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Klaus Holzkamp

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Imperialismus aktuell

15.02.2004: Was folgt dem kurzen Zeitalter der Globalisierung?

  
 

Forum Wissenschaft 1/2004

Die Herausbildung des kapitalistischen Weltmarktes sowie der damit verbundene Wandel imperi-alistischer Herrschaft waren in den 1970er Jahren vieldiskutierte Themen, die politischen Schlussfolgerungen waren jedoch meist durch Parteinahme für eines der damals existierenden Sozialismus-Modelle bestimmt. Nach 1989 traten linke Debatten hinter kapitalistischen Triumphalismus und vage Globalisierungsrhetorik zurück. Seit Krieg und Krise wieder die Wahrnehmung des kapitalistischen Alltags bestimmen, plädiert Ingo Schmidt dafür, die alten Debatten wieder aufzunehmen und neue Schlüsse zu ziehen.

Die 1990er Jahre waren das Jahrzehnt der Globalisierung: Kein anderes Wort wurde in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft so häufig verwendet, um Veränderungen zu erklären, Handlungen zu begründen und Interessen zu legitimieren. Dabei schälten sich auf Seiten der GlobalisierungsbefürworterInnen zwei Hauptströmungen heraus: Verstanden die einen unter Globalisierung die Verbreitung eines flexiblen Kapitalismus nach US-amerikanischem Vorbild in anderen Ländern,1 so sah die andere Richtung nationalstaatliche Grenzen im entstehenden Weltmarkt vollkommen untergehen.2 Jenseits der Frage, ob Politik gänzlich überflüssig werde oder zur (Durch-)Setzung eines rechtlichen Rahmens weiterhin erforderlich sei, war man sich jedoch insofern einig, dass sich künftig alle Länder und Regionen in einen gemeinsamen Weltmarkt integrieren und dabei auf die Herstellung solcher Waren spezialisieren würden, bei denen sie über komparative Kostenvorteile verfügen.

Dagegen wiesen GlobalisierungskritikerInnen darauf hin, dass zunehmende Weltmarktintegration mit zunehmender Ungleichheit innerhalb sowie auch zwischen einzelnen Ländern einhergeht.3 Im Widerspruch zu diesem Strang der Kritik wurde von anderen der empirische Gehalt der Globalisierungsthese bestritten und mit Verweis auf Waren- und Kapitalströme von der Herausbildung dreier ökonomischer Großregionen in Nordamerika, Westeuropa und Ostasien gesprochen.4 Die politischen Implikationen blieben in beiden Fällen unklar: Einerseits wurde zunehmende Ungleichheit zwar beklagt, aber dennoch als unausweichlich dargestellt. Andererseits blieb die Behauptung, Globalisierung sei ein ideologisches Konstrukt, das empirisch nicht belegt sei, insofern folgenlos, als diese Ideologie politisch äußerst wirkungsmächtig wurde. Selbst konzeptive Ideologen der Sozialdemokratie argumentierten, dass sozialer Ausgleich langfristig zwar ein höheres Maß an Effizienz als ein flexibilisierter Kapitalismus erlaube, sich aber angesichts des mit der Globalisierung verbundenen Wettbewerbsdrucks nicht finanzieren lasse.5

Das Ende des »Kalten Krieges«, die daraus abgeleitete Hoffnung auf eine ökonomische Friedensdividende sowie ein nach kurzer Rezession in den frühen 1990er Jahren einsetzender Wirtschaftsaufschwung verliehen der Globalisierungsthese eine gewisse Plausibilität. Krisen wie 1997 in Asien und 1998 in Russland und Brasilien sowie die allgemein steigende Ungleichheit galten gemeinhin als vorübergehende Erscheinungen, die im Zuge anhaltenden Wachstums vermieden bzw. abgebaut werden würden. Beständig steigende Wertpapierpreise wurden in dieser Zeit als Vorboten grenzenloser Prosperität angesehen. Erst nach dem Platzen der Spekulationsblase sowie einer zeitgleich einsetzenden Konjunkturkrise wurde einer breiten Öffentlichkeit deutlich, worauf zuvor nur wenige SkeptikerInnen hingewiesen hatten,6 nämlich dass sich keineswegs weltweit eine New Economy ausgebreitet, sondern ein Spekulationsboom in den USA kurzfristig zu Wachstum, längerfristig aber zur Entstehung enormer Überkapazitäten und privater Schulden geführt hatte.

