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Klaus Holzkamp

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Farbe bekennen

01.01.2014: Die Bildungs- und Wissenschaftspolitik nach der Bundestagswahl

  
 

Forum Wissenschaft 4/2013

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Trotz mancher Komplikationen zeichnet sich bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe ab, dass es zu einer Bundesregierung der großen Koalition kommen wird. Große Veränderungen in den Hauptlinien der Merkelschen Politik sind nicht zu erwarten, kleine Korrekturen wird es sicher da und dort geben. Wie diese im Bereich der Bildungs- und Wissenschaftspolitik aussehen könnten, hat sich Andreas Keller angesehen.

Für die Zukunft schließen wir keine Koalition (mit Ausnahme von rechtspopulistischen oder -extremen Parteien) grundsätzlich aus."2 Vielleicht ist dieser Beschluss des Leipziger Bundesparteitages der SPD das eigentlich wichtige Ergebnis der Bundestagswahl vom 22. September. Koalitionen der SPD mit der Linken sind künftig auch auf Bundesebene möglich und könnten so perspektivisch die Blockade des politischen Parteiensystems durch die Sozialdemokratie auflösen, indem diese sich aus der babylonischen Gefangenschaft mit der Union befreit.

Kein Politikwechsel in Sicht

Denn manch eine und einer rieb sich am Wahlabend verwundert die Augen: Die Bundeskanzlerin hatte soeben ihre Mehrheit im Bundestag verloren und sah sich mit einer parlamentarischen Mehrheit der bisherigen Oppositionsparteien SPD, Linke und Bündnis 90/Die Grünen konfrontiert - aber wurde als Wahlsiegerin gefeiert. Zum zweiten Mal nach 2005 gibt es im Bundestag eine rot-rot-grüne Mehrheit, doch bereits unmittelbar nach Schließung der Wahllokale stand fest: Angela Merkel wird Kanzlerin bleiben.

Bizarr. Denn wer die Wahlprogramme von SPD, Linken und Grünen studiert, kommt zu dem Schluss, dass die rot-rot-grüne Mehrheit mehr als ein nur rechnerisches Potenzial hat. Es gibt eine große inhaltliche Schnittmenge, eine gemeinsame Richtung - zumindest in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik. Rechtsanspruch auf Ganztagsunterricht in Schulen und Kitas, Stärkung der bildungspolitischen Gestaltungsmöglichkeiten des Bundes durch Aufhebung des Kooperationsverbots, Ausbau der Grundfinanzierung der Hochschulen, Stärkung und Weiterentwicklung des Bundesausbildungsförderungsgesetzes (BAföG) - Forderungen, die sich in den Wahlprogrammen aller drei Parteien finden.

Kommt es tatsächlich zur Großen Koalition, wird die SPD hingegen voraussichtlich minimale Zugeständnisse der Union als Erfolg feiern müssen. Beispiel Kooperationsverbot: Wie es aussieht, werden CDU und CSU nicht nur der Aufhebung oder wenigstens Lockerung des Kooperationsverbots für die Schulpolitik ihre Zustimmung verweigern, sondern auch in der Hochschulpolitik keiner Verfassungsänderung zustimmen, die eine Bundesfinanzierung der Hochschule in der Fläche und auf Dauer ermöglicht. Am Ende könnte eine Grundgesetzänderung stehen, die die SPD schon vor einem Jahr aus der Opposition heraus hätte haben können, wenn sie die Initiative der damaligen schwarz-gelben Bundesregierung zur Erweiterung der Kooperationsmöglichkeiten von Bund und Ländern im Wissenschaftsbereich gemäß Artikel 91b des Grundgesetzes3 unterstützt hätte.

