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Runter mit dem Lehrdeputat!

16.09.2023: Zur Lehrverpflichtung an HAWen

  
 

Forum Wissenschaft 3/2023; Foto: Mo Photography Berlin / shutterstock.com

Auch wenn sich in letzter Zeit manche Annäherung feststellen lässt, bestehen nach wie vor erhebliche Unterschiede zwischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAWen) und Universitäten, sei es eine stärkere Praxisorientierung, fehlende Promotionsrechte oder das Primat der Lehre gegenüber der Forschung. Damit einher geht eine besonders hohe Lehrbelastung. Dagegen artikuliert sich Unmut von Lehrenden, berichtet Julika Bürgin. Die Lehrverpflichtung müsse reduziert werden.

Im Jahr 1977 legte die Kultusministerkonferenz in ihrer "Vereinbarung über die Lehrverpflichtung an wissenschaftlichen Hochschulen und Fachhochschulen" das Lehrdeputat für Professor*innen an "wissenschaftlichen Hochschulen" auf 8 Lehrveranstaltungs- bzw. Semesterwochenstunden (SWS) und an Fachhochschulen auf 18 SWS fest.1 Die Bundesländer konkretisieren die Lehrpflicht der unterschiedlichen Personalgruppen und Hochschultypen auf Grundlage der jeweiligen Hochschulgesetze in ihren Lehrverpflichtungsverordnungen. Hierzu gehören auch die Lehrkräfte für besondere Aufgaben (LfbA), die in Hessen, das in diesem Beitrag mehrfach als Beispiel herangezogen wird, an Universitäten 14 bis 18 SWS, an Fachhochschulen, die heute meist als Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAWen) bezeichnet werden, 24 SWS lehren.

Die Entwicklung der Fachhochschulen aus früheren Fachschulen war Teil der bundesrepublikanischen Bildungsreformen und sollte den gestiegenen Bedarf an wissenschaftsbasiertem Wissen in unterschiedlichen Berufsfeldern sichern.2 Sie wurden seit 1968 mit dem Ziel gegründet, "eine wachsende Zahl an Studierenden auf wissenschaftlicher Basis anwendungs- und praxisorientiert auszubilden und zu anspruchsvollen Tätigkeiten zu befähigen"3. Das Hochschulrahmengesetz von 1976 stellte Fachhochschulen auf die gleiche tertiäre Stufe des Bildungssystems wie Universitäten und billigte ihnen die Freiheit von Forschung und Lehre sowie akademische Selbstverwaltung zu.4 Insofern war es schon im Jahr 1977 fraglich, "wissenschaftliche Hochschulen" von Fachhochschulen zu unterscheiden. Allerdings war damals der "Primat der Lehre" der Fachhochschulen durch entsprechende Relationen von Professor*innen zu Studierenden untermauert und einen Forschungsauftrag für Fachhochschulprofessor*innen gab es nicht. Dies war der Sachgrund für ihre erhöhte Lehrpflicht. Entsprechend wies der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim im Jahr 1993 eine Klage von Fachhochschulprofessor*innen wegen Ungleichbehandlung gegenüber Universitätsprofessor*innen zurück.5

Spätestens seitdem infolge der Bologna-Erklärung im Jahr 1999 Bachelor- und Masterstudiengänge an HAWen und Universitäten eingeführt und ihre Abschlüsse gleichgestellt wurden, ist es nicht mehr möglich, die HAWen auf einen Ausbildungsauftrag zu reduzieren, auch wenn viele universitäre Standesvertreter*innen dies weiter tun. Bundes- und Landesgesetzgeber haben die Aufgaben der HAWen denen der Universitäten angenähert, insbesondere Forschung als Aufgabe HAW-Professor*innen ausdrücklich zugewiesen.

Gegen einen umfassenden wissenschaftlichen Auftrag gibt es seit jeher Widerstand aus den Universitäten6, jüngst auch im Zusammenhang mit dem eigenständigen Promotionsrecht an HAWen, das einige Bundesländer seit 2016 unter deutlich schärferen Voraussetzungen und schlechteren Rahmenbedingungen gewähren.7 Die HAWen hingegen forcieren die Angleichung an die Aufgaben der Universitäten. Die Namensergänzung "University of Applied Sciences" bzw. vollständige Umbenennung (Frankfurt am Main) dokumentiert ein Selbstverständnis, nachdem der Unterschied zu den Universitäten einzig im Anwendungsbezug bestehe.

