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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Philosophie des Wassers

04.04.2024: "Der Geist Gottes schwebt auf dem Wasser"

  
 

Forum Wissenschaft 1/2024; Foto: Lightspring / shutterstock.com

Wasser ist - biologisch wie philosophisch - ein zentrales Element des Lebens. In zahlreichen Weltanschauungen bekommt Wasser deshalb einen herausgehobenen, bisweilen "übernatürlichen" Status zugewiesen. Auch für die Fortexistenz menschlicher Gesellschaften ist Erhalt und Nutzung der Wasserressourcen von überragender Bedeutung, wie Jos Schnurer verdeutlicht.

In der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments wird, wie bereits vorher bei den Sumerern und Babyloniern, und danach auch bei vielen Religionen und Weltanschauungen, dem Wasser eine "göttliche", also übernatürliche Eigenschaft zugewiesen. In den philosophischen und anthropologischen Erzählungen stellt hydôr = Wasser eines der vier irdischen, unteilbaren und nicht weiter zerlegbaren Elemente dar. Wasser ist, im Sinne der menschenrechtlichen und demokratischen Position, Allgemeingut für die Menschen. In der Hydrologie wird die Verteilung und Verfügbarkeit des Wassers auf der Erde in einer prozentualen Tabelle aufgelistet. Demnach stellen Ozeane und Meere 97,2%, Gletscher und Eiskappen 2,15%, Grundwasser 0,625%, Seen und Flüsse 0,0091% und die Atmosphäre 0,001% der Wasservorräte auf der Erde.