Doch im Vorwahlkampf mochte die SPD der damaligen Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) diesen Erfolg nicht gönnen. Selbst der Deutsche Gewerkschaftsbund hatte zwar einerseits auf eine Aufhebung des Kooperationsverbots für den gesamten Bildungsbereich gepocht, aber andererseits diesen Vorschlag als ersten "Schritt in die richtige Richtung" gelobt.4 Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer scherte kurz darauf aus der rot-grünen Phalanx aus und warnte davor, die Hochschulen "in Geiselhaft" zu nehmen.5

Bildungspolitisches "Weiter So"

Nun wird es möglicherweise eine derartige Lockerung des Kooperationsverbots für die Hochschulen geben, aber weitergehende bildungspolitische Ambitionen scheint die SPD beerdigen zu müssen. Ein zweites Ganztagsschulprogramm? Pustekuchen - im Mitte November kursierenden Bericht der Koalitions-Arbeitsgruppe Wissenschaft, Bildung und Forschung von CDU, CSU und SPD ist dieser Plan als "offen" ("Vorschlag der SPD") gekennzeichnet.6 Ein spezielles Programm zur Förderung der Inklusion im Bildungsbereich, um den Anforderungen der von der Bundesrepublik Deutschland ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention Rechnung zu tragen? Kein Thema. Dauerhafte Verstetigung des Hochschulpakts? Fehlanzeige - die Große Koalition geht weiter vom zu untertunnelnden Studierendenberg aus und setzt auf eine dritte und letzte Phase. Wiedereinführung der Gemeinschaftsaufgabe Hochschulbau? Mitnichten - dabei wird bereits 2014 die Zweckbindung der Kompensationsmittel für die gestrichene Gemeinschaftsaufgabe entfallen: Feuer frei für die Finanzministerinnen und Finanzminister der Länder, um damit Haushaltslöcher zu stopfen und der Schuldenbremse Rechnung zu tragen. Ganz zu schweigen von der Situation ab 2020, wenn die Quelle der Kompensationsmittel ganz versiegen wird. Dabei ist der Investitionsstau auf vielen Campi schon heute unübersehbar - die Bausubstanz vieler Hochschulen, die ihren letzten Ausbauschub in den sechziger und siebziger Jahren hatten, ist im Kern verrottet.

Weniger zugeknöpft zeigen sich Union und SPD hingegen, was die "Weiterentwicklung der Exzellenzinitiative" und die "Fortsetzung des Pakts für Forschung und Innovation" angeht. Hier scheint es zwischen den künftigen Koalitionspartnern einen Konsens zu geben, dass diese milliardenschweren Programme fortgesetzt, wenn nicht sogar aufgestockt werden sollen. "Die Exzellenzinitiative von Bund und Ländern hat in sehr erfolgreicher Art und Weise eine neue Dynamik in das deutsche Wissenschaftssystem gebracht. Wir wollen diese Dynamik erhalten und ausbauen", heißt es im Bericht der Koalitions-Arbeitsgruppe. Offen ist lediglich das Format, in der die Exzellenzinitiative fortgesetzt wird, sowie die Frage, ob es zu einer weiteren Aufstockung des Programms kommt - ebenso wie beim Pakt für Forschung und Innovation, der seit 2006 den außerhochschulischen Forschungseinrichtungen sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) komfortable Budgetzuwächse von jährlich fünf Prozent beschert. Wer mit der Zins- und Zinseszinsrechung vertraut ist, kann sich leicht ausrechnen, dass es dabei um Mittelsteigerungen geht, von denen die Hochschulen nur träumen können, die sich neuerdings nicht nur mit stagnierenden Haushalten, sondern (jüngstes Beispiel: Sachsen-Anhalt) mit handfesten Kürzungen konfrontiert sehen.

Exzellenzinitiative und Pakt für Forschung und Innovation - beide Bund-Länder-Pakte haben einen maßgeblichen Beitrag zum gegenwärtigen Paradigmenwechsel in der Hochschul- und Forschungsfinanzierung geleistet. Immer mehr Geld strömt über Projekte ins System, die wettbewerbsförmig vergeben werden - die expandierende Drittmittelforschung der DFG oder eben die Exzellenzcluster, Graduiertenschulen und Zukunftskonzepte der Exzellenzinitiative. Weitere Wettbewerbe wie der Qualitätspakt Lehre, die Qualitätsoffensive Lehrerbildung oder das Programm "Aufstieg durch Bildung" kommen hinzu. Die Folge ist nicht nur eine weitere, politisch gewollte Ausdifferenzierung der Hochschullandschaft, an deren Ende eine Spaltung der Hochschulen in Exzellenzuniversitäten,die sich auf Spitzenforschung konzentrieren, auf der einen Seite und auf der anderen Seite Lehrhochschulen, die für die Massenausbildung zuständig sind, stehen könnte.

