbände der konventionellen Landwirtschaft sind seit Jahrzehnten tief in nationale und europäische Entscheidungsprozesse eingebettet. Bei den Verhandlungen zu den Instrumenten wie der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), die etwa ein Drittel des EU-Haushalts ausmacht, bestimmen sie maßgeblich mit, wie Förderungen gestaltet und verteilt werden. Sie haben im Rat der Mitgliedstaaten sogar ein Sonderrederecht. Das hat keine Lobbyorganisation sonst.

Trotzdem haben wir europaweit Anfang 2024 massive Proteste von Landwirten erlebt. Das zeigt, wie komplex die Lage geworden ist. Trotz des Einflusses der Agrarlobby gibt es eine große Unzufriedenheit im Berufsstand. Das liegt auch daran, dass nicht alle Landwirtinnen und Landwirte gleichermaßen vom System profitieren. Heute sind es oft große Landbesitzer - darunter zunehmend branchenfremde Investoren oder Lebensmitteleinzelhändler wie Aldi - und Ackerbauern, die am meisten aus der flächenbasierten Förderung ziehen. Kleine Betriebe, insbesondere Tierhalterinnen, Junglandwirte, Quereinsteiger, kämpfen dagegen zunehmend um ihre wirtschaftliche Existenz.

Es wäre daher zu einfach, pauschal zu sagen, es gehe den Landwirten "schlecht" - oder "zu gut". Richtig ist: Nur 12% der Landwirte in der EU sind unter 40 Jahre alt. Die psychische Belastung ist hoch: enormer Arbeitsdruck, steigende Pacht- und Energiepreise, gesellschaftliche Erwartungen an mehr Umwelt-, Tier- und Klimaschutz - ohne dass sich dies bislang im Preisniveau widerspiegelt. Die Enttäuschung darüber, dass die Einkommenssituation trotz hoher Leistungen oft unbefriedigend bleibt, war lange gewachsen. Die Streichung vergleichsweise kleiner Förderungen wie der Agrardiesel-Subventionen brachte das Fass schließlich zum Überlaufen.

Schieflage im europäischen Lebensmittelsystem

Zudem zeigt sich eine gefährliche Schieflage: Während einige Landwirte von einem System profitieren, das Flächenbesitz belohnt und ökologische Kosten, Umweltschäden, Tierleid und Ausbeutung von oft ausländischen Erntehelfern auf die Gesellschaft auslagert, leiden viele andere unter den Folgen eines entfesselten Marktes, in dem Lebensmittelpreise gedrückt werden. Vier Konzerne kontrollieren 85% des Lebensmitteleinzelhandels in Deutschland. Bei den Verarbeitern sieht es nicht viel besser aus, und man beachte weitere geplante Groß-Fusionen wie aktuell geplant zwischen den beiden großen Molkereien Arla und DMK. Gleichzeitig dürfen sich Landwirte in vielen Branchen im Vergleich dazu kartellrechtlich nur minimal organisieren, bei Milch z.B. nur zu 4% europaweit. Das ist ein Ungleichgewicht, das faire Verhandlungen auf Augenhöhe in Preis- und Lieferbeziehungen von Lebensmitteln unmöglich macht.

Ressourcenschutz und -zugang als Kern landwirtschaftlicher Existenz

Wie schon 1525 geht es heute wieder um den Zugang zu und den Schutz natürlicher Ressourcen. Damals versuchten die Bauern, nachhaltige Bewirtschaftung mit dem Schutz ihrer Lebensgrundlagen zu verbinden - sie sahen sich, wie Lyndal Roper beschreibt, als "Beschützer" von Wiesen, Weiden und Feldern. Heute stehen die natürlichen Ressourcen erneut unter enormem Druck: z.B. durch Überdüngung, Pestizideinträge und den Verlust fruchtbarer Böden. Dass rechte, konservative und sogar liberale Kräfte die Proteste 2024 nutzten, um unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus dringend notwendige Umweltstandards zu schwächen, ist ein alarmierendes Signal. Wer bäuerliche Interessen ernst nimmt, muss den Schutz der natürlichen Ressourcen in den Mittelpunkt stellen - schließlich sind Böden, Wasser und die Artenvielfalt unser aller Lebensgrundlage, zuallererst aber die der Landwirte.

