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Klaus Holzkamp

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Evaluation, Demokratie, Ideologie

15.05.2005: Elf Thesen zum Evaluationsboom

  
 

Forum Wissenschaft 2/2005

Wie Pilze aus dem Boden schießen Inspektionsverfahren unter dem Label "Evaluation". Das provoziert die Frage, weshalb und wofür eigentlich nahezu alles evaluiert werden müsse, zudem: ob Evaluation die von Wirkungsforschung und Politik erhobenen Partizipationsansprüche tatsächlich einlöst. Christine Schwarz entwickelt aus Literatur und Fallstudienbeobachtungen Thesen zum Evaluationsboom.

Gerade "weil es so dubios bestellt ist um die Nützlichkeit des Nützlichen, ist es dem Apparat doppelt wichtig, sich als ein Nützliches, um der Konsumenten willen Ablaufendes zu repräsentieren. Darum wird in der Ideologie die Demarkationslinie von Nützlichem und Unnützem so streng gezogen", bemerkte Adorno in den 60er Jahren in "Kultur und Verwaltung". Seitdem ist viel über Evaluationen geschrieben und gesagt worden. Worüber aber fast sämtliche Evaluationsliteratur und -verbände hartnäckig schweigen, ist die chaotische mikropolitische Realität des Evaluierens. Nachdem beispielsweise die Vorsitzende eines europäischen Evaluations-Verbandes meinen Studienbericht "Evaluation als modernes Ritual" mitverfolgt hatte, kam sie etwas aufgebracht zu mir: "Sie haben ja völlig Recht: Evaluation grassiert wie Wildwuchs! Aber nun verstehen Sie doch: Das ist heute völlig normal!!" Normal oder nicht, Evaluationen scheinen zwar zum beliebten Standard-Repertoire moderner Demokratien zu gehören. Aber warum? Die Evaluationsliteratur - insbesondere die amerikanische - gibt meist Antwort darauf, indem sie auf Evaluation verweist als das Vehikel von Emanzipation, Demokratisierung und mehr sozialer Gerechtigkeit.1 Den Demokratisierungsansprüchen, die sich an Evaluation heften, kann sie aber nicht gerecht werden - oder jedenfalls häufiger in der Theorie als in der Praxis.

Im Folgenden unterziehe ich den Evaluationsboom einer gesellschafts- und ideologiekritischen Deutung, basierend auf Fallstudien über Evaluationsverläufe sowie einer organisationssoziologischen Literaturauswertung.2 Mittels qualitativer Sozialforschung habe ich Hochschul-Evaluationen analysiert. Dokumentenanalysen, Leitfadeninterviews mit ca. 40 Personen, Visualisierungen zur Arbeitssituation Evaluierender, teilnehmende Beobachtung sowie Forschungstagebücher dienten der Rekonstruktion von Sinn und Funktion von Evaluation: Befragt und beobachtet wurden Angestellte aus Ministerien, Hochschulen und Kompetenzzentren sowie Evaluations-Beiräten. Es geht dabei nicht darum, Evaluationen abzuwehren oder zu verteufeln. Sondern der folgende Thesenkatalog soll, bewusst überspitzend, Ansätze provozieren, die Evaluation per se als soziale Bewegung begreifen. Trotz und gerade wegen der Sympathie für Emanzipations-Ansätze gilt es hier etwas zu reflektieren: die unhinterfragte Forderung nach Evaluation als politisch unverdächtige Beteiligungsorientierung.

1. Rationalisierungsmythen verlangen nach Evaluationen
"Evaluation" bekommt besonders dort eine problematische Kontroll-Aufgabe, wo sie wiederkehrende widersprüchliche Rationalisierungserwartungen überprüfen soll, wie z.B. bei Computerisierungen, Reformierung öffentlicher Dienstleistungen oder Arbeitsmarktreformen. Die bei Reformen übliche strategische Übertreibung anfänglicher Rationalisierungsmythen bringt somit Evaluierte, Evaluierende sowie deren Auftraggeber regelmäßig in unbequeme Situationen: Stets müssen Rationalisierungen evaluiert werden, deren Ursache-Wirkungs-Annahmen nicht wirklich für voll genommen werden, zumindest inoffiziell. Die Annahme, Organisationen durch neue Verfahren revolutionieren zu können, bildet zwar den gemeinsamen Nenner von Rationalisierung und deren Evaluierung - doch sind sie nicht selbst überprüfungsbedürftig? Wo viel versprochen wird, muss auch viel evaluiert werden, das scheint offenbar zum Wesen der Demokratie zu gehören.

