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Bloßes Menschenmaterial?

15.10.2004: Die »verbrauchende Embryonenforschung« verletzt die Menschheitswürde

  
 

Forum Wissenschaft 3/2004

Sollen menschliche Embryonen getötet werden dürfen, um Stammzellen für Forschungszwecke zu gewinnen? Christine Zunke unterzieht die kontroversen Antworten einer eingehenden Kritik. Sie zeigt, wie der oft sehr vage gehaltene Begriff der Würde durch eine Verknüpfung der Moralphilosophie Kants mit der Gesellschaftstheorie von Marx einen Inhalt gewinnt, der eine kritische Position zur »verbrauchenden Embryonenforschung« begründet, ohne auf religiöse Hypostasierungen zurückzugreifen.

Kurz vor Pfingsten meldete die Presse, dass es offenbar gelungen sei, menschliches Nervengewebe aus adulten Stammzellen der Bauchspeicheldrüse zu züchten. Diese Nachricht wurde mit Spekulationen darüber verknüpft, dass adulte Stammzellen deutlich wandlungsfähiger seien, als man bisher annahm. Nicht zum ersten Mal ließ sich die Hoffnung verlauten, dass diese ein vollwertiger Ersatz für embryonale Stammzellen sein könnten und auf die umstrittene Forschung mit embryonalen Stammzellen vielleicht bald schon vollständig verzichtet werden könne.

Die moralische Frage über die Zulässigkeit der Tötung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken, die in Deutschland vor allem in dem Jahr vor der Verabschiedung des neuen Stammzellgesetzes am 24. April 2002 öffentlich diskutiert wurde, wird oft an die Erfolgschancen der sich bietenden Alternativen geknüpft. Ein kategorisches Nein zur »verbrauchenden Embryonenforschung« kommt vornehmlich von den VertreterInnen der Kirchen, die den Grund der Unantastbarkeit allen menschlichen Lebens in Gott sehen. Doch wem Gott kein zureichender Grund ist, der sieht sich oft einer schweren moralischen Abwägung gegenüber: Kann oder muss frühestes menschliches Leben dann geopfert werden, wenn sich keine andere, ähnlich viel versprechende Möglichkeit für die Erforschung von Heilungschancen Schwerstkranker bietet? Anders gefragt: haben Embryonen nur dann ein unbedingtes Recht auf Leben, wenn dieses Leben für die Forschung abkömmlich geworden ist? Der Wert des ungeborenen menschlichen Lebens wird in solcher Abwägung am Nutzen seiner Vernutzung gemessen - sein Preis ändert sich mit der Nachfrage. In der Abwägung, ob verbesserte Heilungsaussichten moralisch schwerer wiegen als menschliche Organismen von vier oder acht Zellen, wird der Preis nicht in Euro verhandelt (obwohl die wirtschaftliche Bedeutung der Stammzellenforschung die treibende Kraft der Stammzellendebatte ist - doch davon soll hier einmal abgesehen werden), sondern in der Frage nach dem Maß an Menschenwürde, das schwerstkranken Erwachsenen respektive gesunden Embryonen zukomme. Zentral ist in der Stammzellendebatte darum die Frage, ab wann einem menschlichen Organismus Würde überhaupt zusteht.

In der Debatte darum, ab wann ein Mensch Würde habe, kommt leider oft die Frage zu kurz, die eigentlich vorausgehen müsste: Was ist die Würde des Menschen? Aus den Argumenten, mit denen ein bestimmter Anfangspunkt der Würde im einzelnen Menschen begründet werden soll, lässt sich nur indirekt schließen, dass die Fähigkeit

zum Denken und/oder die Empfindungsfähigkeit des Menschen eine zentrale Bedeutung für seine Würde haben soll. Alle Varianten, die in der deutschen Stammzellendebatte als Beginn der menschlichen Würde und des unbedingten Lebensschutzes diskutiert werden, wie z. B. die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, die Nidation1 oder die Ausbildung neuronalen Gewebes, sind Stadien in der Entwicklung eines menschlichen Organismus, in denen zweifelsfrei keine Vernunft tätig ist und noch nicht einmal deren materielle Voraussetzung, das Gehirn, vorhanden ist. Damit kann Menschen in all diesen Stadien der frühen Embryonalentwicklung ein diesem einzelnen Organismus zukommendes Vernunftvermögen abgesprochen werden. Ferner verursacht die Tötung von frühen Embryonen diesen zweifelsfrei keine Schmerzen, wenn sie noch kein neuronales Gewebe haben.