Spekulationen über ökonomische Globalisierung und New Economy hatten vorübergehend eine Entwicklung in den Hintergrund treten lassen, die unmittelbar nach Ende des »Kalten Krieges« eingesetzt hatte: Den Einsatz militärischer Gewalt zur Durchsetzung einer ausschließlich - je nach Standpunkt - westlichen oder US-amerikanischen Werten verpflichteten Weltordnung. Die Kriege im Mittleren Osten, in Zentralasien und auf dem Balkan sind Schauplätze dieser gewaltsamen Verbreitung der Menschenrechte. Dabei zeichnet sich immer deutlicher ab, dass den militärischen Interventionen eine dauerhafte Präsenz ausländischer Truppen folgt und auch der Aufbau neuer politischer Strukturen weitgehend von außen gesteuert wird. Offen wird in den USA die Notwendigkeit eines neuen Imperialismus diskutiert.7 Es wird behauptet, dass kulturelle Unterschiede zum Westen in vielen Ländern der Welt zur Herausbildung politischer Institutionen geführt hätten, die durch Patronage und Korruption geprägt seien, so dass sie keinen effizienten, der Warenzirkulation förderlichen Rechtsrahmen darstellen. Auf ein einfache Formel gebracht: Nicht-westliche Zivilisationen führen zu State-Failure, weshalb ein vom Westen unterstütztes Nation-Building notwendig wird. Bemerkenswert ist dabei die Verschiebung von der ökonomistischen Globalisierungsideologie zu einem kulturalistischen Menschenrechtsimperialismus.8 Dabei wäre doch die Frage naheliegend, ob weltwirtschaftliche Entwicklungen, die durch den Begriff der »Globalisierung« eben nicht angemessen erfasst worden sind, zur Erklärung des permanenten Weltordnungskrieges mehr beitragen können als die semantisch modernisierte Behauptung, der weiße Mann habe die Bürde der Zivilisierung der Welt zu tragen.9

Imperialism revisited

Dass imperialistische Politik ökonomisch motiviert sein könnte, ist keine neue Idee. Erstmals war diese Position von dem Linksliberalen John Hobson vertreten worden,10 der darlegte, dass unzureichende Lohnentwicklung in den Industrieländern zu mangelnder Massenkaufkraft führt, weshalb Kapital, das aufgrund fehlender Nachfrage im Inland nicht rentabel angelegt werden kann, in nicht-industrialisierte Weltregionen exportiert werde und dort mit dem Aufbau von Kolonien verbunden sei. Um außenpolitischen Konflikte im Zusammenhang mit von Nationalismus und Kolonialismus zu vermeiden, schlug Hobson vor, durch steigende Löhne und den Aufbau eines Sozialsystems ausreichend Binnennachfrage zu schaffen, um Unterkonsumtionskrisen und hierdurch angestoßene Kapitalexporte überflüssig zu machen. Lenin übernahm Hobsons Analyse in weiten Teilen, zog daraus aber andere Schlussfolgerungen. Nach dem Übergang vom Wettbewerbs- zum Monopolkapitalismus seien dauerhafte Sozialreformen unmöglich. Da der Kapitalismus ohne Wettbewerb stagniere, können steigende Gewinne nur durch permanenten Druck auf die Löhne sowie die ökonomische Ausbeutung der Kolonien realisiert werden.

Schien sich die These Lenins, der Monopolkapitalismus führe notwendig zu Krieg und Krise, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erfüllen, so konnten nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegende Sozialreformen in den kapitalistischen Industrieländern durchgesetzt werden. Darüber hinaus gelang es dem inzwischen entstandenen US-Empire, die imperialistische Konkurrenz der alten Kolonialmächte einzuhegen und die Führung gegenüber dem Block der staatssozialistischen Länder zu übernehmen.