Evaluation, Rationalisierung, Veränderung

2. Evaluation offenbart sich als Plastikwort
Mit der Reformierungsrhetorik geht deshalb auch eine Vermehrung von Evaluationstermini einher. Der Evaluationsboom hat also zwei Realitäten: die seiner sprachlichen und die seiner Ausdehnung im praktischen Handeln. "Evaluation" gehört zum Kanon der "Plastikworte".3 Es ist in aller Munde, weil es so dehn- und formbar ist und sich deswegen hervorragend eignet als sprachlicher Alltagsdietrich zwischen ExpertInnen und Laien. Das Label "Evaluation" ist zum Symbol geworden für fast jede mehr oder minder systematische Prüfung. Im Evaluations-Schein wie in dessen Wirklichkeit akkumuliert sich der Anspruch, Evaluationen könnten unmittelbar in Handeln umschlagen. Gerade weil Evaluation als Sammelsurium verschiedener mehr oder weniger analytischer Zugangsweisen zur Chiffre geworden ist, können sich unterschiedlichste - modische wie zeitlose - Interpretationen und Interessen an sie koppeln. Zumindest dem Anspruch nach ist Evaluation zum Synonym baldiger Veränderung geworden - doch hält sie, was sie verspricht?

3. Evaluation stellt Kosten-Nutzen-Relationen auf den Kopf
Wenn Evaluation den Aufwand des eigentlich zu Bewertenden übersteigt - also mehr Aufwand betrieben wird, um etwas auf seine Wirksamkeit zu überprüfen, als das zu Überprüfende zu realisieren -, dann werden damit zumindest gängige Kosten-Nutzen-Erwartungen augenfällig in Frage gestellt.4 Der Evaluationsnutzen selbst ist dabei schwer zu quantifizieren; denn schließlich birgt Evaluation allein als brachliegende Argumentations-Ressource in den Schreibtischen sog. Entscheidungsträgerinnen eine bedeutende Funktionalität. Der offenbar endlose Regress rationaler Verwaltung, auch die Kontrollierenden kontrollieren zu müssen, lässt zumindest am Anspruch effizienter Wirksamkeitskontrolle zweifeln.

4. Evaluation verführt dazu, Entscheidungen zu verschieben

Meist bestehen große Interpretations- und damit Handlungsspielräume, was sich überhaupt Evaluation nennen darf und warum. Über die Ziele von Evaluation selbst wird häufig kein tragbarer Konsens erreicht und das Sinnvakuum im Prozess der Evaluierung von den Einzelnen gefüllt. Auch wenn sich nicht alles, was unter "Evaluation" firmiert, für die Einzelnen als nützliche Nutzenbewertung erweist, ändert das nichts daran, dass Evaluationen Erwartungen wecken, dass bald etwas (durch Evaluation Gerechtfertigtes) passieren wird. Schlimmstenfalls können ziellose Evaluationen zum Statthalter für Entscheidungen und verantwortliches Handeln werden und einen Teufelskreis gegenseitiger Versicherungen und Verunsicherungen etablieren, statt zur Aufklärung über Projektergebnisse beizutragen. Rationalistische Entscheidungstheorien sind zumindest dort in Zweifel zu ziehen, wo es um die Evaluation in mehrdeutigen Situationen geht. Charakteristisch ist für anarchische Organisation: das Wissen über die Kausalbeziehungen der Organisationsumwelt ist begrenzt, mit unvollkommenen Technologien und inkonsistenten Zielen konfrontiert, Teilnehmerinnen5 fluktuieren und deren Aufmerksamkeit wechselt.6 Entscheidungsfindung hat dann weniger mit Effizienz und Strategie zu tun, sondern ähnelt eher dem kollektiven Herumwühlen im Papierkorb.7 Ist Evaluation erstmal zum Faustrecht institutioneller Auseinandersetzungen geworden, besteht die Gefahr, dass sie auch langfristig einen Image-Schaden erleidet: Intransparenz im Namen der Transparenz, Irritation im Namen von Aufklärung, Misstrauen im Namen von Legitimation. Als Chiffre liefert Evaluation zeitweise die Illusion eines Konsenses, vermeidet vorübergehend Konflikte und verschiebt Entscheidungen im Namen von Rechenschaftslegung und Partizipation: auf bürokratische Parallel-Universen, auf Beteiligung, auf später.