Weil das Material noch nicht einmal die Voraussetzungen des Denkens oder Fühlens habe, so argumentiert neben anderen auch Reinhard Merkel, darum könne es keine Würde haben - worin diese auch immer bestehen möge. Doch aus dem organischen Entwicklungszustand eines Menschen folgt nichts in Bezug auf die moralische Frage, ob das Leben eines menschlichen Embryos einen unbedingten moralischen Wert darstelle, denn Moral bezieht sich auf die Würde eines Lebewesens, nicht auf dessen neuronale Disposition. Die Würde des Menschen entspringt aber keinem Material, sondern einem Ideal: dem Ideal der Menschheit.

Im Folgenden möchte ich aufzeigen, wie der oft sehr vage gehaltene Begriff der Würde durch eine Verknüpfung der Moralphilosophie Kants mit der Gesellschaftstheorie Marx´ einen Inhalt gewinnt, der eine kritische Position zur »verbrauchenden Embryonenforschung« begründet, ohne auf religiöse Hypostasierungen zurückzugreifen.

Das Ideal der Menschheit

Nach Immanuel Kant hat die Moral ihren Grund in der Freiheit: Der Mensch ist in seinem Handeln nicht natürlichen Instinkten unterworfen, sondern kann sich entscheiden. Diese Entscheidungen können ganz willkürlich und beliebig sein, oder sie können durch die Vernunft begründet werden. Haben Handlungen ihren Grund in der Vernunft, folgen sie einem Gesetz, das kein von außen kommender Zwang ist, sondern ein selbstgegebenes Gesetz aus Freiheit: Autonomie. Das allgemeinste Gesetz, das die Vernunft sich selbst geben kann, entspringt aus der Reflexion darauf, dass der freie Wille keinen höheren Zweck denken und wollen kann als sich selbst, die vernünftige Natur also als Zweck an sich selbst existiert. Es ist das moralische Gesetz, der kategorische Imperativ, dessen bekannteste Fassung lautet: "Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest."2 Es ist das allgemeinste Gesetz, weil es nur die Form des freien Willens, der sich selbst Zweck ist, als Prinzip setzt: Die Möglichkeit von Autonomie überhaupt. Hierüber sind Moral und Autonomie miteinander verbunden.

Ideen sind in der philosophischen Terminologie keine Einfälle, sondern Begriffe, die die Vernunft in der Reflexion auf sich selbst notwendig hervorbringt. Das Ideal ist "die Idee, nicht bloß in concreto, sondern in individuo, d. i. als ein einzelnes, durch die Idee allein bestimmbares, oder gar bestimmtes Ding"3. Mit dem Ideal konstruiert die Vernunft ein Maximum, etwas, das nicht zu übersteigen ist. Es ist so bestimmt als ein Einzelnes, unter das alle weiteren Bestimmungen fallen, das selbst jedoch durch nichts weiter bestimmt werden kann, da es vollkommen ist. Die Vorstellung der Totalität der Menschen als ein einzelnes, ganzes, durchgängig durch das Gesetz der Freiheit bestimmtes System ist das Ideal der Menschheit: als autonome Gesellschaft.

