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Klaus Holzkamp

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Widersprüchliche Signale

19.03.2015: Das Rolex Learning Center in Lausanne

  
 

Forum Wissenschaft 1/2015; Foto: Sönke Rahn / Wikimedia Commons

Was seit einigen Jahren mit Blick auf Frank O. Gehrys Guggenheim Museum in Bilbao intensiv diskutiert wird, erreicht nun auch - so scheint es - die Universitäten: Die architektonische Hülle eines Gebäudes wird zum Instrument des Marketings; sie emanzipiert sich von ihren technischen Funktionen und wird gezielt als ein Mittel eingesetzt, mit dem sich Aufmerksamkeit erzeugen lässt. Markus Rieger-Ladich analysiert die Funktion universitärer "Signature buildings" am Beispiel des Bibliotheksneubaus in Lausanne.

Für Städte und Urlaubsregionen, die um Touristenströme konkurrieren und sich als attraktiver "Hot Spot" zu präsentieren suchen, ist Architektur längst zum Hoffnungsträger geworden. Ähnliches lässt sich derzeit an den Universitäten beobachten. Immer häufiger treten Hochschulleitungen an die Stars der internationalen Architekturszene heran, schreiben weithin beachtete Wettbewerbe aus und schmücken sich mit spektakulären Neubauten. Gemeinsam ist diesen Projekten, dass schon die Entwürfe auf eine bemerkenswerte Resonanz in den Massenmedien stießen und die Gebäude in der Öffentlichkeit seither intensiv diskutiert werden.1

Signature Buildings

Einige ausgesuchte Beispiele sollen genügen, um diesen Trend zu illustrieren. 2005 etwa wurde nicht allein die von Foster + Partner entworfene Philologische Bibliothek der FU Berlin fertiggestellt, die mit organischen Formen arbeitet, sondern auch das von dem Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron verantwortete Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum der BTU Cottbus, dessen Baukörper großflächig tätowiert erscheint. Kurz darauf, im Jahr 2009, wurde in Berlin das von Max Dudler konzipierte Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, die Zentralbibliothek der Humboldt-Universität, eröffnet, die mit terrassierten Lesesälen überraschte. Kaum weniger intensiv wird derzeit der Neubau der Leuphana-Universität in Lüneburg verfolgt, die mit dem US-amerikanischen Architekten Daniel Libeskind ebenfalls einen der großen Stars verpflichtet hat. Mit (derzeit) geschätzten 100 Millionen Euro wird dieser Bau vermutlich eine neue Rekordmarke setzen. Der futuristische Entwurf, der an einen monströsen Schiffskörper erinnert, besitzt alle Qualitäten, die sogenannte "Signature Buildings" kennzeichnen: Er lässt die unverwechselbare "Handschrift" eines Architekten erkennen; er ist spektakulär und eigenwillig; er ist anstößig - und provoziert damit zuverlässig jene Debatten, die nicht nur den Namen des Architekten, sondern auch jenen der Universität in den Massenmedien zirkulieren lassen.2

