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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Technikwelten als Frauenwelten

15.10.2004: Überlegungen zur nachhaltigen Integration von Mädchen und Frauen in qualifizierter technischer Arbeit

  
 

Forum Wissenschaft 3/2004

Die erfolgreiche Förderung junger Frauen in technischen Ausbildungen und Studiengängen wird konterkariert durch berufliche Unzufriedenheit und Ausstieg von Frauen aus technischen Berufen. Zur erfolgreichen langfristigen und nachhaltigen Integration1 von Mädchen und Frauen in die technischen Arbeitswelten müssen neue Konzepte die dortige Arbeitssituation und -kultur in den Blick nehmen und neben den nach wie vor erforderlichen Reformen im Bildungsbereich frauengerechte Veränderungen der strukturellen und kulturellen Rahmenbedingungen der Berufswelt anstreben. Regina Buhr formuliert Anforderungen einer geschlechtergerechten Technikdiskussion.

Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren lassen sich die politischen Bemühungen zurück verfolgen, die geschlechtsspezifische Aufteilung des Arbeitsmarktes zu verändern und junge Mädchen zur Aufnahme technischer Berufe zu motivieren. Lange Zeit konzentrierten sich die Anstrengungen vor allem darauf, technisch-gewerbliche Berufe für Mädchen zu erschließen.2 Anfang der 90er Jahre geriet zunehmend die Situation von Frauen in technisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen in den Blick. Angesichts der Unterrepräsentanz von Frauen in diesen Bereichen erweiterte sich das frauenpolitische Engagement und Aktivitäten wurden in Richtung Hochschulen ausgebaut. Diese sowohl von regierungspolitischen als auch gewerkschaftspolitischen Kreisen getragenen Initiativen blieben nicht ohne Wirkung.

Aktuelle Zahlen weisen darauf hin, dass sich die Frauenanteile in technischen Berufen langsam aber stetig nach oben entwickeln. So stieg der Anteil der weiblichen Auszubildenden (56%) in den seit 1997 neu eingerichteten vier Berufen im Bereich der Informations- und Telekommunikationstechnik von 1999 bis 2000 stärker als der der männlichen Auszubildenden (50%). Auch an dem ebenfalls neuen Beruf des Mikrotechnologen/der Mikrotechnologin zeigt sich das verstärkte Interesse junger Frauen an technischer Arbeit. Der Berufsbildungsbericht 2003 weist einen Mädchenanteil bei den Auszubildenden in diesem Berufsfeld von 20,3% aus.3 Dieser kontinuierliche Aufwärtstrend lässt sich auch im hochschulischen Bereich erkennen. Seit 1975 steigt die Zahl der jungen Frauen, die ein ingenieurwissenschaftliches Studium aufnehmen, kontinuierlich an. Mit konkret 11.700 Studienanfängerinnen, das sind 22,2%, wurde im Studienjahr 2000 sowohl real als auch prozentual der höchste Stand seit 25 Jahren erreicht.4

Schlusslicht Deutschland

Diese Konzentration politischer Bemühungen auf die Zielgruppe Mädchen und junge Frauen und deren Förderung zum Einstieg in technische Berufe vernachlässigte bisher die Auseinandersetzung mit der Situation in technischer Arbeit. Die Stoßrichtung, mehr Mädchen in technische Berufe zu holen und die sich langsam abzeichnenden Erfolge, trugen dazu bei, dass die Bereiche, in denen die jungen Frauen nach dem Ende ihrer Ausbildungen mit ihren Qualifikationen zum Einsatz kommen, bislang wenig beachtet wurden. Über den Verbleib der Ausgebildeten oder ihre Zufriedenheit mit der Wahl eines technischen Berufes ist kaum etwas bekannt. Die wenigen Daten aus öffentlichen Einrichtungen und aus Hochschulen machen jedoch darauf aufmerksam, dass trotz der häufig besseren Abschluss- und Promotionsnoten der Beschäftigungsanteil der Frauen im Vergleich zu den Männern geringer ist, sie häufiger als ihre männlichen Kollegen auf befristeten Stellen arbeiten und nach dem Ende der Ausbildung längere Zeit benötigen, um einen ihrer Qualifikation entsprechenden Arbeitsplatz zu finden. Noch weniger weiß man über die Situation von Technikerinnen und Ingenieurinnen in Unternehmen. Anders als in öffentlichen Einrichtungen, die auf Grund gleichstellungspolitischer Vorgaben Zahlen und Daten zum Geschlechterverhältnis offen legen müssen, gilt dies für Unternehmen der privaten Wirtschaft nicht. Insofern können bislang nur wenig Aussagen über den tatsächlichen längerfristigen Erfolg dieser technikorientierten Mädchen- und Frauenpolitik gemacht werden.