Da Erfahrung stets endlich ist, ist das Ideal in seiner Vollkommenheit ihr entzogen. Es ist nur durch die Idee bestimmt, ist jedoch nicht bloß Begriff, sondern wird vorgestellt als Gegenstand. Das Ideal ist die Darstellung der Idee. Das Vermögen der Darstellung ist nicht die Vernunft, sondern die Einbildungskraft. Sie ist im weitesten Sinne die Fähigkeit, Vorstellungen ohne Gegenwart des Objekts zu haben. In der Vorstellung

des Ideals der Menschheit bezieht sich die produktive Einbildungskraft allein auf die Idee der Vernunft, um ein »Urbild« der Menschheit unter Bedingungen der Freiheit und damit als moralisch vollkommen zu erzeugen. Als übersinnlicher Gegenstand ist »Menschheit« eine Vorstellung a priori. Dieses Urbild ist das Richtmaß aller wirklichen Verhältnisse der Menschen, die auf es bezogen gedacht werden müssen.

Das Ideal hat seiner Bestimmung nach keinen Mangel und keine empirische Entsprechung. Dass es trotzdem eine Wirkung auf die Realität hat, beweist sich daran, dass ein Mangel am Empirischen festgestellt werden kann, denn Mangel lässt sich nur in Relation zum Vollkommenen überhaupt erkennen. Die Menschheit in ihrer Vollkommenheit wird als notwendiges Ideal der Vernunft erschlossen, indem die gesellschaftliche Wirklichkeit als unvollkommen erkannt wird: Am Anfang jeder fortschrittlichen Gesellschaftskritik steht die Feststellung, dass die Menschen heute nicht unter Bedingungen der Freiheit leben.

Da es logisch unmöglich ist, durch eine Abstraktion vom Einzelnen und Bedingten auf das Allgemeine und Unbedingte zu schließen, entspricht der Begriff der Menschheit nicht der Summe aller empirischen Menschen und lässt sich aus diesen auch nicht ableiten. Das Unbedingte der Menschheit ist nicht die Summe, sondern die Totalität aller Menschen unter Bedingungen der Freiheit. Das Ideal Menschheit bestimmt nicht die Lebewesen, insofern sie eine biologische Gemeinsamkeit aufweisen und zur Spezies homo sapiens sapiens gehören, sondern insofern sie eine Totalität bilden, die unter dem Sittengesetz stehen kann. Die biologische Gemeinsamkeit ermöglicht zwar die Zuordnung einzelner Exemplare zur Menschheit, begründet dieses Ideal aber nicht.

Menschheitswürde

Im Ideal der Menschheit gründet die "Würde eines vernünftigen Wesens, das keinem Gesetze gehorcht, als dem, das es zugleich selbst gibt."4 Die Vernunft, die sich dieses Ideal setzt, ist Zweck an sich selbst; denn es gibt keine Instanz, für welche die Menschheit Mittel ist. Die menschliche Vernunft bildet das Ideal der Menschheit als Darstellung dessen aus, was ihr gemäß ist: Autonomie als die Fähigkeit zum moralischen Handeln. Und nur im Hinblick auf das Ideal Menschheit können Menschen sich selbst das moralische Gesetz geben; dieses Gesetz ist eine Würde, indem sein Inhalt die Menschheit ist. "Denn es hat nichts einen Wert, als den, welchen ihm das Gesetz bestimmt. Die Gesetzgebung selbst aber, die allen Wert bestimmt, muß eben darum eine Würde, d. i. unbedingten, unvergleichlichen Wert haben, für welchen das Wort Achtung allein den geziemenden Ausdruck der Schätzung abgibt, die ein vernünftiges Wesen über sie anzustellen hat. Autonomie ist also der Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur."5 Der Inhalt des selbstgegebenen höchsten Gesetzes, die Menschheit als Zweck an sich selbst, ist allein durch die Vernunft bestimmt, nicht durch ein Gefühl - etwa des Mitleids (Bettina Schöne-Seifert), der Gattungssolidarität (Reinhard Merkel) oder der Liebe (Robert Spaemann), die in den meisten in der Stammzellendebatte vertretenen

Positionen Moralität begründen sollen. Die Achtung vor dem menschlichen Leben ist nicht der Grund dafür, einem Menschen Würde zuzugestehen, sondern die Achtung vor der Person folgt aus ihrer Würde. Die Achtung ist nach Immanuel Kant das Gefühl für die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens.