Wettbewerb und Konkurrenz

Als Ursachen dafür, dass sich immer mehr Universitäten als Auftraggeber profilieren und hochbezahlte Stararchitekten wie Daniel Libeskind (Universität Lüneburg), Herzog & de Meuron (BTU Cottbus), Santiago Calatrava (Universität Zürich) oder Zaha Hadid (WU Wien) verpflichten, müssen somit auch jene Kräfte und Akteure gelten, die gegenwärtig das wissenschaftliche Feld dominieren - und nachhaltig verändern. Die bereits erwähnten, wettbewerbsförmigen Konkurrenzbeziehungen prägen eben nicht allein die Beziehungen zwischen Metropolen, die eine kaufkräftige Klientel zu attrahieren versuchen; sie charakterisieren längst auch die Beziehungen zwischen renommierten, international operierenden Hochschulen. Mit einer unzulänglichen, immer weiter zurückgehenden Grundfinanzierung konfrontiert, sind diese darauf angewiesen, die entstehenden Finanzbedarfe durch die Erschließung neuer Quellen zu decken. Dabei treffen sie auf andere Hochschulen, die sich mit denselben Finanznöten konfrontiert sehen und ebenfalls nach Abhilfe trachten. Die einzelnen Hochschulen konkurrieren in der Folge miteinander um "Drittmittel" und finanzkräftige Förderer. Sie suchen sich in einem heftig umkämpften Feld zu positionieren, indem sie ein besonderes "Profil" ausbilden, die eigenen Vorzüge herausstellen und sich als unverwechselbare "Marke" etablieren. Die Beziehungen zwischen den Hochschulen sind daher nicht nur von der Konkurrenz um talentierte Studierende und forschungsstarke Wissenschaftler/innen geprägt, sondern auch von jener um Fördermittel, externe Geldgeber und vermögende Alumni.3

Auf welche Strategien die Hochschulen zu diesem Zweck zurückgreifen, erforscht derzeit die israelische Soziologin Gili S. Drori gemeinsam mit einem internationalen Team. Sie lenkt den Blick u.a. auf die Logos der Universitäten und das Corporate Design, mit denen diese sich als innovativ, exzellent und "outstanding" zu erweisen bemühen.4 Als eine der wirksamsten, Aufmerksamkeit generierenden Maßnahmen kann die Auslobung eines hochdotierten Architekturwettbewerbs sowie die Vergabe an ein international tätiges, renommiertes Architekturbüro gelten. Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Braungart, der an der Universität Bielefeld lehrt und eine Interpretation von deren architektonischem Konzept vorgelegt hat, erklärt den besonderen Reiz der ostwestfälischen Reformhochschule auch dadurch, dass bei ihrer Planung in den späten 1960er Jahren die Strategien des Brandings noch nicht berücksichtigt wurden: "Der Druck, sich für die Öffentlichkeit selbst und vor ihr zu inszenieren, lastet längst auch auf der Wissenschaft, und die Architektur kann auch hier zur Bühne werden. Es macht den herben Charme der Architektur der Universität Bielefeld aus, davon noch nichts wissen zu wollen."5

Die Diskussion um die Architektur und die Atmosphäre von Hochschulgebäuden, zu der dieses Themenheft einlädt, gilt es daher auch mit Blick auf das Feld widerstreitender Kräfte zu führen, denen die Hochschulen ausgesetzt sind. Die Ausschreibungen weithin beachteter Wettbewerbe im Bereich der Architektur können als Indiz für einen heftiger werdenden Verdrängungskampf gelten, der auf unterschiedlichen Ebenen geführt wird. Das architektonische Kleid einer Hochschule verrät somit nicht nur sehr viel über ihr Selbstverständnis, sondern auch über die Konkurrenzbeziehungen, die sie unterhält: Auf der einen Seite adressiert die Formensprache eines Gebäudes bestimme Personengruppen und entwirft idealtypische Nutzer; sie lässt eine charakteristische Atmosphäre entstehen und bildet ein Habitat, das auf einen spezifischen Habitus verweist. Sie stellt bestimmte Arbeitsbedingungen zur Verfügung, die auch darauf hin befragt werden können, welche Formen des Lehrens, Lernens und Forschens hier zum Ausdruck kommen. Auf der anderen Seite verweisen die architektonischen Entwürfe von Hochschulen auch auf die Machtverhältnisse, in die sie involviert sind.6