Es ist jedoch zu vermuten, dass es mit dem Verbleib und der Zufriedenheit von Frauen in technischen Berufen nicht so rosig aussieht, wie es die positive Entwicklung im Ausbildungs- und Studienbereich suggeriert. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus dem Jahre 2002 belegte zum ersten Mal durch geschlechtsspezifisch differenzierende Statistiken, dass das Risiko der Arbeitslosigkeit für Frauen im Ingenieurberuf deutlich höher ist als für Akademikerinnen im allgemeinen und insbesondere im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen.5

Wichtige Erkenntnisse in dieser Richtung, die insbesondere die Schlusslichtposition Deutschlands hinsichtlich der Integration von Frauen in hoch qualifizierten technischen Arbeitsfeldern deutlich machte, liefert die von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebene europaweite Untersuchung zur Situation von Frauen in der industriellen Forschung. Der unter dem Titel "Frauen in der industriellen Forschung. Ein Alarmsignal für Europas Unternehmen" herausgegebene Bericht der von Helga Rübsamen-Waigmann und Ragnhild Sohlberg geleiteten Untersuchungskommission kommt u. a. zu dem Ergebnis, dass zwar der in den letzten Jahren gestiegene Anteil von erwerbstätigen Frauen mit akademischer Ausbildung zu den größten strukturellen Veränderungen auf den Arbeitsmärkten und für die Gesellschaft beitrug, sich dieses jedoch nicht in einer nennenswerten Beteiligung von Frauen in qualifizierter technischer Arbeit in der industriellen Forschung nieder schlug.6 Auf Grund ihrer Untersuchung kommt die Expertengruppe zu dem Schluss, dass auf allen Stufen der wissenschaftlichen Karriereleiter das Potential talentierter Frauen in Wissenschaft und Forschung unzureichend genutzt wird und dass diese Frauen häufig auf Grund ungünstiger Bedingungen aus ihrer Berufskarriere gedrängt werden.7

Die von Bärbel Könekamp und Beate Krais durchgeführte Umfrage zur beruflichen Situation von Physikerinnen und Physikern kam zu dem Ergebnis, dass die berufliche Zufriedenheit der befragten Physikerinnen im Laufe ihres Berufslebens immer geringer wurde. Als Gründe nannten die Befragten: geringes Gehalt, befristete Arbeitsverhältnisse, schlechtes Arbeitsklima, geringe Unterstützung durch Vorgesetzte oder Kollegen, schlechte Ausstattung des Arbeitsplatzes, geringe fachliche Herausforderung, Arbeitsüberlastung oder fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Familie.8

Die bislang vorliegenden Studien lassen den Schluss zu, dass es nicht ausreicht, junge Frauen für die Aufnahme technischer Berufe und Studiengänge zu motivieren und Änderungen in den Rahmenbedingungen von Schule, Ausbildung und Studium vorzunehmen. Zur erfolgreichen langfristigen Integration von Mädchen und Frauen in die technischen Arbeitswelten müssen neue Konzepte die Arbeitssituation und die Arbeitskultur in technischen Berufen mit in den Blick nehmen sowie neben den nach wie vor erforderlichen Reformen im Bildungsbereich frauen- und geschlechtergerechte9 Veränderungen der strukturellen und kulturellen Rahmenbedingungen der Berufswelt anstreben.