Das Ideal der Menschheit beruht auf einer Synthese der Vernunft, die zwar von der Erfahrung ausgeht - es gibt Menschen als Erscheinungen - jedoch über die Erfahrung hinausgeht und dabei eine Synthesis, den Totalitätsbegriff aller sinnlichen Vernunftwesen, hervorbringt. Diese Syntheseleistung der Vernunft im Hervorbringen des Ideals braucht kein Vorbild in der Erfahrung. Zugleich ist das Ideal, da es auf empirische Menschen bezogen ist, nicht unabhängig von Erfahrung, sondern es fordert, wirklich zu werden. So ist Menschheit kein empirischer und durch Erfahrung gewonnener, sondern im Gegenteil ein der Erfahrung entzogener Begriff, der jedoch eine Wirkung auf die Erfahrung entfaltet, indem er die Würde des Menschen als Forderung an die Wirklichkeit enthält. Denn im Begriff der Menschheit ist die Autonomie und die Würde der Menschheit enthalten. Indem jeder Mensch auf das Ideal der Menschheit bezogen gedacht werden muss, hat er Würde. Die Würde des Einzelnen gründet so nicht auf seinen individuellen Eigenschaften, sondern im Ideal der Menschheit. Um dieses Verhältnis zu verdeutlichen, wird im Folgenden nicht der Begriff »Menschenwürde«, sondern der Begriff »Menschheitswürde« verwendet. Menschheitswürde ist zugleich die Würde jedes Menschen sowie die Forderung, dass diese Würde für die Menschen wirklich werde. Die Menschheitswürde ist nicht aus Erfahrung zu begründen und kann darum nicht davon abhängen, ob vier Zellen oder vier Milliarden Zellen vorliegen.

Die Menschheit als Ideal kann nur der aktuell vernünftige Mensch denken, aber indem er sie als Totalität denkt, fasst sie alles, was Mensch ist,6 unter sich - auch Embryonen. Ohne diese transzendentale Bestimmung der Würde wäre »Mensch« ein bloßer Artbegriff. Die Würde ist vom entwickelten Begriff der Menschheit als Ideal nicht zu trennen - und erst mit diesem Begriff ist der Mensch grundsätzlich von allen Tieren zu unterscheiden.

Die Würde ist Ausdruck dessen, was keinen Preis hat. Jeder Preis wird in einer Werterelation bestimmt. "Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde."7 Dasjenige, was nicht in einer Relation bestimmt werden kann, gilt unbedingt. Als Unbedingtes lässt die Würde der Menschheit keine graduellen Abstufungen zu. Die unbedingte Würde des Menschen gebietet, dass er niemals bloß als Mittel fremder Zwecke sein dürfe. "Die Menschheit selbst ist eine Würde; denn der Mensch kann von keinem Menschen (weder von anderen noch sogar von sich selbst) bloß als Mittel, sondern muß jederzeit zugleich als Zweck gebraucht werden, und darin besteht eben seine Würde (die Persönlichkeit), dadurch er sich über alle andere Weltwesen, die nicht Menschen sind und doch gebraucht werden können, […] erhebt."8 Der Mensch muss auch Mittel sein können, da ohnedem keine gesellschaftliche Arbeitsteilung möglich wäre, durch die allein er sich von der ersten Natur9 emanzipieren kann. Doch bloß als Mittel zu sein, widerspricht seiner Würde, die eben jene Emanzipation fordert. Wenn ein Vernunftwesen ein anderes Vernunftwesen bloß als Mittel nutzt, wird das letztere unter ein Gesetz des ersteren gestellt. Ein solches Verhältnis zweier Vernunftwesen kann nur ein Gewaltverhältnis sein; das Gesetz, nach dem dies geschieht, ist dann Ausdruck von Herrschaft, nicht von Vernunft. Bloß als Mittel fremder Zwecke zu sein, ist immer gegen die Würde eines Menschen, gegen die Menschheit in der Person des Einzelnen, denn es beraubt ihn der Möglichkeit, sich selbst das Gesetz zu geben. Die Autonomie wird dem Einzelnen unter Bedingungen der Herrschaft verwehrt.