Wirkliche Parallelen zu 1525 finden sich heute eher in der Situation von Kleinbauern im Globalen Süden. Dort sorgen weiterhin Milliarden von Menschen in Subsistenzlandwirtschaft für Nahrungssicherung ganzer Gesellschaften. Zu oft sind sie Opfer von unfairen Weltmarktbedingungen, wo Spekulationen auf Weizen an der Börse von Chicago gemacht werden, Überschussprodukte auf Märkten in Entwicklungsländern gedumpt werden, ohne dass lokale Märkte die Chance bekommen sich zu entwickeln, und wo weiter Abhängigkeiten von großen Saatgut -und Pestizid- und von Landmaschinenherstellern generiert werden, anstatt lokales Saatgut, klimawandelangepasste Landwirtschaft und lokale Wertschöpfungsketten zu fördern. Sie kämpfen auch heute noch um Selbstbestimmung über ihre Arbeit, ihre Böden und ihre Zukunft. Und nicht zuletzt um ihr Überleben in Zeiten fortschreitender Wetterextreme aufgrund des zunehmenden Klimawandels.

Eines aber bleibt gleich: Der Ruf nach Fairness und echter Wertschätzung für die, die unsere Lebensmittel erzeugen. Diesen Ruf müssen wir heute ebenso ernst nehmen wie die Zwölf Artikel von damals - und ihn in ein gerechtes, nachhaltiges Landwirtschaftssystem übersetzen. Wer hingegen im Namen der Bauernschaft nur Umweltstandards absenkt, verrät die eigentlichen Anliegen - damals wie heute. Das müssen auch die Bauern & Bäuerinnen verstehen.

Was steckte hinter den Protesten Anfang 2024?

Auslöser der Proteste in Frankreich und Deutschland waren die Pläne zur Abschaffung von Steuervergünstigungen für Agrardiesel. In den Niederlanden protestierten Landwirte gegen die Reduzierung der Stickstoffemissionen. Die polnischen Landwirte sahen sich mit Einfuhren aus der Ukraine überfordert und europaweit protestierten Landwirte auch gegen die ungleiche Machtverteilung entlang der Lebensmittelkette und den daraus entstehenden existenzbedrohenden Preisdruck.

Darüber hinaus unterteilt sich die Bewegung stark in ihrer Ausrichtung. Es protestierten diejenigen Landwirte, die Stillstand verhindern wollen und eine politische Unterstützung ihrer Leistungen im Bereich Ökologisierung und Tierschutz weiter einfordern.

Ihnen entgegen steht ein anderer Teil des Berufstandes, der Umwelt- und Klimamaßnahmen über den "Green Deal" am liebsten als "Bürokratiemonster" abwerten möchte und sich so ihrer Verantwortung für Pestizidverunreinigungen, Überdüngung oder Resistenzbildungen durch den Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung entziehen will.

Aufgesprungen auf die Proteste sind sofort rechtsnationale Gruppierungen, von denen sich das Gros der Landwirte - und das ist ein absolutes Manko - nicht ausreichend abgegrenzt hat. Den Anstrich des Nationalen wird die Bauernbewegung deshalb schwer wieder los und er übertüncht leider das, was das Fass für alle Landwirte zum Überlaufen brachte, nämlich eine unfaire Preisgestaltung entlang der Kette, die zu immer weiter sinkenden Erzeugeranteilen an den Endpreisen führt und eine unglaublich kompliziert gewordene Förderstruktur der GAP.

Kernproblem: Unfaire Preisgestaltung entlang der Lebensmittelkette

Die Vielzahl der Landwirte treffen die Auswirkungen dieser negativen Preisspirale - egal ob sich ein Landwirt über höhere ökologische Standards definiert oder der gängigen "landwirtschaftlichen Praxis" verschreibt und damit häufig den Beipackzetteln der Agrarkonzerne zu Pestizideinsatz und Düngung und dem "Wachse oder Weiche" in der Tierhaltung folgt.

Die Preise für hochwertige landwirtschaftliche Produkte sind niedrig und der Anteil dieser Preise, der bei den Landwirten ankommt, ist dramatisch gering. Im Jahr 2021 erhielten die Erzeuger in Deutschland durchschnittlich nur 21,7% des Verkaufspreises - Tendenz fallend. Ein Großteil der Verbraucherinnen und Verbraucher greift bei Lebensmitteln zu Billigware und Discounter legen harte Bandagen an, um den Preiskampf nach unten zu gewinnen und Mitbewerber vom Markt zu drängen.

Besonders deutlich wird dieser Trend am Beispiel Brot: 1970 erhielten die Landwirte noch 19,2% des Verkaufspreises - 2022 nur noch 5%. Auch in der Milchproduktion ist die Lage prekär: Zwischen 2014 und 2024 lag der Milchpreis in keinem Jahr über den steigenden Produktionskosten. Viele Betriebe arbeiten dauerhaft defizitär und können nur dank Subventionen überleben.