5. Evaluation verwissenschaftlicht die entzauberte Welt
Der Evaluationsboom kann zum Teil mit Max Webers These der Entzauberung und Verwissenschaftlichung der Welt begriffen werden.8 Wissenschaft, Recht und Bürokratie, gewissermaßen entpersonalisierten Vertrauensinstanzen, werden Schiedssprüche abverlangt, statt sie allein zu verantworten. Dies gilt für sog. Entscheidungsträgerinnen, wie es alle Individuen sind, aber vor allem diejenigen, die ihre Entscheidungen öffentlich rechtfertigen müssen. Von einer Einkerkerung der Menschheit ins "stahlharte Gehäuse" der Rationalitäts-Hörigkeit, wie Weber es beschrieben hat, kann aber nicht die Rede sein. Denn dem häufig zu beobachtenden Evaluationschaos fehlt ja gerade die Regelhaftigkeit und Verlässlichkeit bürokratischen Handelns, was es vor-rationalen Formen der Herrschaft so überlegen mache - ökonomisch wie moralisch. Als unhintergehbare Errungenschaft gegenüber vormodernen Formen abendländischer (Willkür-) Herrschaft gilt Verwaltungsrationalität als ein beschützenswertes Gut. Gerade weil Rationalität als zutiefst zufällige Angelegenheit aber abhängig bleibt von ihrer fragilen ethischen Umgebung, muss sie vor ihren Gegnerinnen auf humanistischer wie neoliberaler Seite verteidigt werden.9 Den Unternehmer-Managerialismus permanent als schwarzen Peter darzustellen, kann ebenso gefährlich werden, wie ihn ständig als goldenes Kalb nach Ende des Sozialstaats zu inthronisieren. Aufklärung bleibt dialektisch: Evaluation kann gleichzeitig Nebelbombe der Mystifizierung sein und zugleich stetige Entzauberung der Welt.

6. Evaluation organisiert die Anarchie
Handelt es sich also beim Dschungel an Evaluationen nicht vielmehr um Anarchie denn um Bürokratie? Nicht ganz, denn auf den Anarchie-Verdacht gegenüber Evaluation kann nur kommen, wer glaubt, Bürokratie- bzw. Organisationsprozesse folgten allein rationalen Kriterien und ihre Rationalisierung verliefe so linear und widerspruchsfrei, wie von der betriebswirtschaftlichen Doktrin beansprucht. Ob Bürokratie bzw. Organisationen tatsächlich rationaler oder effizienter werden, ist meist sekundär.