Schule des Sehens

Es gilt daher, den Blick zu schulen und Bildungseinrichtungen - Schulen und Hochschulen, aber auch Kindertagesstätten, Bibliotheken und Museen - immer auf doppelte Weise in den Blick zu nehmen. Wir müssen die Baukörper auf ihren symbolischen Gehalt hin befragen und sie als Resultante widerstreitender gesellschaftlicher Kräfte lesen lernen. Wie dies geschehen könnte, versuche ich im Folgenden am Beispiel eines Bibliotheksneubaus zu zeigen, der - obwohl in der Schweiz errichtet - auch hierzulande im Feuilleton und den architektonischen Fachzeitschriften gefeiert wurde. Das von dem japanischen Architektenteam SANAA, das für seinen kritischen Funktionalismus gerühmt wird7, entworfene Rolex Learning Center in Lausanne illustriert nicht nur die Strategien, die bei dem Ringen um Aufmerksamkeit und knapper werdende Ressourcen zum Einsatz kommen; es verschafft auch einen Einblick in die Effekte von Adressierung und Atmosphären. Der von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa konzipierte Bau sensibilisiert für das hidden curriculum von Bildungseinrichtungen und die stummen Codes, die von deren architektonischer Gestalt ausgehen.8

Ein transparenter Baukörper

Nähert man sich dem Rolex Learning Center, das schon jetzt, nur wenige Jahre nach seiner Fertigstellung im Jahr 2010, als das spektakuläre Aushängeschild der ETH Lausanne gilt, entsteht zunächst eine gewisse Irritation. Umgeben von wenig reizvollen Betonbauten der 1970er Jahre, entzieht sich das flache, weit ausgreifende Gebäude den vertrauten Kategorien. Auf einem weiträumigen Areal erstreckt sich ein Bau, der in seiner Gestalt von einer leicht welligen Landschaft inspiriert scheint. Zu den Seiten hin verglast, werden Boden und Decke meist parallel geführt; der eingeschossige Baukörper ruht mit seiner Grundfläche nicht vollständig auf dem Erdboden auf. Er eröffnet einen Zwischenraum, dessen Höhe variiert und der organische Formen zitiert. Gleichzeitig wird diese Grundstruktur an mehreren Stellen durch Lichthöfe unterbrochen. Die fünf Patios verstärken die bemerkenswerte Transparenz des Gebäudes, sie perforieren es gleichsam und unterlaufen damit eine der elementaren Funktionen von Gebäuden: Konstituieren diese sich in der Regel über die Differenz von Innen und Außen, wird hier mit dieser Unterscheidung ganz offensichtlich gespielt; sie büßt ihre Eindeutigkeit insofern ein, als das Außen gleichsam ins Innere geholt wird.9 Beginnt es zu dunkeln, verwandelt sich die Bibliothek in einen gigantischen Leuchtkörper und weckt Assoziationen an ein eben gelandetes Raumschiff, das in seiner Umgebung eigentümlich fremd wirkt.

Der Eingang befindet sich nicht an der Frontseite; man betritt das Gebäude, das täglich von 7:00 bis 0:00 Uhr geöffnet ist, über einen Innenhof - und findet sich unmittelbar in einer Landschaft aus ansteigenden Bodenwellen, aus Plateaus und Innenhöfen, aus Sitzgruppen und Sitzsäcken wieder. Es erschließt sich nicht auf den ersten Blick, dass das Rolex Learning Center weit mehr ist als eine klassische Bibliothek: Sie beherbergt über 500.000 Bände, Lernzonen unterschiedlicher Art, Arbeitsplätze in ganz unterschiedlichen Varianten und Unterrichtsräume; aber darüber hinaus verfügt es eben auch über ein Café und ein Restaurant, einen Bookshop, die Filiale einer Bank sowie ein Centre de Carrière. Diese vielfältigen Einrichtungen geraten erst allmählich in den Blick: Es gibt zwar höher gelegene Bereiche, aber keine Mitte, keinen zentralen Punkt, von dem aus sich alles bequem überblicken ließe. Diese Unübersichtlichkeit ist Programm: Immer wieder erhält man reizvolle Einblicke, eröffnen sich interessante Blickachsen, kommt es zu überraschenden Begegnungen. Und durchgängig erfahren sich die Nutzer/innen dabei als leibliche Wesen: die Steigungen und das wechselnde Auf und Ab lassen die Waden spüren und an einen abwechslungsreichen Höhenwanderweg denken, der immer wieder dazu einlädt, den Blick über die hügelige Lernlandschaft schweifen zu lassen.

