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Versinnlichung des »anderen Blicks«

15.12.2004: FrauenGeschichte als Gegenstand eines neuen Museumstyps

  
 

Forum Wissenschaft 4/2004

Im Dezember 2000 wurde der Verein zur Förderung des geschlechterdemokratischen historischen Bewusstseins e.V. mit Sitz in Bonn gegründet. Sein vorrangiges Ziel ist derzeit die Realisierung eines Hauses der FrauenGeschichte. Über das Symposium, das vom 1. bis 3. Oktober 2004 die Wünsch- und Machbarkeit eines solchen neuen Typs von Museum und eine geschlechtergerechte Darstellung der Geschichte in historischen Museen debattierte, berichtet Heike Meyer-Schoppa.

Das Projekt eines Hauses der FrauenGeschichte (HdFG)1 ist eng mit der wissenschaftlichen Arbeit von Annette Kuhn verbunden, einer Pionierin der historischen Frauenforschung, die als Geschichtsdidaktikerin in den 70er Jahren weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt wurde. Der emanzipatorische Aufbruch der Frauen prägte ihre wissenschaftliche Arbeit seit den 80er Jahren. 1986 erhielt sie den ersten Lehrstuhl für Frauengeschichte an einer deutschen Universität und trug entscheidend dazu bei, dass eine »andere Sicht« auf die Geschichte möglich wurde.

Unter ihrer wissenschaftlichen Leitung wurden am Lehrstuhl für Frauengeschichte der Universität Bonn mehrere sehr erfolgreiche Ausstellungen zur Geschichte aus Frauensicht erarbeitet. Das fortwährende Interesse an diesen frauengeschichtlichen Ausstellungen unterstreicht das Bedürfnis nach einer Geschichte aus Frauensicht. Im Zuge der Emeritierung von Annette Kuhn wurde der Lehrstuhl für Frauengeschichte an der Universität Bonn gestrichen, die erfolgreiche Arbeit am so genannten "Politeia-Projekt" aber fortgesetzt. So wurde die Ausstellung "Politeia - Szenarien aus der deutschen Geschichte nach 1945 aus Frauensicht" bereits in mehreren deutschen Städten gezeigt. Desweiteren konnten in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung das Internet-Projekt und die CD-Rom "POLITEIA. Deutsche Geschichte nach 1945 aus Frauensicht" verwirklicht werden. Auch für das Jahr 2005 wird es, wie seit mehreren Jahren, den historischen Wochenkalender Politeia geben; er porträtiert 52 Frauen, die die deutsche Nachkriegsgeschichte in Ost und West mitgeprägt und mitbestimmt haben. Porträts dieser Kalender wurden als so genannte Fahnenausstellung I und II "Frauen, die Geschichte mach(t)en" bereits an vielen Orten gezeigt. Über die Realisierung eines Hauses der FrauenGeschichte soll diese ergebnisreiche Arbeit fortgesetzt und erweitert werden. Anfang Oktober 2004 fand deshalb mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Bonn ein Symposium zur "Wünschbarkeit und Machbarkeit eines Hauses der FrauenGeschichte" statt. Auf diesem Symposium stellten die Beteiligten die Ergebnisse der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Machbarkeitsstudie sowie konzeptionelle und strategische Folgerungen aus dieser Untersuchung für ein Haus der FrauenGeschichte vor.

Mehrere Grußworte zum Symposium verdeutlichten, welches Maß an Zustimmung und Unterstützung die Forderung nach einem Haus der FrauenGeschichte bereits findet. In einem davon heißt es: "Eine solche Veranstaltung ist längst überfällig; schön, wenn sie überflüssig wäre." Dieser Gedanke bringt zum Ausdruck, was Frauenpolitik - zumindest in Deutschland - paradigmatisch begleitet: Die Machbarkeit frauenpolitischer Projekte unterliegt vielfach der zeitlichen Verzögerung, weil ihre Wünschbarkeit besonderer Rechtfertigung bedarf.

Ein Haus der FrauenGeschichte - warum also gewünscht, und wie wird es machbar?

