BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

Newsletter abonnierenKontaktSuchenSitemapImpressumDatenschutz
BdWi
BdWi-Verlag
Forum Wissenschaft

Das ist pragmatisch!

  
 

Forum Wissenschaft 4/2024; Foto: PeopleImages.com – Yuri A / shutterstock.com

Ob Wahrheit die Erfindung eines Lügners ist, wie die Kinetiker, Konstruktivisten und Pragmatiker behaupten (Heinz von Foerster, 2011); oder ob Wahrheiten und Wirklichkeiten unumstößliche Fakten der Conditio Humana sind, wird im philosophischen und anthropologischen Diskurs kontrovers thematisiert. Jos Schnurer begibt sich auf Spurensuche nach Hintergründen und Sinn pragmatischen Denkens und Handelns.

Die Frage, ob die Welt, in der wir leben, eine objektive oder konstruierte Wirklichkeit ist, hat der US-amerikanische Philosoph Richard McKay Rorty (1931-2007) mit dem "Linguistic Turn" beantwortet: "Gottesfurcht und Loyalität zur göttlichen Autorität … [werden] durch menschliche Freiheit, Selbstverantwortung und Solidarität und im Bereich der Politik durch soziale Bindung und Beteiligung an liberalen politischen Praktiken und Institutionen ersetzt". Wenn es stimmt, dass es kein richtiges Leben im falschen geben könne (Adorno), kommt es darauf an zu erkennen, dass menschliches Dasein grundsätzlich und grundlos sein kann und damit ängstliche wie freiheitliche Gefühle vermitteln könne. Gefordert ist Selbstdenken und nicht andere für sich denken zu lassen (Karl-Heinz Bohrer 2011). Mit der Aufforderung "Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst", und mit der Gewissheit, dass der Mensch nicht allein auf der Erde lebt, sondern angewiesen ist auf Solidarität und Mitsorge für die anderen Menschen und Lebewesen auf der Erde, werden die Werte und Lebensnormen vermittelt, die den anthrôpos zum verantwortungsbewussten, guten, solidarischen Leben auffordern.1 Im Synonymwörterbuch (Duden) wird "pragmatisch" gedeutet als "anwendungsbezogen, den Erfahrungen entsprechend, handlungsbezogen, ideologiefrei, lösungsorientiert, sachbezogen". Der US-amerikanische Philosoph und Mathematiker Charles S. Peirce (1839-1914) hat die "Pragmatische Maxime" entwickelt und aufgezeigt, dass "alles Denken und alle Theorie die Aufgabe haben, Überzeugungen und damit Handlungsgewohnheiten zu formulieren"2.

Der Sozial- und Humanstaat

Der anthrôpos, das mit Vernunft begabte, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigte und zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähige Lebewesen, kann nur existieren, wenn es sozialkompetent ist. Der Mensch ist ein soziales Individuum. Im philosophischen, anthropologischen, ethischen Diskurs wird deshalb postuliert, dass der Mensch grundsätzlich danach strebt, für sich und die Menschheit die Bedingungen für gutes, gelingendes Leben zu schaffen. Asoziales Denken und Handeln hingegen wird bestimmt von Egoismus, Absonderung und Isolation. Es ist die Aufforderung, mit den Fragen - "Wer bin ich?", und "Wie bin ich geworden, was ich bin?" - den Sinn des eigenen und insgesamt menschlichen Lebens auf der Erde zu erkunden.3 In der systematischen, praktischen Philosophie und Politik kommt der Sozialisation, als früh beginnender und lebenslang andauernder Bildungs-, Aufklärungs- und Erziehungsprozess eine hohe Bedeutung zu. Weil "menschliches Handeln auf Sozialität hin ausgerichtet ist, in Sozialität Selbstreflexivität erlangt, durch Sozialität Struktur gewinnt und von Sozialität abhängig bleibt", bedarf es eines eingehenden, differenzierten Nachdenkens und Analysierens über die Konstitutionen und Wirkungen des pragmatischen Denkens und Handelns. Es wird nämlich deutlich, dass "die Sozialität des Handelns und die durch sie entstehenden Verhaltenskompetenzen […] ›Segen und Fluch‹ zugleich [sind]". Die sich daraus entwickelnde Auffassung, "dass alles mit allem zusammenhängt" bedarf der theoretischen und praktischen Analyse, dass pragmatisches Bewusstsein "Evolution, Handeln und kulturelle Entwicklung in nicht-reduktionistischer, innovativer und empirisch haltbarer Weise [miteinander; JS] verknüpft". Der soziologischen, interdisziplinären Herausforderung stellt sich der an der Universität in Graz lehrende Soziologe Frithjof Nungesser. Ziel seiner Studie ist, eine Aktualisierung der pragmatischen Sozialtheorie vorzunehmen. Der Autor entwickelt dazu ein "relationales und prozessuales Modell", mit dem die beiden wesentlichen, sozialwissenschaftlichen Diskussionsanlässe und Theorien - Individualismus und Pragmatismus - bedacht, zusammengebracht und weiterentwickelt werden können. Es werden lebensweltliche und kulturelle Bedeutungszusammenhänge hergestellt, mit Reflexionen über die naturgeschichtlichen und evolutionären und die politischen und (inter)kulturellen Entwicklungen. Der soziale Mensch ist eingebunden in die natürliche und humane Umwelt. Es ist das "Habit"-Konzept, das ihm "das rhythmische Wechselspiel von Reflexion und Gewohnheit ermöglicht"; und zwar möglichst als aktives Denken und Tun und den Fähigkeiten zum Perspektivenwechsel. "Das menschliche Individuum kann nur dadurch ein [humanes; JS] Verhältnis zu sich selbst gewinnen, dass es [gleichberechtigter; JS] Teil eines Gruppenzusammenhangs ist, in dessen Rahmen es vor vielfältige Handlungsherausforderungen gestellt wird"4.