Ordnungserhaltung und Legitimationsbedarf

Für den Fortbestand sozialer Ordnungen ist vielmehr entscheidend, ob es einer Organisation gelingt, sich erfolgreich als rationaler bzw. effizienter zu geben - so jedenfalls behauptet es die neoinstitutionelle Organisationssoziologie.10 Evaluationen kommen vor allem dann zum Einsatz, wenn Hierarchie als steuernder Eingriff zurückgenommen wird, wie aktuell beim Rückzug des Sozialstaats bzw. der Staatsbürokratie, die als stete Entkoppelung11 von Organisationsstrukturen begriffen werden kann. In sich transformierenden sozialen Gefügen werden multiple Umwelterwartungen an öffentliche und private Organisationen herangetragen (wie z.B. die, dass ein Projekt zugleich didaktisch innovativ, ökonomisch effizient sein muss und zugleich auch noch Spaß machen soll). Treten Konflikte zwischen den gewohnten Regeln und Effizienzansprüchen einer Organisation auf, so löst die Organisation dies durch Entkopplung oder Vertrauensbildung via Innovations-Mythen und deren Evaluation. Wie die Evaluationswut wirkt vieles zunächst als Verselbständigung, Selbstzweck oder Zeremoniell. Langfristig betrachtet erweist sich diese chaotische Form sozialer Kontrolle jedoch als Selbsterhaltung sozialer Ordnungen, wenn auch auf höchst ineffizientem Wege. Der Evaluationsboom treibt somit sozialen Wandel voran und hilft zugleich, seine Folgen zu verarbeiten. Absurd wirkt zwar, dass eine Organisationsspitze sich damit abmüht, sich selbst abzuschaffen. Doch schließlich werden so Lücken und damit Handlungs-Spielräume innerhalb traditioneller Ordnungen möglich, die das mikropolitische Spiel für weitere, bisher unbeteiligte Akteure öffnen. Bei Evaluationen kann prinzipiell jede/r mitmachen - vorausgesetzt, sie erkennt dies als Chance. Evaluationen bieten neue Auseinandersetzungsflächen, die noch nicht lizenziert sind. Wer evaluiert dann letzten Endes die Evaluatorin?

7. Evaluation überzieht ihren warm-up-act für den freien und gerechten Markt
Evaluation aber als bloß symbolischen Akt herunterzuspielen, wäre eine Verkennung des Potentials neo-institutioneller Analyse. Wenn etwas in Organisationen evaluiert werden soll - vor allem aber in staatlichen Einrichtungen-, dann ist es legitimationsbedürftig oder rechenschaftspflichtig geworden. Öffentliche Einrichtungen wie Bildungsträger und Krankenhäuser müssen sich seit etwa Mitte der 90er Jahre auf Wettbewerb einstellen. Öffentliche Einrichtungen versuchen sich technisch, organisatorisch und ausdrucksmäßig an Unternehmenspraktiken anzupassen.12 Aus dieser Perspektive wird Evaluation häufig begriffen als eine Vorstufe zur sog. Markttransparenz für den freien Wettbewerb, weil bisher keine einzige der - wenn auch idealtypischen - Prämissen dafür erfüllt ist. War während der Entstehung von Evaluation während des amerikanischen New Deal in den 30er Jahren die Frage leitend, wie das Geld am besten ausgegeben werden kann, so steht sie heute im Zuge von Sozialstaatsabbau und Kommerzialisierungsdruck im Dienste der Frage, wie öffentliche Mittel am besten gestrichen werden können.

8. Evaluation reduziert Komplexität - und lehrt Ignoranz
Mit dem Ende der Systemalternative zur Marktwirtschaft Ende der 80er Jahre werden Demokratien zwar nicht zu Verwaltungsregimes, wie es der Wissenschaftssoziologe Michael Power nahe legte.13 Als Element modernen Managements ist Evaluation aber zum Image- und Behaglichkeits-Produzenten avanciert. Die Ursachen des Evaluationsbooms scheinen im historisch neuen Verhältnis von Staat und Individuum zu liegen, das sich unter dem label new public management etabliert. Soziale Kontrolle gab und wird es immer geben. Betrachten wir aber, wie Power, Gesellschaften als Konstellationen von Vertrauen, Risiko und Rechenschaft, so wird deutlich, dass sich die Inspektionsstile historisch verändern. Sie sind Ausdruck davon, wie soziale Risiken wahrgenommen, definiert und gemindert werden.