Die Machbarkeitsstudie

Die Historikerinnen Bettina Bab (Köln) und Monika Hinterberger (Bonn) belegen in ihrer Studie "Erhebung und vergleichende Analyse der frauen- und geschlechtergeschichtlichen Präsentation in historischen Museen" ("Machbarkeitsstudie") ebenso anschaulich wie eindrücklich, dass die vielfältigen Anstrengungen zu einer geschlechtergerechten Darstellung der Geschichte in den historischen Museen sowohl auf der institutionellen als auch auf der konzeptionellen Ebene an immanente Grenzen stoßen. Mittels einer Fragebogenerhebung hat Bettina Bab zunächst die Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung einzelner Museen zur Repräsentation von Frauengeschichte analysiert. Von 74 angefragten Museen konnten schließlich 47 anhand ihrer Angaben fünf Kategorien zugeordnet werden, die das unterschiedliche Interesse an der Darstellung von Frauengeschichte markieren. Die Extrempole des Samples bilden drei kleine Museen, die ausschließlich Frauengeschichte bzw. vorzugsweise -kunst zeigen, und ein großes Museum, das sein Desinteresse an Frauengeschichte mit der Aussage begründet: "Das Dritte Reich war eine Männerangelegenheit."2 Die Selbstaussagen in den übrigen drei Gruppen differieren zwischen Museen, die größeren Wert auf Frauengeschichte legen (13), Museen, die mit Einschränkungen für Frauengeschichte offen sind (19), und Museen, die in geringem Maße Frauengeschichte berücksichtigen (11).

Auffallend ist in diesem Kontext zunächst der Befund, dass besonders große Offenheit für Frauengeschichte dort vorhanden zu sein scheint, wo eher kleine Ressourcen zur Verfügung stehen. Der Selbstaussage, dass 75% der befragten Museen Frauengeschichte thematisieren, liegt, wie die Studie zeigt, ein sehr uneinheitliches Verständnis des Gegenstandsbereichs zugrunde. So lässt beispielsweise die Konzentration einiger Museen in Sammlung und Ausstellung auf die Themen Haushalt, Küche und Mode ein eher traditionell verengtes Frauengeschichtsverständnis vermuten.

Der Befragungsbefund einer zwiespältigen und widersprüchlichen Haltung zur Frauengeschichte in den Museen wurde über Diskrepanzerfahrungen bei anschließenden Museumsbesuchen vertieft. "Nicht in jedem Fall", so Monika Hinterberger, "spiegelte das von uns Wahrgenommene das Selbstverständnis und die Selbstdarstellung der Museen wider". Entsprechende, mitunter auch positiv überraschende Abweichungen weisen darauf hin, dass in den letzten Jahren Veränderungsprozesse angestoßen wurden. Dennoch bleibt, wie die Studie belegt, eine Vielzahl vorhandener Potenziale ungenutzt, weil Exponate nicht entsprechend kontextuiert werden, Sonderausstellungen folgenlos bleiben und nicht zuletzt auch hier die Verfügungsgewalt über Ressourcen mit Fragen des Geschlechts verbunden bleibt.

Ghettoisierung durch ein Haus der FrauenGeschichte?

In der Diskussion unter Teilnehmerinnen des Symposiums, die aus unterschiedlichsten Bereichen der Bildungs- und Kulturarbeit kamen, nahm zunächst die Frage breiten Raum ein, ob ein Haus der FrauenGeschichte der richtige Weg sei, Frauengeschichte in der deutschen Museumslandschaft zu etablieren. Befürchtet wurden sowohl die Gefahr der Ghettoisierung von Frauengeschichte als auch eine vorschnelle Entlassung anderer Museen aus der Verantwortung. Demgegenüber machten Erfahrungsberichte von Frauen aus der Museumsarbeit deutlich, in welch starkem Maße ein Haus der FrauenGeschichte auch unter dem Aspekt der Kooperation und Vernetzung gewünscht wird, um bisherige Arbeitsergebnisse zu sichern und »Forschungsarbeiten aus der Provinz« bekannter zu machen. Dem Haus der FrauenGeschichte käme demnach auch die Funktion einer Sammelstelle zu, um die vielfach ehrenamtlich oder gering bezahlte Arbeit von Frauen in diesem Bereich sichtbar zu machen. Frauengeschichte, so Annette Kuhn, werde häufig nicht benannt, aber "die männliche Museumslandschaft lebt von unserer Forschung". Die Fragen, welche BesucherInnengruppen über ein Haus der FrauenGeschichte überhaupt zu erreichen seien und welche Akzeptanz es finden könne, kristallisierten sich als dritter Diskussionsschwerpunkt heraus.