Persönlichkeit: Freiheit und Arbeitsteilung

Die Unantastbarkeit jeder Person gründet nach Kant in dem allgemeinen Vermögen des Menschen, zwischen Ideal und empirischer Welt zu vermitteln. Kant nennt dieses Vermögen der Vermittlung auch die Persönlichkeit. Persönlichkeit ist kein statischer Zustand, sondern ein Prozess: die Vermittlung von Empirischem und Intelligiblem. Die Kantischen Bestimmungen weitergedacht ist das Vermögen zu dieser Vermittlung die menschliche Arbeit.

Die Persönlichkeit des Menschen wird bei Kant an die Möglichkeit der Freiheit als Prozess der Befreiung vom Mechanismus der Natur gekoppelt. Dieser Prozess kann kein Naturprozess sein, sondern nur einer aus Freiheit. Ein aus Freiheit in der Natur stattfindender und mit Hilfe der Naturgesetze durch Arbeit als technisch-praktischem Vermögen vernünftiger Sinnenwesen gewirkter Prozess.

Menschheit ist nicht denkbar ohne Kausalität aus Freiheit. Diese vergegenständlicht sich im Mehrprodukt: Kausalität aus Freiheit ermöglicht es, mehr zu produzieren, als für die unmittelbare Reproduktion nötig ist. Das Mehrprodukt ist die Voraussetzung der Freiheit der Subjekte: es stellt den Menschen zeitweise frei von dem Zwang zur Reproduktion. So verwirklicht die Menschheit sich als freie im Prozess gesellschaftlicher Entwicklung, sofern diese eine am Begriff der Freiheit orientierte Arbeitsteilung zur Herstellung eines Mehrprodukts entfaltet. Die Teilung der Arbeit und die damit verbundene Steigerung der Produktivkraft ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung des Prozesses der Verwirklichung des Ideals der Menschheit, da die unmittelbare Abhängigkeit von Naturgegebenheiten zwar gemildert wird, aber dieser Prozess sich in der bisherigen Geschichte unter Bedingungen der Herrschaft vollzog.

Die Freiheit wird nur im Prozess gesellschaftlicher Arbeit wirklich. Abstrahierte man bei der Bestimmung der Freiheit von diesem gesellschaftlichen Prozess, so wäre Freiheit in der Sphäre der intelligiblen Welt gebannt; der Zugang zur Freiheit läge allein im Denken. Der Mensch als sinnliches Wesen hätte zu ihr keinen Zugang; er würde als vernünftiges und sinnliches Wesen in die getrennten Sphären der empirischen und der intelligiblen Welt als zwei unvermittelbare getrennte zerfallen. Freiheit wäre nicht einmal Möglichkeit, weil sie keine gesellschaftliche Wirklichkeit erlangen könnte - und wäre so kaum mehr als ein Hirngespinst.

Arbeit als technisch-praktisches Vermögen der Person, eine Wirksamkeit in der Natur zu entfalten, ist das Vermittelnde zwischen sinnlicher und intelligibler Welt, indem die Zwecke einer Handlung gedacht werden, bevor sie im Material realisiert werden können. "Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht daß er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen [hier: dem durch das Begehrungsvermögen bestimmten Willen; C. Z.] unterordnen muß."10 Ohne den Prozess der Arbeit gäbe es keine Vermittlung zwischen Sinnenwesen auf der einen und Vernunftwesen auf der anderen Seite. Der Prozess der Verwirklichung der Befreiung von Naturzwängen wird durch bestimmte, zweckmäßige Tätigkeit vollzogen - durch Arbeit. "Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen."11 Die Fähigkeit des Menschen, seinem gedachten Ideal eine praktische Wirkung auf die Wirklichkeit zu verschaffen, ist die Erläuterung dessen, was Kant die Persönlichkeit nennt; dies ist zugleich die abstrakte Fassung dessen, was Marx als gesellschaftliche Arbeit bestimmt.