Demografischer Wandel als Chance

Auf Grund des demografischen Wandels steht das deutsche Innovationssystem vor einschneidenden Veränderungen. Im steigenden Maße geraten die Arbeitsmärkte aus dem Gleichgewicht. Facharbeitermangel bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit, der Trend zu immer jüngeren Belegschaften bei einerseits sinkender Geburtenrate und andererseits wachsender Anzahl Älterer sowie die rentenpolitische Debatte um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit skizzieren einige der Eckpunkte der gegenwärtigen widersprüchlichen Gemengelage.10

Zahlreiche Studien belegen, dass in der Wirtschaft der Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften in technischen Berufsfeldern in den nächsten Jahren deutlich ansteigen wird. Szenarien zum Ersatz- und Neubedarf von Ingenieuren erwarten beispielsweise für den Maschinenbau im Jahr 2005 einen Bedarf von 9.000 Ingenieuren und Ingenieurinnen, der voraussichtlich nicht mehr gedeckt werden kann. Für die Elektrotechnik wird sogar bis zum Jahr 2005 mit jährlich 12.000 fehlenden Ingenieuren und Ingenieurinnen gerechnet.11 Auf Grund des demografischen Effektes ist in den Jahren 2000 bis 2007 in der gewerblichen Wirtschaft mit einem Substitutionsbedarf von insgesamt 71.000 Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern, 109.000 Ingenieurinnen/Ingenieuren und 72.000 Akademikerinnen/Akademikern anderer Disziplinen zu rechnen. Allein zur Deckung dieses Ersatzbedarfs müsste die Zahl neu ausgebildeter und "importierter" Akademiker in etwa dem gleichen Maße zunehmen. Dies ist jedoch insbesondere in den für die technologische Entwicklung besonders wichtigen Fachrichtungen nicht absehbar.12 Angesichts des weltweiten Wettbewerbs und der hohen Anforderungen an die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands stellt dies eine dramatische arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitische Situation dar.13

Ohne die verstärkte Einbeziehung von jungen Frauen in technische Berufe und den Verbleib der Frauen, die sich bereits in technischen Arbeitsfeldern betätigen, ist der Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft nicht zu befriedigen. Eine Situation, die eine Chance für Frauen darstellt. Selbst wenn einem in diesem Zusammenhang die Diskussionen über die Funktion von Frauen als beschäftigungspolitische Reservearmee in Erinnerung kommen, und dass es der Wirtschaft nicht um gleichstellungspolitische Motive bei der verstärkten Einbindung weiblicher Erwerbspersonen geht, so ist es unbenommen eine Situation, die eine verbesserte Zugangsmöglichkeit für Frauen in die bisher männlich dominierten technischen Arbeitsmärkte beinhaltet. Wenn einer Frau daran gelegen ist, die geschlechtshierarchische Aufteilung des Arbeitsmarktes mit seinen benachteiligenden Wirkungen aufzubrechen und den Zugang für Frauen in qualifizierte Berufe zu erweitern, dann ist die gegenwärtige widersprüchliche Situation im Interesse dieser Ziele zu nutzen.