Die Ausweitung der Aufgaben ging allerdings nicht mit einer entsprechenden Ausweitung der Grundfinanzierung für Forschung und Lehre einher. Gemessen am neuen Auftrag muss vielmehr von einer strukturellen Unterfinanzierung gesprochen werden, die weiterhin mit einem "Primat der Lehre" an HAWen legitimiert und durch selektive Anreiz- und Belohnungssysteme verdeckt wird.

Kostengünstige Akademisierung

Für jede*n Student*in an einer Universität (ohne Medizin) gaben die Bundesländer im Jahr 2020 an Grundmitteln durchschnittlich 8.400 Euro aus, für jede*n Student*in an einer HAW (ohne Verwaltungsfachhochschulen) 6.200 Euro.8 HAWen unterscheiden sich von Universitäten nicht nur (und dies auch nicht systematisch) durch ihren Anwendungsbezug, sondern vor allem dadurch, dass junge Menschen dort mit deutlich geringerem Mitteleinsatz als an Universitäten zu einem Hochschulabschluss geführt werden können.

Das bildungspolitische Ziel, die Akademiker*innenquote zu erhöhen, ließ sich kostengünstig durch einen Aufwuchs der Studierendenzahlen an HAWen bewerkstelligen. Während sich die Zahl der Studierenden an Universitäten vom Wintersemester 2006/2007 bis zum Sommersemester 2022 von 1.377.444 auf 1.645.176 eher geringfügig erhöhte, verdoppelte sich beinahe die Zahl der Studierenden an HAWen (ohne Verwaltungsfachhochschulen) von 541.924 auf 1.020.152.9 Dass sich die Bedingungen der Lehrenden und somit auch der Lehre an Universitäten und HAWen grundlegend unterscheiden, bildet zunächst haushaltspolitische Rationalität ab.

Lehrkräfte für besondere Ausbeutung

Warum Lehrkräfte für besondere Aufgaben an HAWen eine deutlich höhere Lehrpflicht haben als an Universitäten, lässt sich in Hessen weder der Lehrverpflichtungsverordnung, noch dem Hochschulgesetz entnehmen, in dem es unabhängig von der Hochschulart in §73 heißt: "Die Vermittlung praktischer Fertigkeiten und auf wissenschaftlicher Grundlage beruhender Kenntnisse, deren Vermittlung nicht die Einstellungsvoraussetzungen nach §68 [Professor*innen, J.B.] erfordert, kann Lehrkräften für besondere Aufgaben übertragen werden."

Diese besonders hochbelastete Personalkategorie wurde erst mit der Bologna-Reform eingeführt und in den vergangenen Jahren ausgebaut, wobei die Lehrgebiete der LfbA in der Praxis keineswegs überall strikt von denen der Professor*innen getrennt werden. Es kommt vor, dass geplante Professuren mit Lehrkräften besetzt werden. Zwei Evangelische Hochschulen schrieben Stellen von vornherein als Professuren oder Lehrkraft für besondere Aufgaben aus.10 Die Personalkategorie der Lehrkräfte für besondere Aufgaben erscheint vielfach als Mogelpackung, weil hier nicht "besondere", also wissenschaftlich weniger anspruchsvolle und somit weniger vor- und nachbereitungsintensive, sondern reguläre Lehre geleistet wird. Dies betrifft mutmaßlich auch die Universitäten (an denen mitunter die Promotion für die Einstellung gewünscht wird), wiegt aber an den HAWen aufgrund der nochmals deutlich höheren Lehrverpflichtung besonders schwer.