Partizipation und Demokratisierung

Interpretiert man das Rolex Learning Center nun auf seine Formen der Adressierung, ist zunächst auf bemerkenswerte Gesten der Demokratisierung zu verweisen: Der Eingang ist sehr unprätentiös gehalten; er verzichtet fast vollständig auf eine symbolische Überhöhung. Auf einer Tafel sind zwar die Hauptsponsoren des 110-Millionen-Franken teuren Baus verzeichnet, aber er kommt ohne eine Schwelle aus. Kein aufwendig gestaltetes Portal markiert hier die Differenz von Innen und Außen; ebenerdig betritt man die Bibliothek - und noch vor dem Informationsschalter geraten die ersten Arbeitsplätze in das Blickfeld. So zurückhaltend die Eingangstür gestaltet ist, so dezent ist der Eingangsbereich. Hier ist kaum Personal im Einsatz; hier werden keine Zugangsberechtigungen geprüft oder Ausweise verlangt. Sofort gibt sich die Bibliothek als ein öffentlicher Raum zu erkennen, der offensichtlich keine Unterscheidungen macht zwischen Gruppen, die zugangsberechtigt sind, und solchen, die dies nicht sind.

Tritt man einen Streifzug durch das Gebäude an, fällt die nächste Besonderheit auf: Das Rolex Learning Center kennt nicht nur unterschiedliche Lernzonen, die je spezifisch möbliert sind, es kennt auch unterschiedliche akustische Ordnungen. Zeichnet sich die klassische wissenschaftliche Bibliothek durch ein strenges Schweigegelübde aus - selbst leises Tuscheln zieht schnell verärgerte Blicke auf sich, wenn nicht Ermahnungen durch die Aufsicht -, kann hier von einem einheitlichen akustischen Regime nicht länger die Rede sein. Zwar existieren einige Zonen, die der stillen Lektüre vorbehalten sind, aber die Bibliothek rechnet mit einer Vielzahl differenter Lesekulturen und Arbeitsweisen: Neben Orten, die dem konzentrierten Studium vorbehalten sind, existieren gleichberechtigt Zonen, die Gruppenarbeit ermöglichen, offene Diskussionen zulassen oder auch zu Pausen auf den zahlreichen Sitzsäcken einladen.

Diese Vielfalt von Nutzungspraktiken bedeutet nicht allein eine demonstrative Absage an die Monokultur, welche die traditionellen Bibliotheken prägt, sie verzichtet eben auch auf die Prämierung eines idealtypischen Nutzers: Ob man dieser Bibliothek einen Besuch abstattet, um in der Ecke mit den Sitzkissen einen Mittagsschlaf zu machen, ob man sich mit Kommiliton/innen zu einer ausufernden Diskussionsrunde trifft, ob man einen Blick in die zahlreichen Zeitungen werfen will oder im Book-Shop Bestellungen abholen möchte - eine Hierarchie von Nutzungen existiert nicht. Es wird lediglich Wert darauf gelegt, dass die Nutzungen an bestimmte Zonen gebunden bleiben. Das Rolex Learning Center geht somit in der Demokratisierung von Lernformen so weit, wie derzeit kaum eine andere Bibliothek: Es rechnet offensichtlich mit Nutzer/innen, die auf unterschiedliche Weise arbeiten, die unterschiedliche Bedürfnisse haben, die unterschiedliche Arbeitsrhythmen kennen, die Begegnungen, Kontakte und Überraschungen schätzen und überdies wenig Wert darauf zu legen scheinen, sich von einem Außen symbolisch abzugrenzen.

