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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Von der Globalisierungskritik zum Internationalismus

15.02.2004: Entwicklungen und Fragestellungen der Sozialforumsbewegung

  
 

Forum Wissenschaft 1/2004

Aus europäischer Sicht hat die globalisierungskritische Bewegung in den letzten beiden Jahren einen erheblichen Wandel durchgemacht. Die Fragestellungen haben sich von den großen Problemen der internationalen Finanzwelt hin zum Aufbau der EU und zum europaweit verallgemeinerten Sozialabbau verlagert. Dadurch werden nach Ansicht von Angela Klein neue Fragen aufgeworfen, deren Beantwortung nun auf der Tagesordnung steht.

In einer Broschüre über die Perspektiven der globalisierungskritischen Bewegung heißt es: "Der Prozess des Weltsozialforums ist nicht geprägt von der politischen Kultur des Nordens, sondern von den politischen Kulturen der lateinischen Länder, das ist nicht dasselbe". Weiter schreibt Christophe Aguiton: "In den Vereinigten Staaten verspüren die Bewegungen nicht - oder jedenfalls viel weniger als in Lateinamerika und in Südeuropa - das Bedürfnis, sich zu koordinieren und eine gemeinsame Perspektive zu entwickeln. Es waren die Europäer, die Asiaten und die Südamerikaner, die den Sozialforumsprozess lanciert haben: die Konferenz von Bangkok wenige Monate nach Seattle; die von Genf im Juni 2000, die zur Bildung eines Weltsozialforums aufgerufen hat; und schließlich die Multiplizierung der Sozialforen …" 1

Das Scheitern des Abkommens über Multilaterale Investitionen (MAI) 1998 kann als die Geburtsstunde der globalisierungskritischen Bewegung betrachtet werden - es war ihr erster Erfolg. Dieses Abkommen war unter größtmöglicher Geheimhaltung im Rahmen der OECD (der Organisation für die Entwicklung der Wirtschaft der reichsten Länder der Welt) ausgearbeitet worden und sollte weltweit die absolute Investitionsfreiheit für ausländische Konzerne durchsetzen, also das Aufbrechen aller geschützten Märkte im Süden wie im Norden. Die US-amerikanische Verbraucherschutzorganisation Public Citizen hatte den Inhalt des Abkommens ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, Le Monde Diplomatique publizierte einen enthüllenden Artikel von Lori Wallach und wurde seither zum Sprachrohr der Kritik an der Allmacht der Multis, an der Armut, der Plünderung der Ressourcen und an der Verantwortungslosigkeit der Politik. In Frankreich entwickelte sich in kürzester Zeit eine Bewegung, die in großen wie kleinen Städten flächendeckend Komitees bildete und schließlich die französische Regierung zwang, sich Ende 1998 aus den Verhandlungen über das Investitionsabkommen zurückzuziehen. Das MAI war gescheitert.

Deutlich war aber auch geworden, dass das MAI kein Einzelfall oder »Ausrutscher« war. WTO, IWF und Weltbank waren und sind die sichtbaren Akteure einer Globalisierung, die den Ländern des Südens Austausch- und Verkehrsregeln nach den Investitionsinteressen des Nordens aufzwingt. Daher kristallisiert sich seither an ihnen der weltweit wachsende soziale Protest gegen die neoliberale Politik, sie bilden die Projektionsfläche, die dem Protest eine gemeinsame Basis und einen gemeinsamen Adressaten verschafft. Von dort aus hat sich nach dem Fall der Mauer mit der »Kritik der Globalisierung« ein neues Interpretationsmuster für die kapitalistische Welt entwickelt. Die Gründung von Attac mit dem Schwerpunkt auf der Kritik am internationalen Finanzgeschehen und der Hauptforderung nach Einführung einer Steuer auf Spekulationsgewinne hat viel dazu beigetragen, dieses Interpretationsmuster zu formen. Darauf beziehen sich alle intellektuellen Strömungen der Bewegung, gleich ob marxistisch geprägt oder nicht.

Bewegung der BürgerInnen?