Wasser ist zum Trinken da

Bevölkerungszunahme, Industrialisierung und extensiver, privater Wasserverbrauch und Klimawandel führen dazu, dass die für den Menschen nutzbaren Wasservorräte zur Neige gehen. Wasserverschmutzung gilt als eines der größten Menschheitsübel. Die UNESCO, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, mahnt, dass die Menschheit endlich zu einem zivilisierten, verantwortlichen, menschenrechtlichen und menschenwürdigen Umgang mit Wasser kommen müsse. Mit mehreren lokalen und globalen Programmen wird die Bedeutung der Wasserverfügbarkeit und -nutzung für ein gutes, gelingendes und gerechtes Leben für jeden Menschen auf der Erde hervorgehoben. Biodiversität gilt als der wichtigste Überlebensgarant für die Menschheit. Es gibt die Prognosen, dass die zukünftigen Kriege nicht mehr um ideologische und territoriale Macht, sondern um Wasser geführt werden.1 Es gibt Leute, die meinen, dass die Entwicklung der Welt ein Vabanquespiel sei, andere, die aufzeigen, dass wir in einer Weltrisikogesellschaft leben.2 In der "globalen Ethik", der allgemeingültigen, nicht relativierbaren "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" (1948) wird ausgedrückt: "Jedermann hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person" (Art. 3), und: "Jedermann hat das Recht auf einen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Lebensstandard[…]" (Art. 25). Das größte Regenwaldgebiet der Welt, das Amazonasbecken, trocknet aus. Die lokalen und globalen Auswirkungen auf Klima, Natur, Tiere und Versorgung der Menschen sind noch gar nicht abzuschätzen. Der Frankfurter Umwelt- und Rechtswissenschaftler Erich Schöndorf gilt als Experte für die Beurteilung von strafrechtlich relevanten Risiken, die in wissenschaftlich-technisch organisierten, hierarchischen, kapitalistischen und scheinbar demokratisch verfassten Gesellschaften auftreten. Von 1977 bis 1996 war er Staatsanwalt und hat in dieser Zeit mehrere juristische Verfahren gegen die Chemie-Industrie in Deutschland durchgeführt. Zu Verurteilungen jedoch kam es nicht, weil der Bundesgerichtshof die Gerichtsverfahren wegen "Verfahrensfehlern" einstellte. Daraufhin trat Schöndorf aus dem hessischen Justizdienst zurück und übernahm eine Professur an der Frankfurter Fachhochschule. Er bringt seine Erfahrungen nicht mit einem Fachbuch in die Öffentlichkeit, sondern mit einem "Öko-Thriller", in dem er Phantasie und Realität gekonnt miteinander verbindet. Das ist im wissenschaftlichen Diskurs erst einmal ungewöhnlich; wenn aber Sprache, Faktenlage, Vorstellungskraft und real existierende, kriminelle Praktiken im Einklang stehen3, kann ein populär-wissenschaftliches Buch sehr wohl den Finger in die ansonsten durch einen dicken, undurchsichtigen und undurchdringlichen Verband von Unwahrheiten, Halbwahrheiten und scheinbar "normalen" und wohlmeinenden Praktiken verborgene gesellschaftliche Wunde legen. Thema, Anlass und Möglichkeit sind denkbar: Eine studentische Initiative plant einen Anschlag auf ein von ihnen ausgemachtes, kapitalistisches und dekadentes, westliches Symbol: Las Vegas in den USA. Ein in einem High-Tech-Labor gezüchteter, absolut tödlich wirkender Virus, soll in das Trinkwassersystem der Stadt eingebracht werden und so die größte Katastrophe auslösen, die je die Menschheit gesehen hat. Der Frankfurter Kriminalkommissar René Gronwald wird auf die Aktivitäten aufmerksam und beginnt seine Ermittlungen gegen das verbrecherische Team. Er schaltet dazu auch den Detektiv Robert Vasco aus Las Vegas ein, der die Studenten am Visitors Day im Trinkwasserbassin der Stadt auf frischer Tat ertappen sollte. Doch der Detektiv ist indigener Abstammung, und er hat noch eine Rechnung offen. "Alle Personen und Namen sowie die Handlung sind frei erfunden", so leitet der Autor seine Story ein; und doch: Ist da nicht der kanadische Bauer in Saskatchewan, der, wie auch seine Nachbarn in dem riesigen landwirtschaftlichen Gebiet überwiegend Raps für die industrielle Produktion anbaut und seit Jahrzehnten darauf achtet, dass dies ohne genmanipulierten Samen geschieht. Die Bauern kommen mehr schlecht als recht über die ökonomischen Runden. Doch sie widerstehen den massiven Werbungen und Bedrängungen des mächtigen Konzerns, der den Bäuerinnen und Bauern genmanipulierten Samen anbietet und erheblich größere Erträge und Einnahmen verspricht. Der Bauer Richard Schorra als einer der Widerständigsten und Ehrlichsten in der Region wird vom Saatgutkonzern als Hauptfeind betrachtet, zuerst umworben, dann wird versucht, ihn zu korrumpieren, zu kaufen und schließlich mit gezielten Manipulationen und betrügerischen Praktiken wegen betrügerischen Anbaus von genmanipulierten Pflanzen mit Hilfe eines benachbarten, vom Konzern korrumpierten Landwirts vor Gericht zu bringen. Ein wie ein Selbstmord aussehender, aber vermutlich manipulierter Todesfall, dem durch die Schergen des Konzerns anscheinend nachgeholfen wurde, verdeutlicht die Ohnmacht, die Ohnmächtige gegenüber den Mächtigen haben.4