Exklusivität und Separation

So fortschrittlich und zukunftsträchtig die Formensprache der von Sejima und Nishizawa entworfenen Bibliothek ist, sie hält die bemerkenswerte Geste der Demokratisierung nicht konsequent durch. Deutlich wird dies schon an dem prätentiösen Namen, der den einladenden Eingangsbereich auf groteske Weise konterkariert - und der markiert, dass es eben auch um Exklusivität geht und nicht allein um Partizipation. Die aufdringliche Präsenz des Hauptsponsors, dessen Uhren im Gebäude omnipräsent sind, macht dies augenfällig. Ungleich stärker ins Gewicht fällt freilich dessen ungünstige räumliche Lokalisierung. Der Transparenz des Baukörpers und der barrierefreien Gestaltung des Zugangs steht entgegen, dass die Bibliothek auf dem weitläufigen Gelände der ETH Lausanne am Rande der Stadt angesiedelt ist. Das naheliegende Wohngebiet, das von zahlreichen Sozialbauten geprägt ist, auf deren Gestaltung offensichtlich wenig Energie und geringe Mittel verwandt wurden, wird durch eine stark befahrene Ausfallstraße von dem Campus abgetrennt. Auf diese Weise isoliert und separiert, wird sich das Rolex Learning Center kaum als ein lokales Kraftzentrum erweisen, das nachhaltige Impulse in seine Nachbarschaft aussendet und neue Gruppen als Nutzer erschließt. Ungleich wahrscheinlicher scheint es, dass auch hier die Vertreter/innen der Bildungselite unter sich bleiben. Und dies wohl auch deshalb, weil die Einrichtung der Bibliothek - mit dem Centre de Carrière, vor dem schwere Ledersessel die Studierenden als künftige "Entscheider" adressieren, den allgegenwärtigen Rolex-Uhren sowie den Hinweistafeln auf Gold-, Silber- und Bronzesponsoren - auf fatale Weise die großartige Geste unterläuft, mit der sich der Baukörper von den hermetisch geschlossenen Betongebäuden in der unmittelbaren Nachbarschaft des Campus wohltuend abhebt.

Widersprüchliche Signale

Dieser mit Händen zu greifende Widerstreit zwischen Exklusivität und Partizipation, zwischen Separation und Demokratisierung, der die Formensprache des Rolex Learning Center prägt, wurde von den Architekturkritiker/innen, die dem spektakulären Bibliotheksneubau in der französischsprachigen Schweiz schon bald nach seiner Eröffnung einen Besuch abstatteten, nicht thematisiert. Unisono wurde sie als neues Exemplar der "Signature Buildings" ausgewiesen und gefeiert. Laura Weissmüller ist durchaus zuzustimmen, wenn sie in der ddeutschen Zeitung festhält, dass die Bibliothek der ETH Lausanne nun Räume für "eine neue Art des Lernens" zur Verfügung stellt und dazu einlädt, das "Lernen neu zu lernen". Aber bei aller Begeisterung für die "Fröhliche Wissenschaft", die Roman Hollenstein in der Neuen Zürcher Zeitung erkennen lässt, und das "nonlineare Denken", das Hanno Rauterberg in der ZEIT feiert - mit Blick auf die Adressierungspraktiken scheint es doch fraglich, ob damit tatsächlich eine "Bildungslandschaft" geschaffen wurde, die - so Rauterberg - "offen ist, in der sich alles mit allem verbindet, es praktisch keine Grenzen gibt, in der jeder aufgefordert ist, seinen eigenen Pfad zu finden" [Hv. durch Verf., MRL].10