Ihren zweiten Erfolg feierte die globalisierungskritische Bewegung in Seattle, als Ende 1999 die Millenniumskonferenz der WTO platzte. "Es war in Reaktion auf all dieses Geschehen, dass einige Brasilianer meinten, es wäre nun möglich, eine neue Etappe des Widerstands gegen das heute hegemoniale Denken in der Welt einzuleiten. Über Massendemonstrationen und Proteste hinaus schien es möglich, zu einer Phase überzugehen, in der konkrete Vorschläge gemacht würden, konkrete Antworten auf die Herausforderung des Aufbaus »einer anderen Welt« gefunden würden, in der die Wirtschaft im Dienste der Menschen stünde und nicht umgekehrt. Im Februar 2000, nach Seattle und nach dem ersten Treffen für »Ein anderes Davos«, begaben sich einige brasilianische Vertreter nach Paris zu Bernard Cassen [von Le Monde Diplomatique] und unterbreiteten ihm den Vorschlag für ein Weltsozialforum in Brasilien. Es sollte in der Dritten Welt stattfinden, in einem Land, das die Möglichkeiten hatte, ein solches Ereignis auszurichten, und das die fortgeschrittensten Erfahrungen im Kampf gegen den Neoliberalismus (die Bewegung der Landlosen) und in der Entwicklung von Formen der direkten Demokratie (Beteiligungshaushalt) aufweisen konnte."2

Der Vorschlag erhielt die Unterstützung der brasilianischen Institutionen (Landesregierung und Bürgermeister von Porto Alegre), aber auch vom Alternativgipfel zur UN-Konferenz "Kopenhagen plus 5" in Genf im Juni 2000, der eine Vielzahl von Initiativen und NGOs aus Westeuropa versammelte - insbesondere auch die internationale Kampagne zur Streichung der Schulden der Länder der »3.Welt« Jubilee 2000 mit ihrer Abspaltung Jubilee South; eine seit den 1980er Jahren in zahlreichen Länder Lateinamerikas wie Europas breit mobilisierende Bewegung.

Im Weltsozialforum ist die Dominanz der Nord-Süd-Thematik nicht zu verkennen. Anders als in den 1980er Jahren kommt sie aber nicht mehr als »Solidaritätsbewegung« des Nordens mit dem Süden daher, sondern es wird eine gemeinsame Betroffenheit festgestellt. Die behandelten Aspekte der Nord-Süd-Dominanz gehen mittlerweile weit über die Schuldenabhängigkeit hinaus. So wurde z.B. 1996 Via Campesina gegründet, die internationale Organisation der Kleinbäuerinnen und -bauern, die für nachhaltige Landwirtschaft, gegen genmanipuliertes Saatgut und für gerechten Austausch eintritt. Diese BäuerInneninternationale, deren Mitgliedschaft über Brasilien, Südafrika, Bangladesh, Japan bis nach Frankreich und in die USA reicht, ist ein konzentrierter Ausdruck dafür, wie die Deregulierung der Kapitalmärkte und die forcierte Durchsetzung des Freihandels nicht nur die Länder des Südens in den Bankrott treibt, sondern auch breite Bevölkerungsschichten im Norden. Interessant ist, dass die kleinbürgerlichen Schichten, die in erster Linie für den Binnenmarkt produzieren, keineswegs die entschiedensten Befürworter protektionistischer Forderungen im Sinne von staatlichem Schutz für die jeweils eigenen Produkte sind. Die stärksten protektionistischen Reaktionen und die geringste Orientierung auf internationale Lösungen kommt von den Gewerkschaften, vor allem denen des Nordens. So verband der AFL-CIO in Seattle den Protest gegen die WTO nicht mit Solidarität gegenüber dem Süden, sondern wollte vor allem die WTO-Mitgliedschaft Chinas verhindern - aus Angst vor der Lohnkonkurrenz.

Die zentralen Themen des Weltsozialforums sind die Kritik an der Deregulierung der Kapitalmärkte, Schuldenkrise, Freihandel und Schutz der natürlichen Ressourcen und der lokalen Märkte, naturnahe Landwirtschaft und Ökologie, Privatisierung und öffentliche Güter. Ihre relative Gewichtung ist von Kontinent zu Kontinent unterschiedlich.