Es ist daher begrüßenswert, dass sich die neue EU-Kommission bereits kurz nach ihrer Amtseinführung im Dezember 2024 dem Thema "unfaire Handelspraktiken" widmete und Gesetzestexte auf den Tisch legte, über die das Europäische Parlament und der Rat der Mitgliedstaaten zurzeit beraten. Ziel der EU-Kommission ist es, Gesetzesänderungen zugunsten der Landwirte noch in diesem Jahr abzuschließen. Sicherlich ist es gut, fairere Handelspraktiken zwischen Konzernen und Landwirten gesetzlich besser abzusichern, dennoch wird ein zentrales Problemfeld konsequent ausgespart und das sind die Oligopol- bis Monopolstellungen von Konzernen.

Immer stärkere Marktkonzentration

Für die derzeitige Konzentration auf dem Lebensmittelmarkt steht die Ankündigung der beiden Großmolkereien Arla Foods und Deutsches Milchkontor (DMK) aus dem April 2025 sinnbildlich, die zur größten Molkereigenossenschaft Europas fusionieren wollen. Dabei ist die geplante Fusion der beiden größten deutschen Molkereien ein Frontalangriff auf die bäuerliche Landwirtschaft in Deutschland und Europa. Der Zusammenschluss dieser beiden Großkonzerne würde mehr Machtkonzentration, weniger Mitbestimmung und weiter sinkende Erzeugerpreise bedeuten. Die Erfahrung aus der Fusion von Nordmilch und Humana zum DMK 2011 hat bereits gezeigt, dass die Machtkonzentration der Verarbeitungsseite zunimmt, während den Erzeugern ein höherer Organisationsgrad verwehrt bleibt. Die Preise sind gefallen, bäuerliche Existenzen verschwunden. Aber eine Reaktion des Kartellamts: Fehlanzeige.

Wenn über 12.000 Mitglieder in einem Konzern, der sich primär am Weltmarkt orientiert, faktisch keinen Einfluss auf Preisgestaltung oder Produktionsentscheidungen haben, ist das Etikettenschwindel. Machen wir uns nichts vor: Die Mega-Molkerei wäre ein Industriebetrieb mit Bauern als bloßen Rohstofflieferanten.

Und bleiben wir beim Milchmarkt: Noch immer fehlen in Deutschland verbindliche Vertragsregelungen für den Milchmarkt, obwohl die EU das seit Jahren ermöglicht. Erzeuger liefern nach wie vor, ohne den Preis für ihre Milch zu kennen. Eine solche Unsicherheit ist in keinem anderen Wirtschaftszweig vorstellbar - und dennoch Alltag für Milchbäuerinnen und -bauern. Die geplante Fusion würde diese Schieflage massiv verstärken. Das Ergebnis wäre der weitere Aderlass einer kleinstrukturierten, lokal verwurzelten Landwirtschaft - zugunsten anonymer, globaler Massenware, die auf Kosten von Umwelt, Tieren und Bäuerinnen und Bauern produziert wird.

Sollte die Kartellbehörde weitere Marktkonzentrations-Entwicklungen wie die geplante Fusion von Arla und DMK nicht stoppen, hat das Instrument der Marktaufsicht komplett versagt. Eine Weiterentwicklung der Richtlinie gegen unfaire Handelspraktiken muss daher dringend von Maßnahmen flankiert werden, die weitere Oligopol- und Monopolbildungen verhindern. Bislang gehen EU-Kommission und Durchführungsbehörden das Problem zu zaghaft an und vermeiden so die unliebsame, aber dringend notwendige Auseinandersetzung mit Rechtsabteilungen von Großkonzernen.

Wie können landwirtschaftliche Betriebe in der EU überleben?

Die EU-Kommission stellt fest, dass man die Landwirtschaft nicht mit anderen Wirtschaftszweigen vergleichen kann, da sie besonderen Bedingungen unterliegt: Trotz der Bedeutung der Lebensmittelerzeugung sind die Einkommen der Landwirte im Vergleich zu Einkommen aus nicht-landwirtschaftlichen Tätigkeiten rund 40% niedriger.