Der Begriff der Menschheit ist nur im Prozess der Verwirklichung von Freiheit zu fassen: Die Freiheit als Reflexionsbegriff hat erst über das moralische Gesetz den Bezug auf die Sinnenwesen, die sich durch die Arbeit in einer arbeitsteiligen Gesellschaft von der äußeren Bestimmtheit durch die Natur entfernen und sich dabei ihrer autonomen Bestimmung nähern können. Die Unantastbarkeit der Person wird so durch die tätige, menschliche Vernunft bestimmt, die in Handlungen - moralischen Handlungen und Handlungen der Produktion - praktisch ist.

Das "Reich der Freiheit" (Kant) ist die Vorstellung der Menschheit unter Bedingungen der Freiheit, als "Verein freier Menschen" (Marx). Dieses Ideal der Vernunft gründet als zu verwirklichendes auf dem moralischen Gesetz und dem Mehrprodukt. Die sinnlichen Bedürfnisse Einzelner können, aber müssen sich nicht notwendig wechselseitig ausschließen. Unter moralischen Bedingungen dürfen die einzelnen Bedürfnisse nicht gegeneinander stehen; die sinnlichen Bedürfnisse der Menschen müssen befriedigt und mit der Vernunft in ein Verhältnis gebracht, nicht umgekehrt die Vernunft zum bloßen Mittel der Bedürfnisbefriedigung degradiert werden. Der Begriff der Freiheit muss also auf das Kollektiv aller Menschen bezogen gedacht werden, als gesellschaftliche Freiheit, welche die Bedingung dafür ist, dass nicht Einzelne vom Mehrprodukt ausgeschlossen bleiben.

Menschheit und homo sapiens sapiens

Die Würde des Menschen gründet in seinem intelligiblen Charakter, welcher auf das Ideal der Menschheit bezogen ist. Dass auch diejenigen Angehörigen der Art, die noch nicht, zeitweise nicht, nicht mehr oder niemals Vernunftvermögen haben, z. B. Embryonen, Säuglinge, Bewusstlose, Anenzephale, schwer Debile usw., dennoch Teil an dem Ideal der Menschheit haben und also Wesen mit Würde sind, kann nur durch eine Verknüpfung des transzendentalen Ideals der Menschheit mit dem biologischem Material des menschlichen Organismus erklärt werden. Eine solche Verknüpfung kann keine kausale sein, da sich weder vom biologischen Material auf Freiheitsvermögen noch umgekehrt von diesem auf ein bestimmtes Material schließen lässt; sie muss vielmehr als Einheit gedacht werden, in der das eine sich nicht ohne das andere denken und bestimmen lässt.

Das Subjekt der Würde ist weder der Mensch als Angehöriger einer biologischen Art noch ist es ausschließlich dasjenige Lebewesen, das Vernunft hat, sondern es sind die Angehörigen der Spezies, in deren Wesen es liegt, als moralische aufeinander bezogen zu sein. Der Mensch ist Sinnenwesen, irreflexiver Naturgegenstand, und zugleich Vernunftwesen, wobei Vernunft als Reflexionsbegriff das andere zur Erscheinung ist. Das Wesen des Menschen ist nicht Vernunft, Freiheit und Moral - sowenig wie jeder Mensch wesentlich als vernünftig, frei und moralisch erscheint -, weil Menschen als Sinnenwesen nicht zureichend durch Reflexionsbegriffe bestimmt werden können. Doch ohne Bezug auf das durch Freiheit, Moral und Vernunft bestimmte Ideal der Menschheit lassen Menschen sich nur als eine weitere Tiergattung begreifen - nicht aber als diejenigen, die das Vermögen haben, Tiere unter Gattungen zu fassen. So ist jeder Mensch wesentlich auf das Ideal der Menschheit bezogen, auf Vernunft, Freiheit, Moral und Glückseligkeit in ihrer Einheit als gesellschaftliche.