In Westeuropa hat die Auseinandersetzung mit dem MAI eine erhöhte Sensibilität für den Ausverkauf öffentlicher Güter an private Konzerninteressen hervorgerufen: Wasser, Energieerzeugung, öffentlicher Nahverkehr, Bildung, Gesundheit, Altersvorsorge - es gibt keinen Bereich öffentlicher Versorgung mehr, der nicht unter Privatisierungsdruck steht. Frankreich hat in diesem Bereich eine Vorreiterrolle, da anders als in Nordeuropa (Skandinavien, Großbritannien, Deutschland, Niederlande) der öffentliche Sektor in den romanischen Länder eine zentrale Rolle für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung spielt. Während in Deutschland nach dem Fall der Mauer alle großen politischen und ideologischen Strömungen einschließlich der Gewerkschaften und der PDS das Hohelied der Privatisierung sangen, gab es in Frankreich im Winter 95/96 eine starke Streikwelle zur Verteidigung des öffentlichen Dienstes. Dieser Streik war der Auftakt zu einem neuen Aufleben sozialer Auseinandersetzungen in Europa, das bis heute anhält. Dabei geht es nicht einfach um den Erhalt des Wohlfahrtsstaats, im neuen Diskurs werden die »öffentlichen Güter« als kollektives Gut definiert, auf das jede Bürgerin und jeder Bürger grundsätzlich einen Rechtsanspruch hat. Die republikanische Tradition der französischen Revolution setzt sich hier in den wirtschaftlichen und sozialen Bereich fort. An die Stelle eines Sozialstaatsdiskurses, der vom Erwerbsleben ausgeht, tritt ein Diskurs über soziale Rechte, der ausgeht vom Gedanken der BürgerInnenschaft.

Mit einiger Verspätung haben die Proteste gegen die Privatisierung auch auf nordeuropäische Länder übergegriffen. In England kam es zu massiven Protesten gegen die Privatisierung der Londoner U-Bahn und gegen die Privatisierung des Gesundheitswesens. In Deutschland formiert sich Widerstand gegen Cross Border Leasing, gegen die Privatisierung des öffentlichen Nahverkehrs. Proteste gegen die Gesundheits- und Renten»reform«, die von der EU vorangetrieben wird, haben in den letzten zwei Jahren so gut wie alle Länder Westeuropas ergriffen.

Die zweite Phase

Das Jahr 2001, das erste Jahr des Weltsozialforums, war zugleich das Jahr einer Wende: In Genua versuchte eine rechte Regierung, mit faschistoiden Methoden den Massenprotest gegen den G8-Gipfel zu brechen; am 11.September nahm ein bis dahin in seiner Legitimität umstrittener US-Präsident einen Terroranschlag zum Anlass, die Weltöffentlichkeit für einen "lang anhaltenden Krieg zur Rettung der westlichen Zivilisation" hinter sich zu scharen. Der Begriff »global« bekam einen anderen Inhalt: er bedeutete nunmehr globaler »Krieg gegen den Terror«, der sich potentiell gegen alle richtet, die den US-Machthabern nicht willfährig sind. Die Kritik an den Finanzinstitutionen rückte in den Hintergrund; der größte Massenprotest, den die Welt je gesehen hat, richtete sich am 15.2.2003 gegen den Krieg, nicht mehr gegen eine Tagung des IWF.

Der Sozialforumsprozess tritt damit in eine zweite Phase, die gekennzeichnet ist durch die Krise der Globalisierung und die Ausweitung der sozialen Proteste.

Die Diskussion um das Globale droht nun, sich unzulässig auf die Allmacht und Alleinherrschaft der USA zuzuspitzen. An die Stelle der internationalen Institutionen, Konzerne und Finanzorganisationen, die als Drahtzieher des Neoliberalismus identifiziert werden, tritt nun der Konflikt »USA gegen die Völker der Welt«, aber auch der Konflikt USA-EU. Militärische Interessen und nationale Interessenkonflikte schieben sich in den Vordergrund, während gleichzeitig globale Institutionen wie die WTO mit ihrer Entwicklungsrunde in Cancún oder auch die EU mit der europäischen Verfassung scheitern.

Die Globalisierungskritik als Muster zur Interpretation der Welt scheint abgelöst zu werden durch die klassischen innerimperialistischen Widersprüche. Das Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen nationaler und globaler Ebene muss neu definiert werden. Was die bürgerliche Presse in das Begriffspaar »Multilateralismus-Unilateralismus« packt, ist ein kompliziertes, widersprüchliches Geflecht, das neu analysiert werden muss.

Frühsozialistische Ansätze?