18 SWS / 24 SWS: Folgen

Die im Vergleich zu Universitäten durchschnittlich weiterhin (wenngleich zunehmend weniger signifikant) kleineren Lerngruppen an HAWen kompensieren die deutlich höhere Anzahl von Lehrveranstaltungen nicht. Zwar kann der Aufwand für Sprechstunden und Prüfungen geringer sein. Der zeitliche Bedarf für die Entwicklung von Lehrkonzepten, fachwissenschaftliche Aktualisierung, Literaturauswahl, praktische Vorbereitung, Umsetzung, Administration von Lernplattformen, Auswertung der Lehrevaluation, Nachbereitung und Weiterentwicklung der Lehrkonzepte ist jedoch weitgehend unabhängig von der Gruppengröße.

Das hohe Deputat an HAWen hat erstens Folgen für die Lehrenden: Die Arbeit verdichtet und entgrenzt sich, die tarif- bzw. dienstrechtliche Arbeitszeit wird regelmäßig überschritten. Viele Lehrende sind erschöpft oder gesundheitlich gefährdet, vorgezogene Ruhestandsoptionen werden genutzt. Für Professor*innen gilt es als normal, dass sie, abgesehen von Forschungssemestern, abends, an Wochenenden oder im Urlaub an Veröffentlichungen arbeiten oder forschen oder sich Transferaufgaben widmen. Die Folgen treffen zweitens die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit: Die eigenen Ansprüche an die Güte der Lehre können oft nicht erfüllt werden; für Professor*innen auch an Forschung, Publikationen und Third Mission. Vom Qualitätsverlust der Lehre sind insbesondere Studierende ohne akademischen Hintergrund betroffen, die sich häufiger als Studierende aus Akademikerfamilien an HAWen einschreiben.11 Drittens sind die HAWen als Organisationen betroffen und somit auch die Erfüllung ihres gesellschaftlichen Auftrages. Die Beteiligung an den vielfältigen Prozessen auf Fachbereichs- und Hochschulebene, von Studiengangentwicklung bis Strategieplanung muss hinter die Lehrpflicht zurücktreten. In Verbindung mit dem sukzessiven Ausbau der zentralen Hochschulverwaltungen führt dies zu einem präsidialen Machtzuwachs gegenüber der akademischen Selbstverwaltung. Auch wissenschaftspolitische Paradigmenwechsel können so weitgehend kritiklos durchgestellt werden. So führt der Auftrag des novellierten Hessischen Hochschulgesetzes, Forschungsschwerpunkte zu bilden (§33), auf Hochschulebene bereits zur fachlichen Engführung des Mitteleinsatzes.

Für Professor*innen produziert die Absorption in der Lehre (in Verbindung mit den zahlreichen, zunehmenden und unausweichlichen Verwaltungsprozessen) ein berufsbiographisches Risiko, da Forschung zu den Dienstaufgaben gehört. Diese zu vernachlässigen, verstößt gegen die Dienstpflichten. Der Niedersächsische Hochschullehrerbund beantragte auch deshalb im Jahr 2019 beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg eine Normenkontrolle wegen Ungleichbehandlung der Professor*innen an HAWen gegenüber Universitätsprofessor*innen hinsichtlich ihrer Lehrverpflichtung.12 Der Normenkontrollantrag wurde aus formalen Gründen abgelehnt, da die Jahresfrist der letzten rechtlichen Neuregelung verstrichen sei.13

Nur folgerichtig haben HAWen zunehmend Schwierigkeiten, Professuren zu besetzen14, natürlich auch wegen der im Vergleich zu Universitäten grundsätzlich niedrigeren W2-Besoldung und der deutlich schlechteren personellen und sachlichen Ausstattung.

Forderungen und Antworten

Der Hochschullehrerbund, Berufsverband von Professor*innen an HAWen, fordert in seiner Kampagne "Erfolg braucht…" eine Absenkung des Lehrdeputats der HAW-Professor*innen auf 12 Semesterwochenstunden.15 Auch in Berlin fordern Professor*innen im Bereich Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung, organisiert in der Gewerkschaft ver.di, in einer Petition an den Wissenschaftssenat eine Absenkung des Lehrdeputates auf 12 SWS.16 In Hessen fordert ein Offenes Netzwerk der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) "Runter mit dem Lehrdeputat an HAWen!" für Professor*innen und für Lehrkräfte für besondere Aufgaben.17 Die GEW Hessen legte zur Novellierung der hessischen Lehrverpflichtungsverordnung im Jahr 2022 einen eigenen Vorschlag vor, der eine Gleichstellung von Lehrenden an Universitäten, HAWen, und Kunst- und Musikhochschulen sowie eine Anrechnung von weiteren Dienstpflichten auf das Lehrdeputat unabhängig von Stellenkategorie und Hochschultyp vorsieht.18