Wurde der Imperialismusbegriff von der politischen Rechten bzw. auch Liberalen fallengelassen, seit er von der Linken übernommen worden war, so hatte diese nun Probleme, eine Entwicklung zu erklären, die sich mehr in die liberale Weltsicht Hobson fügte als in die revolutionären Strategien Lenins. Der im Osten regierende Parteikommunismus löste dieses Problem, in dem die Thesen Lenins zu endgültigen Wahrheiten, ansonsten aber der Übergang von der imperialistischen Konkurrenz zu der zwischen dem imperialistisch-antidemokratischen gegen das antiimperialistisch-demokratische Lager erklärt wurde.11

Kritik an dieser Lager- sowie an der Lenin’schen Imperialismustheorie wurde wenig später von der Neuen Linken im Westen vorgenommen. Aus der Akkumulation des Kapitals wurde das Überschreiten nationalstaatlicher Grenzen und die Herausbildung eines Weltmarktes jenseits dieser Grenzen abgeleitet;12 in mancher Hinsicht eine marxistische Frühform späterer Globalisierungsthesen. Außerdem wurden theoretische und empirische Zweifel an der wirtschaftlichen Ausbeutung der kapitalistischen Peripherie geäußert. Trotz der Kapitalexporte aus Metropolen seien Wertschöpfung und erst recht der Transfer von Werten aus der Peripherie viel zu gering, um den Reichtum im Norden erklären zu können.13 Letzterer wurde schließlich als Resultat innerer Landnahme verstanden, welche die traditionellen Sektoren in den reichen Ländern in den Akkumulationsprozess des Kapitals einbezogen hat.14

Allerdings ließen diese Analysen die Rolle des Ost-West-Gegensatzes weitgehend unbeachtet. Dies gilt auch für die Sozialimperialismustheorie der chinesischen KommunistInnen, der zu Folge die Sowjetunion den Sozialismus verraten und ins Lager des Imperialismus übergewechselt sei. Weltmarktanalyse einerseits und Bezug auf die aktuelle Außenpolitik andererseits führten innerhalb der Neuen Linken zu einer Arbeitsteilung zwischen »Theoriefraktion« und praktischen Organisationsansätzen. Innerhalb der Erstgenannten war die These vorherrschend,15 dass das "Operationsfeld Weltmarkt"16 den autonomen Gestaltungsspielraum der Nationalstaaten immer weiter einschränke. Demgegenüber empfahlen letztere die Übernahme des jeweils bevorzugten, in allen Fällen aber nationalstaatlich eingefassten Sozialismusmodells und propagierten dabei auch regelmäßig deren Außenpolitik. Sofern sich der Kapitalismus - nach Ansicht der ParteigängerInnen Moskaus - in einer "allgemeinen Krise"17 befand und der Imperialismus aus der Sicht Pekings nicht mehr als ein "Papiertiger" war, wurden die dem Tode geweihten kapitalistischen Nationalstaaten in erster Linie als Rekrutierungsfelder für die eigene Organisation angesehen. Allerdings verflüchtigte sich die China-Euphorie innerhalb der Neuen Linken, nachdem sich Mao erst mit Nixon verbündete, dann den Putsch in Chile rechtfertigte und schließlich für eine Stärkung der NATO eintrat.18 Dagegen überdauerte die Treue zu Moskau, die ohnedies nie so überschwänglich artikuliert worden war wie die zu Peking, auch noch die Stagnationsphase des Sowjetkommunismus und brach mit diesem erst nach 1989 zusammen.19

Freilich sollte nicht übersehen werden, dass die Thesen von allgemeiner Krise des Kapitalismus sowie vom Imperialismus als Papiertiger insofern an realen Entwicklungen ansetzten, als in den 1970er Jahren der anhaltende Nachkriegsaufschwung zu Ende gegangen war und die außenpolitische Führungsstärke der USA im Laufe des Vietnam-Krieges durchaus in Zweifel gezogen wurde.20 Zudem hatten die WeltmarkttheoretikerInnen darauf hingewiesen, dass das Kapital zwar in Prosperitätsphasen nationalstaatliche Grenzen überschreitet, im Falle einer Wirtschaftskrise aber möglicherweise deren Schutz in Anspruch nehmen würde. Eine Rückentwicklung vom weltweit agierenden Kapital zu nationalen Kapitalen und entsprechenden zwischenstaatlichen Konflikten sei daher nicht auszuschließen. Sofern es in den 1970er Jahre zu einer Reihe wirtschaftlicher und außenpolitischer Krisen gekommen war, bestanden auf der Linken durchaus Anknüpfungspunkte für einen vorwärtsweisenden Dialog zwischen Theorieproduktion und der Suche nach geeigneten Organisationsansätzen. Dazu ist es jedoch selten gekommen, Theorie und Praxis lebten allzu oft in Parallelwelten, bis sich 1989 die Koordinaten der Weltpolitik radikal verschoben. Dabei markierte der Fall der Berliner Mauer zwar nicht das Ende der Geschichte, aber ein vorläufiges Ende der bisherigen Konstellationen der Linken.21 Der Zusammenbruch des Sowjetkommunismus hatte nicht nur jenen den politischen Bezugspunkt genommen, die hierin ein Vorbild sahen, sondern auch linken SowjetkritikerInnen. Erst nachdem die 1989 aufgekommen Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft und dauerhafte Prosperität enttäuscht und das kurze Zeitalter der Globalisierung damit zu Ende gegangen ist, besteht die Chance die alten Debatten wieder aufzunehmen und hieraus Schlüsse für neue Projekte zu ziehen.