Im Sozialforum gibt es dazu unterschiedliche Tendenzen. Die einen wollen für einen Staat oder einen Machtblock gegen einen anderen Partei ergreifen. So war im Irakkrieg zu beobachten, dass Teile der US-amerikanischen Friedensbewegung eine auch militärische Stärkung der EU unterstützenswert fanden, um die Militärmacht der USA zu schwächen. Auch der Spitze von Attac Frankreich sind solche Überlegungen nicht fern. So antwortet Bernard Cassen in der bereits zitierten Broschüre über die Zukunft der globalisierungskritischen Bewegung auf die Frage: "Kann die Antikriegsbewegung zu einer Bewegung für das internationale Recht werden?" folgendermaßen: "Was ist eine Friedenskultur […]? Es reicht nicht, die Autorität der UNO wieder herzustellen, man muss ihr auch die Mittel an die Hand geben, sie auszuüben. Hier kommen wir zur Frage des Gebrauchs von Gewalt und damit der Existenz von bewaffneten Kräften und Militärkrediten - im Gegensatz zu den libertären und pazifistischen Traditionen zahlreicher Organisationen. Solange dieses Tabu nicht aufgehoben ist - und die Debatten über die europäische Verteidigung bieten dazu Gelegenheit -, werden wir nicht sehr weit kommen."

Andere suchen die Lösung in einer Weiterentwicklung der globalisierungskritischen zu einer internationalistischen Bewegung. Globalisierungskritik bedeutet nicht automatisch Internationalismus. Der gemeinsame Ausgangspunkt ist die Kritik an der Internationalisierung des Kapitals und ihren Folgen. Daraus leiten die einen die Notwendigkeit der Stärkung einer Region gegen eine andere ab, die anderen stellen dem internationalen Kapital die Solidarität der Völker entgegen und betonen, dass die Scheidelinie nicht zwischen Staaten, sondern zwischen Klassen verläuft.

Die Diskussion ist kompliziert, weil sie von einem antiimperialistischen und antikolonialistischen Diskurs überlagert wird, bei dem es darum geht, die Länder des Südens gegen die Länder des Nordens zu verteidigen. Die Forderung nach Deglobalisierung wird stark von den Ländern des Südens getragen und schließt hier die Abkopplung vom kapitalistischen Weltmarkt mit ein. NGOs, die im Weltsozialforum eine herausragende und kritische Rolle spielen, wie das Institut Focus on the Global South aus Bangkok, sind in Cancún unmittelbar als Berater von Regierungen der Länder des Südens aufgetreten. Das sind Positionen, die im Norden abgelehnt werden müssen, weil sie die Vormachtstellung des Nordens gegen den Süden zementieren.

Die unterschiedlichen Reaktionen auf die Krise der kapitalistischen Globalisierung erklären sich auch mit unterschiedlichen theoretischen Interpretationen der Globalisierung. Die Kritik, die von Attac, von »3.Welt«-Initiativen, von den BäuerInnen und vielen NGOs formuliert wird, bewegt sich eher auf dem Niveau des Frühsozialismus. Es ist eine Kritik an der ungerechten Verteilung, an der Warenproduktion, an der Konkurrenz, am Freihandel, am ungerechten Austausch zwischen Nord und Süd, an der zerstörerischen Wirkung (gewisser Bereiche) der kapitalistischen Produktion (z.B. Gentechnik), also an Folgeerscheinungen und Auswüchsen der kapitalistischen Produktion. Die »harten Fragen« - westliches Zivilisationsmodell, Planwirtschaft vs. Marktwirtschaft, Eigentumsverhältnisse, politische Machtverhältnisse - bleiben ausgeklammert. Die eher am marxistischen Denken orientierten Strömungen betonen hingegen die Krise der weltweiten Kapitalakkumulation, worauf die Internationalisierung nur eine Reaktion wäre, und die Notwendigkeit nicht nur eine Spielart des Kapitalismus, sondern diesen selbst abzuschaffen. (Eine dritte Strömung um Hardt/Negri sucht nach selbstbestimmten Lebensformen im Rahmen des bestehenden Systems.)

