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Klaus Holzkamp

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Fallstricke und Potenziale der Klassismus-Debatte

  
 

Forum Wissenschaft 4/2021; Foto: #stadtschmiererei / photocase.de

Seit Einführung des Klassismusbegriffs in den deutschen Kontext vor circa zehn Jahren wird zwischen Vertreter*innen des Klassismus-Ansatzes und Marxist*innen darüber gestritten. Die Diskussion ist unversöhnlich, zu einem produktiven Austausch kommt es kaum, stellt Maria Neuhauss fest. Woran liegt das? Und wie könnte die Debatte wieder vorankommen?

Eine bessere Verständigung wäre für beide Seiten von Relevanz: So werden im Kontext der Klassismusdiskussion seit langem einmal wieder Fragen um Klasse aufgeworfen, was für Marxist*innen von zentraler Bedeutung ist. Andererseits werden aus marxistischer Richtung theoretisch fundierte Beiträge zur Debatte geliefert, auf die kaum verzichtet werden kann.

Jedoch kommt die Debatte kaum vom Fleck. Während manche Marxist*innen den Vertreter*innen des Klassismusansatzes ankreiden, die Klassenfrage auf ein Anerkennungsproblem zu reduzieren, unterstellen letztere den Marxist*innen mitunter einen platten "Ökonomismus", der keinen Raum lasse für die Thematisierung der persönlichen Erfahrungsebene.

Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, das Anliegen des Klassismusansatzes noch einmal herauszuarbeiten und die marxistische Kritik am Klassismusansatz abrissartig darzustellen. So sollen Fallstricke und Probleme benannt werden, mit denen sich die Vertreter*innen des Ansatzes befassen sollten. Zuletzt wird ausgehend von der These, dass dem Klassismusansatz neue Potenziale der Solidarisierung innewohnen könnten, ein Weg vorgeschlagen, wie diese zu entfalten seien. Damit soll ein Beitrag geleistet werden zu einer produktiven, kritischen Weiterentwicklung der Debatte.

Entwicklung des Klassismusbegriffs

Andreas Kemper, der maßgeblich an der Einführung des Begriffes in den deutschen Kontext beteiligt war und ist, datiert die erste Nutzung von "classism" im beginnenden 20. Jahrhundert.1 Die für die heutige Debatte charakteristische Prägung erhält der Begriff jedoch im Kontext der US-amerikanischen Frauenbewegung der 1970er Jahre. Als Analogie zu racism und sexism gebildet, hebt classism in jener Zeit vor allem auf die unterschiedlichen Existenzbedingungen von Frauen aus der Mittelschicht und der Arbeiterklasse ab. So kritisiert die lesbisch-feministische Gruppe The Furies in ihrem Band Class & Feminism die unreflektierte Voraussetzung mittelständischer Privilegien sowie die Existenz abwertender Vorurteile und Einstellungsmuster in der Frauenbewegung. Diesen classism aufzuarbeiten und praktische Konsequenzen daraus zu ziehen, sei, so Coletta Reid von den Furies, von besonderer Bedeutung für den Aufbau der feministischen Bewegung.2

Als der Begriff "Klassismus" in den frühen 2000er Jahren die deutsche Bühne betritt, geschieht dies unter etwas anderen Vorzeichen. Ihn aufzugreifen erscheint offenbar vor allem für Working Class Academics, d.h. Akademiker*innen mit Arbeiter- oder Armutshintergrund, attraktiv, die ihn für die Auseinandersetzung mit den spezifischen Problemen von Arbeiterkindern an Universitäten nutzen. Dabei werden nicht nur materielle Probleme bei der Studienfinanzierung angesprochen, sondern auch die fehlende soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems sowie Gefühle der Nichtzugehörigkeit und Scham. Diese verschiedenen Hindernisse, die sich Arbeiterkindern im Bildungssystem stellen, werden als "Klassismus" thematisiert - ein Begriff, welcher als Mittel des eigenen "Empowerments" wahrgenommen und genutzt wird. Betont wird von Vertreter*innen des Klassismusansatzes zudem die enge Verzahnung der Begriffsbildung mit der Selbstorganisation in Antiklassismus-Referaten an verschiedenen Hochschulen.