Bislang beißen alle Initiativen für eine deutliche Absenkung der Lehrverpflichtung an HAWen bei den zuständigen Wissenschaftspolitiker*innen auf Granit. In Hessen will das bündnisgrüne Wissenschaftsministerium im Jahr 2023 mit einer neuen Lehrverpflichtungsverordnung alles beim Alten belassen und folgerichtig auch die neuen "Hochschullektor*innen" an HAWen (wenn sie dort überhaupt eingestellt werden) zu einem deutlich höheren Deputat (i.d.R. 18 SWS) verpflichten als an Universitäten (8 bis 14 SWS) und künstlerischen Hochschulen (i.d.R. 8, höchstens 18 SWS).

Höhere Lehrdeputate seien die Folge kleinerer Lerngruppen an HAWen und durch diese zu rechtfertigen, so lautet das Kernargument.19 Allerdings verschlechterte sich die Relation Studierende pro Professor*in von 36,5:1 im Jahr 2005 auf 44,9:1 im Jahr 201420 und 50,1:1 im Jahr 2018.21 Gegenüber dem Jahr 1972, als 16,4 Studierende auf eine*n Professor*in kamen22 , hat sich die Zahl der Studierenden pro Professor*in also mehr als verdreifacht. Zwar stieg die Zahl der Professor*innen an staatlichen Allgemeinen Fachhochschulen von 2005 bis 2014 um 23%, die Zahl der Studierenden stieg im selben Zeitraum allerdings um 51%23, was auch nicht durch LfbA-Stellen kompensiert wurde. Der "Primat der Lehre", dem der Wissenschaftsrat die HAWen weiterhin verpflichtet sieht24, wird als Argument für die hohe Lehrpflicht ins Feld geführt, ist aber längst materiell ausgehöhlt.

Auf eine kleine Anfrage der SPD im Hessischen Landtag zur Lehrverpflichtungsverordnung antwortete Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Bündnis 90/Die Grünen): "Die Lehrverpflichtung der Angehörigen der unterschiedlichen Personalkategorien ist hierbei grundsätzlich so angelegt, dass die Bewältigung aller Dienstaufgaben in der regelmäßigen Arbeitszeit möglich ist." Zusätzliche Professuren sollen die Betreuungsrelationen an HAWen verbessern, aber: "Eine flächendeckende Reduktion der Lehrverpflichtung ist gegenwärtig nicht geplant."25 Das Signal ist deutlich: Lehrende an HAWen sind selbst verantwortlich, wenn sie ihre Dienstaufgaben in der regelmäßigen Arbeitszeit nicht bewältigen können. "Flächendeckend" haben Lehrende daher keine Reduktion der Lehrverpflichtung zu erwarten - aber möglicherweise selektiv, sofern sie Professor*innen sind.

Ausdifferenzierungen

Seitdem der Wissenschaftsrat 2016 als zentrale Herausforderung für HAWen feststellte, geeignete Professor*innen zu gewinnen, ist die "attraktivere Ausgestaltung der Professur" auf der Agenda. Der Wissenschaftsrat empfiehlt unter anderem "Schwerpunktprofessuren", deren Inhaber*innen "Aufgabenschwerpunkte in definierten Leistungsdimensionen übernehmen und so dazu beitragen können, die Profilbereiche der Fachhochschulen zu stärken". Befristet und leistungsorientiert sollen sie zur Erfüllung dieser Aufgaben ein reduziertes Lehrdeputat von durchschnittlich 11 Stunden erhalten. Bereits 2010 befand der Wissenschaftsrat, dass "die Höhe individueller Lehrdeputate von Fachhochschulprofessorinnen und -professoren flexibler und differenziert gehandhabt werden" sollte. Befristet und leistungsbezogen sollten Professuren mit Schwerpunkt in der Forschung mit einer Lehrverpflichtung von 9 SWS eingerichtet werden.

