BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Petition; once more

15.11.2007: Replik auf Mark Terkessidis

Zu Mark Terkessidis’ Beitrag „Petition revisited. Kelek: Feminismus oder Leugnung des Sozialen?“ erreichte die Redaktion die Erwiderung der Initiative „Becklash“1, die 2003 von zwei Feministinnen und einem Gewerkschafter verfasst und von 125 Personen bzw. Gruppen unterschrieben worden war. Wir drucken die Erwiderung mit geringfügigen gekennzeichneten Kürzungen ab.

Im Forum Wissenschaft2 des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommt [unsere Initiative] nun vier Jahre später zu neuen Ehren, wenn auch nur als Beispiel eines „auf den Hund“ gekommenen Feminismus. Die UnterzeichnerInnen hätten sich, so der Autor, „nachhaltig unglaubwürdig“ gemacht. Es scheint, als ob der Autor, Mark Terkessidis, sich bis ins Mark getroffen gefühlt haben muss, dass er nach so langer Zeit erneut meint, den Text verreißen zu müssen. Er behauptet, die Becklash-Initiative hätte Deutschland als ein Land betrachtet, „in dem es keine männlichen Privilegien mehr gibt“, und sie hätte „die Gleichheit der Geschlechter innerhalb der nationalen Gemeinschaft“ schützen wollen, „indem man den Sexismus einfach ausweist“.

Wir hatten uns keineswegs gegen Immigration oder gegen „den Islam“ ausgesprochen, letzterer wurde mit keinem Wort erwähnt, sondern die Initiative richtete sich gegen die kritiklose, multifolkloristische Akzeptanz archaischer Kulturen aus Herkunftsländern, die gepaart mit religiösem Fundamentalismus nach unserer Auffassung in Europa zu Zuständen führen, die populär als Parallelgesellschaften bezeichnet werden, wo bspw. deutsche bzw. westliche Verfassungs- und Rechtsauffassungen schlichtweg negiert und durch sexistische Normen ersetzt werden3. Diese hielten wir für dauerhaft nicht hinnehmbar und verlangten, die Bundesimmigrations-Beauftragte, damals Marie-Luise Beck, sowie die Frauen-Ministerin Renate Schmidt und die Justizministerin Brigitte Zypris sollten Vorschläge erarbeiten, wie dieser Prozess umkehrbar zu machen wäre, statt wohlfeile Toleranzsprüche zu klopfen, wie in deren Aufruf „Wider eine Lex Kopftuch“4 unserer Meinung nach geschehen. Falls ihnen nichts Besseres einfallen sollte, hatten wir eine „billige Lösungsmöglichkeit“ genannt: Einwanderer aus Staaten, in denen Frauen rechtlich diskriminiert werden, sollten über deutsche Gesetze und Normen aufgeklärt werden, bevor sie in der Bundesrepublik einen längerfristigen Aufenthaltsstatus bekommen. Die Aufklärung sollten sie durch ihre Unterschrift bestätigen; und Leute, die dennoch meinten, ihre Frauen oder Töchter unterdrücken zu müssen, sollten wie andere Kriminelle auch behandelt werden, d.h. sie würden ihr Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik verwirken. Deutsche Rechtsverletzer sollten unserer Meinung nach natürlich ebenfalls belangt werden.

Die Reaktion war weitgehend positiv, mit Ausnahme von einigen autonomen, spätstalinistischen und multikulturellen Gruppen. [Andere] rührten sich [...] nicht, als S. Rushdie oder I. Daniel mit Todesfatwas bedroht wurden oder als Th. v. Gogh von einem muslimischen Fanatiker abgeschlachtet wurde. Von ihnen ist auch kein Wort gegen die Steinigung von Frauen oder Homosexuellen bzw. anderen Unterdrückungsformen gegen Missliebige in muslimisch geprägten Ländern bekannt. Multikulti verkommt bei dieser Sorte von Appeasern schnell zur Verteidigung der schlimmsten Sorte von reaktionärer Ideologie und Praxis. Ein solches Beispiel stellt die von Mark Terkessidis und Yasemin Karakasoglu initiierte und hauptsächlich von Terkessidis verfasste „Petition“5 gegen Necla Kelek und Seyran Ates dar, die von 60 so genannten Multikulti-ExpertInnen unterschrieben wurde und mit „Gerechtigkeit für die Muslime!“ überschrieben war. Eine Gegenposition wurde von Sozial- und Erziehungwissenschaftler Hartmut Krauss unter dem Titel „Gerechtigkeit für demokratische Islamkritikerinnen!“ vorgelegt6. [...]

