BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

Newsletter abonnierenKontaktSuchenSitemapImpressum
BdWi
BdWi-Verlag
Forum Wissenschaft

Freier Wissenszugang und das Internet

15.10.2004: Die Exklusivität von Suchmaschinen

  
 

Forum Wissenschaft 3/2004

Das "Wissen der Welt" ist in zum großen Teil bereits im Internet zu finden. Dieser Anteil wird rapide zunehmen. Um es zu nutzen, muss es gefunden werden. Suchmaschinen ermöglichen diesen Zugang zum digitalen Weltwissen im Internet; ohne sie wäre dieses Wissen weitgehend unerreichbar. Wolfgang Adamczak über die zentrale Rolle, die Suchmaschinen in der Informationsgesellschaft spielen, und einen Verein, der diese kritisch hinterfragt.

Im Juli 2004 wurde in Hannover der Verein zur Förderung der Suchmaschinentechnologie und des freien Wissenszugangs gegründet. Zu den Gründungsmitglieder zählen so prominente Persönlichkeiten wie der MP3-Erfinder und Direktor des Instituts für Medientechnik, Karlheinz Brandenburg von der TU Ilmenau, der Vizepräsident für Forschung der Universität Hannover, Wolfgang Ertmer, sowie Wolfgang Sander-Beuermann, Leiter des Suchmaschinenlabors am Regionalen Rechenzentrum Niedersachsen der Universität Hannover und Entwickler der Metager-Suchmaschine (www.metager.de/ ) und des Forschungsportals Deutschland (forschungsportal.net/ ).

Warum setzt sich dieser Verein das Ziel, Suchmaschinen zu fördern? Es gibt eine Fülle davon und dazu noch welche, wie z.B. Google, die offensichtlich hervorragende Ergebnisse - auch ökonomisch - bringen. Das Problem ist aber komplexer. Suchmaschinen kontrollieren unter anderem:

  • welche Informationen verfügbar sind,
  • welche Informationen wann und von welchem Rechner aus abgerufen wurden,
  • in welcher Reihenfolge die Ergebnisse einer Recherche bei den Nutzerinnen und Nutzern angezeigt werden. Damit erfolgt eine Bewertung (Ranking) der Wichtigkeit.

Die Reihenfolge der Ergebnisse ist von außerordentlich hohem kommerziellen Interesse. Es gibt mehr als nur das Gerücht, dass man ein gutes Ranking ("meine Web-Seite wird unter den ersten 10 genannt"), in der Branche der »Suchmaschinenoptimierer« einkaufen kann. Die gelieferten Suchergebnisse stellen damit häufig rein kommerzielle Werbung dar, die nicht einmal als solche gekennzeichnet ist. Die Bewertung, welche Informationen relevant für den gewählten Suchbegriff sind, sollte jedoch an der Sache orientiert, dem gesellschaftlichem Interesse verpflichtet und für Nutzerinnen und Nutzer transparent sein. Sie muss unabhängig von ökonomischen oder politischen Interessen Einzelner erfolgen. Das gehört zu den Ideen des neuen Vereins.

Monopolisierung von Informationen

Zudem erschließt entgegen landläufigen Vorstellungen keine einzige Suchmaschine das digitale Weltwissen bisher auch nur annähernd vollständig. Während in den Anfangsjahren des Internets eine Vielzahl von Suchmaschinenanbietern aktiv war, ist zudem zur Zeit ein Konzentrationsprozess zu einem einzigen Anbieter weltweit (Google) zu beobachten. Google ist schon zu einem Synonym für den Begriff Suchmaschine geworden. Die mit einer Monopolisierung einhergehenden Gefahren liegen auf der Hand, vergleichbar einer Situation in den Print-Medien, bei der es nur noch eine einzige Zeitung oder eine einzige Bibliothek gäbe. Diese Situation ist gefährlich - nicht nur für die Informationsgesellschaft. Freier und transparenter Wissenszugang ist auch eine Bedingung für ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen. Es müssen also Alternativen zu den derzeitigen Suchmaschinen-Angeboten offen gehalten bzw. geöffnet werden.

Wenn sich in ein Monopol mit einer solchen Machtposition bildet, könnte obendrein ein derzeit noch kostenlos verfügbarer Dienst kostenpflichtig gemacht werden. Wünschenswerte Weiterentwicklungen werden mangels Konkurrenz verhindert. Hier müssen insbesondere solche Alternativen offen gehalten werden, die bereits allein durch ihre Struktur und Organisation Monopolbildung unmöglich machen. Prinzipiell besteht ein breites Spektrum an Möglichkeiten, die Vielfalt zu erhalten. Angefangen von gesetzlichen Regelungen bis hin zur Etablierung von öffentlich-rechtlichen Suchmaschinen. Wenn eine Vielfaltsicherung angestrebt wird, dann sollte im Konzept zu deren Verwirklichung die Sicherheit gegen Monopolisierung inhärent durch technische und organisatorische Strukturen fest verankert sein. Eine These des Suma-Vereins ist, dass dies am besten mit einer dezentralen, verteilten Struktur machbar ist. Im diesem Verein wird daher zur Zeit das Konzept einer kooperativ-dezentralen Suchmaschinen-Struktur diskutiert.