Die deutsche Popularisierung des Klassismusbegriffs fällt in eine Zeit wachsender sozialer Spaltung. Im Kontext der Einführung der Hartz-Gesetze 2004, der Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2008, einem wachsenden Niedriglohnsektor, steigenden Mieten und einer zunehmenden Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse sind zunehmend breitere gesellschaftliche Kreise von Armut gefährdet oder betroffen, während sich der gesellschaftliche Reichtum auf einen immer kleineren Bevölkerungsanteil konzentriert. Damit erodiert der Glaube an den sozialen Aufstieg, gleichzeitig gewinnt die Rede von der "Klassengesellschaft" neue Plausibilität.

Auch wenn die Erfahrungen von Arbeiterkindern im hiesigen Bildungssystem den Ausgangspunkt der Popularisierung des deutschen Klassismusbegriffs bilden, so sind die Umstände, die mit dem Begriff thematisiert werden, doch breit gefächert. Von Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit bis hin zu Problemen studierender Arbeiterkinder werden verschiedenste Lebensbedingungen thematisiert. Sowohl die Ungleichheit des Erbens als auch Stereotype gegen die "Unterschicht" sowie Erfahrungen der Differenz im Vergleich zu Mittelschichtkindern an Schulen und Universitäten werden im Kontext von "Klassismus" aufgeworfen. Geht es einmal um ökonomische Fragen wie Arbeit(slosigkeit), Einkommen und Erben, geht es andererseits um Stereotype und abwertende Vorurteile sowie auch um Gefühle wie Angst und Scham, die mit der eigenen sozialen Herkunft verknüpft werden.

Begriffliche Unschärfe

Möglicherweise liegt gerade in dieser Durchmischung der verschiedenen Ebenen, auf denen die Klassengesellschaft wirkt und die im Kontext von Klassismus thematisiert werden, ein gewisses Potenzial verborgen, kommen damit doch verschiedenste Aspekte der Klassengesellschaft auf den Tisch, die - ohnehin gesellschaftlich kaum thematisiert - zudem auch selten miteinander verknüpft werden. Es ließe sich spekulieren, dass gerade in der Anerkennung dieses Potenzials der Grund zu suchen ist, wieso die Vertreter*innen des Klassismusansatzes eine eher diffuse Konzeption von Klassismus zu bevorzugen scheinen. So schreibt etwa Riccardo Altieri, dass für ihn, "eine irgendwie geartete Diskriminierung auf Basis der sozialen Herkunft" als "grobe Definition dessen, was man sich unter Klassismus vorstellen kann" genüge.3 Andreas Kemper argumentiert in eine ähnliche Richtung, wenn er schreibt, dass "›Klassismus‹ zunächst als Empowerment-Begriff in der links-emanzipatorischen Bewegung geprägt wurde und dass eine gesellschaftsanalytisch-theoriebasierte Schärfung des Begriffs nicht die praktische Verwendbarkeit einschränken sollte."4

Tatsächlich können Begriffsdefinitionen häufig künstlich abschneiden, was sonst hätte fruchtbar weiterentwickelt werden können. Offenbar stehen die verschiedenen Phänomene, die im Kontext von "Klassismus" thematisiert werden, miteinander in Beziehung und es wäre - gerade aus gesellschaftskritischer Perspektive - kontraproduktiv, sich auf bloße Definitionsfragen zu verlegen, statt diesen Beziehungen nachzugehen. Die Anstrengung, den Zusammenhängen zwischen den als klassistisch verstandenen Phänomenen theoretisch nachzuspüren, wird bislang im Kontext des Klassismusansatzes jedoch kaum unternommen. Stattdessen bleiben die Erfahrungen von Obdach- und Arbeitslosen, studierenden Arbeiterkindern sowie Probleme wie Ausbeutung, Armut und abwertende Stereotype unverbunden nebeneinander stehen.5 Vereinigt werden sie lediglich durch den Begriff "Klassismus", nicht aber durch eine theoretische Durchdringung der tatsächlichen Zusammenhänge. Sie wären erst zu dem Ganzen der Klassengesellschaft zusammenzufügen, die sich wiederum in jedem dieser Phänomene zeigt.