EINE WELT

Es hat in der Menschheitsgeschichte lange gedauert, bis Ego-, Ethno-, Populismen zumindest in Frage gestellt werden; überwunden sind sie nicht! Bei der Gründung der Vereinten Nationen (26.6. 1945) wurde zum Ziel gesetzt, "den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren und zu diesem Zweck wirksame Kollektivmaßnahmen zu treffen, um Bedrohungen des Friedens zu verhüten und zu beseitigen, Angriffshandlungen und andere Friedensbrüche zu unterdrücken und internationale Streitigkeiten […] durch friedliche Mittel nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts zu bereinigen oder beizulegen". Die aktuelle, unfriedliche Situation in der Welt erfordert dies weiterhin! "Frieden schaffen ohne Waffen", dieses Motto gilt Hier und Heute in dringlicher Weise. Es ist ein "radikaler Universalismus" gefordert. Der israelisch-deutsche Philosoph Omri Boehm von der New School for Social Research in New York plädiert dafür. Er erinnert an die globale Ethik, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) zum Ausdruck kommt: "Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt". Er fordert ein humanes Denken und Tun: "Das Problem mit dem universalistischen Projekt der Aufklärung besteht nicht darin, dass es gescheitert ist, sondern dass man es überhaupt versucht hat". Das Menschenrecht als das höchste, globale Gut, kann nur wirksam werden, wenn die Aktions- und Reaktionsweisen der Menschen - Anpassung und Widerstand - funktionieren. Wir bewegen uns in dem Dilemma, das der US-amerikanische Essayist Jim Holt mit der philosophischen Detektivgeschichte Gibt es alles oder nichts? anreißt (2014). Weil der Mensch (nämlich) ein unvollständiges, verletzliches Lebewesen ist (Angela Janssen, 2018), ist es wichtig zu erkennen, dass sich (nach Spinoza) "alles in der Natur mit blinder, logischer Notwendigkeit abspielt". Er ist überzeugt, dass es kein richtiges, humanes, gemeinsames Leben im falschen geben könne (Adorno). Mit Verweis auf die "Ideologie der Identität" verdeutlicht er, dass es notwendig und für ein freiheitlich-demokratisches Leben unverzichtbar ist, politische Meinungen, Programme und Strukturen kritisch zu hinterfragen: "Während wir in eine Epoche eintreten, in der wir die westliche liberale Demokratie […] zu stärken und den Aufstieg rechtsextremer Politik und eines ethnischen Nationalismus zu bekämpfen haben, zugleich mit globalen Katastrophen und Migrationswellen konfrontiert sind, macht es einen Unterschied, ob wir an der Idee des universellen Humanismus als einen Kompass, sogar als einer Waffe festhalten, oder ob wir eine Gesellschaft hervorbringen, in der diese Idee verspottet oder verachtet wird"5.

Fazit

"Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst" - bedeutet nicht, die persönlichen, individuellen Wünsche und Wirklichkeiten als Ultima Ratio zu betrachten, sondern sich bewusst zu sein, dass der Mensch ein gleich- (kein allein-)berechtigtes Lebewesen im erd- und kosmischen Dasein ist.6 Pragmatisches Denken und Handeln erfordert das Bewusstsein, dass Wirklichkeiten und Wahrheiten menschengemachte Eigenschaften sind, die Realismus und Utopie bedürfen.

Anmerkungen

1) Richard Rorty / Eduardo Mendieta (Hg.) 2023: Pragmatismus als Antiautoritarismus, Berlin; www.socialnet.de/rezensionen/30605.php.

2) Barbara Brüning, u.a. (Hg.) 2023: Der Philosophie-Kalender: 16.9.2024, Athesia-Kalenderverlag - Hardenberg, Dortmund.

3) Michael Tomasello 2020: Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese, www.socialnet.de/rezensionen/27385.php.

4) Frithjof Nungesser 2019: Die Sozialität des Handelns, Frankfurt/M., www.socialnet.de/rezensionen/25904.php.

5) Omri Boehm 2022: Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität. Universalismus als rettende Alternative, Berlin, www.socialnet.de/rezensionen/29631.php.

6) Martha Nussbaum 2020: Kosmopolitismus. Revision eines Ideals, Berlin, www.socialnet.de/rezensionen/16694.php.

Dr. Jos Schnurer, Dipl.- Päd., ehem. Lehrer, Lehrerfortbildner und Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim.

Zum Seitenanfang | Druckversion | Versenden | Textversion