Auf Hochschulebene greifen bereits diverse Mechanismen, mit denen die Lehrpflicht der Professor*innen unter spezifischen Voraussetzungen reduziert werden kann. Dazu müssen sie Zusätzliches oder Besonderes leisten. Die immer temporären und an die erfolgreiche Akquise von Drittmitteln gebundenen Entlastungsmöglichkeiten für Forschung laufen zudem häufig ins Leere, weil Professor*innen durch den Umfang der Lehre (und weitere Dienstaufgaben) derart gebunden sind, dass sie kein Umfeld für dauerhafte wissenschaftliche Diskurse, Forschung und Nachwuchsqualifizierung schaffen können - abgesehen von fehlenden Sachmitteln und administrativem Personal. Es entstehen neue Trennlinien zwischen denjenigen, die unter widrigen Bedingungen von der Lehre insbesondere für Forschung entlastet werden und denjenigen, denen das nicht gelingt - oder die schlichtweg gute Lehre verwirklichen wollen. Dirk Martin weist darauf hin, dass die expliziten Anreize zu konkurrenziellem Verhalten zwischen den Lehrenden und die individuellen Strategien, die kaum zu tragende Last eines vollen Deputats irgendwie zu verringern, "längst zu einer Fragmentierung der Interessenlagen geführt" haben.26 Dies betrifft die Gruppe der Professor*innen, denn Lehrkräfte für besondere Aufgaben haben an HAWen - zumindest in Hessen (und dort im Unterschied zu Universitäten) - keine Optionen, ihr Deputat zu verringern. Vielmehr ist ihnen zugedacht, auch die Lasten, die durch professorale Entlastung verschoben werden, abzufangen.

Die Differenzierungsprozesse richten sich nach innen und nach außen.27 Der Wissenschaftsrat kam im Jahr 2010 zum Schluss, dass die hochschulrechtliche Typendifferenz zwischen Universität und Fachhochschule weiterhin funktional sei und bestehen bleiben solle. Allerdings habe im Bereich der Universitäten und der Fachhochschulen bereits eine Ausdifferenzierung stattgefunden, durch die die herkömmliche Unterscheidung zwischen den beiden Hochschularten in manchen Aspekten überholt worden sei. Der Wissenschaftsrat erwartet, dass zwei Hochschultypen die Vielfalt gesellschaftlicher und individueller Belange nicht vollständig abbilden wird. Daher sollte dem Fachhochschulsektor eine funktionsadäquate und bedarfsorientierte Ausdifferenzierung ermöglicht werden. Es könne dadurch in Teilbereichen zu neuen Ähnlichkeiten oder Unterschieden der Hochschultypen und der Einzelinstitutionen kommen, auch neue Hochschulformen und -formate sollten zugelassen werden.28

Warum und wohin?

Das Promotionsrecht ist der letzte Baustein für die HAWen, in jeder Hinsicht als wissenschaftliche Hochschulen anerkannt und mit den entsprechenden Erwartungen bedacht zu werden. Es wäre daher der kritische Moment (gewesen), Bedingungen zu formulieren, um diese Erwartungen erfüllen zu können - oder den weiteren Erwartungszuwachs im Wissen um die Folgen abzulehnen. Stattdessen befürworten insbesondere institutionelle und professionspolitische HAW-Akteur*innen das Promotionsrecht voraussetzungslos, wobei das Schweigen vieler Professor*innen nicht unbedingt als Zustimmung gewertet werden darf. Auch der Hochschullehrerbund sowie die GEW auf Bundesebene begrüßen das eigenständige Promotionsrecht an HAWen. Die Hoffnung der GEW, dass das Promotionsrecht die Grundfinanzierung für einen wissenschaftlichen Mittelbau nach sich ziehen würde, hat sich zwar in Hessen teilweise erfüllt und zukünftig soll das Deputat für die Betreuung von Promotionen reduziert werden "können", an der strukturellen Unterfinanzierung der HAWen und an der Überlastung der Professor*innen, die Doktorand*innen betreuen sollen, wofür sie selbst forschen müssen, ändert dies nichts.