Innovationsforschung durch Frauen

Noch nie gab es in der Geschichte der Bundesrepublik eine so hoch qualifizierte Frauengeneration wie heute. In der Altersgruppe der 20- bis 25-jährigen lassen sich bezüglich der allgemeinen Schulabschlüsse kaum noch geschlechtsspezifische Bildungsunterschiede feststellen, genauso viele Mädchen wie Jungen verfügen mittlerweile über eine abgeschlossene Berufsausbildung und nicht zuletzt infolge der hohen Erwerbsorientierung der ostdeutschen Frauen erreichte die Erwerbstätigkeit von Frauen mit Kindern eine bisher unerreichte Höhe.14 Anders als in vorigen Generationen ist das heutige weibliche Selbstverständnis verknüpft mit dem Wunsch nach einer eigenen Berufstätigkeit und dem Anspruch, Beruf und Familie vereinbaren zu können.15 Insofern stellen Fachkräftemangel auf der einen Seite und hochqualifizierte erwerbsarbeitsorientierte Frauen auf der anderen Seite eine im Vergleich zu früheren Zeiten veränderte Ausgangslage für eine verstärkte, langfristige und nachhaltige Integration von Frauen in technischen Berufen dar.

Auch aus einer innovationspolitischen Perspektive lässt sich für die verstärkte Einbeziehung von Frauen in die Technik argumentieren. Innovationspolitische Desaster, wie z.B. die Krise um die Einführung des Mautsystems, machen auf die komplexen technischen, politischen, organisatorischen und sozialen Anforderungen aufmerksam, die mit Innovationsprozessen verbunden sind. Die Innovationsforschung weist darauf hin, dass Innovationen keine rein technischen Vorgänge sind, sondern komplexe soziale Prozesse. Ökonomische Interessen, wissenschaftlich-technische Entwicklungen, gesellschaftliche und betriebliche Kräfteverhältnisse prägen Innovationen ebenso wie Normen oder kulturelle Traditionen.

Auf Grund ihrer Sozialisation und lebensweltlichen Prägung könnten Frauen eine besondere Rolle bei Innovationsprozessen spielen.16 Die wenigen vorliegenden Untersuchungen über den Umgang von Mädchen und Frauen bei der Entwicklung von Technik deuten darauf hin, dass es einen weiblichen Technikstil gibt, der sich von der Herangehensweise männlicher Techniker und Ingenieure unterscheidet.17 So fällt beispielsweise die stärkere Einbeziehung des Nutzungszusammenhanges in technischen Projektarbeiten von Mädchen und deren verstärkte Fragen nach den sozialen und ökologischen Folgen ihrer technischen Vorhaben auf. Die bei Jungen zu beobachtende Faszination für das technisch Machbare, das in großen Teilen auch für das Selbstverständnis deutscher Ingenieure prägend ist, und die damit verbundene Entwicklung von überkomplexen Funktionalitäten in technischen Produkten lässt sich in dieser Ausprägung bei Mädchen und Ingenieurinnen nicht ausmachen. Deren Herangehensweise ist weniger spielerisch geleitet, sondern stärker aus der Anwendungsperspektive geprägt. Wenn auch bislang erst durch wenige Belege zu erhärten, so ist dennoch die Annahme berechtigt, dass eine verstärkte Einbeziehung von Frauen in Forschung und Entwicklung neuer Technologien einen Modernisierungsimpuls für das deutsche Innovationssystem darstellen dürfte. Die neuen fachlichen und überfachlichen Anforderungen an technische und ingenieurwissenschaftliche Tätigkeiten beschreiben im Wesentlichen die Punkte, die für das technische Handeln von Mädchen und Frauen kennzeichnend sind. Diese Potentiale zu vernachlässigen, reduziert die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Diese beruht auf der Fähigkeit, technische Innovationen hervorzubringen und das Innovationspotential in Form von Wissen, technischem und unternehmerischem Können und Kreativität auszuschöpfen.

Die hier nur skizzierten Argumente zu den gegenwärtigen Chancen der verstärkten Integration von Frauen in technische Arbeitswelten mögen ausreichen, um als Grundlage Ansatzpunkte zur Erreichung dieses Zieles zu erarbeiten. Trotz der positiven Einschätzung der gegenwärtigen Gemengelage ist nicht davon auszugehen, dass der Wandel der männerzentrierten technischen Arbeitswelt in eine geschlechtergerechte, für Frauen gleichermaßen attraktive und lebenswerte berufliche Perspektive, ein Automatismus ist. Es bedarf des aktiven Eingreifens derjenigen, die ernsthaft an der Einbindung von Frauen in die Technik interessiert sind. Ohne die Entwicklung von interdisziplinären, Theorie und Praxis gleichermaßen herausfordernden Konzepten, wie denn eine geschlechtergerechte Technikwelt auszusehen hat, werden die gegenwärtigen Chancen nicht zur Entfaltung gelangen.