Bei allem Enthusiasmus für das architektonische Kleid des Rolex Learning Centers sei daran erinnert, dass der Rektor der ETH Lausanne die Beweggründe für die Gestaltung der Ausschreibung hinreichend klar herausgestellt und eingeräumt hat, dass es auch um Imagefragen geht, um die Erzeugung von Resonanz und Aufmerksamkeit. Die ETH in Lausanne, die in den internationalen Rankings zwar hoch, aber eben doch deutlich hinter jener aus Zürich geführt wird, möchte - so das erklärte Ziel des Rektors Patrick Aebischer, das er in mehreren Interviews anlässlich der Eröffnung formulierte, - endlich aus deren Schatten treten und sich als eigene, unverwechselbare "Marke" auf dem umkämpften Feld der international angesehensten und forschungsstärksten Hochschulen etablieren.11 Mit dem Neubau von SANAA ist das fraglos gelungen; dass die Geste der Demokratisierung von der Performance des Gebäudes bisweilen konterkariert wird, fällt für die Hochschulleitung wohl kaum ins Gewicht. Ihr Kalkül scheint aufzugehen.

Anmerkungen

1) Vgl. Georg Franck 1998: Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf, München.

2) Vgl. Niklas Maak 2014: Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen, München: 253ff.

3) Vgl. Jürgen Kaube (Hg.) 2008: Die Illusion der Exzellenz. Lebenslügen der Wissenschaftspolitik, Berlin; Mark Roche 2014: Was die deutschen Universitäten von den amerikanischen lernen können und was sie vermeiden sollten, Hamburg: 131-150.

4) Vgl. Gili S. Drori 2013: "Branding of Universities: Trends, Strategies, Meaning", in: International Higher Education, 64 (2); Derek Bok 2003: Universities in the Marketplace: The Commercialization of Higher Education, Princeton: Princeton University Press.

5) Wolfgang Braungart 2009: "›Epochale‹ Architektur. Das Gebäude der Universität Bielefeld", in: Sonja Asal / Stephan Schalk (Hg.): Was war Bielefeld? Eine ideengeschichtliche Nachfrage, Göttingen: 36-63.

6) Vgl. Karen van den Berg / Markus Rieger-Ladich 2015: "Pssst! Zum hidden curriculum von Bibliothek und Museum". Erscheint in: Veronika Magyar-Haas / Michael Geiss (Hg.): Zum Schweigen. Macht und Ohnmacht in Politik, Erziehung und Bildung , Weilerswist.

7) Vgl. Yushi Uehara 2010: "Kritischer Funktionalismus. Die Architektur von SANAA als Versuch einer reflexiven Moderne", in: Arch+, Heft 200: 160f.

8) Vgl. Jürgen Hasse 2014: Was Räume mit uns machen - und wir mit ihnen. Kritische Phänomenologie des Raumes, Freiburg-München.

9) Vgl. Joachim Fischer 2009: "Zur Doppelpotenz der Architektursoziologie: Was bringt die Soziologie der Architektur - Was bringt die Architektur der Soziologie?", in: Ders. / Heike Delitz (Hg.): Die Architektur der Gesellschaft. Theorien für die Architektursoziologie, Bielefeld: 385-414.

10) Vgl. Laura Weissmüller 2010: "Offen für ein neues Lernen", in: Süddeutsche Zeitung vom 25.02.2010; Roman Hollenstein 2010: "Die Bibliothek als Hügellandschaft", in: Neue Zürcher Zeitung vom 19.02.2010; Hanno Rauterberg 2010: "Freies Schweifen", in: Die Zeit vom 16.03.2010; Niklas Maak 2010: "Hier könnte doch unsere Zukunft wohnen", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.02.2010.

11) "Es wäre schön, wir hätten den Nobelpreis". Patrick Imhasly im Gespräch mit Patrick Aebischer, Rektor der ETH Lausanne, Neue Zürcher Zeitung vom 24.5.2010.


Prof. Dr. Markus Rieger-Ladich lehrt an der Universität Tübingen am Institut für Erziehungswissenschaft. Seine Arbeitsgebiete umfassen Bildungsphilosophie, Sozialtheorie und Ästhetik. Kontakt: markus.rieger-ladich@uni-tuebingen.de.

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