Wird von Vertreter*innen des Klassismusansatzes doch der Versuch einer Klärung unternommen, so kommt schnell der Eindruck auf, die Klassengesellschaft, deren verschiedene Phänomene sich unter "Klassismus" subsumiert finden, werde tendenziell als Effekt von Diskriminierung, d.h. vorurteilsgeleiteter Benachteiligung gedacht. Diesen Schluss legt etwa Heike Weinbach nahe, wenn sie schreibt, dass "Unterdrückung und Diskriminierung zum Ausschluss von materiellen Ressourcen" führe.6 Andreas Kemper wiederum bezeichnet den Kapitalismus als ein System, in dem "struktureller Klassismus" vorherrsche, "in der also eine Klasse gegenüber einer anderen systematisch bevorteilt" werde.7 Es stellt sich die Frage, was im Falle von Heike Weinbach Unterdrückung einerseits und Ausschluss von materiellen Ressourcen andererseits sein soll. Auch bei Andreas Kemper existiert eine Trennung zwischen kapitalistischer Gesellschaft und "Bevorteilung" einer Klasse gegenüber einer anderen. Damit fallen bei beiden die Überwindung von Klassismus und Kritik der Klassengesellschaft auseinander. Die Aussage Andreas Kempers an anderer Stelle, dass ›von oben‹ verhindert werde, "dass Klassendiskriminierung als solche anerkannt" werde,8 lässt ebenfalls anklingen, dass für ihn Klassendiskriminierung und Funktionsweise dieser Gesellschaft zwei verschiedene Dinge seien und er damit die Anerkennung (und Überwindung) der Klassendiskriminierung im Rahmen dieser Gesellschaft prinzipiell für möglich halte.

Wird "Klassismus" tendenziell als Vorurteilsstruktur gedacht, auf deren Basis eine soziale Gruppe gegenüber einer anderen "bevorteilt" wird, so wird der Begriff doch andererseits immer wieder für das Ganze der Klassengesellschaft genommen. So wird der "Ausschluss von materiellen Ressourcen"9 als klassistisch thematisiert, was bei Marx (hier gefasst als Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln) als Wesensmerkmal der kapitalistischen Klassengesellschaft angeführt wird. Indem der Klassismusansatz sich somit begrifflich über Kapitalismus und Klassengesellschaft stülpt, andererseits aber eher auf Diskriminierung enggeführt wird, läuft er letztlich Gefahr, die Spaltung der Gesellschaft in Klassen zu einem Problem von vorurteilsbasierter Ungleichbehandlung, somit letzten Endes also in einen Effekt von Ideologie umzudeuten. Damit arbeitet er aber schließlich einer Individualisierung und Kulturalisierung kapitalistischer Vergesellschaftung zu, die aufzubrechen gerade doch das Ansinnen kritischer Gesellschaftstheorie sein müsste.10

Zudem findet durch den Fokus auf Ungleichbehandlung eine Problemverschiebung statt. So wird der marxistische Einspruch gegen die Tatsache, dass einige Wenige durch die Ausbeutung der Arbeit anderer überhaupt erst zu Reichtum gelangen können, tendenziell ersetzt durch eine Orientierung hin auf Chancengleichheit, bei der eher die Bevorteilung anderer Lohnabhängiger im gesamtgesellschaftlichen Wettbewerb kritisiert wird. Die politische Perspektive reduziert sich damit auf das schale Versprechen eines fairen Wettbewerbs der Lohnabhängigen auf dem Arbeitsmarkt. Marxist*innen erheben Einspruch gegen den Klassismusansatz, um diesem Mangel an gesellschaftskritischer Einsicht und Stoßrichtung entgegenzuwirken.

Mögliche Potenziale

Sicherlich darf nicht ignoriert werden, dass Vertreter*innen des Klassismusansatzes die Deutung, es gehe ihnen nur um Anerkennungsfragen oder einen faireren Wettbewerb, immer wieder von sich weisen. Im Kontext von "Klassismus" geht es partiell eben auch um eine grundsätzliche (wenn auch nicht klar herausgearbeitete) Infragestellung von sozialer Ungleichheit und einer gesellschaftlichen Spaltung in Klassen. Insgesamt oszilliert der Begriff somit bislang eher zwischen einem Einspruch gegen Ungleichheit, Armut und Ausbeutung einerseits und einem Antidiskriminierungsansatz andererseits, als dass er klar auf eine der beiden Bedeutungen festgelegt wäre.