Destabilisierung der Hochschulfinanzierung

Darüber hinaus führt der Paradigmenwechsel zu einer Destabilisierung der Hochschulfinanzierung, deren Risiken von den Hochschulen in der Regel 1:1 an die Beschäftigten weiter gegeben werden. Obwohl der frühere DFG-Präsident Matthias Kleiner die Hochschulen ermunterte, mit den von der DFG vergebenen Drittmitteln auch unbefristete Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen7, fürchten die Kanzlerinnen und Kanzler der Hochschulen den Dauervertrag wie der Teufel das Weihwasser: Mit Drittmitteln finanzieren sie praktisch ausschließlich befristete Beschäftigungsverhältnisse, wobei mit den Laufzeiten der Arbeitsverträge in der Regel die Laufzeiten der Projekte nicht einmal ausgeschöpft werden. Dass 90 Prozent der 160.000 wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Hochschulen mittlerweile einen Zeitvertrag haben8 und diese Zeitverträge in über der Hälfte der Fälle eine Laufzeit von unter einem Jahr haben9, hat verschiedene Ursachen, aber eine ganz zentrale ist dieser Paradigmenwechsel in der Hochschul- und Forschungsfinanzierung. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) stellt dabei den Hochschulen und Forschungseinrichtungen ein umfassendes Sonderarbeitsrecht zur Verfügung, dass ihnen die Möglichkeit gibt, auf drittmittelfinanzierten Stellen praktisch unbegrenzt Fristverträge abzuschließen, auch für technisches und Verwaltungspersonal, für welches das Gesetz im Übrigen nicht gilt.

Es gibt also viele gute Gründe, für mehr Nachhaltigkeit in der Hochschul- und Forschungsfinanzierung zu sorgen. Selbst der Wissenschaftsrat fordert in seinen Empfehlungen zu den Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems vom Juli 2013, die Grundmittel der Hochschulen um mindestens einen Prozentpunkt oberhalb der erwartbaren wissenschaftsspezifischen Tarif- und Kostensteigerungen zu erhöhen - entwickelt daneben freilich eine blühende Phantasie für neue Förderinstrumente wie "Merian-Professuren" oder "Liebig-Zentren".10 Von der Großen Koalition dürften indes keine entscheidenden Impulse zu erwarten sein, den Paradigmenwechsel hin zur projektgesteuerten Wissenschaftsfinanzierung umzukehren. Die Pakte mögen zu einem "Pakt der Pakte" zusammengeschnürt werden, sie mögen auch längerfristig konzipiert werden und weniger volatil sein, also den Gewinnern der ersten Exzellenzinitiative die Angst vor einem Abstieg in die zweite Liga nehmen, aber eines darf bei alldem nicht übersehen werden: Die Exzellenzinitiative war eines der Vorzeigeprojekte der früheren Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), das die Partei im Kern bis heute verteidigt.

Was die "Agenda 2010" für die Arbeits- und Sozialpolitik der rot-grünen Bundesregierung war, war die Exzellenzinitiative für ihre Wissenschaftspolitik: Der Beifall der gesellschaftlichen Eliten war Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) ebenso sicher wie seiner Bildungsministerin, bei den einschlägigen Wirtschafts- und Wissenschaftsverbänden wurden sie als Stars gefeiert, doch bei der Basis, der sie den Wahlsieg verdankten - den lohnabhängig Beschäftigten, Erwerbslosen, Rentnerinnen und Rentnern bzw. den Studierenden und befristet beschäftigten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern - erzeugten sie einen nachhaltigen Vertrauensverlust, ganz zu schweigen von den strukturellen Schäden für die Sozial- und Bildungssysteme.

