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Erinnerung an Wolfgang Abendroth

22.05.2011: Ein Mensch - und ein sehr politischer

  
 

Forum Wissenschaft 1/2011

Viele Jüngere, auch politisch Interessierte, kennen Wolfgang Abendroth nicht oder höchstens dem Namen nach. Für andere ist er ein Mythos - und so fern, wie Mythen normalen Menschen eben sind. Burkhard Zimmermann zeichnet den wissenschaftlichen und politischen Humanisten, den legendären Marburger Politikwissenschaftler, rausgeworfenen Sozialdemokraten und theoretisch wie praktisch eindeutigen Gewerkschafter aus seiner Erinnerung nach.

Meine Erinnerung an Wolfgang Abendroth wird immer eine sehr persönliche bleiben. Aber dafür auch eine sehr prägende. Ich war damals bei den Jusos aktiv und wie heute nach wie vor in der SPD, als langjähriger Ortsvereinsvorsitzender in Berlin-Dahlem bis heute. Damals war ich eine Zeit lang JUSO-Landesvorsitzender in Berlin und damit Berliner Vertreter im JUSO-Bundesausschuss. Dies war während einer Phase, als der JUSO-Bundesvorsitzende Klaus-Uwe Benneter 1977 aus der SPD ausgeschlossen wurde und die SPD die JUSOS massiv zu disziplinieren bestrebt war - wegen des friedenspolitischen Engagements im Komitee für Frieden, Abrüstung und Zusammenarbeit, der Aktivitäten zu den Weltjugend-Festspielen und des Engagements gegen Berufsverbote sowie besonders wegen ihres Protestes gegen die Behandlung der Menschenrechte in der BRD (Stichwort Russell-Tribunal). In dieser Phase erlebten wir massive Schritte von unsolidarischem Verhalten in der eigenen JUSO-Organisation.

In diesen Jahren hatte ich zeitweise die Funktion eines Koordinators der JUSO-Linken zu bewältigen, war Einlader unseres Hannoveraner Kreises - das war das Koordinierungsgremium der JUSO-Linken, die immer Stamokaps genannt wurden; wir publizierten damals unser einfaches, in München hergestelltes "Hannoveraner Kreisblatt". Daraus entwickelte sich dann auf Umwegen, die bewusst in die Tradition der SPD-Linken der Weimarer Republik gestellte Zeitschrift SPW, Sozialistische Politik und Wirtschaft. Ich kam also viel herum in der Bundesrepublik, zu Stamokap- und Geschichte-der-Arbeiterbewegungs-Seminaren in diversen JUSO-Bezirken, natürlich zu den Diskussionen um die Herforder Thesen, also auch viel nach Ostwestfalen.

Beruflich versuchte ich damals zu promovieren. Mein nicht vollendetes Thema war das Verhältnis von SPD und KPD zu Gewerkschaften der 50er Jahre. Ich hatte also das Vergnügen, viele der Gewerkschaftsvertreter und Vorstandsmitglieder kennen zu lernen, die aus dem linken SPD-/KPD-Umfeld stammten, von Willy Bleicher über Willy Schmidt und Fritz Strothmann von der IG Metall bis hin zu Heinz Seeger, Fritz Knepper, Willy Koss, Theo Bergmann, Peter Riemer u.a.. Ich hatte eine fantastische Gelegenheit, Repräsentanten des linken Flügels der deutschen Gewerkschaften kennen zu lernen, das Schicksal linker Funktionäre verschiedener Gewerkschaften und ihrer Hauptvorstände, der IG Chemie im Kampf gegen die Notstandsgesetzgebung, der KP-Traditionen in der IG Bau bis zur Besetzung der Gewerkschaftsbüros der Gewerkschaft Textil und Gartenbau , des Niedergangs der gewerkschaftlichen Bauhütten etc..

Mit diesem Hintergrund kam ich zu Abendroths und wohnte bei ihnen in der Neuhausstraße, wenn ich gerade in Frankfurt war. Lisa, Wolfgang Abendroths Frau, war damals Beisitzerin im Unterbezirksvorstand der Frankfurter SPD. Es gab genug über gemeinsame Bekannte zu lästern. Wolf war an allen aktuellen Fragen natürlich sehr interessiert und bedauerte, nicht noch stärker mitmischen zu können. Er sei ja kein SPD-Mitglied mehr ... Ich erinnere mich gerne der gemeinsamen Abendbrote mit den spannenden Gesprächen. Wenn Abendroths sich zurückgezogen hatten, konnte ich meinerseits nächtelang in den gesammelten Promotionen schmökern, die er wissenschaftlich betreut hatte. Mit Rat und Tat beriet er uns in politischen Einschätzungen und mich mit Tipps für meine Promotion. Insbesondere seinen Sohn Uli habe ich bei dieser Gelegenheit gut kennen gelernt.

Eine besondere weitere Erfahrung mit Wolfgang Abendroth machte ich anlässlich einer von uns organisierten Veranstaltung des Berliner SPD-Unterbezirks Zehlendorf und des Marxistischen Arbeitskreises der Berliner SPD 1983 (erschienen als Broschüre Marx aktuell im DVK-Verlag 1983). Es war eine mit 200 Besucherinnen und Besuchern wirklich volle Veranstaltung im Dahlemer evangelischen Gemeindesaal. Wolf war klasse. Er war schon fast blind, referierte daher ohne Manuskript und aus dem Kopf in brillanter Rhetorik. Ich hatte das Vergnügen, Abendroths zwei Tage zu betreuen, wir fuhren damals nach Lübars und gingen dort spazieren.

Zur Erklärung: Ich fühlte mich im damaligen West-Berlin nicht eingemauert, aber Lübars war für uns eine der wenigen landwirtschaftlichen Idyllen im ummauerten Berlin. Das zeigte man damals dem Wessi-Besuch. Nie vergessen werde ich, wie Wolf die Idylle genoss und wie er Blumen identifizierte - mit Verlaub sei erinnert: Er war fast blind ... Dies hat mich sehr beeindruckt. Irgendwann habe ich in dieser Phase seine Fast-Biographie gelesen, die Joachim Perels veröffentlicht hat. In einer Nacht nur habe ich dieses Werk verschlungen. So spannend ist seine Biographie für mich gewesen - eine deutsche Geschichte der Linken.

Was ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte und im Nachhinein immer weniger kann, war die Kritik mancher Linker an Wolfgang Abendroth. Wolf verteidigte sehr wohl seine Schüler oder die Marburger Schule wissenschaftlich; parteipolitisch folgte er einigen nie. Er ordnete Prozesse historisch ein, rechtfertigte aber nicht irgendwelche Maßnahmen. Ich habe ihn immer sehr differenziert erlebt, dafür hatte er zuviel erlebt in seiner langen Geschichte. Auch die Kritik Peter von Oertzens an Abendroth habe ich nie nachvollziehen können.

An der Beerdigung Wolfs habe ich teilgenommen, im Auftrag meines SPD-Unterbezirks, der dies auch als eine kleine Geste der Wiedergutmachung sah. Worauf ich nun meinerseits stolz war - trotz des traurigen Anlasses.



Burkhard Zimmermann arbeitet als Geschäftsführer eines Berliner Jugendverbandes, des "Kinderrings Berlin". Er ist Vorsitzender der SPD Dahlem und stellv. Vorsitzender des FA Jugend der Berliner SPD sowie Leiter des AK Frieden der DL21, der aktuellen SPD-Linken. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kinder- und Jugendarbeit, politische Bildung und die Geschichte der Arbeiterbewegung.

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