Nach der Vorstellung des gegenwärtigen Konzepts für ein Haus der FrauenGeschichte verschob sich die Diskussion der Teilnehmerinnen jedoch deutlich auf Fragen der praktischen Umsetzung und inhaltlichen Konkretisierung. Wenngleich das im Prozess befindliche, offene Konzept für ein Haus der FrauenGeschichte lediglich in ersten Übersichtstafeln veranschaulicht werden konnte, wurde vielfach betont, wie ermutigend und stärkend die Vorstellung gewirkt habe. An dieser Verschiebung der Diskussion zeigt sich, welche Bedeutung der sinnlichen Wahrnehmung des »anderen Blicks« zukommt.

Die Sichtbarmachung des matriarchalen Musters

Die von Annette Kuhn vorgestellte Konzeption eines Hauses der FrauenGeschichte basiert auf der einfachen, aber folgenreichen Prämisse, dass alle Geschichte eine Geschichte von Männern und Frauen ist. Um die dominant patriarchal geprägte, dualistische Sehweise zu verlassen, richtet sich der Blick, so das Konzept, "bewusst mit zwei Augen auf die Geschichte - mit einem frauen- und geschlechtergeschichtlichen Blick einerseits und mit einem männergeschichtlichen Blick andererseits". Die fokussierte Betrachtung der Lebens-, Denk- und Äußerungsweisen von Frauen und die Erkenntnis der Verallgemeinerungsfähigkeit der Frauenpraxis im Sinne einer allgemeinen historischen Entwicklung machen eine Kontinuitätslinie sichtbar, die von den matriarchalen Anfängen der frühgeschichtlichen Zeit bis in die Gegenwart reicht. Diese Kontinuitätslinie wird im Konzept über den Begriff des matriarchalen Musters und seine Sichtbarmachung im historischen Prozess anhand von sieben Räumen beleuchtet. Die Auswahl eines Leitbildes, eines Symbols, eines Leitzitates und der Inszenierung eines zeittypischen Ereignisses für jeden Raum dienen der Beleuchtung bisher verborgener, aus der frauen- und geschlechtergeschichtlichen Perspektive aber historisch konstitutiver Kontexte. An ihnen verändert sich der Blick auf die historische Periodisierung der Geschichte.

Das Verständnis von Geschichte als Spiralbewegung in der Zeit bildet eine weitere grundlegende geschichtstheoretische Prämisse dieses Konzepts. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind in dieser Sicht eng miteinander verbunden. Anschaulich wird diese Vorstellung, indem die bisherige Konzeptpräsentation eine Spirale zugrundelegt, auf der die sieben Räume ihre zeitliche Anordnung finden.

Die Versinnlichung des »anderen Blicks«

Die Verschiebung der Diskussion unter den Teilnehmerinnen auf Fragen der praktischen Umsetzung und inhaltlichen Konkretisierung der Räume zeigt das Potenzial dieses Konzepts der "Sichtbarmachung des matriarchalen Musters". Wie bereits über die Vorstellung der Machbarkeitsstudie deutlich wurde, sind Wünsch- und Machbarkeit eines Hauses der FrauenGeschichte eng miteinander verknüpft. So hat sich gezeigt, dass entscheidend für die Umsetzung frauengeschichtlicher Perspektiven in Museen insbesondere das Verständnis von Frauengeschichte ist. Die Strategie des Gendermainstreaming stößt vor diesem Hintergrund an immanente Grenzen, die durch institutionelle und konzeptionelle Rahmenbedingungen der jeweiligen Museen vorgegeben sind.

Die Frage nach Wünsch- und Machbarkeit eines Hauses der FrauenGeschichte zielt damit im Kern auf den gegenwärtigen Stand der Geschlechtergerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Die Sehnsucht von Frauen und Männern nach Möglichkeiten einer eigenen Verortung in der Geschichte, nach Orientierungshilfen für die Beantwortung von Fragen des Gewordenseins bleibt in Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter unerfüllt, obwohl ein großer Reichtum vorhanden ist, - und darin liegt insbesondere das Versäumnis - dieser aber nicht zum Sprechen gebracht wird. Um das »Schweigen der Matronen« zu brechen, bedarf es deshalb, wie die Vorstellung der Studie und des bisherigen Konzepts nahelegen, eines eigenständigen Hauses der FrauenGeschichte, das sowohl gründungsgeschichtlich als auch konzeptionell dem Ziel der geschlechtergerechten Präsentation der Geschichte verpflichtet ist.