Was neben dem finanziellen Ungleichgewicht weiter zum Unmut in der Landwirtschaft beiträgt, ist der immer weiter abnehmende Bezug von Verbrauchern zu den Landwirten. Lob und Anerkennung für die gesellschaftlich existenzielle Aufgabe der Ernährungssicherung fehlt, mit Kritik an Verfehlungen hingegen wird nicht gespart. Das wird in vielen Betrieben verständlicherweise als mangelnde Wertschätzung empfunden.

In der Europäischen Union leben von den 448 Mio. Einwohnern heute etwa 39% der Bevölkerung in Städten, etwa 36% der Menschen leben in kleineren Städten und Vororten und nur 25% in ländlichen Gebieten. Im Jahr 2020 machten die in der Landwirtschaft und den damit verbundenen Dienstleistungen tätigen Menschen mit schätzungsweise 8,7 Millionen Personen keine 2% der Gesamtbevölkerung der EU mehr aus. Das zeigt: der Kontakt zwischen den Verbrauchern auf der einen und den Landwirten auf der anderen Seite wird immer weniger.

In der Europäischen Union ist der Landwirtschaftsbereich ein Urgestein europäischer Integration und die Agrarpolitik ist entsprechend bereits durch viele Entwicklungsstufen gegangen.

Gemeinsame Agrarpolitik (GAP): Einkommensstützung bis Umweltprogramme

Um die Menschen im Nachkriegseuropa mit ausreichend Nahrungsmitteln zu angemessenen Preisen zu versorgen, wurde die Agrarpolitik zu einer europäischen Angelegenheit und 1962 trat die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) mit dem Marktprogramm für Getreide in Kraft. Programme für andere Sektoren und Preisstützungen folgten. Jedoch führten Marktinterventionen zunehmend zu Produktions-Überschüssen, die oft zu Dumpingpreisen in Ländern des Globalen Südens abgeladen wurden und dort den Aufbau eigener landwirtschaftlicher Märkte und Verarbeitungsstrukturen verhinderten, die mit der subventionierten EU-Ware nicht mithalten konnten. Neben der Nahrungsmittelsicherheit der Bevölkerung trat über die Jahre außerdem mehr und mehr die Absicherung der Einkommen in der Landwirtschaft in den politischen Vordergrund.

Spätestens seit den 1990er Jahren wurde im Zuge massiver Umweltbeeinträchtigungen die Forderung durch Wissenschaft und Gesellschaft nach "Öffentlichem Geld für öffentliche Leistungen" lauter, also Natur-, Klima- und Tierschutz im Rahmen der EU-Agrarpolitik zu verankern und entsprechend Landwirte zu vergüten.

Die Reaktion der Kommission war jedoch lange, an möglichst kleinen Stellschrauben zu drehen. So wurde spätestens mit der Einführung von Umweltauflagen für Flächenprämien in den 2000er Jahren ein politischer Zickzack-Kurs beschritten. Zum einen sollen die aktuell etwa 31 Prozent des Gesamtbudgets der EU nachhaltiger eingesetzt werden, zum anderen will die Mehrheit der politischen Entscheidungsträger die Landwirte doch ungestört intensiv wirtschaften lassen. Das Höfesterben konnte so nicht aufgehalten werden.

Die EU-Kommission, sowie die Mehrheit der Mitglieder im Agrarausschuss, hat sich über die Jahre oft von Bauernverbandsfunktionären treiben lassen. Das Ziel, die Landwirtschaft ökologischer und am Gemeinwohl auszurichten, wurde nur sehr halbherzig befolgt.

Mit dem Green Deal und der Farm to Fork (F2F)-Strategie hat die EU erstmals Umwelt-, Gesundheits- und Agrarpolitik ganzheitlich gedacht. Die Strategien zielten auf Klimaschutz und eine nachhaltige Transformation des Ernährungssystems ab - aus Grüner Sicht ist es daher besonders bedauerlich, dass seit den Bauernprotesten im Frühjahr 2024 ein drastisches umweltpolitisches Rollback vollzogen wird. Die Konsequenz ist, dass Umwelt-Maßnahmen der Mitgliedstaaten auseinanderdriften und ungenügend sind. Einzelne Umweltprogramme behindern sich gegenseitig und Biobetriebe werden, da sie von einer Vielzahl an Umweltprogrammen, die sie inhärent bereits bedienen, ausgeschlossen und sind damit klar benachteiligt.

Dazu kam 2023 nach dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine der Druck der intensiv wirtschaftenden Bauernlobby. Die Abschwächung von Umweltstandards haben Konservative und Liberale seither unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus und der Steigerung von landwirtschaftlicher Produktion verstetigt.