Deutlich ist jedenfalls, dass die Bewegung bei der Kritik der Finanzmärkte und der Warenwirtschaft nicht stehen bleiben kann. Die Forderung nach Umverteilung des Reichtums steht bereits auf der Tagesordnung, gefolgt von der Auseinandersetzung mit dem Zwang zur kapitalistischen Akkumulation und zum Wachstum des Warenausstoßes. Von da bis zur Infragestellung der privatwirtschaftlichen Verfügungsgewalt über die Quellen des Reichtums ist nur ein Schritt - allerdings ein großer.

Programmatische Alternativen

Die globalisierungskritische Bewegung als Ganzes hat kein positives Gesellschaftsmodell, auf das sie sich bezieht. Das Weltsozialforum hat sich jedoch ausdrücklich in der Charta von Porto Alegre die Aufgabe gestellt, Antworten zu entwickeln, nicht nur Forum des Protests, sondern Forum für Alternativen zu sein. "In der in Porto Alegre proklamierten Gewissheit, dass »eine andere Welt möglich ist«, wird [das Weltsozialforum] zu einem permanenten Prozess der Suche nach und des Aufbaus von Alternativen …"3

Das Sozialforum ist heute ohne Zweifel der Ort, wo programmatische Alternativen entwickelt werden können. Es wird diese Aufgabe umso konstruktiver erledigen können, je mehr es seinen Charakter als Raum bewahrt, der in enger Verbindung mit der Entwicklung sozialer Bewegungen steht und ihnen Möglichkeiten zur Reflexion und Vernetzung verschafft.

Die Entscheidung von Porto Alegre 2002, kontinentale Sozialforen durchzuführen, dient der Herstellung einer solchen engeren Verbindung. Auf diese Weise erhält sich der Sozialforumsprozess eine ungeheure Dynamik, die längst nicht ausgeschöpft ist. Er riskiert aber auch, dass sich im Kontakt mit den Bewegungen die Fragestellungen verschieben. Diesen Prozess erleben wir gerade in Europa.

Hier hat sich seit dem französischen Streikwinter 95/96 eine Protestbewegung entwickelt, die zunächst die Erwerbslosen, danach auch die Gewerkschaften und die globalisierungskritische Bewegung in umfassenden Mobilisierungen zusammengefasst hat. Neben die traditionelle ArbeiterInnenbewegung trat eine neue Jugendbewegung, die eine ganz eigene Verbindung zwischen dem Krieg, ihren Bildungschancen und ihrer künftigen Stellung auf dem Arbeitsmarkt herstellt. Das Jahr 2002 brachte den millionenfachen Protest der Jugend sowie Generalstreiks in Spanien und in Italien, im Jahr 2003 kamen Frankreich, Österreich und endlich auch Deutschland in Bewegung. Im Mittelpunkt der Proteste stehen überall Rentenreform, Kündigungsschutz bzw. in Deutschland die gesamte Agenda 2010. Dieser Strang hat sich unabhängig von der Sozialforumsbewegung entwickelt, wird sie aber nachhaltig beeinflussen. Während das 1. Europäische Sozialforum in Florenz noch ganz unter dem Eindruck des drohenden Kriegs gegen den Irak stand, rückten die Kritik an der Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse, die Forderung nach sozialen Rechten und die Kritik an der neoliberalen europäischen Verfassung in den Mittelpunkt des 2. Europäischen Sozialforum in Paris-St. Denis. In Deutschland hat Attac den Kampf gegen den Sozialabbau zur dritten Säule seiner Aktivitäten bestimmt. Die Gewerkschaften stellten sich offen in den Sozialforumsprozess und fangen an, soziale Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen als gleichberechtigte Partner zu behandeln. Das Gravitätszentrum des Sozialforums verschiebt sich hin zu den sozialen Fragen, und die sozialen Fragen werden in den globalen Kontext der europäischen und weltweiten Entwicklung gestellt.

In Europa wird darüberhinaus nicht nur ein Binnenmarkt, es werden auch suprastaatliche Institutionen und Kompetenzen geschaffen, auf die staatliche Souveränitätsrechte ganz oder teilweise übertragen werden. Es entsteht ein neuer Superstaat - wenngleich auf sehr widersprüchliche Weise. Die Tatsache, dass der Umbau der sozialen Sicherungssysteme und der Arbeitsmärkte von europäischen Institutionen gesteuert wird, führt zu einer spontanen Konvergenz der inhaltlichen Auseinandersetzungen und der sozialen Proteste. Diese Konvergenz erfordert eine Koordination des Widerstands, und welches Instrument wäre besser dazu geeignet als die Versammlung der sozialen Bewegungen im Europäischen Sozialforum? Bis dahin ist es zwar noch ein weiter Weg, aber das Sozialforum bietet die Möglichkeit der Konstitution eines Europas von unten, einer Gegenmacht, der anders als der neoliberalen EU der Entwurf für ein demokratisches, soziales, friedliches, freies und geeintes Europa tatsächlich gelingen könnte.