"100prozentige Zustimmung", "phantastisch", "großes Lob", "überzeugende sinnliche Konzeption" - an solchen und ähnlich lautenden ersten Stellungnahmen aus dem Plenum, die in Erinnerung bleiben sollten, auch wenn in der weiteren Diskussion kritische Nachfragen folgten, zeigt sich unabhängig von der noch zu leistenden Arbeit zur weiteren Konkretisierung des Projekts, dass dieser Ansatz eine der grundlegenden Aufgaben eines Hauses der FrauenGeschichte - die Versinnlichung des anderen Blicks - Erfolg versprechend leisten kann.

Offene Fragen

Bei der Podiumsdiskussion mit Expertinnen aus den Bereichen Gleichstellung, Wissenschaft, Wirtschaft und Bildung wurden Wünsche und Anregungen für die Weiterentwicklung der Konzeption eines Hauses der FrauenGeschichte gesammelt. Diese unterstrichen insbesondere die Bedeutung eines Hauses der FrauenGeschichte als Scharnier zwischen Forschung und Praxis, als wichtige Hilfestellung für das Sichtbarmachen und die Akzeptanz gegenwärtiger Probleme im Rahmen der Gleichstellungspolitik und als wesentlichen Beitrag zur emanzipatorischen Erziehung von Mädchen und Jungen in den Schulen.

Aus Sicht der Genderforschung formulierte dagegen die Bundeskoordinatorin der Internationalen historischen Frauenforschung, Professorin Dr. Bea Lundt (Flensburg), massive Bedenken gegenüber dem Konzept. Einerseits beklagte sie die Entkoppelung der Genderforschung von Rezeption und Didaktik und hoffte, von einem Haus der FrauenGeschichte könne ein Zusammenfügen dieser Bereiche ausgehen; andererseits sieht sie die Gefahr der Entkoppelung vom gegenwärtigen Forschungsstand aufseiten des Hauses der FrauenGeschichte. Entsprechend sei ihre Warnung ernst zu nehmen, inwieweit die bisherige Konzeption ein veraltetes Geschichtsbild der Frauenbewegung reproduziere.

Das Plenum des Symposiums diskutierte diesen Einwand und eine Reihe weiterer kritischer Nachfragen zur Konkretisierung des Konzepts. Es überwog die Einschätzung, es sei zunächst vorrangig, einen Raum für Frauengeschichte zu öffnen. Die Zunahme an Professorinnen beispielsweise sei kein Akzeptanznachweis für Frauengeschichte; diese werde weiterhin ausgegrenzt. Entsprechend wurde gefordert, über Details nicht den »Blick für das Große« aus den Augen zu verlieren. Was nämlich zunächst sinnlich und emotional gut gefalle - so wurde vielfach betont -, die Ausrichtung des Konzepts an der »Stärke der Frauen«, berge nicht zufällig die Gefahr, sich dem Vorwurf der Einseitigkeit auszusetzen: Bleibt Raum für eine Frauengeschichte, die Frauen auch als Opfer und Täterinnen betrachten muss? Finden entsprechende Unterschiede zwischen Frauen ausreichend Berücksichtigung? Welchen Platz erhält das Leiden von Männern an patriarchalen Strukturen? Findet der Zusammenhang von Alltag und Ökonomie Berücksichtigung? Welches Publikum lässt sich mit dieser Konzeption erreichen? Besteht die Gefahr, andere Museen aus der Verantwortung zu entlassen?

Diese und andere Fragen stehen trotz intensiver Diskussion weiterhin im Raum. Es widerspräche dem Anspruch eines offenen, im Prozess befindlichen Konzeptes, sie als beantwortet betrachten zu wollen. Vielmehr wurde deutlich, welchen Diskussionsbedarf dieser Ansatz eines Hauses der FrauenGeschichte auszulösen vermag. So könnte eine seiner Stärken gerade darin liegen, mehr Fragen aufwerfen, als Antworten geben zu wollen. Geschichte als einen gemeinsamen historischen Lernprozess zwischen den Geschlechtern, als Beziehungsgeschichte zu begreifen, setzt, so wurde immer wieder betont, einen umfassenderen Rahmen voraus, der als konstitutives Merkmal von Gleichheit Differenz zuzulassen vermag.