Kein bloßes Menschenmaterial

Der menschliche Embryo ist vom Anfang seiner Existenz mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle an als gesellschaftliches Wesen bestimmt und auf das Ideal der Menschheit bezogen: ein Lebewesen mit Menschheitswürde, das Zweck an sich selbst ist. Mit dieser Würde ist seine Vernutzung zur Forschung, die ihn bloß als Mittel gebraucht, unvereinbar. Da die Würde eines Menschen als unbedingter Wert kein Äquivalent hat, ist sie gegen nichts abzuwägen. Ihre Verletzung durch den Gebrauch eines Menschen als bloßes Mittel ist - auch wenn sie subjektiv nicht als Verletzung empfunden wird - objektiv eine Nichtachtung der Menschheitswürde. Hierdurch ist die »verbrauchende Embryonenforschung« unmoralisch und durch keinen Zweck zu rechtfertigen - und zwar unabhängig von sich bietenden oder nicht bietenden Alternativen.

Der Tötung menschlicher Embryonen wird in der Stammzellendebatte die Pflicht zur Heilung Kranker entgegengestellt. Sowohl das Töten als auch die unterlassene Heilung eines Menschen widersprechen der Menschheitswürde. Auch wenn man dieses Dilemma, das in der geführten Debatte eine weitgehend ideologische Funktion hat, ernst nähme, wäre es unmöglich durch eine Abwägung zu lösen, da die Menschheitswürde unbedingt für alle Menschen gilt. Soll die Würde eines Einzelnen über diejenige eines Anderen gestellt werden, ist dasjenige, was die Würde stiftet - das Ideal der Menschheit, aus dem niemand, der zur Spezies gehört, ausgeschlossen werden kann - selbst negiert. Der durch ihre Würde begründete unbedingte Wert des Lebens endlicher Vernunftwesen impliziert die moralische Pflicht aller Menschen, diese Würde zu achten. Die Achtung gebietet, Menschenleben als Zweck an sich selbst zu schützen, d.h. allen Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Dies schließt die bestmögliche medizinische Versorgung aller Menschen ebenso ein, wie es die Vernutzung menschlicher Embryonen zu Heilungszwecken ausschließt. Die Menschheitswürde ist nicht auf ausgewählte Mitglieder der Menschheit einschränkbar, nicht funktionalisierbar und auch nicht durch Zwecke, die moralisch geboten sein mögen, relativierbar.

Wie realistisch oder unrealistisch die Hoffnungen in die medizinische Anwendung der Resultate der »verbrauchenden Embryonenforschung« sind, ist umstritten. Aber der vermutete Erfolg oder Misserfolg dieses Wissenschaftszweiges darf nicht als Argument dafür dienen, den Schutzstatus menschlicher Embryonen zu schmälern oder zu befördern. Denn die Menschheitswürde gilt unbedingt - was heißt, dass sie nicht an äußere Bedingungen geknüpft und abhängig von Erwägungen der Nützlichkeit und des Erfolgs verhandelt werden kann. Nahezu alle Positionen in der Stammzellendebatte berufen sich auf die Würde des Menschen. Doch alle Argumentationen, welche die Würde als ein Interesse behandeln, welches gegen andere Interessen abwägbar ist, verfehlen ihren Begriff, da sie ein Unbedingtes für ein Bedingtes, von äußeren Faktoren Abhängiges ansehen.

Zu den Bedingungen, von denen die Würde abhängen soll, zählt neben den menschen- oder wirtschaftsfreundlichen Erwägungen vor allem der Entwicklungszustand des Embryos: Von der Befruchtung der Eizelle bis zum eigenständigen Vernunftgebrauch des geborenen Menschen sind diverse Stadien der menschlichen Entwicklung diskutiert worden, ab denen dem Einzelnen die Würde im vollen Umfang zukommen soll. "Im vollen Umfang" darum, weil analog zur kontinuierlichen Entwicklung des Organismus oft eine sich kontinuierlich steigernde Würde und damit wachsende Schutzwürdigkeit vorgestellt und propagiert wird. In allen diesen Modellen, welche die Nidation, die Ausbildung von Nervengewebe, die beginnende Koordination der Körperbewegungen o. Ä. als zureichendes Merkmal für das Vorhandensein einer gewissen Würde nennen, dient ein organisches Merkmal als Gradmesser, an dem ein Nichtorganisches - die Würde - gemessen werden können soll. Doch keines dieser Modelle kann auch nur annähernd erklären, was die Würde des Menschen eigentlich ist. Nur eines können sie zeigen: dass die Würde des Menschen mit keinem körperlichen Merkmal des Menschen identisch ist. Würde ist weder die menschliche DNA, noch Nervengewebe, Sinnesorgane, Gehirn oder Greifhand. Sie entspringt nicht aus dem organischen Material, noch ist sie aus einer individuellen Eigenschaft abzuleiten. Sie ist im einzelnen Menschen niemals "nachweisbar", sondern ist erst durch die Bezogenheit des Individuums auf die Menschheit zu begreifen.