Politische Neubestimmung

Diese Orientierung ist freilich umstritten - und es ist kein Zufall, dass der Konflikt über den Platz der Versammlung der sozialen Bewegungen im Sozialforum neben dem Disput über das Verhältnis zu den Parteien einen zentralen Stellenwert einnimmt. Raum oder Akteur - das ist eine Auseinandersetzung, die uns noch länger begleiten wird.

Im Kern handelt es sich um eine Kontroverse über die Rolle der bestehenden Institutionen und Großorganisationen sowie die Möglichkeiten, Alternativen dazu zu entwerfen. Sie zieht sich auch durch die Debatte über Reform oder Abschaffung der WTO oder die Auseinandersetzung über die Lobbypolitik von NGOs. Attac hat hier eine sehr offene Flanke - man denke nur an die Debatte über das DGB-Venro-Papier zum Welthandel im Frühjahr 2003. Der wesentliche Konflikt betraf ja nicht inhaltliche Positionen von Attac, sondern das Verhältnis zu einer Gewerkschaftsführung, die sich mehrfach kompromittiert hat als eine Kraft, die vor den neoliberalen Angriffen kapituliert, wenn sie nicht direkt mit Arbeitgebern und Regierung paktiert.4

Ein schwelender, noch unterentwickelter Diskussionspunkt im Sozialforum ist auch die Krise des bürgerlichen Parlamentarismus, die Krise der repräsentativen Demokratie und die Krise eines (sozialdemokratischen) Parteienmodells, das sich in der bürgerlichen Demokratie eingerichtet hat und für sich das Monopol auf die Vertretung der sozialen Bewegungen (der Gewerkschaftsbewegung) reklamiert. Bislang läuft die Debatte im Wesentlichen darauf hinaus, nicht mit den Parteien zusammen zu arbeiten. Das ist zwar eine richtige Entscheidung, weil es darum geht, die Autonomie der sozialen Bewegungen zu respektieren, aber die oben genannten Fragen werden damit nicht beantwortet. Sie werden nicht einmal gestellt. Auf dem 2. Europäischen Sozialforum in Paris sind Vertreter - nicht nur reformistischer - Parteien diesen Fragen eher ausgewichen. Die Strömung, die sich an der »Empire«-These orientiert, lehnt es ausdrücklich ab, politische Fragen, also Machtfragen, überhaupt zu stellen - auch nicht die nach einer Gegenmacht.

Das ist auf die Dauer kein haltbarer Zustand. Auch hier ist eine inhaltliche Neubestimmung erforderlich, die allerdings im Rahmen des Sozialforums allein nicht geleistet werden kann.


Anmerkungen

1) "Où va le mouvement altermondialisation? … et autres questions pour comprendre son histoire, ses débats, ses stratégies, ses divergences." Edition La Découverte, Paris 2003

2) "Forum Social Mundial: origens e objetivos." Eine Einführung in das Sozialforum. Auf der Webseite des Weltsozialforums: www.forumsocialmundial.org/br

3) Charta von Porto Alegre, nach: Weltsozialforum Porto Alegre 2002. Broschüre der isl, SoZ-Verlag, Köln 2002

4) Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Bezug auf Attac bei den unterschiedlichen Punkten von Kritik nur stellvertretend geschieht. Positionen, wie sie in Attac vertreten werden, sind auch in zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, Verbänden und auch Bewegungen ebenso präsent. Es handelt sich deshalb nicht um ein spezifische »Attac-Problem«.


Angela Klein arbeitet als Redakteurin bei der Sozialistischen Zeitung, ist Koordinatorin der Europäischen Märsche gegen Erwerbslosigkeit, ungeschützte Beschäftigung und Ausgrenzung und moderiert den Runden Tisch der Erwerbslosen- und Sozialhilfeoganisationen.

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