Wiederaufnahme der Debatte?

Die Fragen nach einer neuen Weltordnung, die der Fall der Berliner Mauer aufgeworfen hat, sowie dem Ende der Globalisierung, das in der geplatzten Spekulationsblase der New Economy seinen Ausdruck fand, sind anknüpfend an die Debatten der 1970er Jahre sowie die damals entstandenen wirtschaftlichen Problemlagen noch am ehesten zu beantworten. Schließlich prägen die Reaktionen auf damals sichtbar gewordene Risse im US-Empire noch heute die weltwirtschaftliche und -politische Entwicklung.

Dabei geht es nicht darum, dass die USA nicht länger in der Lage waren, die Ordnung zwischen nationalen Ökonomien zu garantieren und letztere daher zu einer Weltwirtschaft jenseits politischer Grenzen verschmelzen würden.22 Ironischerweise hatten sich Weltmarkt und durch nationalstaatliche Sozialsysteme regulierte Binnenmärkte während des Nachkriegsaufschwungs parallel herausgebildet. So wuchs der Außenhandel in jener Zeit deutlich schneller als Produktion und Einkommen. Solange Außenhandel und Inlandsprodukt den kapitalistischen Metropolen mit ungefähr gleicher Geschwindigkeit wuchsen, bildeten sich keine außenwirtschaftliche Ungleichgewichte heraus, welche die Entwicklung der nationalen Binnenmärkte negativ hätte beeinflussen können. Genau diese Gleichgewichtsbedingung ließ sich jedoch nicht lange aufrechterhalten.23

Einerseits trugen die USA mit ihren enormen Rüstungsausgaben während des »Kalten Krieges« dazu bei, die Herausbildung von Überkapazitäten zu neutralisieren. Ohne solche Staatseingriffe - zu denen auch der Ausbau von Wohlfahrtsstaaten zählt - kommt es in entwickelten kapitalistischen Ökonomien nicht nur zu zyklischen Konjunkturkrisen, sondern zu anhaltender Stagnation. Andererseits verfolgten gerade die ehemaligen Kriegsgegner Deutschland und Japan, deren Aufrüstung aus politischen Gründen begrenzt blieb, exportorientierte Wachstumsstrategien, die schließlich zur Entstehung weltweiter Überkapazitäten geführt haben.24 Dieses Problem betraf die führenden kapitalistischen Mächte sehr ungleichmäßig: Während Deutschland und Japan durch den Ausbau ihrer Exportindustrien Leistungsbilanzüberschüsse aufwiesen, wurden die USA zu einem Defizitland.