Paradigmenwechsel

Energie ist Lebenskraft! Energie, in den verschiedenen physischen, psychischen, technologischen … Formen kann positive und negative Wirkungen erzeugen. Die japanische Umwelt- und Nuklearkatastrophe von 2011 hat viele Menschen, die an die technologische Machbarkeit und Beherrschbarkeit von Risiken glaubten und - je nach Mentalität und Aufgeklärtheit auch bei Gefahren und Auswirkungen bei der Produktion von Atomenergie - nachdenklich werden lassen. Nicht zuletzt Fukushima hat dazu geführt, dass die Bundesregierung den Beschluss gefasst hat, die deutschen Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen.5 Dass ein Perspektivenwechsel beim Umgang der Menschen mit ihrem Lebensraum Erde wie mit den Ressourcen notwendig ist, steht nicht erst seit Fukushima im Stammbuch der Menschheit: Spätestens seit der Warnung, dass die Grenzen des Wachstums erreicht seien (1972), seit der Aufforderung, dass die Menschheit umdenken, sich umorientieren und neue Lebensformen finden müsse (Weltkommission "Kultur und Entwicklung", 1995), sollte im Bewusstsein und Handeln der Menschen präsent sein, dass wirtschaftliches Handeln nicht mehr als "business as usual" weitergeführt werden könne und das traditionelle "throughput growth", das Durchflusswachstum als Grundlage für wirtschaftliches und gesellschaftliches Handeln, abgelöst werden müsse durch "sustainable development", eine ökologisch tragfähige Entwicklung, steht spätestens seit 1987 auf der humanen Anforderungs- und Aufgabenliste (Brundtlandt-Bericht: Unsere Gemeinsame Zukunft ). Die verschiedenen Meistererzählungen über Konsumverhalten6, die von weniger Wachstum bis zu echten Alternativen reichen, sind sich in einem einig: Ein "Weiter so" bringt die Menschheit an den Rand ihrer Existenz. Es bedarf deshalb der Aufklärung, wie Alternativen aussehen können. Insbesondere in der Energiewirtschaft ist es angesagt, anstelle der Nutzung von fossilen, endlichen Brennstoffen erneuerbare Energien zu entwickeln und in das Bewusstsein der Menschen zu bringen. Die Entwicklung von regenerativen Energien, von der Sonnenenergie, über die Nutzung von Wind- und Wasserkraft, bis hin zu Umwandlung von Biomasse und Geothermie, bedarf zum einen eines neuen, technischen Denkens, zum anderen aber auch der Informations- und Überzeugungskraft bei den Menschen. Ohne Zweifel gehört heute das Wissen über Energieerzeugung, -nutzung und -verbrauch zur Allgemeinbildung, nicht nur deshalb, um sparsam damit umgehen zu können, sondern auch, um die Vorteile und Risiken dieses Wirtschaftsgutes richtig einschätzen zu können. Denn es geht, im individuellen Dasein wie im globalen Zusammenleben der Menschen darum, human zu (über)leben.7 Der Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule Darmstadt, Gründer und Geschäftsführer der Innovations- und Technology Consulting, Marius Dannenberg, der bei Siemens Energy tätige Admir Duracek, der Wirtschaftsingenieur bei der Robert Bosch GmbH, Matthias Hafner und der bei der Schenck Process GmbH beschäftigte Steffen Kitzing stellen sich den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen. Die Autoren konzentrieren sich in ihrem Buch auf die drei nutzbaren regenerativen Energiequellen: "Der Isotopenzerfall im Erdinneren, die Fusion der Sonne und die Gravitation der Himmelskörper, im Wesentlichen von Sonne, Erde und Mond", und zwar als elektrische und thermische Energie. Die Nutzung von chemischer Energie im Bereich der Energieversorgung wird nicht behandelt, weil das Wissen darüber noch nicht ausgereift sei. Die Blickrichtung ist klar: "Der Weg von einer Primärenergie zu einer vom Menschen nutzbaren Sekundärenergie verläuft stets über mehrere Stufen einer Energiewandlungskette". Die Autoren plädieren für "intelligente Stromnetze" (Smart Grids), die sich von bisherigen, zentral organisierten Netzen, wie etwa Grundlastkraftwerken, Mittellastkraftwerken und Spitzenlastkraftwerken, unterscheiden und als dezentrale Erzeuger tätig sind: Die Stromnetze der Zukunft müssen über eine moderne Informations- und Kommunikationstechnologie verfügen, mit der sie differenzierte Einspeisungen von Energiemengen in die Netze regeln, Schwankungen beim Verbrauch ausgleichen und Entfernungen im Netz überbrücken können. Die Sonnenenergie als die größte auf der Erde zur Verfügung stehende Primärenergie ist aus klimatischen Gründen in den verschiedenen Regionen der Erde wirksam: In der Sahara und in den Gebieten um den Äquator ist die Sonneneinstrahlung mehr als doppelt so groß wie in Mitteleuropa. Solarthermische Kraftwerke, Solarkollektoren zur Wärmeerzeugung, Stromerzeugung mit Photovoltaik-Technik und in -Kraftwerken sind vielversprechende alternative Energiequellen, die durch intelligente Speichersysteme effektiviert werden müssen. Die Nutzung der Windkraft gilt als die in Deutschland am stärksten wachsende, erneuerbare Energiequelle. Sie gilt als klimafreundlich und die Berechnungen ergeben, dass weltweit rund die Hälfte der benötigten Energie durch Windkraft erzeugt werden kann. Die Nachteile jedoch liegen darin, dass Windenergie eben nur zur Verfügung steht, wenn der Wind weht. Es gehört deshalb zu den wichtigsten Forschungs- und Entwicklungsaufgaben, entsprechende Speichertechnologien zur Verfügung zu haben. Traditionell und historisch betrachtet wird die Wasserkraft seit Jahrtausenden von Menschen genutzt. Vom Wasserrad bis zur Turbine kann die Umwandlung der Primär- in Sekundärenergie erfolgen. Die Wasserkraftwerke, vom Laufwasser-, Speicherwasser-, Pumpspeicher- bis zu den Gezeitenkraftwerken, bedürfen meist hoher Investitionen und es gilt, Probleme, die ggf. durch Umweltschäden entstehen, im Vergleich mit der Effektivität der Anlagen in Beziehung zu setzen. Dort, wo Thermalwasser an die Oberfläche tritt, kann die Wärme für verschiedene Zwecke genutzt werden. Die oberflächennahe und die Tiefengeothermie als Energiequellen können bei der Stromversorgung mit erneuerbaren Energien eine wichtige Ergänzungs- und Ausgleichsfunktion übernehmen, wenn es gelingt, die negativen Wirkungen, wie etwa die hohen Investitionskosten oder Probleme, die mit Erdbewegungen zusammenhängen, in den Griff zu bekommen. Es ist der Energiemix aus Sonnenenergie, Biomasse, Geothermie, Wasser- und Windkraft, der die Ablösung der fossilen Primärenergien durch regenerative Energien möglich und sinnvoll macht.8