Regelrecht attraktiv wird Evaluation heute als Ritual scheinbarer Kontrolle von Risiko und Unsicherheit, weil sie hilft, die Einsicht in die wahre Komplexität zu vermeiden. Um vielschichtige gesellschaftliche Zusammenhänge wie z.B. in der Bildungspolitik oder Arbeitsmarktentwicklung evaluierbar zu machen, müssen sie aus ihrer gesellschaftlichen Komplexität herausgerissen werden, wodurch die Wahrnehmung anderer Zusammenhänge gekappt werden. Vereinfachungsangebote sind unerlässlich als Mittel der Politik; mutieren Komplexitätsreduzierungen aber zum über Politik und Medien hinausgehenden common sense, werden sie zum institutionalisierten Verweigerungsversuch, sich und andere mit der Komplexität gesellschaftlicher Realität zu konfrontieren. Evaluation birgt somit die Chance, komplexe Zusammenhänge darstellbar zu machen, und zugleich die Gefahr, all das zu ignorieren, was nicht ins Visier des Evaluationsschemas passt. Ganz gleich, wie der Evaluationsbefund von sozialer Kontrolle als "checking gone wild" selbst bewertet wird: Evaluation ist ganz offensichtlich zum wichtigen Bestandteil des sozialen Gewebes geworden.

9. Evaluation bindet Finanzwirtschaftliches und Moralisches
Trotz globaler Gleichzeitigkeit hat der Evaluationsboom jedoch viele Gesichter. Nach Ansicht der Sozialanthropologin Marilyn Strathern scheint ihm aber gemeinsam zu sein, dass er Finanzwirtschaftliches mit Moralischem scheinbar verschmilzt.14 Diese Verinnerlichung des "managerial government" schreite zwar abhängig von lokalen Verhältnissen fort, doch setze sich global eine Triade durch, in der sich die drei Domänen ehemaliger Staatlichkeit in einer radikal-marktwirtschaftlichen Ideologie gegenseitig aufeinander beziehen: Politik, Rechenschaftslegung und Ethik. Nur so wirken ökonomische Effizienz und soziale Gerechtigkeit als vereinbar oder geradezu identisch. Durch diese Verankerung ökonomischer Restriktionen im Inneren verstärkt sich das Dogma individueller Rentabilität und Verantwortlichkeit: "Auditing becomes an example to add to all the myriad ways in which people govern themselves". Evaluation ist somit einer der vielen kleinen Mechanismen, die heute das Verhältnis von Staat und Individuum umgestalten. In Inspektionsverfahren wie Evaluation aber nur die Kaschierung von Entscheidungsunsicherheiten zu erkennen, wäre jedoch etwas fatalistisch. Das neue (Selbst-) Steuerungsinstrument Evaluation stellt immerhin auch gesellschaftliche Ordnungen in Frage; sie weckt und strukturiert neue Erwartungen an soziale Verteilungsgerechtigkeit.

10. Rationalität wird zum Irrgarten für "Freiheit"
Wenn der evaluative overkill Zeugnis ablegt vom Rückzug des Sozialstaats und Staatsbürokratie, dann ist Evaluation alles andere als eine mechanische Versteinerung, sondern vielmehr ein höchst flexibler Modus kollektiver Auseinandersetzung in - zumindest demokratisch strukturierten - Gesellschaften. Evaluation reagiert auf Rationalisierungsansprüche und verarbeitet sie - aber subtiler, mitunter subversiver als im Bild des eisernen Käfigs der Rationalitäts- und Behörden-Hörigkeit.

Evaluation als Partizipationsanspruch

Evaluation eröffnet vielmehr eine neue Arena, in der zumindest auch die alten (Entscheidungs-)Spiele gespielt und neue Entscheidungspraktiken eingeübt werden können. Es hängt vom zufälligen Zusammenspiel (nicht immer zufälliger) lokaler Strukturen und Interessen ab, wie dieser Spielball zum Einsatz kommt. Rationalisierung führt somit nicht in ein "stahlhartes Gehäuse", sondern in ein viel weitläufigeres Gehege, einen Irrgarten - in dem vernetzte (und fragmentierte) Kommunikationsstrukturen auch erweiterte Möglichkeiten politisch-technischer Suggestion bieten. Im Irrgarten sind es keine Stahlwände, die den Freiheitsentzug bedeuten, sondern die Verwirrung durch die vielen Entscheidungszwänge. Wie die unzähligen Gänge in einem Irrgarten haben sich in der Waren- und Mediengesellschaft die Ausbruchs- und Einlösungsversuche der Aufklärung vervielfacht, egalitäre Chancen auf Glück herzustellen. Anders als im Gefängnis können und sollen sich die Einzelnen selbst aus dem Irrgarten befreien, indem sie ihre Freiheitsspielräume je unterschiedlich nutzen. Alltagsreligionen, der verwissenschaftlichte common sense, sind viel elastischer als Ideologien aus simplem Stahl.Evaluation ist eine heute (noch) zeitgemäße Art und Weise, Legitimität einer Ordnung herzustellen, indem wenigstens vorübergehend ein scheinbar kollektiv geteilter Referenzrahmen hergestellt wird. Je inhaltsleerer dieser ist, umso flexibler wird er politisch verwendbar- auch und gerade, wenn eine Sozialordnung angesichts steigender sozialer Ungerechtigkeit immer illegitimer wird.