Stabilere Beschäftigungsbedingungen in Sicht

Immerhin - was die Debatte um berechenbare Karrierewege und stabile Beschäftigungsbedingungen angeht, deutet sich Bewegung an. So hat sich nicht nur der Wissenschaftsrat in den bereits zitierten Empfehlungen vom Juli mit bemerkenswert klaren Worten für zusätzliche Personalkategorien neben der Professur und mehr unbefristete Beschäftigungsverhältnisse ausgesprochen11 - eine Revolution für das Bund-Länder-Beratungsgremium, das jahrzehntelang gebetsmühlenartig einem Ausbau des Befristungsunwesens an Hochschulen und Forschungseinrichtungen das Wort redete. Nun scheinen sich Union und SPD auch, zumindest nach dem Stand des Berichts der Koalitions-Arbeitsgruppe Wissenschaft, Bildung und Forschung von Mitte November, auf eine Novellierung des WissZeitVG zu verständigen. Sollte es dabei bleiben, stellt diese Vereinbarung den wesentlichsten Durchbruch in der Wissenschaftspolitik der neuen Bundesregierung dar.

Wann die Gesetzesänderung in Angriff genommen wird und ob sie dann tatsächlich in die von der GEW in ihrem Vorschlag für ein 100-Tage-Programm der neuen Bundesregierung (Köpenicker Appell: "Jetzt die Weichen für den Traumjob Wissenschaft stellen!"12) skizzierten Richtung geht, ist offen. Aber: Die 2010 mit dem Templiner Manifest13 gestartete GEW-Initiative für den "Traumjob Wissenschaft" hätte damit einen wichtigen Meilenstein erreicht. Hatten Bundesregierung und Wissenschaftsorganisationen bislang unisono das WissZeitVG für sankrosankt erklärt, käme das Gesetz dann auf den Prüfstand. Die bisher auf GEW-Wissenschaftskonferenzen und Follow-up-Kongressen ausgetragene Debatte um notwendige Änderungen des Gesetzes, käme auf die Agenda des Deutschen Bundestages. Die Forderungen der GEW nach einer Aufhebung der Tarifsperre, nach Festlegung von Mindestlaufzeiten für Zeitverträge und nach einer verbindlichen Ausgestaltung der familienpolitischen Komponente würden zum Gegenstand der parlamentarischen Beratungen.

Ob die Forderungen tatsächlich umgesetzt werden, wird letztlich nicht allein unter der Kuppel des Reichstagsgebäudes ausgefochten. Entscheidend wird sein, ob die Bewegung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für den "Traumjob Wissenschaft" weiter an Dynamik gewinnen kann. Die Templiner Manifest-Bewegung hat schon bisher nicht nur in den parlamentarischen Initiativen und Wahlprogrammen von SPD, Linken und Grünen Spuren hinterlassen. Auch die schwarz-gelbe Bundestagmehrheit hat die Impulse aufgegriffen und noch im Juni 2013 einen bemerkenswerten Beschluss gefasst, in dem etwa dauerhafte Berufsperspektiven neben der Professur oder Mindestlaufzeiten für Zeitverträge gefordert werden.14 In ihrem gemeinsamen Wahlprogramm sprachen sich CDU und CSU explizit für den Abbau von Befristungen im akademischen Mittelbau und ein "Förderprogramm für verlässliche Karrierewege an Hochschulen" aus.15 Es ist bemerkenswert, dass das konservative, teils wirtschaftsliberale Programm der Unionsparteien progressive Tupfer gerade an der Stelle aufweist, an denen die Bildungs- und Wissenschaftsgewerkschaft GEW eine intelligente gewerkschaftliche Kampagne betreibt. Mit einer lebendigen gewerkschaftlichen Bewegung für berechenbare Karrierewege und stabile Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft im Rücken könnten auch unter den Bedingungen einer großen Koalition entscheidende Weichenstellungen für eine Reform von Berufswegen und Personalstruktur in Hochschule und Forschung vorgenommen werden. Ob das gelingt, wird sich bei der bevorstehenden Auseinandersetzung um eine WissZeitVG-Novelle zeigen.