Fazit

Aufklärung und Bildung für nachhaltige Entwicklung sind Prämissen für ein individuelles und kollektives Menschsein in der Einen Welt. Der anthrôpos, das menschliche Lebewesen, ist Teil der natürlichen, kosmischen, zivilisatorischen, kulturellen Existenz. Dem Menschen gehört nicht die Welt, er ist ein anthropologisches, verantwortungsaffines (Binde-) Glied.9

Anmerkungen

1) Andreas Rinke / Christian Schwägerl 2012: 11 drohende Kriege. Künftige Konflikte um Technologien, Rohstoffe, Territorien und Nahrung, München, www.socialnet.de/rezensionen/14132.php.

2) Ulrich Beck 2007: Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit, Frankfurt a. M., www.socialnet.de/rezensionen/4820.php.

3) Hans See 2014: Wirtschaft zwischen Demokratie und Verbrechen. Grundzüge einer Kritik der kriminellen Ökonomie, Frankfurt a. M., www.socialnet.de/rezensionen/16997.php)

4) Erich Schöndorf 2017: Terrorziel Wasser. Öko-Thriller, Frankfurt a. M., www.socialnet.de/rezensionen/22144.php.

5) Klaus Töpfer / Ranga Yogeshwar 2011: Unsere Zukunft. Ein Gespräch über die Welt nach Fukushima, München, www.socialnet.de/rezensionen/12442.php.

6) Moritz Gekeler 2011: Konsumgut Nachhaltigkeit, Bielefeld, www.socialnet.de/rezensionen/12966.php.

7) Jacob A. Goedhart 2006: Über-Leben, Halle (Saale), www.socialnet.de/rezensionen/10087.php.

8) Marius Dannenberg u.a. 2012: Energien der Zukunft. Sonne, Wind, Wasser, Biomasse, Geothermie, Darmstadt, www.socialnet.de/rezensionen/13281.php.

9) David Graeber (†), David Wengrow 2022: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit, Stuttgart, www.socialnet.de/rezensionen/29159.php.

Dr. Jos Schnurer, ehem. Angehöriger des Auswärtigen Amts, Lehrer, Lehrerfortbildner und Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim

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