Ansatzpunkte nachhaltiger Integration

Die folgenden Aspekte und Fragen markieren Ansatzpunkte, die bei der Entwicklung geschlechtergerechter Konzepte zur nachhaltigen Integration von Mädchen und Frauen in technische Arbeitswelten zu berücksichtigen sind. Um adäquate Konzepte erarbeiten zu können, gilt es, die bestehenden Erkenntnisse als weiterführende Ausgangspunkte zu nehmen und darüber hinaus Antworten auf die offenen Fragen zu erarbeiten.

  • Innovationen, Geschlecht und Alter als soziale Konstruktionen. Vielfach wird immer noch die soziale Dimension verkannt, die in Technik, Innovationen und Alter eingeschrieben sind. Die scheinbare Objektivität technischer und naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und die Biologie von Alter und Geschlecht lassen vergessen, dass Kultur und Gesellschaft den Umgang mit Innovationen, Geschlecht und Alter prägen und durchdringen. Ein besseres Verständnis dieser sozialen Konstrukte ist Voraussetzung dafür, Gestaltungspotentiale zu identifizieren und Handlungsoptionen zu erarbeiten. Es bedarf der verstärkten Auseinandersetzung mit den sozialen und kulturellen Implikationen in den unter den Bedingungen des demografischen Wandels angesiedelten Innovationsprozessen.
  • Auswirkungen des demografischen Wandels auf technische Arbeitsmärkte und Innovationsdynamik. Forschungen zum demografischen Wandel zeigen, wie sich technische Arbeitsmärkte verändern. Wie sich diese Veränderungsdynamik auf das Geschlechterverhältnis auswirkt und welche Folgen damit für das deutsche Innovationssystems verbunden sind, gehört zu den offenen Fragen. Zu welchen Ergebnissen kommt ein geschlechtsspezifisch differenzierender Überblick in der Frage nach Gewinnern und Verlierern auf den technischen Arbeitsmärkten? Reichen die existierenden Daten aus, um belastbare geschlechtsspezifisch differenzierende Trendaussagen auf der Makroebene zu machen? Wo lassen sich mit Hilfe aktueller Zahlen Ansatzpunkte für Gestaltungsmöglichkeiten erkennen?
  • Innovationsimpulse durch eine arbeits- und lebensweltliche Erfahrungen einbeziehende nutzerorientierte Technikentwicklung. Bei der Bewertung von Arbeitsqualität und Arbeitszufriedenheit kommt den Ergebnisse technischen Arbeitshandelns und den daraus entstehenden technologischen Produkten beispielsweise in der Medizintechnik, der Biotechnologie oder der Umwelttechnik eine große Bedeutung zu. Im Vergleich zwischen den Geschlechtern fragen Frauen stärker als Männer nach dem Anwendungsbereich und dem Gebrauchswert technischer Entwicklungen. Vor diesem Hintergrund gilt es, Innovationsprozesse als partizipativen Prozess zu gestalten und eine konsequent nutzerorientierte Sichtweise einzubeziehen. Was sind Barrieren für eine derartige partizipative Ausrichtung? Wie lassen sich speziell frauenspezifische Erfahrungen über die direkte Beteiligung weiblicher Techniker und Ingenieure hinaus in partizipativ organisierte Entwicklungsprozesse einspeisen? Wie kann vermieden werden, dass sich innerhalb technischer Arbeit neue geschlechtsspezifische Segregationslinien herausbilden, die auf eine Aufteilung der technischen Arbeit in eine niedrig bewertete frauenspezifische technische Arbeit und eine höher bewertete männerspezifische technische Arbeit hindeuten?