BAföG-Erhöhung

Was das WissZeitVG für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist, ist das BAföG für die Studentinnen und Studenten: ein entscheidender Prüfstein für die Wissenschaftspolitik der neuen Bundesregierung und für das Vermögen der SPD, unter den Bedingungen der Großen Koalition zumindest deutliche Kurskorrekturen durchzusetzen. In ihrer gemeinsamen Pressekonferenz am 09.11.2013 haben die für die Arbeitsgruppe Wissenschaft, Bildung und Forschung zuständigen Verhandlungsführerinnen Doris Ahnen (SPD) und Johanna Wanka (CDU) eine "spürbare Erhöhung" von Bedarfssätzen und Freibeträgen des BAföG in Aussicht gestellt. Die wäre auch überfällig: Die letzte Erhöhung liegt schon wieder über drei Jahre zurück, und in den letzten 15 Jahren gab es überhaupt nur drei moderate BAföG-Erhöhungen.16 In Folge dessen bezieht heute nicht einmal mehr jede fünfte Studentin und jeder fünfte Student Leistungen nach dem BAföG.

Darüber hinaus war in den Statements von Ahnen und Wanka von "strukturellen Veränderungen" die Rede. Damit scheinen jedoch allenfalls Maßnahmen wie eine Veränderung der Wohnkostenpauschale oder die Einführung der Förderung von Teilzeitstudien gemeint zu sein. Eine echte strukturelle Weiterentwicklung der Ausbildungsförderung, wie in den neunziger Jahren nicht nur vom Deutschen Studentenwerk (DSW) oder der GEW, sondern auch von SPD und Grünen diskutiert, scheint nicht auf der Agenda zu stehen. Die pfiffige Idee damals war, als Sockel der BAföG-Förderung einen elternunabhängigen, nicht zurückzuzahlenden Sockel aufzubauen, der durch eine Integration der Transferzahlungen des Familienleistungsausgleichs (Kindergeld, steuerliche Freibeträge), von denen insbesondere besserverdienende Eltern studierender Kinder profitieren, gegen finanziert wird. Im Jahr 2000 machte ein "Machtwort" des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) dem Spuk ein Ende. Linke und Grüne, GEW und DSW hielten an der Idee fest und entwickelten sie weiter, die GEW 2009 im Rahmen ihres wissenschaftspolitischen Programms zum Modell eines elternunabhängigen Studienhonorars, das DSW hingegen zunehmend halbherziger. In den gemeinsamen Eckpunkten von DSW und Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB)17 vom September 2013 wird sie gar nicht mehr erwähnt.

Auch ohne gleich das Projekt einer Strukturreform der Ausbildungsreform anzupacken, gäbe es im Zuge einer BAföG-Novelle eine Menge zu tun: Die Altersgrenze sollte endlich komplett aufgehoben werden: Wer vom lebenslangen Lernen redet, darf den Studis konsequenterweise nicht ab 30 oder 35 den Geldhahn zudrehen. Das BAföG sollte endlich, zumindest schrittweise, wieder auf einen rückzahlungsfreien Vollzuschuss umgestellt werden, wie das bei anderen Sozialleistungen ganz selbstverständlich ist. Und 30 Jahre nach dem BAföG-Kahlschlag durch das erste Kabinett von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) wäre es an der Zeit, das BAföG für Schülerinnen und Schüler an allgemein-bildenden Schulen ab Klasse 11 wieder einzuführen. Denn die Weichen für oder gegen ein Hochschulstudium werden häufig schon gestellt, wenn die Entscheidung für oder gegen eine weiterführende Schule ansteht. Es bleibt freilich ein Problem: Solange die Bundesregierung an dem verkorksten Konzept des Deutschlandstipendiums festhält, wird sie kaum die Kraft zu einer echten Erneuerung des BAföG aufbringen, das in den vergangenen Jahren einen schleichenden Funktionsverlust erlitten hat.