Necla Kelek, Seyran Ates, Ayaan Hirsi Ali, Kola Boof7, Meena und viele andere Frauen aus Ländern, die islamisch geprägt sind, haben viele Fälle verschiedener sexistischer Unterdrückung beschrieben [... ]. Terkessidis und seine 60 MitstreiterInnen aus dem Multikulti-Business versuchten in ihrer Petition diese Tatsachen wenn nicht zu leugnen, so doch wenigstens zu relativieren. An Necla Kelek und Seyran Ates ließen sie kein gutes Haar, ebenso wenig an der gebürtigen Somalierin und niederländischem Parlamentsmitglied Ayaan Hirsi Ali. Kola Boof, die feministische Sudanesin und Meena, die mutige Vorkämpferin für Frauenrechte in Afghanistan8, waren bzw. sind ihnen vermutlich nicht bekannt und finden daher bei ihnen keine Erwähnung, genauso wenig wie zahlreiche ägyptische, marokkanische und Autorinnen aus anderen muslimisch geprägten Ländern, die detailliert die Stellung der Frauen, ihre Unterdrückung und Misshandlungen in ihren jeweiligen Gesellschaften beschreiben. Insbesondere im afrikanischen Raum findet die Beschneidung der Frauen nach wie vor ideologische Unterstützung von Seiten muslimischer Mullahs.9

Terkessidis sieht in den Beschreibungen von Kelek, Ates und Ali, den Interessen des „Feminismus mit deutschem Pass“ (also unseren) und dem „Konservatismus“ eine Gemeinsamkeit: Die „Verhinderung weiterer Einwanderung“. Da Erstere das mit keinem Wort fordern, wir schon gar nicht, bedient er sich einer Hilfskonstruktion. Sie/wir fungieren ihm zufolge als „Kronzeuginnen für die Durchsetzung einer restriktiven Politik“. Weiter stört ihn die Aussage von Necla Kelek, dass es in Deutschland keine Diskriminierung von Muslimen gäbe. (Offenbar geht Terkessidis vom Gegenteil aus.) Eine „Eingliederung“ in die „deutsche Gesellschaft“ als Weg in die Moderne, wie Necla Kelek es als Weg in die Moderne fordert, findet er ebenfalls kritikwürdig.