P.S.: Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass dies kein Beitrag zur Abtreibungsdebatte ist und sein kann. Die Fragen nach der moralischen Zulässigkeit von Abtreibungen und »verbrauchender Embryonenforschung« werden leider oft vermischt - meistens, um sie gegeneinander auszuspielen. Aber Abtreibung und Forschung an Embryonen analog zu betrachten heißt, davon zu abstrahieren, dass eine Schwangerschaft ein gänzlich anderes Verhältnis zum Embryo darstellt, als ein Experiment. Die Forschung braucht den Embryo als Mittel für ihren Zweck: embryonale Stammzellenforschung wäre ohne die Tötung von Embryonen unmöglich. Aber keine Frau setzt sich den Zweck abzutreiben und wird dafür schwanger. Da also die Abtreibung nicht der gesetzte Zweck ist, um dessentwillen die Schwangerschaft erzeugt wird, gehört die Abtreibungsdebatte nicht zum Gegenstandsbereich der Debatte um die »verbrauchende Embryonenforschung«, die den Embryo als bloßes Mittel braucht. Auf die Frage nach der Abtreibung und die hiermit verbundenen gesellschaftlichen Implikationen der Mutterrolle kann und soll hier darum nicht eingegangen werden.


Anmerkungen

Der obige Text enthält nicht gekennzeichnete Auszüge aus dem von derselben Autorin verfassten Buch "Das Subjekt der Würde", erschienen im PapyRossa Verlag 2004.

1) Die Nidation ist die Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter.

2) Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Frankfurt am Main 1997, BA 66f.

3) Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Frankfurt am Main 1997, B 595

4) Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, a. a. O., BA 77

5) Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, a. a. O., BA 79

6) Das Ideal der Menschheit umgreift alles, was zur Art der vernunftbegabten Sinnenwesen gehört. Dies ist dem Umfang nach biologisch zu fassen, dem Inhalt nach gehörten auch Romulaner und Klingonen und andere vernunftbegabte Aliens dazu. Sie hätten als sinnliche Vernunftnaturen dieselbe unbedingte Würde, gäbe es sie denn.

7) Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, a. a. O., BA 77

8) Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, Berlin 1968, S. 462

9) Die erste Natur meint die natürlichen äußeren Bedingungen, denen der Mensch als Sinnenwesen unterworfen ist, z. B. die jahreszeitlich bedingten Wachstumsperioden essbarer Pflanzen, die der Mensch durch den Bau von Treibhäusern und die Zucht ertragreicher Sorten ausweiten kann. Hierin ist die erste Natur dann gesellschaftlich vermittelt. Dagegen bezeichnet die zweite Natur die gesellschaftlichen Bedingungen, die von Menschen in ihrem Zusammenleben hergestellt werden, ohne dass dieser Prozess ein bewusster oder geplanter wäre. Diesen gesellschaftlichen Bedingungen findet der einzelne Mensch sich dann unterworfen, als wären es natürliche, z. B. erscheint der Einzelne im Zwang zur Lohnarbeit als Bedingung seiner Reproduktion den ökonomischen Gesetzen so vollständig unterworfen, als wären es unveränderliche Naturgesetze. Dies ist die naturhafte Vermittlung der Gesellschaft.

10) Karl Marx, Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band (Marx-Engels-Werke Bd. 23), Berlin 1988, S. 193

11) Karl Marx, Marx-Engels-Werke Bd. 3, Berlin 1988, Thesen über Feuerbach, S. 5


Christine Zunke arbeitet als Philosophin in Hannover.

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