Innerhalb der Metropolen wurde ein Umverteilungsprozess von Lohn- zu Gewinn- und Vermögenseinkommen eingeleitet. Auf diese Weise sollten die Profitraten erhöht und Investitionen angeregt werden. Zwar hätten die bestehenden Überkapazitäten eher eine Ausweitung der Staatsausgaben erfordert, um Nachfragemangel und hierdurch bedingte Krisen zu vermeiden, gegen eine solche Fortsetzung des keynesianischen Interventionismus gab es jedoch erheblichen Widerstand innerhalb der herrschenden Klassen. So hatte die Vollbeschäftigung während des Nachkriegsbooms nicht nur zu höheren Lohnforderungen seitens der Gewerkschaften geführt, sondern es wurde auch zunehmend Einfluss auf Arbeitsorganisation und Technikgestaltung gefordert. Sofern die technologische Entwicklung während des Booms ohnehin einen immer größeren Kapitalvorschuss erforderlich machte, galten solche Forderungen vielen Unternehmen als absolut unannehmbar und es wurde einer Erhöhung der Profitrate durch Umverteilung Priorität eingeräumt. Dass das Problem unzureichender Massenkaufkraft dadurch wiederkehren würde, wurde theoretisch geleugnet - gemäß neoklassischer Wirtschaftstheorie kann es keinen gesamtwirtschaftlichen Nachfragemangel geben - und praktisch begrüßt. Schließlich führt ein solcher Mangel zu Arbeitslosigkeit und kann auf diese Weise gewerkschaftliche Verhandlungsmacht einschränken.25

Profite sollten nicht nur durch die Umverteilung zwischen Lohnarbeit und Kapital im Norden erhöht werden, sondern auch durch eine Umverteilung vom Süden in den Norden. Ganz im Sinne der Imperialismustheorie von Hobson und Lenin führte die Nachfragelücke, die in den Metropolen während der 1970er Jahren eingetreten war, zu erheblichen Kapitalexporten in die Peripherien. Nach drastischen Zinserhöhungen in den USA und danach weltweit gerieten die kapitalistischen Peripherien in eine noch heute andauernde Schuldenkrise.26 Die damit verbundenen Zins- und Tilgungszahlungen haben einerseits erheblich zur Verarmung im Süden und andererseits zur Bereicherung der vermögensbesitzenden Klassen im Norden und Süden beigetragen. Nunmehr setzten jene Vermögensübertragungen von den Peripherien in die Metropolen ein, deren Relevanz während des Nachkriegsbooms zu recht bestritten worden waren.

Darüber hinaus wurde die Schuldenkrise genutzt, um den Ländern des Südens den Übergang von nachholender und binnenorientierter Entwicklung zur Exportorientierung aufzuzwingen. Beistandskredite des Internationalen Währungsfonds, ohne die viele Länder ihre Zahlungsunfähigkeit hätten erklären müssen, wurden regelmäßig an wirtschaftspolitische Auflagen gebunden. Diese haben dazu geführt, dass die betroffenen Länder sich mehr und mehr auf die Produktion von Rohstoffen und technologisch wenig anspruchsvollen Industriewaren spezialisiert haben. Billige Rohstoffe verringern die Produktionskosten im Norden und tragen direkt zu einer Erhöhung der Profitrate bei. Die Einfuhr billiger Lohngüter erlaubt dagegen, dass abhängig Beschäftigte ihren Lebensstandard sogar im Falle sinkender Reallöhne halten können, weil die Kaufkraft der Löhne steigt, wenn teuere Inlandsprodukte durch billige Importe ersetzt werden. Diese Entwicklung hat es den Unternehmen ermöglicht, die Reallohnentwicklung von dem Wachstum der Arbeitsproduktivität ohne nennenswerten Widerstand seitens der Beschäftigten abzukoppeln und sich die Produktivitätsgewinne in Form steigender Profite anzueignen.27

In vielen Ländern des Südens haben Schuldenkrise sowie der Übergang von Projekten nachholender Entwicklung zur Exportorientierung zu extremer sozialer Polarisierung, absoluter Verelendung und einem völligen Legitimationsverlust des politischen Systems geführt. State Failure, von imperialistischen PolitikstrategInnen zur Rechtfertigung von militärischen Interventionen und dem Aufbau politischer System unter Anleitung der Interventionsmächte herangezogen, hat demnach nichts mit der vermeintlichen kulturellen Unterlegenheit nicht-westlicher Zivilisationen zu tun, sondern mit den Zerstörungen durch die gegenwärtigen Formen der Weltmarktintegration.

Chance EU?

Trotz der gemeinsamen Interessen der kapitalistischen Metropolen gegenüber dem Süden stellen erstere keinen einheitlichen Block dar. So wurden die neoliberalen Politikrezepte zwar wesentlich in den USA ausgearbeitet und von dort- meist mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds - weltweit verbreitet. In den USA selber wurde allerdings nur jener Teil des neoliberalen Programms umgesetzt, der sich gegen Gewerkschaften und Wohlfahrtsstaat richtet. Gesamtwirtschaftlich wird die keynesianische Politik des Deficit Spending nahezu bruchlos seit der Aufrüstung im Zweiten Weltkrieg verfolgt.

