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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Das Ende der unternehmerischen Hochschule?

  
 

Forum Wissenschaft 2/2011

Erstmalig hat eine neu gewählte Landesregierung - die grün-rote von Baden-Württemberg - in ihrem Koalitionsvertrag eine ausdrückliche Absage an das Leitbild der ›unternehmerischen Hochschule‹ formuliert. Sven Lehmann kommentiert die dadurch ausgelösten Erwartungen.

Wann immer in den letzten Jahren Hochschulen rechtlich umorganisiert wurden oder politisch mächtige Schlagwortgeber sich äußerten, galt zumeist das Modell der unternehmerischen Hochschule als Zielstellung. In ihrem Koalitionsvertrag grenzt sich jetzt die neue baden-württembergische Landesregierung ausdrücklich davon ab: "Das Leitbild der ›Unternehmerischen Hochschule‹, das dem aktuellen Landeshochschulgesetz zugrunde liegt, hat noch nie zu den Hochschulen gepasst" und folglich wolle man mit den Hochschulen "das Landeshochschulgesetz neu ausrichten und dabei demokratische Strukturen stärken"1. Programmatisch und strategisch ist damit zumindest eine Trendwende ausgerufen.

Leitbild nachhaltige Wissenschaft

Ob das Ende der ›unternehmerischen Hochschule‹ besiegelt ist, wird jetzt zur politischen Frage. Ihr praktischer Erfolg hängt nun von vielem ab, auch davon, ob fortschrittliche Ansätze, die auf gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft zielen, in der herrschaftslogischen Vernunftreduktion auf den eigenen Standort einkassiert werden. Wenn man solchen Gefahren entgegentreten will, muss man ein alternatives Modell von Hochschule stark machen, das in ein solidarisches Projekt der Demokratisierung eingebunden ist. Ganz in diesem Sinne darf man auch gespannt sein, wie die Landesregierung ihre Vorstellung von "nachhaltiger Wissenschaft" ausbuchstabiert: als contradictio in adiecto nachhaltigen Haushaltens im Krisensystem oder als Investition in ein alternatives Projekt einer nachhaltigen Gesellschaft?

Mit der Vorstellung, man müsse die Hochschule einem Unternehmen gleich organisieren, war nicht etwa die Einführung von Betriebsräten als Stärkung innerbetrieblicher Mitbestimmung verbunden, sondern das Umgekehrte der Fall: die Überführung der akademischen Selbstverwaltung in Management-Strukturen sowie der Abschied vom Anspruch, die Hochschule als Ort der Wissensproduktion in gesellschaftlicher Verantwortung zu gestalten. Dies ging folgerichtig einher mit der restlosen Übernahme von Prinzipien betriebswirtschaftlicher Effizienz. Praktische Geltung verschaffte sich dieses Modell durch verschiedene Maßnahmen. Als wichtige Einschnitte seien die Entmachtung der Kollegialorgane der akademischen Selbstverwaltung und die Konzentration von Macht in den Händen der Hochschulleitung genannt. Dazu zählt ebenso die Einführung von Hochschulräten, in denen eine Gruppe Externer, die überwiegend aus der Wirtschaft stammen sollten, die Geschicke der Hochschule lenken.

Dass die Renaissance absolutistischer Machtstrukturen, die mit diesem Umbau verbunden sind, sich mit Kritik von unten schwer tut und mit Reformprozessen gar überfordert zu sein scheint, hat sie indessen nicht nur mit der Gestaltung des Bologna-Prozesses als Studienreform-Desaster bewiesen. Mit erheblicher Personalmanagement-Kompetenz wurden Leute betraut, die für den Umgang mit Beschäftigten anscheinend nicht geeignet, zumindest aber nicht ausgebildet sind.

Es kommt also nicht von ungefähr, dass die neue Landesregierung in ihrer Koalitionsvereinbarung das Scheitern dieses Modells feststellt und das Landeshochschulgesetz (LHG) überarbeiten will. Für das neue LHG wie für die Arbeit an den Hochschulen stellt sich damit die Frage, mit welchen Ansätzen man die Reform von Hochschule angehen will.