Dieses Oszillieren wird dadurch ermöglicht, dass, wie bereits beschrieben, unter der Klammer "Klassismus" zunächst nur verschiedenste Phänomene, die mit der Klassengesellschaft in Verbindung stehen, zusammengeführt werden, der Begriff bzw. das "Wesen" dieser verschiedenen Phänomene aber unterbestimmt bleibt. Dabei ist allerdings bemerkenswert, dass offenbar eine Beziehung gesehen wird zwischen den eigenen Erfahrungen als (Working Class) Academic und lebensweltlich doch recht weit entfernten Problemen wie denen von Obdachlosen, werden doch immerhin beide als klassistisch charakterisiert. Auch wenn dieser Zusammenhang kaum näher bestimmt wird, so kann durchaus als Novum betrachtet werden, dass ein solcher zwischen der eigenen Lebenssituation als Wissenschaftler*in und den Problemen der Marginalisiertesten dieser Gesellschaft überhaupt wahrgenommen wird. Deutet sich hierin ein neuartiger Solidarisierungsprozess an? Entsprechend könnte man das Aufkommen des Klassismusbegriffs als theoretischen Reflex auf eine Verschärfung sozialer Gegensätze betrachten, die sich einerseits z.B. in einer Verknappung bezahlbaren Wohnraums und mehr Obdachlosigkeit niederschlägt, andererseits aber eben auch in einem härteren Wettbewerb an den Universitäten. Dies trifft wiederum zuallererst diejenigen, die die ungünstigeren Voraussetzungen mitbringen, um in diesem Wettbewerb zu reüssieren und Schwierigkeiten abzupuffern: Arbeiterkinder also, die sich nun unter dem Label "Antiklassismus" versuchen, in Reaktion auf diese Entwicklungen zu organisieren.

Will "Klassismus" aber mehr sein als ein Empowermentbegriff, der zudem Gefahr läuft, in erster Linie gegen Mittelschichtkinder, d.h. eben andere Lohnabhängige gerichtet zu sein, sondern will er auch ein kritisches analytisches Potenzial entfalten, mit dem sich die Klassengesellschaft besser zu verstehen hilft, so bedarf es theoretischer Klärung und einer schärferen Begrifflichkeit. Auf diese Weise könnte auch das solidarisierende Potenzial, das in der Thematisierung von "Klassismus" aufscheint, erweitert und gefestigt werden. So könnte deutlich gemacht werden, dass die zunehmend härteren Existenzbedingungen an den Universitäten Teil einer Entwicklung sind, die ebenso Arbeitslose, Mieter*innen und andere Lohnabhängige trifft.

Dabei wäre darauf zu achten, weder die Unterschiede innerhalb der Klasse der Lohnabhängigen zu verwischen, noch sie derart zu verabsolutieren, dass keine Einsicht mehr in das Ganze der Klassengesellschaft gewonnen werden kann.

Anmerkungen

1) Andreas Kemper 2016: Klassismus. Eine Bestandsaufnahme, Erfurt: Friedrich Ebert Stiftung Thüringen: 8.

2) Coletta Reid 1974: "Recycled Trash", in: Charlotte Bunch/Nancy Myron (Hg.): Class & Feminism. A Collection of Essays from THE FURIES, Baltimore, Md.: 64-69; hier: 69.

3) Riccardo Altieri: "Ausstieg aus der Holzklasse" (01.10.2020), online unter www.nd-aktuell.de/artikel/1142553.klassismus-begriff-ausstieg-aus-der-holzklasse.html (Abruf 18.10.2021).

4) Andreas Kemper 2014 "Klassismus: Theorie-Missverständnisse als Folge fehlender anti-klassistischer Selbstorganisation? Replik zu Christian Baron: Klasse und Klassismus, PROKLA 175", in: PROKLA Jg. 44, Nr. 3/Heft 176 (2014): 425-429; hier: 425.

5) Versinnbildlicht findet sich dies im Plakat "Klassismus ist…" der Heinrich-Böll-Stiftung, online unter heimatkunde.boell.de/de/2014/10/15/plakat-klassismus-ist (Abruf 21.10.2021).

6) Heike Weinbach 2006: "Schichtwechsel", in: Forum Wissenschaft Nr. 4/2006, online unter www.bdwi.de/forum/archiv/uebersicht/463567.html (Abruf 21.10.2021).

7) Andreas Kemper 2016 (s. Anm. 1): 8.

8) Ders., "Vom Rassismus und Sexismus zum Klassismus", online unter www.heise.de/tp/features/Vom-Rassismus-und-Sexismus-zum-Klassismus-3387173.html (Abruf 21.10.2021).

9) Heike Weinbach 2006 (s. Anm. 6).

10) Elvira Sanolas 2020: "Klasse in Zeiten der Antidiskriminierung", in: lirabelle Nr. 23 (Herbst 2020), online unter lirabelle.blogsport.eu/2020/10/28/klasse-in-zeiten-der-antidiskriminierung/ (Abruf 21.10.2021).

Maria Neuhauss hat Gesellschaftstheorie an der Universität Jena studiert und arbeitet in der außerschulischen Bildungsarbeit in Sachsen-Anhalt.

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