  • Technikleitbilder und Berufswahl. Die von der techniksoziologischen Frauenforschung erarbeiteten Ergebnisse zu den Merkmalen technischer Arbeit belegen technikbezogene geschlechtsspezifische Zuschreibungen. Sie legen offen, dass Mädchen und Frauen ein reduziertes Technikverständnis unterstellt wird und Techniknähe mit Männlichkeit verbunden wird. Wie konnten die Leitbilder von der "Technikdistanz von Mädchen und Frauen" und der "Techniknähe von Männern" entstehen und immer wieder stabilisiert werden? Welche Möglichkeiten gibt es, die an Männlichkeit und Jugend ausgerichteten Leitbilder zu verändern, um auch Mädchen und Frauen Identifikationsmöglichkeiten im technischen Kontext zu bieten? Welche Wirkungen zeigen die verschiedenen Ansätze wie z. B. "Girls Day", "Mädchenschnuppertage", "Mechatronik-Clubs für Mädchen" bei der Überwindung dieser traditionellen Stereotypen?
  • Die Rolle weiblicher Vorbilder. Bei den Diskussionen um die Förderung von Frauen in zukunftsträchtigen technischen Berufen und Arbeitsfeldern spielen weibliche Vorbilder eine große Rolle. Die Erhöhung des Anteils von Frauen als Lehrende und Professorinnen in technisch-naturwissenschaftlichen Bereichen stellt auf der hochschulischen Ausbildungsebene einen strategischen Ansatzpunkt dar. Für die Privatwirtschaft stellt die Idee des Mentoring, um junge Frauen durch ältere und erfahrene Managerinnen zu motivieren, einen erfolgversprechenden Ansatzpunkt dar. Wie können diese verschiedenen Ansätze miteinander verzahnt werden und eine engere Verknüpfung des schulischen und hochschulischen Aus- und Weiterbildungsbereichs mit der technischen Arbeits- und Unternehmenswelt hergestellt werden? Was für Anforderungen werden an die Beteiligten gestellt, die die Idee des Managing Diversity in geschlechts- und altersgemischten technischen Projekten umsetzen wollen?
  • Herstellung von männlichen und weiblichen Berufswelten über ökonomische Mechanismen. In Theorie und Praxis wird über die ungleichen Entgelte bei der Bezahlung von Männern und Frauen diskutiert. Die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen und deren Spiegelung in einem über alle Berufszweige hinweg zu beobachtenden niedrigeren Lohn- und Gehaltsniveau für Frauenarbeit ist seit Beginn weiblicher Erwerbsarbeit ein Thema. Untersuchungen zeigen, dass dies auch für die gegenwärtige Situation in technischen Berufen zu gelten scheint. Die Beobachtung, dass die Feminisierung eines Berufszweiges mit einem Absinken des Bezahlungsniveaus verbunden ist, stellt die Frage, wie und ob sich dies in technischen Berufsfeldern auswirken dürfte. Die Geschichte der Frauenarbeit zeigt, dass es in Berufen zu neuen Grenzziehungen zwischen Männer- und Frauenarbeit kommt und die vermeintlich leichtere oder weniger qualifizierte Frauenarbeit eine niedrigere Bezahlung begründet. Wie sehen in der technischen Arbeit die Aufteilungen in technische Männer- und Frauenarbeit aus und wie kann der Mechanismus ungleicher Entgelte gebrochen werden?