Dagegen wurden Deutschland und Japan von der Exportentwicklung umso abhängiger, je mehr sie im Namen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit auf Lohnzurückhaltung gesetzt und darüber hinaus versucht haben, ihre Staatsfinanzen durch immer neue Sparpakete zu sanieren. Zwar gab es in Deutschland ein keynesianisches Zwischenspiel im Zuge der deutschen Einheit und Japan wendete sich dem Deficit Spending längerfristig zu, nachdem eine geplatzte Spekulationsblase das Land 1991 an den Rand einer schweren Depression gebracht hatte. Dennoch blieben beide Länder in hohem Maße von der Entwicklung ihrer Exporte bzw. der Wirtschaftsentwicklung in den USA abhängig. Letztere waren seit den 1980er Jahren - gerade weil sie Deficit Spending unbekümmert um Auslands- und Staatsverschuldung betrieben - zur einzigen Konjunkturlokomotive der Weltwirtschaft geworden.

Zwischen Deutschland und Japan besteht aber insofern ein entscheidender Unterschied, als ersteres nicht nur eine regionale Wirtschaftsmacht darstellt, sondern darüber hinaus in die politischen Strukturen der EU eingebunden ist. Deutschland und Japan als einzelne Länder sind ökonomisch und politisch viel zu schwach, um den globalen Führungsanspruch der USA in Frage zu stellen. Dagegen fordert die EU die USA zumindest wirtschaftlich heraus.28 Letztere können ihre Rolle als internationale Konjunkturlokomotive nur deshalb spielen, weil sie mit dem US-Dollar über die internationale Leitwährung verfügen und sich daher nahezu unbegrenzt gegenüber dem Rest der Welt verschulden können. Anders wären die US-Importe, von denen andere Länder in so hohem Maße abhängig sind, gar nicht zu finanzieren. Seit der Euro-Einführung ist die Leitwährungsposition des Dollar jedoch nicht mehr unumstritten. Unter den Bedingungen freien Kapitalverkehrs besteht jederzeit die Möglichkeit, internationale Kapitalströme von Amerika nach Europa umzulenken und damit sowohl die Finanzierung der defizitären US-Leistungsbilanz als auch die hiermit verbundene Stimulierung der Weltwirtschaft zu blockieren.

Ob es dazu kommt, hängt nicht zuletzt von einem einheitlichen außenpolitischen Vorgehen der EU ab. Dass dieses trotz Währungsunion nicht selbstverständlich ist, haben die innereuropäischen Spannungen im Vorfeld des letzten Krieges gegen den Irak deutlich gemacht. Sollte sich die EU jedoch zu einem eigenständigen Machtblock entwickeln, könnte eine Zunahme transatlantischer Spannungen zum Aufreißen einer hegemonialen Lücke führen. Die regionale Eindämmung von Wirtschaftskrisen, welche die USA als Führungsmacht bislang organisieren konnten, könnte dann daran scheitern, dass weltwirtschaftliche Führung nunmehr eine enge transatlantische Kooperation erfordern würde. Ob die herrschenden Klassen dies- und jenseits des Atlantik dazu willig und fähig sind, darf bezweifelt werden. Allerdings ist die Weiterentwicklung der EU von Binnenmarkt und Währungsraum zu einem Machtblock keineswegs ausgemacht. Schließlich haben die innereuropäischen Spannungen im Vorfeld des Irak-Krieges auch zum Scheitern des Gipfeltreffens zur Einführung einer EU-Verfassung geführt. Eine EU, die aufgrund innerer Interessengegensätze nicht von der wirtschaftlichen zur politischen Integration voranzuschreiten vermag, würde zwar die Führungsrolle der USA nicht bedrohen, könnte aber deren Fähigkeiten einschränken, diese Rolle erfolgreich zu spielen. So oder so: Auf das kurze Zeitalter der Globalisierung scheint eine Phase globaler Unsicherheiten zu folgen. Damit könnte aber auch eine Transformation der globalisierungskritischen29 in eine antiimperialistische und antikapitalistische Bewegung verbunden sein.30