  1. Terkessidis beschwert sich über die mediale Kritik an seiner „Petition“. Von „rationaler Diskussion“ [sei] mit Ausnahme der taz nichts zu finden gewesen. Selbst einige seiner UnterzeichnerInnen und UnterstützerInnen, die sich nachträglich von der Polemik in seinem Text distanzieren, bekommen jetzt ihr Fett weg. Rezensenten im gleichen Argumentheft10 werfen ihm einen „Tunnelblick“ vor. Sie „irren“ sich, schreibt er summarisch, um dann zu unterstellen, dass nicht Kultur oder Herkunft für verfehltes Verhalten verantwortlich zu machen seien, sondern allein die soziale Lage; ohne allerdings irgend einen Beweis dafür zu nennen. Schließlich beklagt er eine „neue Form marginalisierter Männlichkeit, die mit Herkunft nichts zu tun“ habe. Mädchen, einheimische wie solche mit Migrationshintergrund, würden bildungsmäßig besser abschneiden als Jungen, die sich stattdessen auf „Straßenwissen“ verlegen würden, also Gangs bilden usw. Die „Tradition“ oder „der Islam“ seien für „diese neue Art von Männlichkeitsartikulation nicht verantwortlich“. Abgesehen davon, dass er hier selbst unterschiedliche Dinge vermischt, unterstellt er offenbar, dass diese Jungs im luftleeren Raum aufwüchsen, keine traditionellen Verhaltensmuster in ihren Familien erleben würden, nicht von der patriarchalen Religion und Praxis des Islam beeinflusst wären usw. Sexismus gebiert Sexismus – diese einfache EURheit geht an Terkessidis völlig vorbei.
  2. Was Terkessidis uns und anderen vorwirft, soziale Bedingungen und religiöse Überzeugungen und Traditionen zu verwischen, führt im Bemühen, eine strikte Trennung zwischen beiden einzuhalten, in seinem Beispiel zur absurden Aussage, die Mädchen seien nunmehr gegenüber den Jungs privilegiert. Haben wir also den Mord an Hatun Sürücü durch ihre Brüder [...] nunmehr als Widerstandsaktion gegen die gesellschaftliche Benachteiligung der männlichen Familienmitglieder zu werten? Der jüngste Bruder muss aufgrund seiner Jugend eine relativ geringe Haftstrafe absitzen, die beiden älteren gingen frei aus. Beweist das nicht zum Überdruss unsere These in „Becklash“ vom „rechtsfreien Raum“? Die Sürücüs sind eine konservativ-kurdische Familie aus dem Nordosten der Türkei und streng sunnitisch religiös. Hatun wollte sich nicht mit der aus dieser Tradition stammenden Rolle für Frauen abfinden und begann ein Leben zu führen, das Terkessidis als „integriert deutsch“ denunziert. Dafür musste sie nach Aussage des einzig verurteilten Bruders sterben.
  3. Regionale Traditionen gehen eine Verbindung mit religiösen Dogmen ein. Dies ist wahr, nicht nur für den Islam, sondern für alle anderen Religionen [...]. Dabei ist es nicht gleichgültig, welche religiösen Dogmen die Oberhand gewinnen. Gerade die Türkei ist ein gutes Beispiel für den Unterschied des religiösen Einflusses auf das Bewusstsein, die Traditionen und das Verhalten der Menschen bei gleichen sozialen Verhältnissen. Dies ist z.B. in Schulklassen schnell auszumachen. Nach nur einer Schulstunde wissen LehrerInnen zumeist, ob SchülerInnen mit türkischem bzw. kurdischem Hintergrund aus sunnitischen oder alevitischen Familien stammen. Erstere entpuppen sich fast durchweg als wesentlich konservativer als letztere. Die Aleviten, ca. 25% der Bevölkerung in der Türkei, beziehen sich in ihrem Glauben zwar auf Mohammed und dessen Schwiegersohn Ali, erkennen aber den überlieferten Koran wegen seiner Verfälschungen nicht an, besuchen keine Moscheen, sondern Gemeindehäuser, in denen Frauen und Männer gemeinsam ihrer Spiritualität nachgehen, kennen kein Verhüllungsgebot für Frauen, nennen ihren Gott nicht Allah, sondern Hak, und sie sind tolerant gegenüber Anders- oder Nichtgläubigen. Die Mehrheit der Aleviten meint einer Form des Islam anzuhängen. Dies aber offenbar aus historischen Gründen, da sie sonst noch stärker diskriminiert worden wären, als es ohnehin geschah. Tatsächlich sollte man sie aber als eigenständige Religionsgemeinschaft betrachten. Die sozialen Bedingungen und die Herkunft für Sunniten und Aleviten sind gleich oder ganz ähnlich. Trotzdem verhalten sich diese Menschen völlig unterschiedlich. Wie erklären Terkessidis und seine MitstreiterInnen diese Tatsache, wenn die Religion angeblich keine Rolle spielt? In seinem Bemühen, „den Islam“ aus der Verantwortung auszunehmen, ignoriert er schlicht, was in der Türkei allgemein akzeptiert wird. Progressive bzw. linke politische Gruppen sind in der Regel von Aleviten dominiert, konservative eher von Sunniten. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf die parlamentarische Politik, sondern auch auf das private Leben.11
  4. Um Terkessidis und andere unserer KritikerInnen zu beruhigen, sei hier gesagt, dass wir die Rolle der christlichen Konfessionen in Deutschland bei deren Bemühungen, konservative Wertvorstellungen insbesondere in Bezug auf die Geschlechterrollen zu bewahren, ebenso kritisieren wie z.B. den Einfluss fundamentalistischer Kirchen auf die Politik in den USA und zunehmend wieder bei uns. Deshalb treten wir für eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche in Deutschland ein. Hätten wir eine laizistische Situation wie in Frankreich, wären die Muslime automatisch gleichberechtigt und müssten nicht versuchen, mit Christen gleichzuziehen. Im Vergleich USA und Westeuropa fällt ebenfalls auf, dass Terkessidis’ Methode, alles „sozial“ begründen zu wollen, zu kurz greift. Trotz des vergleichbaren Lebensstandards unterscheidet sich die Religiosität diesseits und jenseits des Atlantiks erheblich. Auch der Subtitel seines „Resümees“ stellt Feminismus und das Soziale gegenüber, so, als ob beide miteinander nichts zu tun hätten. Terkessidis scheint einem platten Basis-Überbau-Schema anzuhängen, das mit der Realität auf dem Kriegsfuß stand.
  5. Terkessidis versuchte in seiner „Petition“, den Eindruck der Wissenschaftlichkeit zu erwecken, indem er herausstellte, dass sich seine 60 UnterzeichnerInnen aus dem professionellen Migrantenforschermilieu rekrutierten. Uns wirft er vor, unterschiedliche Dinge in einen Topf geworfen zu haben, also unwissenschaftlich vorgegangen zu sein. Nun, unser Aufruf wurde von 125 Menschen vorwiegend aus dem akademischen Milieu unterschrieben. Das macht ihn noch lange nicht „wissenschaftlich“. In der Tat haben wir einen polemisch zugespitzten Aufruf zu Problemen in der Migrantenszene vorgelegt, der zur Diskussion anregen sollte. Dies bedeutete einen Tabubruch, da bis dahin im linken Milieu die von uns angesprochenen Themen nicht zur Kenntnis genommen wurden. Die Reaktionen haben uns bestätigt. In seinem jetzigen „Resümee“ gibt Terkessidis nun zu, ebenfalls polemisch zugespitzt zu haben. Unserer Meinung nach durfte er das, aber seine Kritik an uns erweist sich damit als heuchlerisch und seine angebliche Wissenschaftlichkeit als hohl. Auch im Detail kommt er diesem Paradigma nicht nach. Obwohl er fast ein Viertel seines Textes unserem Aufruf widmet, vermeidet er eine Quellenangabe. Will er seine LeserInnen davor schützen, ohne längeres Suchen das Original in Gänze lesen zu können?
  6. Um „Gerechtigkeit für die Muslime!“, also um den Islam ging es in Terkessidis’ „Petition“. Obwohl in unserem Becklash-Aufruf nicht genannt – aber es ist von Ländern die Rede, in denen keine Gleichberechtigung der Geschlechter herrscht –, assoziiert Terkessidis umstandslos den Islam. Wir meinen zu Recht, denn die Ungleichbehandlung, besser: die Diskriminierung der Frauen, ist in der Scharia, einem zentralen Bestandteil des muslimischen Glaubens, festgeschrieben, und in Ländern, in denen die Scharia zur Rechtsgrundlage erhoben wurde, ist der Sexismus damit Gesetz. Terkessidis und Gleichgesinnte erweisen dem angestrebten Ziel einer multikulturellen Gesellschaft einen Bärendienst, wenn sie meinen, Minoritäten vor jeglicher Kritik schützen zu müssen, insbesondere dann, wenn, wie im Falle des Islam, die Fakten dagegen sprechen. Es hilft auch nicht, darauf hinzuweisen, dass selbst einige muslimische Frauen mit Kopftuch für ihre Emanzipation im und außerhalb des Islam streiten. Mutter Theresa war z.B. in diesem Sinne bereits „emanzipiert“, immerhin hat sie ihr Schicksal selbst bestimmt, aber ebenfalls im Dienste einer repressiven Moral, in ihrem Falle katholisch gestrickt. Uns geht es darum, diesen viel zu engen Rahmen nicht als „gottgegeben“ hinzunehmen.
  7. Anmerkungen