11. Evaluationsrituale kitten fragmentierte soziale Gefüge
Ähnelt Evaluation in halbsäkularisierten Demokratien also religiösen Bräuchen und kultischen Handlungen wie der Weihe, dem Gottesdienst oder dem Regentanz? Evaluation als Ritual zu verstehen, zielt auf ihre alltagspraktische Rolle bei der symbolischen Verarbeitung gesellschaftlichen Wandels: Wie das religiöse Ritual Heiliges von Profanem trennt, kommen moderne, verwissenschaftlichte Rituale nicht aus ohne das Moment der Nicht-Aufklärung sowie die Beschwörung einer Kraft, die außer den Menschen selbst liegt. Rituale sind kollektive Handlung zur Verständigung und Vergewisserung über geteilte Werte und damit der Versuch, in fragmentierten sozialen Strukturen kollektiv getragenen Sinn herzustellen. Moderne Rituale stellen den Schein eines Konsenses her, indem mit ihnen vorübergehend auf etwas Höheres, außer ihnen selbst liegendes Überindividuelles verwiesen werden kann: die Autorität des Wissenschaftlers, das anonyme Prüfverfahren, die Signifikanz, das akkumulierte Gutachterurteil, die interesselose Zahl und somit schlussendlich den abstrakten, sozial erwünschten common sense. In verwissenschaftlichten Verständigungszeremonien gilt tückischerweise das als relevantes Wissen, was den individuellen Erfahrungs- und Bewertungshintergrund im Einverständnis der Beteiligten abschneidet. Inmitten einer inflationären Ökonomie trügerischer Rationalisierungs-Versprechen fungiert Evaluation zeitweise als Gegenmittelchen: Sie soll Wirkungszusammenhänge darlegen, die durch die allgemeine Auflösung von Zusammenhängen verloren gegangen sind. Wenn also zur Rationalisierung von Organisationen Entkopplung gehört, dann kommt Evaluation - in Zeiten des Sozialstaatsabbaus - offenkundig die Aufgabe eines Klebstoffs zu, der sich um die sich lockernden Elemente sozialer Gefüge legt. Langfristig aber trägt Evaluation jedoch auch selbst zur Undurchschaubarkeit gesellschaftlicher Verteilungszusammenhänge bei, indem sie bestimmte Wirkungszusammenhänge hervorhebt und andere ignoriert. Dieser verschleißbare Mechanismus basiert auf einer - angesichts der Auflösung des Sozialstaats - überholten Vorstellung von Beteiligung, es gäbe eine zentrale Autorität, in der die von der Evaluation gelieferten Befunde auf ihre Widerspruchsfreiheit überprüft würden. Diese allmächtige Zentrale ist aber fiktiv wie der liebe Gott. Solange diese zweifelhaft zentralistische Emanzipationsvorstellung vorherrscht, reagieren sich transformierende Sozialgefüge nur mit weiteren Entkopplungen: wie Evaluation.


Anmerkungen

1) So setzt etwa Michael Patton "evaluatives Denken" mit "kritischem Denken" gleich. Vgl. Patton, M.Q., (2002), A Vision of Evaluation that Strengthens Democracy, Evaluation, Vol. 8 (I), Sage.