Mit dem Kurs zur Abschwächung von Umweltstandards erweisen Konservative und Liberale den Landwirtinnen und Landwirten langfristig einen Bärendienst, denn eine intakte Natur stellt die Lebensgrundlage für eine florierende Landwirtschaft dar. Doch sind Böden zunehmend degradiert, versiegelt, verschmutzt oder verdichtet. Wasserressourcen werden entweder knapp oder Hochwasser vernichten ganze Ernten. Die Wetterextreme, die dem zugrunde liegen, nehmen zukünftig noch zu - denn kein Kontinent erwärmt sich schneller als der europäische. Außerdem sind die Folgen einer intensiven Tierhaltung unter massivem Antibiotikaeinsatz und der Ignoranz von Tierleid sowie zunehmende Nitrateinträge durch Überdüngung immer stärker in Kosten für die menschliche Gesundheit ersichtlich.

Zukunftsdialog konsequent umsetzen

Es muss also ein Umdenken in der Europäischen Agrarpolitik Einzug halten. Die Weichen dafür sind vorhanden - so hat z.B. ein breites Gremium aus 28 Bauern-Verbänden, Umweltorganisationen, dem Handel und der Wissenschaft im Herbst 2024 das Ergebnis ihres Strategischen Dialogs zur Zukunft der EU-Landwirtschaft veröffentlicht und damit wichtige Zukunftspflöcke eingeschlagen, die ein Wirtschaften im Einklang mit Mensch und Natur ermöglichen würden. Diesen Kompromiss gilt es nun vehement hochzuhalten.

Die Bauernverbands-Funktionäre und Agrarchemie-Lobbyisten dürfen in Brüssel und den Mitgliedstaaten nicht die Oberhand gewinnen und diese von einer Bandbreite an Akteuren getragenen Forderungen verwässern oder blockieren. Die Zukunftskommission Landwirtschaft auf deutscher Ebene sei hier als warnendes Beispiel erwähnt. Sobald Kompromisse ausgearbeitet waren, hat sich der Deutsche Bauernverband bei vielen Themen wie dem Einsatz von Pestiziden oder dem Tierschutz vom Acker gemacht. Umweltverbände sind unter dem Eindruck, einzig zum Zweck des Stillhaltens in Verhandlungen festgehalten worden zu sein, irritiert. Eine ähnliche Vorgehensweise darf sich der Europäische Bauernverband Copa-Cogeca, der in Brüssel engstens mit Entscheidungsträgern vernetzt ist und an Treffen der Agrarminister teilnimmt, nicht leisten. Hierauf muss auch die Öffentlichkeit ein Auge haben.

Eine große Gefahr droht aktuell außerdem von rechts: Schließlich sind aus den letzten EU-Wahlen die Rechtsextremen im Parlament gestärkt hervorgegangen. Ihr Ziel ist eine Schwächung der EU von innen auf allen Ebenen. Eine Renationalisierung der Landwirtschaftspolitik wäre aber fatal, denn nur ein funktionierender Binnenmarkt macht Europa stark, schafft Vielfalt an Produkten und sichert gleichzeitig Standards (ein Level-Playing-Field), bzw. verhindert ein umwelt- und sozialpolitisches Race to the Bottom im Landwirtschaftsbereich.

Fazit: Existenzsicherung und Umweltstandards zusammendenken

Eine Beschäftigung mit dem Bauernkrieg von 1525 lässt erkennen: Landwirte in Europa sind heute keine unterjochte Randgruppe. Allerdings werfen die Bauernproteste von 2023/24 ein Schlaglicht auf tiefgreifende Ungleichgewichte in der europäischen Landwirtschaft. Während einige große Akteure vom derzeitigen Lebensmittel-System profitieren, geraten viele bäuerliche Betriebe durch unfairen Preisdruck, Marktmonopole und zementierte politische Rahmenbedingungen zunehmend unter Druck. Wer bäuerliche Interessen ernst nimmt, muss faire Preise, mehr Mitbestimmung und den Schutz von Boden, Wasser und Artenvielfalt in den Mittelpunkt stellen. Eine zukunftsfähige Agrarpolitik braucht konsequente Reformen, die Gemeinwohl, Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Existenzsicherung zusammenbringen - statt Lippenbekenntnisse und Rückschritte bei Umweltstandards.

Martin Häusling, Bioland-Landwirt aus Nordhessen, ist seit 2009 für die Fraktion Greens/EFA im Europäischen Parlament. Er ist Mitglied des Agrar-, Umwelt- und Gesundheitsausschusses.

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