SPD im Dilemma

Insgesamt bleibt das Dilemma, dass die SPD den Spagat versuchte, einen Wahlkampf gegen politische Produkte der rot-grünen Koalition unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zu führen, ohne sich von dessen Politik zu distanzieren. Nicht nur Agenda 2010 oder die Rente mit 67, sondern auch die Etablierung eines Niedriglohnsektors und die Deregulierung der Finanzmärkte sind auf rot-grünem Mist gewachsen; in der Wissenschaftspolitik haben Strukturentscheidungen wie die Exzellenzinitiative das System destabilisiert. In einem rot-rot-grünen Bündnis hätte es die SPD auf der einen Seite leichter, ihre Forderungen aus dem Bundestagswahlprogramm durchzusetzen. Auf der anderen Seite wäre eine deutlichere Abgrenzung von der Politik der Kabinette Schröder notwendig. Die Partei müsste Farbe bekennen, anders als in der Koalition mit der Union gäbe es keine Ausrede mehr, eine Korrektur der eigenen Fehler in Angriff zu nehmen. Ob sich an dieser Haltung mit dem eingangs zitierten Beschluss des Leipziger SPD-Parteitages etwas ändern wird, wird sich - spätestens - 2017 zeigen.

Anmerkungen

1 Dieser Beitrag wurde am 17.11.2013, also noch vor Abschluss der Koalitionsverhandlungen von CDU, CSU und SPD, abgeschlossen.

2 "Perspektiven. Zukunft. SPD!", Beschluss Nr. vom 15.11.2013, www.spd.de/linkableblob/111756/data/20131114_leitantrag_zukunft.pdf.

3 Bundestags-Drucksache 17/10956 vom 10.10.2012.

4 Deutscher Gewerkschaftsbund, Bundesvorstand: DGB-Stellungnahme zum Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 91 b) / Aufhebung des Kooperationsverbotes, 09.05.2012, www.dgb.de/themen/++co++89833a26-a965-11e1-4a1f-00188b4dc422.

5 Unveröffentlichtes Thesenpapier zum Fachgespräch "Perspektiven der Wissenschaftsfinanzierung - Perspektiven des Wissenschaftssystems" des baden-württembergischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur am 27.06.2013 in Berlin.

6 Bericht vom 13.11.2013, unveröffentlicht.

7 Deutscher Bundestag, Öffentliche Anhörung, Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, Protokoll 16/78.

8 Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013: Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013, Statistische Daten und Forschungsbefunde zu Promovierenden und Promovierten in Deutschland, Bielefeld: 183 (Angaben für 2010).

9 Georg Jongmanns 2011: Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, Gesetzesevaluation im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, HIS-Projektbericht März 2011, Hannover: 73.

10 Wissenschaftsrat: Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystem, Drs. 3228-13, Köln 2013.

11 Ebenda: 43ff.

12 www.gew.de/Koepenicker_Appell.html

13 www.templiner-manifest.de , vgl. zuletzt Andreas Keller: "Gute Wissenschaft - gute Arbeit, GEW-Kampagne für stabile Beschäftigungsbedingungen in Hochschule und Forschung", in: Forum Wissenschaft 1/2013: 13-17.

14 CDU/CSU, FDP: "Exzellente Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs" (Bundestags-Drucksache 17/9396 vom 24.04.2012), dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/093/1709396.pdf.

15 CDU/CSU: Gemeinsam erfolgreich für Deutschland, Regierungsprogramm 2013-2017, 2013, www.cdu.de/artikel/regierungsprogramm-zum-herunterladen.

16 Andreas Keller: "Stiller Ausverkauf, Zur wechselhaften Geschichte des BAföG", in: Forum Wissenschaft 3/2011: 4.

17 Deutsches Studentenwerk/Deutscher Gewerkschaftsbund: Soziale Öffnung durch eine starke Studienfinanzierung: 10 Eckpunkte für ein modernes BAföG, 2012, www.dgb.de/presse/++co++55ba1150-1c60-11e3-ba33-00188b4dc422.

Dr. Andreas Keller ist stellvertretender Vorsitzender und Vorstandsmitglied für Hochschule und Forschung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

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