Ziele von Hochschulreform

Bereits die Hochschulreformdiskussion der 1960er und frühen 70er Jahre greift in der BRD unterschiedliche bildungspolitische Zielstellungen auf. Zur Differenzierung dieser Ansätze wird bis heute vielfach auf eine Beurteilung von Margherita von Brentano zurückgegriffen. Sie unterscheidet erstens eine konservativ-reformatorische Tendenz, der zufolge die Professorenschaft durch Berufsstand als die Gruppe betrachtet wird, die über Gestaltung und Umgestaltung zu entscheiden habe. Dagegen steht zweitens eine funktionalistische Tendenz, nach der die Hochschulen im Hinblick auf ihren ökonomischen Output beurteilt werden, also nach ihrem Beitrag an qualifizierten Menschen für Wirtschaft und Arbeit im Staat. Zum Dritten besteht eine radikal-progressive Tendenz, in der die Demokratisierung der Hochschule auf die Gesellschaft bezogen wird. Für diesen letzten Ansatz stellt sich Reform also nicht nur als Frage der Demokratisierung in der Hochschule, sondern in Bezug auf die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst. So ging es etwa der Studierendenbewegung Ende der 60er Jahre um eben die Frage, wie die Reform in der Hochschule so gestaltet werden könne, dass sie ihren Beitrag zur Demokratisierung der Gesellschaft leiste.

Rufen wir uns nun die Geschichte der Hochschulreform in der BRD ins Gedächtnis: Das Modell, das sich an absoluten Mehrheiten und Machtbefugnissen der Professorenschaft orientierte, erwies sich historisch als träge. Mit der Ordinarienuniversität war keine Reform zu machen. Die meisten ProfessorInnen setzten sich eben weniger für Reformen ein, sie saßen sie vielmehr aus. Das Ergebnis waren politische Schnittmengen zwischen VertreterInnen der funktionalistischen und der radikal-progressiven Tendenz. Die Hochschule wurde geöffnet, gleichzeitig aber gewannen funktionalistische Tendenzen in den Reformen die Oberhand. Anstatt sie auf die Demokratisierung von Gesellschaft zu beziehen, konnte sich die Verkürzung auf technokratische Studienstrukturreformen durchsetzen. Auch die Demokratisierung der Hochschule selbst blieb im Ergebnis uneingelöst: Die Reform der Entscheidungsstrukturen führte nicht zu mehr Partizipation durch mehr Mitbestimmung der einzelnen Statusgruppen, sondern sollte umgekehrt durch ›effektive‹ Entscheidungswege erreicht werden. In den eingeführten Management-Strukturen sind die Probleme der verschiedenen Interessengruppen aber nicht etwa ausgewogen worden, sondern eher weiter aus dem Blick geraten.

Innovation durch Partizipation

"Innovation durch Partizipation!", so lautet die Zielrichtung des wissenschaftspolitischen Programms der GEW2, die sich in konkreten Projekten realisieren muss. Die zurzeit an den Hochschulen zu beobachtende gesellschaftliche Entwicklung macht es dabei nicht unbedingt einfacher: dort, wo Prozesse von Mitbestimmung eingerichtet werden, sind sie von technokratischen Tendenzen bestimmt. Während Evaluationen und Meinungsumfragen vielfach stattfinden und beratende Gremien, die Beteiligung sicherstellen sollen, aus dem Boden sprießen, werden davon abgekoppelt die tatsächlichen Entscheidungen auf anderen Ebenen getroffen. Im Zuge dessen, was Colin Crouch als "Postdemokratie" bezeichnet hat, finden noch Simulationen von Demokratie statt, ohne dass eine wirkliche Mitbestimmung im Sinne ergebnisoffener Entscheidungsprozesse möglich wäre.

Wenn man das Projekt einer Hochschule in der Demokratie vorantreiben will, wird man sich an solchen Formen der Reduktion von Mitbestimmung nicht beteiligen dürfen. In ihnen wird nicht nur die Reform von Hochschule im Ansatz untergraben, sondern die Demokratie selbst: Indem Mitbestimmung als bloßes Ritual vorgeführt wird, stellen solche Formen der Beratung eine demokratiefeindliche Praxis dar. Da aber allen Statusgruppen an den Hochschulen die Farce einer solchen Beteiligung aus den letzten Jahrzehnten hinlänglich bekannt ist, dürfte es wiederum auch nicht allzu schwer sein, sie als solche ihrer ganzen Lächerlichkeit preis zu geben. So gesehen kann man die unternehmerische Hochschule auch dadurch zum Tanzen bringen, dass man ihr ihre eigene Melodie vorspielt.

Anmerkungen

1) BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN SPD Baden-Württemberg (Hg.), 2011: Der Wechsel beginnt. Koalitionsvertrag zwischen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der SPD Baden-Württemberg, 12, siehe z.B. unter www.evlvkita.de/cms/upload/pdf/Koalitionsvertrag_web.pdf , Zugriff am 03.06.2011

2) Wissenschaftspolitisches Programm der GEW: www.gew.de/Binaries/Binary39662/Wipop.pdf



Sven Lehmann ist Bundessprecher der GEW-Studierenden

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