    1) www.isioma.net/sds06203.html

    2) Forum Wissenschaft 3/079, S.26-29; www.linksnet.de/artikel.php?id=3269

    3) Vgl dazu als Beispiel das Spiegel-Dossier „Musliminnen – Für uns gelten keine Gesetze“ vom 22.4.06: service.spiegel.de/digas/servlet/dossieransicht/S7007429

    4) www.integrationsbeauftragte.de/aktuell/AufrufUnterzeichnerinnen.pdf

    5) www.zeit.de/2006/06/islam_integration?page=all

    6) www.isioma.net/sds060226.html

    7) www.cnsnews.com/ViewForeignBureaus.asp?Page=%5CForeignBureaus%5Carchive%5C200211%5CFOR20021115c.html

    8) www.rawa.org/index.php

    9) www.amnestyinternational.be/doc/article679.html

    10) Das Dilemma der Gerechtigkeit, Das Argument, 266, 48 Jg., Heft 3/2006: 427-440; 439

    11) de.wikipedia.org/wiki/Aleviten

    Halina Bendkowski ist Agentin für Geschlechterdemokratie und Initiatorin des Kongresses „Wie weit flog die Tomate?“ – Helke Sander, Autorin und Filmemacherin, war Initiatorin des Tomatenwurfs auf dem Frankfurter SDS-Kongress im Herbst 1968. In ihrer Rede sprach sie programmatisch die Linie der Frauenbefreiung an. – Gunter Langer ist Handelslehrer im von Immigranten dominierten Kreuzberger Wrangelkiez und war Beobachter der Tomate, die den führenden Frankfurter SDS-Genossen Hans-Jürgen Krahl traf.

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