  • Schlüsselrolle Qualifizierung - eine Herausforderung für alle Beteiligten, insbesondere im Hinblick auf die Einbeziehung von Mädchen mit Migrationshintergrund. Den Fragen der Qualifizierung kommt in der Veränderung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses in der technischen Berufswelt eine hohe Bedeutung zu. Die Herausbildung neuer Berufe wie beispielsweise dem des Mikrotechnologen/Mikrotechnologin stellen neue Anforderungen an alle Beteiligten. Auszubildende, Studierende, Ausbildende, Lehrende und ausbildende Institutionen sowie Berater und Beraterinnen betreten Neuland. Die fehlenden Erfahrungen mit diesen und anderen neuen technischen Ausbildungs- und Studiengängen erschweren es, junge Frauen bei ihren Berufswahlentscheidungen sachgerecht zu beraten und umfassend zu informieren. Gerade im Hinblick auf eine verstärkte Einbeziehung von Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund spielt der Qualifizierungsaspekt eine wichtige Rolle. Professorinnen von technischen Fachhochschulen beobachten einen vergleichsweise hohen Anteil von Studentinnen in technischen Studiengängen, die aus nicht-deutschen Familien kommen. Es stellt sich die Frage, ob es in Migrationsfamilien ein bislang noch wenig wahrgenommenes weibliches Potential an technischem Nachwuchs gibt, das mit entsprechender Förderung einen wichtigen Beitrag zur Integration von Frauen in technische Berufe leisten kann. Wie müssen Qualifizierungen gestaltet sein, um erfolgreich diese bislang wenig beachtete Zielgruppe für qualifizierte technische Arbeit zu gewinnen?
  • "Work-Life Balance" und Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor neuen Anforderungen. Eine Auseinandersetzung mit den Rahmenbedingungen für den Verbleib von Frauen in technischen Berufen muss sich dem Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie widmen. Die ungebrochene Zuständigkeit der Frauen für den privaten Lebensbereich beinhaltet jedoch mehr als die Erziehung eigener Kinder und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Familiengründungsphasen. Unter Einbeziehung des demografischen Wandels gehört in aktuelle Diskussionen zur Vereinbarkeitsproblematik auch das Thema der Zuständigkeit für die Versorgung alternder Eltern und anderer Familienmitglieder. Selbst wenn die berufliche Karriere in qualifizierten technischen Tätigkeitsbereichen mit einem Verzicht auf eigene Kinder realisiert wurde, so bedeutet dies keinesfalls eine Befreiung von Familienzuständigkeiten. Wie lässt sich das im fort bestehenden Maße Frauen betreffende Problem, der Fürsorge gegenüber älter werdender Eltern bzw. Elternteile mit den hohen beruflichen Leistungsanforderungen in technischen Berufen in Einklang bringen? Stellen flexible Arbeitszeitmodelle einen Lösungsansatz dar? Können technische Hilfen die erforderliche Unterstützung bieten? Wie lassen sich Forderungen einer gesunden, leistungsfördernden Alltagsgestaltung mit den wachsenden Zugriffen des beruflichen Lebens auf die private Lebensgestaltung ausbalancieren?