Damit eine solche Struktur arbeitsfähig ist, muss sie kooperativ arbeiten. Die einzelnen Bestandteile dieser Struktur sind zwar autark, müssen aber technisch und organisatorisch zusammenarbeiten. Um das zu optimieren, ist es sinnvoll, eine solche Struktur selbstorganisierend organisch wachsen zu lassen. Sie kann schlecht weltweit vom grünen Tisch aus entworfen und realisiert werden. Sie sollte sich in Nischen entwickeln, in diesen Nischen besser als vorhandene Konkurrenz werden und sich dann von dort ausbreiten. Prof. Pralle und Dr. Wolfgang Sander-Beuermann schlagen vor, die deutsche de-Domain als eine erste (nahe liegende) Nische zu betrachten und benennen für die Entwicklung einer verteilten, kooperativen Suchmaschinenstruktur in dieser Domain als für eine Realisierung wesentliche Kenngrößen und Kosten: In der de-Domain sind ca. 7 Mio. Domainnamen registriert. Nach verschiedenen Untersuchungen sind ca. 40% aller registrierten Domains mit Inhalten belegt, so dass man von rund 2,8 Mio. aktiven Webservern in der de-Domain ausgehen muss.

Vielfaltsicherung und Autarkie

Für die Realisierung einer Suchmaschinenstruktur in der de-Domain ist es wichtig, die Anzahl der Webseiten abzuschätzen. Die Lawrence/Giles-Studie ermittelt einen Wert von 266 Webseiten pro Server, andere Untersuchungen zeigen deutlich geringere Werte. Für eine konservative Abschätzung sollte man vom größeren Wert ausgehen. Damit ergeben sich 2,8 Mio. x 266 = 745 Mio. Webseiten in der de-Domain. Pralle und Sander-Beuermann gehen angesichts des Wachstums von Seiten von einer Grobabschätzung von 1 Mrd. Webseiten im zu erfassenden Datenraum aus.

Zur technischen Realisierung wird eine Struktur in drei Ebenen vorgeschlagen:

  • Unterste Ebene: eine Vielzahl (einige Hundert) kleiner Suchmaschinen ("Mini-Sucher"), welche nach kooperativ entwickelten Kriterien, wie z.B. eine Aufteilung anhand von Server-Anfangsbuchstaben o.ä., die Webserver (o.g. Anzahl 2,8 Mio.) erfassen.
  • Mittlere Ebene: Meta-Suchmaschinen, welche die Inhalte der untersten Ebene zusammenfassen ("Meta-Sucher").
  • Oberste Ebene: einige wenige Meta-Meta-Suchmaschinen, welche ein Einstiegs-Interface in den gesamten Datenraum bieten ("Meta-Meta-Sucher").

Jede Suchmaschine in diesem Konzept (auch die Meta-Ebenen) sollte von unabhängigen, verlässlichen Institutionen betrieben werden wie z.B. Universitäten, Rechenzentren, Büchereien usw. Sie sind prinzipiell autark, treffen jedoch sinnvollerweise Absprachen über Standardisierungen und Aufgabenteilungen (kooperatives Konzept). Als Such-Software werden von allen Beteiligten ausschließlich Open-Source Produkte benutzt. Dieses sollte eine bindende Vorgabe sein. Die Struktur ist kaum monopolisierbar, weil sich prinzipiell jede Institution integrieren kann. Andererseits ist jede Institution auf Kooperation angewiesen - im Störfall könnte sie durch einfaches IP-Blocking aus dem Verbund ausgeschlossen werden. Diese Organisationsform orientiert sich an den Selbstorganisationsprinzipien des Internet. Pralle und Sander-Beuermann kommen aufgrund dieser Abschätzung auf Kosten in einer Größenordnung von 1 Mio. Euro für ein minimales und von 3,5 Mio. Euro p.a. für ein realistisches Modell. Das sind Dimensionen, die nicht unbedingt erschrecken!

Die Brisanz dieser Problematik hat auch in den Deutschen Bundestag Einzug gehalten. Der Ausschuss Neue Medien des Parlaments beschäftigte sich mit dem Thema "Suchmaschinen und Vielfaltsicherung". Zu einem Hearing waren Vertreter des Suma-Vereins nach Berlin eingeladen. Die Website des Vereins www.suma-ev.de) gibt Auskunft über Ziele, Vorstellungen und konkrete Projekte. So soll in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Deutscher Internetportale www.bdip.de) der Prototyp einer neuen, regionalen Suchmaschine entwickelt und implementiert werden.

Der Verein freut sich über einen guten Mitgliederzuwachs, um seine Wirkungsmöglichkeiten zu vergrößern. Kontaktmöglichkeiten bestehen über Dr. Ing. Wolfgang Sander-Beuermann, Tel. (0511) 7624383, Fax: (0511) 716726, E-Mail: info@suma-ev.de , www.suma-ev.de .

Dr. Wolfgang Adamczak ist Leiter des Forschungsreferats an der Universität Kassel

Zum Seitenanfang | Druckversion | Versenden | Textversion