BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Naturalisierung und Individualisierung

  
 

978-3-939864-20-2

BdWi / fzs / GEW / ÖH / PgA (Hg.)

Beiträge der Wissenschaft zur Legitimation von Armut und Ausgrenzung

BdWi-Studienheft 10

ISBN: 978-3-939864-20-2, Oktober 2015, 72 Seiten A4, 8,00 EUR

Sonderrabatt für WeiterverkäuferInnen (z.B. Studierendenvertretungen und Verbände): ab 5 Exemplaren 10%; ab 10 Exemplaren 20%; ab 20 Exemplaren 30%

Hier kann das Studienheft bestellt werden.

Editorial

Wissenschaft hat üblicherweise einen guten Ruf und ist hoch angesehen. Ihre Entwicklung ist in der Öffentlichkeit mit optimistischen Erwartungen für die Verbesserung des Lebens verbunden. Das war nicht immer so. "Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung!" war eine der zentralen Forderungen der 68er-Bewegung und der durch sie beeinflussten Hochschulreform. Für diese Verantwortung, die eben nicht als akademischer ›Normalfall‹ angesehen wurde, sollten jedoch erst einmal die notwendigen politischen Bedingungen und (Hochschul-)Strukturen geschaffen werden. Grund für diese kritische Forderung war dabei die Annahme, dass die etablierte Wissenschaft tendenziell mit gesellschaftlichen Herrschafts- und Machtinteressen im Bunde war. Hat sich daran inzwischen etwas geändert? Einiges sicher, aber nicht alles.

So erleben wir etwa, dass immer mehr wissenschaftliche Spezialisierungen entwickelt und ausgebaut werden, um gesellschaftliche Missstände erklärend zu rechtfertigen. Die Rede ist von zunehmender gesellschaftlicher Ungleichheit und Ausgrenzung vor dem Hintergrund einer wachsenden Polarisierung zwischen Arm und Reich. Hier tauchen dann akademische Ansätze auf, die den davon negativ betroffenen Menschen individuelle ›Defizite‹, Schwächen oder gar Krankheiten bescheinigen - die gesellschaftlichen Ursachen von Ungleichheit und individuellem Leiden jedoch oftmals übersehen. Ein boomender Markt an Therapien und Medikationen wird dadurch inzwischen bedient. Kritiker dieser Entwicklung prägten erst vor kurzem den Begriff der "pathologischen Wende" und zielten damit auf ein grundlegendes Umdenken in Pädagogik und Bildungssystem insgesamt, das den Einzelnen mehr und mehr in und die Gesellschaft aus der Verantwortung nimmt.

Der Kritik derartiger "Pathologisierungen" und Individualisierungen gesellschaftlicher Ungleichheit ist dieses Studienheft gewidmet, das sich nicht etwa pauschal gegen ›die‹ Wissenschaft richtet, sondern vielmehr gegen die Dienstfertigkeit Einzelner ihrer Vertreter und Schulen. Denn schließlich ist auch die Kritik an diesen, wie wir sie hier vorstellen, wissenschaftlich ausgewiesen und innerhalb wie außerhalb der Hochschulen vorfindbar. Wir versprechen uns davon eine spannende Diskussion.

Torsten Bultmann, Steffen Käthner (Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler / BdWi)

Dr. Andreas Keller (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft / GEW)

Isabella Albert (freier zusammenschluss von studentInnenschaften / fzs)

Andreas Wöckinger (Österreichische HochschülerInnenschaft - Bundesvertretung / ÖH)

Prof. Dr. Anne-Dore Stein (Politik gegen Aussonderung / PgA)

Inhalt

  • Vorwort der Redaktion

Ideologe und System

  • Götz Eisenberg: Das abgesprungene Rad an den Wagen montieren. Über die Aufgabe der Psychologie im flexiblen Kapitalismus
  • Leonie Knebel: Intelligenzmessung als soziale Konstruktion von Ungleichheit
  • Erich Fromm: Kranke Menschen oder kranke Gesellschaft?
  • Christian Kreiß: Gekaufte Wissenschaft
  • Rainer Roth: Über die Gerechtigkeitsillusion

Arm und Reich

  • Torsten Bultmann: Bildung als Sozialinvestition
  • Jens Wernicke: Armut macht krank und Krankheit macht arm
  • Andreas Wöckinger: Bildung schützt vor Armut. Nicht?

Klug und Dumm

  • Gerald Hüther: Hochbegabte gibt es nicht. Jedes Kind ist hoch begabt
  • Andreas Kemper: "Hohe" Herkunft ergibt "hohe" Bildung? Zur Funktion vertikaler Denkmuster
  • Jochen Krautz: Kompetenzen machen unmündig. Eine zusammenfassende Kritik zuhanden der demokratischen Öffentlichkeit

Gesund und Krank

  • Beate Frenkel: Die Kinderkrankmacher
  • Georg Feuser: Geistigbehinderte gibt es nicht! Soziale Exklusion durch Negation der Entwicklung dessen, was wir ›Geist‹ nennen
  • Nadine Kirchhoff/Lucie Meier: Behindert ist man nicht, man wird es
  • Erika Feyerabend: Sterbehilfe. Über die Ökonomisierung der Ethik - von Behindertenfeindlichkeit und Tod auf Rezept

Pathologie und Diagnose

  • Josef Giger-Bütler: Depression ist keine Krankheit
  • Arno Gruen: "Der Süchtige ist lediglich der Rauch, der zeigt, dass irgendwo ein Feuer brennt"
  • Wolfram Meyerhöfer: Rechenschwäche gibt es nicht
  • Erika Brinkmann / Hans Brügelmann: "Lese-/ Rechtschreibschwäche" nützlich - ein nützliches Konstrukt?
  • Dieter Mattner: ADHS gibt es nicht. Unerwünschtes Verhalten ist keine Krankheit

Politik, Medien und Realität

  • Günter Berg: … und immer ist die Demografie schuld! Zur ideologischen Funktion eines verdrehten Weltbildes
  • Sabine Schiffer: Meinungsbildung schwer gemacht
  • Robert Kurz: Politische Ökonomie der Menschenrechte
Zugehörige Dateien:
Werbeflyer SH 10Download (402 kb)

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