Anmerkungen

1) Fukuyama, Francis: Ende der Geschichte, München 1992

2) Ohame, Kenichi: The Borderless World, London; New York 1990

3) Narr, Wolf-Dieter; Schubert, Alexander: Weltökonomie - Die Misere der Politik, Frankfurt/M. 1994

4) Hirst, Paul; Thomson, Grahame: Globalization in Question, Cambridge et al. 1999

5) Streeck, Wolfgang: German Capitalism: Does it Exist? Can it Survive?, in: New Political Economy, Vol. 2, July 1997

6) Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Memorandum 2001, Kap. 1: Konjunktur - für die New Economy, Köln 2001; Scherrer, Christoph: New Economy - Wachstumsschub durch Produktivitätsrevolution?, in: Prokla 122, März 2001

7) Foster, John Bellamy: The Rediscovery of Imperialism, in: Monthly Review, Vol. 54, November 2002

8) Heuer, Uwe-Jens; Schirmer, Gregor: Human Rights Imperialism, in: Monthly Review, Vol. 49, March 1998

9) Kipling, Rudyard: The White Man’s Burden, in: Mc Clure’s Magazine, Februar 1899

10) Hobson, John A.: Der Imperialismus, Köln; Berlin 1968, Original: 1902

11) Stöver, Bernd: Der Kalte Krieg, München 2003, S. 24ff.

12) Neusüss, Christel: Imperialismus und Weltmarktbewegung des Kapitals, Erlangen 1972

13) Schoeller, Woflgang: Weltmarkt und Reproduktion des Kapitals, Frankfurt/M.; Köln 1976

14) Lutz, Burkart: Der kurze Traum immerwährender Prosperität, Frankfurt; New York 1984

15) Eine Gegenposition formuliert Axt, Heinz-Jürgen: Staat, multinationale Konzerne und politische Union in Westeuropa, Köln 1978, S. 148ff.

16) Altvater, Elmar: Operationsfeld Weltmarkt oder: Die Transformation des souveränen Nationalstaats in den nationalen Wettbewerbsstaat, in: Prokla 97, Dezember 1994

17) Autorenkollektiv: Politische Ökonomie Kapitalismus Sozialismus, Berlin/O. 1982, S. 298ff.

18) Elbaum, Max: Revolution in the Air - Sixties Radicals turn to Lenin, Mao and Che, London; New York 2002, S. 212f

19) Fülberth, Georg: KPD und DKP 1945-1990, Heilbronn 1992, S. 64ff.

20) Keohane, Robert: After Hegemony - Cooperation and Discord in the World Political Economy, Princeton 1984

21) Kowalsky, Wolfgang; Schroeder, Wolfgang (Hrsg.): Linke, was nun?, Berlin 1993; Miliband, Ralph: Socialism for a Sceptical Age, London; New York 1994

22) Reich, Robert: Die neue Weltwirtschaft - Das Ende der nationalen Ökonomie, Ffm.; Berlin 1993

23) Schmidt, Ingo: Die USA in der Weltwirtschaft - Konjunkturlokomotive ohne Dampf, in: WSI Mitteilungen 12/2003

24) Brenner, Robert: The Boom and the Bubble - The US in the World Economy, London; NY 2002

25) Die krisentheoretischen Kontroversen sind zusammengefasst in: Hoffmann, Jürgen (Hrsg.): Überproduktion, Unterkonsumtion, Depression - Analysen und Kontroversen zur Krisentheorie, Hamburg 1983

26) Toussaint, Eric: Profit oder Leben - Neoliberale Offensive und internationale Schuldenkrise, Köln 2000

27) Schmidt, Ingo: The World United, Workers Divided?, in: Buchholz, Christine et al. (Hrsg.): Unsere Welt ist keine Ware - Handbuch für Globalisierungskritiker, Köln 2002

28) Schmidt, Ingo: Europe - On the Rise to Hegemony or Caught in Crisis?, in: Monthly Review, Vol. 54, February 2003

29) Walk, Heike; Boehme, Nele (Hrsg.): Globaler Widerstand - Internationale Netzwerke auf der Suche nach Alternativen im globalen Kapitalismus, Münster 2002

30) Callinicos, Alex: An Anti-Capitalist Manifesto, Oxford; New York 2003


Dr. Ingo Schmidt ist Ökonom und lehrt an der Universität Göttingen.

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