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Sozialwissenschaften und der freie Markt

10.06.2021: Zwei Beispiele des Ökonomisierungsdrucks

  
 

Forum Wissenschaft 2/2021; Foto: J. Hagelüken, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Seit über 20 Jahren steigt der Ökonomisierungsdruck auch an Hochschulen. Carlotta Kühnemann erläutert anhand zweier aktueller Beispiele in NRW und an der Universität Marburg, warum diese Entwicklung Sozialwissenschaften besonders hart trifft.

Durch den Klimawandel wuchs das öffentliche Interesse an wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Corona-Pandemie hat die Nachfrage nach wissenschaftlichen Fakten in der Mehrheit der Gesellschaft nochmals verstärkt. Allerdings bezieht sich diese Aufmerksamkeit nur auf einen sehr kleinen Teil der diversen Wissenschaftslandschaft und damit vor allem auf Disziplinen innerhalb der Naturwissenschaften.

Ähnlich wie es sich in der Aufmerksamkeit der Medien zeigt, vollzieht sich auch die Verteilung von Finanzmitteln. Hochschulen sind auf Drittmittel angewiesen. Dabei erhalten allerdings nicht alle Fachbereiche dieselbe finanzielle Unterstützung, da die Verteilung der Finanzmittel auf Marktinteressen basiert. Gesellschaftswissenschaften z.B. unterliegen bei kritischer Lehre und Forschung nicht denselben Verwertungslogiken und sind im Drittmittelwettbewerb dementsprechend strukturell benachteiligt.

Wo die Priorität liegt, ist auch bei den Förderungen durch das BMBF zu sehen. Nur ein Bruchteil der im letzten halben Jahr geförderten Projekte sind sozialwissenschaftlichen Disziplinen zuzuordnen. Auch bei der Beantragung von DFG-Forschungsprojekten wird deutlich, in welchen Bereichen Forschung besonders unterstützt wird: Promovierende erhalten je nach Fachbereich 65-, 75- oder 100-Prozent-Stellen.

Dass den Bereichen, die nicht als marktrelevant angesehen werden, nach und nach immer weiter reichende finanzielle Mittel fehlen, war über den Zeitraum der letzten 21 Jahre zu beobachten und ist demnach nichts Neues. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass seit einiger Zeit vor allem die gesellschaftswissenschaftlichen Studiengänge an verschiedenen Universitäten unterfinanziert sind.

In diesem Artikel soll anhand der Unterfinanzierung des Fachbereichs 03 an der Universität Marburg und der Umstrukturierung des Schulfachs Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen die Situation der Sozialwissenschaften in Deutschland veranschaulicht werden.

Zwar beziehen sich die genannten Themen in ihrem Grundsatz auf unterschiedliche Problembereiche, zeigen jedoch in ihrer Gesamtheit die nicht vorhandene Wertschätzung auf der einen und die voranschreitende Ökonomisierungslogik, der die Sozialwissenschaften zum Opfer fallen, auf der anderen Seite.

Der Fachbereich 03 in Marburg

Der Fachbereich 03 "Gesellschaftswissenschaften und Philosophie" der Philipps-Universität Marburg ist seit Jahren chronisch unterfinanziert. Im Oktober 2020 verhängte der Kanzler der Universität eine Haushaltssperre am Fachbereich 03, um Sparmaßnahmen zu erzwingen, die ein zukünftiges Defizit ausgleichen sollen. Die Haushaltssperre wurde inzwischen zwar, unter Auflagen, wieder aufgehoben, eine Wiedereinführung droht aber zu jedem Zeitpunkt.

Der Fachbereich leidet bereits seit mehreren Jahren unter der geringen Finanzierung. Die Folge sind überfüllte Tutorien und Seminare mit teils mehr als 100 Studierenden. Von einer guten Betreuung der Lernenden kann unter solchen Umständen nicht mehr gesprochen werden. Die Situation wird zusätzlich durch die digitale Lehre noch verstärkt. Denn gute Online-Seminare und Vorlesungen benötigen eine intensivere Betreuung der Studierenden, damit der Bezug zu Studium und Kommiliton*innen nicht verloren geht. Doch die Qualität der Lehre kann durch die enormen Einsparungen nicht mehr gewährleistet werden.

In dem Fachbereich werden strukturell nur 87 Prozent der Stellen durch Grundmittel finanziert, die restlichen 13 Prozent wurden und sollen auch in Zukunft über Drittmittel finanziert werden. Reichen die Drittmittel nicht aus, müssen die verbleibenden Stellen Mehrarbeit leisten. Es wird also eine Überbelegung und damit eine Selbstausbeutung des Mittelbaus vorausgesetzt, damit der Finanzplan aufgeht.

Die Sparmaßnahmen drohen diesen Zustand noch zu verschlimmern. Es soll beispielsweise eine Stellensperre geben, nach der jeder auslaufende Vertrag für zwölf Monate nicht nachbesetzt werden darf. Zusätzlich wird die maximale Laufzeit des Zweitvertrags wissenschaftlicher Mitarbeiter*innen von drei auf zwei Jahre verkürzt. Unter der seit Jahren andauernden Unterfinanzierung und den Einsparungen leiden sowohl die Lehrenden als auch die Lernenden. Wird nicht von Hochschule und Land gegengesteuert, ist die Zukunft des Fachbereichs ungewiss.