Das Promotionsrecht, das als Möglichkeit daherkommt, ist eine klare Erwartung an die HAWen und ihre Professor*innen, "denn eine Nicht-Inanspruchnahme dieser neu geschaffenen Option würde sowohl mit mangelndem Forschungswillen als auch ungenügender Forschungsstärke und -kompetenz gleichgesetzt."29 Die Steuerung über Ziele, ohne dass die Beschäftigten auf die Bedingungen ihrer Erreichung nennenswerten Einfluss haben, ist in der Privatwirtschaft etabliert. Anders als dort werden Lehrende an staatlichen Hochschulen mit unbefristeten Verträgen aber nicht durch Angst vor Arbeitsplatzverlust angetrieben, der bei verbeamteten Professor*innen nahezu ausgeschlossen ist. Warum lassen diese sich also auf Arbeitsbedingungen ein, die dienstrechtlich fraglich sind, und unterstützen sogar mit dem Promotionsrecht die weitere Spreizung zwischen Rahmenbedingungen und Anforderungen?

Im wissenschaftlichen Feld sind die Leistungen der HAWen weniger anerkannt als die der Universitäten, da wissenschaftliche Reputation primär durch publizierte Forschungsleistungen erworben wird. Da die Voraussetzungen schlechter sind, fallen die Leistungen geringer aus und auch anwendungsorientiert zu forschen, kann weniger reputationsfördernd sein. "Da Reputation die entscheidende Währung im Wissenschaftssystem ist, liegt hier eine zentrale Herausforderung."30

Für den Bereich der Sozialen Arbeit analysiert Maja Suderland die Gründe, warum Professor*innen die ungünstigen Rahmenbedingungen des Promotionsrechtes klaglos bis begeistert hinnehmen, anstatt Forderungen zu stellen: "Wissenschaftlich sozialisiert in einem Feld, in dem Leiden Leidenschaft bedeutet und als hinzunehmendes Leiden verkörpert werden muss, in dem die geltende Währung unhinterfragbar erscheint - peer reviewed Publikationen, Drittmittel, ›eigener‹ wissenschaftlicher Nachwuchs usw. - springen sie auf die von der Politik in Aussicht gestellte Belohnung gerne an, nämlich endlich als gleichberechtigte Wissenschaftler*innen anerkannt zu werden, endlich wieder im wissenschaftlichen Spiel zu sein, aus dem sie bisher per definitionem mangels Promotionsrecht ausgeschlossen waren."31

Die Zukunft der "Typendifferenz" der Hochschulen ist wenig umkämpft, aber offen. Indem die HAWen dokumentieren, dass Lehre, Forschung und nun auch Promotionen kostengünstig machbar sind, liefern sie die haushaltspolitische Vorlage für die weitere Entwicklung der inneren und äußeren Ausdifferenzierung des Hochschulsystems.

Anmerkungen

1) Nicolai Müller-Bromley 2019: "Verpflichten veränderte Rahmenbedingungen zu einer Anpassung des Lehrdeputats?", in: Die Neue Hochschule 4/2019: 16-19; hier: 16.

2) Barbara Thiessen 2019: "Fachhochschulprofessur: Dynamiken von Organisation und Rolle im Wandel", in: Die Neue Hochschule 4/2019: 12-15; hier: 12.

3) Wissenschaftsrat 2016: Empfehlungen zur Personalgewinnung und -entwicklung an Fachhochschulen, Weimar / Köln: 20.

4) Barbara Thiessen 2019 (s. Anm. 2): 13.

5) Nicolai Müller-Bromley 2019 (s. Anm. 1): 17.

6) Vgl. Jochen Struwe 2019: "Die HAW-Professur gestern, heute - und morgen?", in: Die Neue Hochschule 4/2019: 8-11; Barbara Thiessen 2019 (s. Anm. 2): 14f.