Diese hier nur angerissenen Überlegungen für die Entwicklung geschlechtergerechter Konzepte zur Überwindung der mädchenzentrierten technikorientierten Frauenpolitik und zur Entwicklung von Konzepten für eine nachhaltige Integration von Mädchen und Frauen in technische Arbeitswelten zeigen die Notwendigkeit verstärkter Anstrengungen und gemeinsamer Diskussionen der Verantwortlichen aus allen beteiligten gesellschaftlichen Bereichen. Es bedarf der Aktivitäten, die sich diesen Fragestellungen aus theoretischer und praktischer Perspektive nähern und die bisherige Blindheit für den Ort, da, wo technische Arbeit real stattfindet, aufgeben. Angesichts der umfassenden Herausforderungen, die mit diesem Integrationsansatz verbunden sind, und den Nutzen, der für die Beteiligten damit verbunden sein kann, sollten herkömmliche Interessengegensätze zurück gestellt werden und gemeinsam das Projekt einer geschlechtergerechten Gestaltung der technischen Arbeitswelt betrieben werden.


Anmerkungen

1) Durch die Verwendung des Begriffs der »nachhaltigen Integration« soll zum Ausdruck gebracht werden, dass es sich bei der hier gemeinten Integration von Mädchen und Frauen in qualifizierte technische Arbeit nicht einfach um die quantitative Steigerung der Anzahl weiblicher Beschäftigter handelt, sondern qualitative Aspekte von hoher Bedeutung sind.

2) Vgl.: Nissen, Ursula / Keddi, Barbara / Pfeil, Patricia (2003): Berufsfindungsprozesse von Mädchen und jungen Frauen. Erklärungsansätze und empirische Befunde. Opladen

3) Vgl.: BMBF (Hg.) (2003): Berufsbildungsbericht. Bonn

4) Vgl.: BLK Bericht vom 2. Mai 2002

5) Vgl.: Plicht, Hannelore/ Schreyer, Franziska (2002): Schöne neue Arbeitswelt? IAB-Kurzbericht Nr.11 vom 27. Mai 2002. Vgl. hierzu auch Krais, Beate (2003): Alarmierende Untersuchungsergebnisse zur berufsbiographischen Entwicklung von Ingenieurinnen, in: Karriere für Ingenieurinnen. Politik-Dialog des VDI in Kooperation mit dem BMBF, Berlin. 6. November 2003

6) Vgl.: Europäische Kommission Generaldirektion Forschung (2003): Frauen in der industriellen Forschung. Ein Alarmsignal für Europas Unternehmen. Brüssel. S. 9

7) Vgl.: ebenda S. 21

8) Vgl.: Könekamp, Bärbel / Krais, Beate (2001): Physikerinnen und Physiker im Beruf. Eine schriftliche Umfrage zur aktuellen beruflichen Situation von Physikerinnen und Physikern. Darmstadt

9) Der Begriff frauen- und geschlechtergerechte Konzepte soll zum Ausdruck bringen, dass die von mir gemeinten gleichstellungspolitischen Wandlungsprozesse nicht einseitig an die Adresse und auf die Zielgruppe Frauen ausgerichtet sind. Die erforderlichen Veränderungen beziehen beide Geschlechter mit ein und sind ohne die Vernetzung mit gendersensiblen männlichen Akteuren kaum erfolgreich umzusetzen.

10) Vgl.: Wolf, Heimfried / Spieß, Katharina / Mohr / Henrike (2001): Arbeit Altern Innovation. Wiesbaden

11) Vgl.: VDI (Hg.) (2001): Situation und Perspektiven der Ingenieurinnen und Ingenieure in Deutschland 2001. Düsseldorf

12) Vgl.: BMBF (Hg.) (2003): Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 2002. Bonn

13) Vgl.: BMBF (Hg.) (2003): Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 2002. Bonn

14) Vgl.: Klammer, Ute / Klenner, Christina / Ochs, Christiane / Radke, Petra / Ziegler, Astrid (2000): WSI FrauenDatenReport. Berlin

15) Vgl.: Krings, Bettina-Johanna (2001): Ein Brot das nur den halben Hunger stillt, in: Wechselwirkung, Heft Nr. 110, Juli/August 2001, S. 44-53

16) Vgl.: Canel, Annie / Oldenziel, Ruth / Zachmann, Karin (Hg.) (2000): Crossing Boundaries, Building Bridges: The History of Women Engineers in a Cross-Cultural Comparison, 1870s-1990s. Amsterdam

17) Vgl.: Wächter, Christine (2003): Technik-Bildung und Geschlecht. München, Wien. S. 62ff.


Dr. Regina Buhr arbeitet als Sozialwissenschaftlerin im Bereich Gesellschaft der VDI/VDE IT bei Berlin. Sie koordiniert die bundesweiten BMBF-Netzwerke für die Aus- und Weiterbildung in der Mikrosystemtechnik (AWNET) und ist Veranstalterin der Gendertagung "Innovationen - Technikwelten, Frauenwelten" am 21. Oktober 2004 in Berlin

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