Laut Annette Kuhn wäre es demnach ein Missverständnis zu glauben, Ambivalenzen sollten nicht gezeigt werden. Grundlegend sei vielmehr die Annahme, dass Frauen im historischen Prozess einer dualistischen Zerreißprobe ausgesetzt sind. Das mache ihre Wege oftmals schmerzlich und zeige sich u.a. an immer neuen Formen der Integration junger Frauen in patriarchale Traditionen. In der Absicht, die Tiefendimension der Ambivalenz auszuloten und die dualistische Denkweise patriarchaler Muster zu durchschauen, seien Irritationen erwünscht, um Denk-Räume zu öffnen und damit Raum zum Dialog zu schaffen. Die vom Plenum wiederholt unterstrichene Bedeutung von »Multiperspektivität« und »kritischer Nachdenklichkeit« wären dem Konzept damit immanent.

Die Diskussionsschwerpunkte verdeutlichten jedoch zugleich, mit welchen Reaktionen in der weiteren Öffentlichkeit zu rechnen ist. So weist beispielsweise die trotz mehrfacher Erläuterung häufig wiederkehrende Nachfrage nach der zeitlichen Eingrenzung des Raums "Frauenpolitik und Faschismus" auf die Jahre 1938 bis 1958 darauf hin, dass hier sehr grundsätzliche Probleme der Vermittelbarkeit bestehen3. Ebenso wichtig wird es sein, die Einwände von Bea Lundt bei der weiteren Konkretisierung des Projekts eingehend zu prüfen, sich andeutende Konfliktlinien zwischen Genderforschung und dem Konzeptentwurf zu konkretisieren und damit auch in einen Dialog über die Bedeutung von Frauen-, Männer- und Geschlechtergeschichte zu treten.

Ein Haus der FrauenGeschichte als Brücke

Dem ausdrücklichen Wunsch nach der Realisierung eines Hauses der FrauenGeschichte, den vielfältigen Bemühungen der Integration von Frauengeschichte in bestehende Museen und der erfolgreichen Präsentation frauengeschichtlicher Sonderausstellungen steht, wie die Machbarkeitsstudie belegt, eine Situation entgegen, die befürchten lässt, dass wichtige und kostspielige Arbeiten zur geschlechtergerechteren Sicht der Vergangenheit wieder fast spurlos verschwinden4. Zeitgleich ist die Zunahme und Professionalisierung von Genderforschung an den Hochschulen mit einem Verlust an Rezeption und Didaktik konfrontiert. Museen kommt in diesem Kontext eine Schlüsselstellung zu, denn sie sind Orte, an denen verschiedene Bereiche zusammengefügt werden können. Vor diesem Hintergrund muss ein Haus der FrauenGeschichte auch als Bindeglied betrachtet werden, das die vielfältigen Formen frauengeschichtlicher Aktivitäten bündelt, zwischen Forschung und Praxis vermittelt, Bestände sichert und Synergieeffekte ermöglicht, um auch "kleine Arbeiten aus der Provinz in große Häuser" zu bringen.

Als Ort der Vernetzung verschiedener frauengeschichtlicher und gleichstellungspolitischer Aktivitäten kommt ihm damit eine Brückenfunktion zu, die nicht zuletzt auch über die Erreichbarkeit unterschiedlicher BesucherInnengruppen neue Perspektiven der Verständigung zwischen den Generationen eröffnet. Museumsdidaktischen Fragestellungen gebührt unter diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit bei der weiteren Konkretisierung des Konzepts.

Während diese Diskussionen geführt werden müssen, schlummern auf Speichern und in Depots weiterhin ungeweckte Exponate; mühevoll zusammengetragenen Sonderausstellungen droht die Gefahr, folgenlos zu bleiben, und viele Frauen arbeiten ehrenamtlich oder auf ungesicherten und befristeten Stellen in den historischen Museen… Ist es also an der Zeit, ungeduldig zu werden?