7) Zum Pionierbundesland Hessen vgl. Julika Bürgin, Maja Suderland 2017: "Billiger promovieren an Fachhochschulen?" In: HLZ 1-2/2017: 23; Maja Suderland 2020: Wissenschaft als Leidenschaft? Das hessische Promotionsrecht für Fachhochschulen zwischen Aussicht auf Reputationsgewinn und Billig-Promotion (unveröffentlicht).

8) Statistisches Bundesamt 2022: Bildungsfinanzbericht 2022. Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden: 61.

9) Statistisches Bundesamt 2023: Bildung und Kultur. Studierende an Hochschulen. Fachserie 11, Reihe 4.1, Wiesbaden: 7.

10) EH Ludwigsburg: W2 Professur (50%) oder Lehrkraft für besondere Aufgaben (50%-70%) für das Fachgebiet "Diakoniewissenschaft und diakonische Praxis" (zum 01.09.2023); EH Nürnberg: Professorin/Professor (m/w/d) für Psychologie oder Lehrkraft für besondere Aufgaben (m/w/d) für Psychologie, Teilzeit-Umfang 75% (zum Sommersemester 2024).

11) Vgl. Barbara Thiessen 2019 (s. Anm. 2): 14.

12) www.erfolg-braucht.de/presse/hlb-niedersachsen-klagt-gegen-lehrverpflichtung-von-18-sws-an-hochschulen-fuer-angewandte-wissenschaften.

13) Oberverwaltungsgericht Niedersachsen Urt. v. 18.11.2020, Az.: 2 KN 644/19.

14) Vgl. Wissenschaftsrat 2016 (s. Anm. 3).

15) www.erfolg-braucht.de.

16) weact.campact.de/petitions/professionalisierung-sichern-im-bereich-sozialer-arbeit-gesundheit-erziehung-und-bildung-sage, zum Werkstattbericht der "Hochschullehrenden-Care-Initiative" siehe Ulrike Eichinger, Julia Franz, Barbara Schäuble, Sandra Smykalla 2022: "Werkstattbericht: Konflikte von Hochschullehrenden in der Sozialen Arbeit - Schritte der Selbstorganisation", in: Widersprüche, 42. Jg., Heft 165: 25-36.

17) www.gew-hessen.de/bildungsbereich/runter-mit-dem-lehrdeputat

18) www.gew-hessen.de/fileadmin/user_upload/1_themen/bildung/hochschule/Runter_mit_dem_Lehrdeputat/Bes_049_Runter_mit_der_Lehrverpflichtung_Fuer_gute_Lehre_und_Arbeitsbedingungen_an_hessischen_Hochschulen.pdf.

19) Vgl. auch Wissenschaftsrat 2016 (s. Anm. 3): 20.

20) Ebd.: 96.

21) Jochen Struwe 2019 (s. Anm. 6): 9.

22) Ebd.: 8f.

23) Wissenschaftsrat 2016 (s. Anm. 3): 96.

24) Wissenschaftsrat 2010: Empfehlungen zur Rolle der Fachhochschulen im Hochschulsystem. Drucksache 10031-10, Berlin: 33.

25) Kleine Anfrage von Dr. Daniela Sommer (SPD) vom 10.05.2022 und Antwort Ministerin für Wissenschaft und Kunst 27.06.2022, Drucksache 20/8440.

26) Dirk Martin 2021: Diskussionsvorlage zu Perspektiven und Strategien für eine Reduktion des Lehrdeputats an HAW zum zweiten Treffen des offenen GEW-Netzwerks "Runter mit dem Lehrdeputat an HAWen in Hessen" am 1.10.21: 3 (unveröffentlicht).

27) Vgl. auch Dirk Martin 2021 (s. Anm. 26).

28) Wissenschaftsrat 2010 (s. Anm. 24): 5.

29) Maja Suderland 2020 (s. Anm. 7): 19.

30) Ebd.: 20.

31) Ebd.: 24; kursive Hervorhebungen entfernt.

Julika Bürgin ist Professorin für Bildung der Lebensalter und politische Bildung am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Sie ist Mitglied der GEW und hat das Netzwerk "Runter mit dem Lehrdeputat an HAWen in Hessen!" mit initiiert.

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