2) Bei der Studie handelt es sich um meine Dissertation in Soziologie an der Universität Hannover. Sie wurde von der Grünen Akademie der Heinrich Böll Stiftung finanziert (vgl. Schwarz, C. (2005), Evaluation als modernes Ritual. Zur Ambivalenz gesellschaftlicher Rationalisierung am Beispiel Virtueller Universitäten, Dissertation, Veröffentlichung in Vorbereitung im Waxmann Verlag Münster).

3) Pörksen, U. (1988), Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur, Stuttgart: Klett-Cotta.

4) Eines der plakativsten Ergebnisse der Studie ist die schiere Masse an Evaluationen bzw. Evaluierenden. Ein 5-jähriges Hochschulprojekt wurde von mindestens sechs Seiten ‚evaluiert’ - ohne dass dieses Ausmaß auch nur einer einzigen Person bekannt war: 1. Die "Selbstevaluation" der 4 Projekt-Teile, 2. Evaluation durch das Projektmanagement, 3. ein Dissertations-Projekt, 4. ein Kompetenzzentrum, 5. ein Evaluations-Beirat sowie 6. ein Hochschul-Entwicklungszentrum. Erst mit Hilfe der Befragten konnte dies aufgedeckt werden.

5) Alle Personen(gruppen) i. F. in weiblicher Pluralform geschrieben und beide Geschlechter einschließend.

6) Berger, U.; Bernhard-Mehlich, I. (2001), Die verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie, in: Kieser, A. (Hg.), Organisationstheorien, 4. Auflage, Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer.

7) Cohen, M.D., March J.G. & Olsen, J.P. (1972), A Garbage Can Model of Organizational Choice, in: Administrative Science Quarterly 17. Problemdefinitionen, Lösungsansätze, Teilnehmerinnen-Interessen und Entscheidungsgelegenheiten fließen im Mülleimer-Modell vergleichsweise zufällig zusammen. Evaluation bietet dabei lediglich eine neue Lösung für alte Organisations- und Umweltprobleme.

8) Weber, M. (1920 [1988]), Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, Tübingen: Mohr.

9) Du Gay, Paul (2000), In Praise of bureaucracy, London: Sage.

10) Diese grenzt sich vom traditionellen Institutionen-Begriff der Soziologie ab, indem sie nach den vorherrschenden Grundüberzeugungen rationalen Handelns fragt, die als alternativlos gelten oder dargestellt werden (vgl. DiMaggio, P. & Powell W., (1983), The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields, American Sociological Review 48, 147-160; Hasse, R. & Krücken, G., (1999), Neo-Institutionalismus. Bielefeld: transcript Verlag.)

11) Beispiele für Entkopplungen sind: Erkrankte Angestellte müssen sich vom Betriebsarzt untersuchen lassen, ganz gleich ob dies zu ihrer Gesundung beiträgt; Fragebögen massenhaft eingesetzt aber nicht ausgewertet; Qualitätssicherungssysteme werden entwickelt, es bleibt aber irrelevant, ob sie zu einer Veränderung führen.

12) Laut Di Maggio & Powell stellt sich diese Isomorphie her durch Zwang (wie staatliche Vorgaben und Rechtsvorschriften), durch Imitation (z.B. an als best-practice geltende Lösungen) oder durch normativen Druck (etwa durch Professionskulturen und normative Bindungen).

13) Power, M. (1994), The Audit Explosion, London: Demos; Power, M. (1997), The Audit Society. Rituals of Verification, Oxford: Oxford University Press.

14) Strathern, M. (2000), Audit Cultures. Anthropological studies in accountability, ethics and the academy, London/ New York: Routledge.


Christine Schwarz ist Soziologin und arbeitet zur Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft Saarbrücken (iso-Institut). Zu ihren Schwerpunkten gehören Evaluations- und Management-Forschung, Medien- und Organisationsentwicklung, Technik- und Wissenschaftssoziologie. Derzeit evaluiert sie die Hartz-Reformen im Auftrag des Bundeswirtschafts- und Arbeitsministeriums.

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