Der Fall des Fachbereichs 03 in Marburg zeigt, wie es vielen gesellschaftswissenschaftlichen Fakultäten geht: Sie ächzen unter den immer tiefergreifenden Einsparungen, die auf dem Rücken des Mittelbaus und zum Leidwesen von Forschung und Lehre ausgetragen werden.

Die Sozialwissenschaften haben allerdings nicht ausschließlich mit finanziellen Problemen zu kämpfen, wie das nächste Beispiel zeigt.

#sowibleibt

Die schwarz-gelbe Landesregierung in Nordrhein-Westfalen plant eine Umbenennung und Umstrukturierung des Schulfachs Sozialwissenschaften. Es soll in Zukunft je nach Schulform "Wirtschaft-Politik" oder auch "Wirtschaft-Politik/Sozialwissenschaften" statt Sozialwissenschaften (Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschaftswissenschaft) heißen.

Im ersten Moment scheint diese Umbenennung kaum Auswirkungen zu haben. Dahinter steckt aber eine Absage an die Relevanz der Soziologie in der schulischen Ausbildung. Laut dem Entwurf zur Lehramtszugangsverordnung vom 16.04.2021 soll es neue fachliche Inhalte geben, die einen "bedarfsgerecht angepassten Zuschnitt der Lehrerausbildung" erfordern. Weiter heißt es, dass "Lehrkräfte, die für die ökonomische Bildung der Schülerinnen und Schüler verantwortlich sind, […] künftig stärkere Ausbildungsschwerpunkte in den lebensweltlichen Themenbereichen Wirtschaft und Politik benötigen".

Dabei soll die Soziologie aus dem Studiengang in Elementen erhalten bleiben. Wie die genaue Ausgestaltung aussehen soll, blieb bisher offen. Es wird jedoch deutlich, was damit beabsichtigt ist. Eine Marginalisierung der Soziologie zugunsten der Wirtschaftswissenschaften. Doch laut der Petition des Bündnisses #sowibleibt bietet "eine primär wirtschaftliche Betrachtung von Strukturen und Problemen […] nur eine einfältige Sicht auf diese, wodurch den Schüler*innen die Entwicklung eigener Gedanken, Bewertungen sowie Lösungsvorschlägen verwehrt wird."

Die Umstrukturierung des Schulfachs hat auch Auswirkungen auf den Lehramtsstudiengang Sozialwissenschaften und somit auf die gesellschaftswissenschaftlichen Fakultäten in NRW. Zwar versicherte die Landesregierung, dass Lehramtsstudierenden keine Nachteile entstehen sollen, trotzdem besteht Unsicherheit bei Lehrer*innen und Studierenden, dass Absolvent*innen des neuen Faches in Zukunft bevorzugt werden. Des Weiteren machen die Lehramtsstudierenden einen großen Anteil der Studierenden in der Soziologie aus und so wird es, je nach Art und Weise der Umstrukturierung, auch Auswirkungen auf die Studierendenanzahl der Fakultäten geben.

Mit der Umstrukturierung des Faches geht demnach eine Veränderung der universitären Sozialwissenschaften auf der einen Seite und gleichzeitig ein für Schüler*innen einseitiges Bild auf Gesellschaft und ökonomische Zusammenhänge auf der anderen Seite einher.

Fazit

Der Trend hin zu einer Ökonomisierung der Hochschulen, der Sozialwissenschaften immer weiter ins Abseits treibt, ist mit Sorge zu betrachten. Im Fokus steht dabei das Problem der chronischen Unterfinanzierung sozialwissenschaftlicher Fakultäten. Das Beispiel aus NRW zeigt aber auch, dass es um mehr als um die Finanzierung geht. Insgesamt wird sozialwissenschaftliche Erkenntnis und Forschung weniger wertgeschätzt als beispielsweise marktliberale Wirtschaftswissenschaften oder Naturwissenschaften. Zwar sind Wirtschaftswissenschaften auch eine sozialwissenschaftliche Disziplin, nehmen sich aber in großen Teilen weder selbst so wahr noch werden sie gesellschaftlich als Sozialwissenschaft angesehen. Gerade in Zeiten einer weltweiten Pandemie und von wachsendem Rechtsradikalismus sind ausführliche Analysen gesellschaftlicher Prozesse aber wichtiger denn je.

Die hier beschriebenen Probleme beschränken sich jedoch nicht auf die Sozialwissenschaften, sondern auf alle Wissenschaften, die auf dem freien Markt für nicht förderungswürdig eingestuft werden. Umso mehr muss gegen die Ökonomisierungslogiken in der Forschung vorgegangen werden. Dazu braucht es ein ausfinanziertes Bildungssystem, denn erst so kann Forschung und Lehre frei agieren.

Carlotta Kühnemann (25) ist Mitglied im Vorstand des freien zusammenschlusses von student*innenschaften (fzs) e.V., des Dachverbands deutscher Studierendenvertretungen. Sie studiert Wirtschaftssoziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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