Aufgaben und Aussichten

Das einleitende Wort zur Podiumsdiskussion, Vielfalt sei die Basis der Stärke der Frauen, lässt sich auf die Umsetzungsproblematik übertragen. Entsprechend breit sind die Anregungen zur Weiterarbeit für ein Haus der FrauenGeschichte:

  • Eine Objektliste verfügbarer, ungenutzter und/oder möglicherweise erschließbarer Exponate stellt einen wichtigen Schritt der Konkretisierung dar,
  • eine entsprechende Bestandsaufnahme eröffnet zugleich auch argumentative Perspektiven für die Grundfrage der Finanzierung,
  • Formen virtueller Simulation müssen geprüft und die Internetpräsentation ausgebaut werden,
  • die Vernetzung mit diversen Institutionen und Initiativen gilt es voran zu bringen,
  • BündnispartnerInnen und SponsorInnen müssen geworben werden,
  • die Öffentlichkeitsarbeit bedarf der entsprechenden Verstärkung und
  • konzeptionelle Fragen erfordern weitere Diskussion und Konkretisierung.

Aufgaben

Der Verein zur Förderung des geschlechterdemokratischen historischen Bewusstseins hat, wie das Symposium gezeigt hat, eine Vielfalt von Aufgaben vor sich, um die Realisierung eines Hauses der FrauenGeschichte zu erreichen. Vieles aber, auch das hat das Symposium deutlich gemacht, ist schon auf den Weg gebracht. Das vorgestellte Konzept ruht auf dem sicheren Fundament einer umfangreichen und äußerst erfolgreichen Erfahrung mit frauengeschichtlichen Ausstellungen und Projekten, die eng mit der wissenschaftlichen Arbeit von Annette Kuhn verbunden ist. Die Idee eines Hauses der FrauenGeschichte wird seit ihrer Bekanntmachung vor allem auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrung von einer breiten Frauenöffentlichkeit getragen und unterstützt. Es bestehen zudem Kooperationen mit Partnerinnen aus mehreren west- und osteuropäischen Ländern, von denen einige beim Symposium anwesend waren.

Ein aus Bundesmitteln gefördertes Haus der FrauenGeschichte neben dem Haus der Geschichte in Bonn wäre also ein wichtiges und seit langem überfälliges Signal, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter in Deutschland nicht nur in der Verfassung steht. Überflüssig war ein Symposium, um dies zu erreichen, wie der Diskussionsbedarf und die Aufgabenfülle zeigen, noch nicht. Einen Nachweis aber haben die Veranstalterinnen bereits erbracht: Von der Versinnlichung des »anderen Blicks« in einem Haus der FrauenGeschichte sind wichtige Impulse für die Frauen- und Gleichstellungspolitik zu erwarten.


Anmerkungen

1) Vgl. www.hdfg.de . Hier auch Hinweise auf Unterstützungsmöglichkeiten des Hauses der FrauenGeschichte.

2) Zitat aus der Fragebogenerhebung

3) Eine eingehendere Darstellung, weshalb das Konzept für den Raum "Frauenpolitik und Faschismus" das Zeitfenster 1938 bis 1958 vorsieht, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. In Kürze: Es wurde gewählt, um die Besonderheit der Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Geschichte der Frauen in Deutschland im Faschismus sichtbar zu machen. Dabei gilt es insbesondere, die Dimensionen der nachkriegsspezifischen Frauenpolitik in Deutschland in ihren ambivalenten und in ihren offenen, Zukunft gestaltenden Möglichkeiten auszuloten.

4) Wie die Machbarkeitsstudie belegt, finden innovative Forschungsansätze nur schwer einen Platz im öffentlichen Raum. So steht beispielsweise der Publikumserfolg frauengeschichtlicher Sonderausstellungen im Widerspruch zur Befürchtung der befragten Museen, frauengeschichtlichen Themen mangele es an Akzeptanz seitens der MuseumsbesucherInnen.


Dr. phil. Heike Meyer-Schoppa, geb. 1962, Studium der Soziologie und Philosophie in Göttingen, Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung, Promotion in Geschichte im Rahmen des virtuellen Promotionskollegs "Gesellschaftliche Interessen und politische Willensbildung - Verfassungswirklichkeiten im historischen Vergleich" mit der Arbeit "Zwischen Nebenwiderspruch und revolutionärem Entwurf - Emanzipatorische Potenziale sozialdemokratischer Frauenpolitik 1945 bis 1949", Herbolzheim 2004 (Centaurus).

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