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Supermann und Selbstmordkandidaten

15.09.2005: Behinderung im Film und wirkliche Diskriminierung

  
 

Forum Wissenschaft 3/2005

Jede ästhetische Gattung transportiert Alltagsbewusstsein, ebenso wie Visionen und Utopien, miteinander vermengt oder streng voneinander geschieden, entwickelt sie weiter oder wendet sie. Immer fragt sich: welche, und wie sie das macht. Am Beispiel einiger neuer Filme, teils Oscar-prämierter, zeigt Oliver Tolmein unterschiedliche Arten des Eingriffs von Filmen in die US-amerikanische Debatte zu Behinderung und Tötung "auf Verlangen" sowie die dortige Auseinandersetzung mit ihnen.

Ein "Gesetz kann nicht garantieren, was eine Kultur nicht leistet", bringt die US-amerikanische Autorin Mary Johnson, Herausgeberin von The Disability Rag (Behindertenblatt), das problematische Verhältnis von Kultur und Politik auf den Punkt und weist auf die Grenzen hin, Verhaltensänderungen durch den Beschluss entschiedener Gesetze zu erzwingen. Recht kann anerkannte Normen stabilisieren, es kann vereinzelt auch gegen den Trend einen Richtungswechsel bestimmen. Aber Recht kann die Gesellschaft insgesamt nicht formen, es ist Ausdruck der Kultur und gibt ihr nicht das Gepräge. Dass sich die renommierte Kommentatorin, die sich seit langem mit Bürgerrechtsthemen, Sozialpolitik und politischen Bewegungen befasst, dem Verhältnis von Washington D.C. zu Hollywood, von Weißem Haus zu den Filmstudios nachspürt, hat seinen Grund in einem Gerichtsverfahren, dessen Hauptdarsteller im Jahr 2000 Clint Eastwood war. Der Westernschauspieler und Spielfilmregisseur, der in Carmel, California, ein riesiges Anwesen, die Mission Ranch, zu einem Luxus-Resort umgebaut hatte, musste sich wegen eines Verstoßes gegen den American with Disabilities Act verantworten, das US-amerikanische Antidiskriminierungsgesetz, eines der fortschrittlichsten Gesetze seiner Art weltweit.

Verklagt hatte ihn eine Rollstuhlfahrerin, weil in dem Millionenprojekt die 7000 US-Dollar eingespart worden waren, die es gekostet hätte, die Badezimmer behindertengerecht auszustatten und eine Rampe für den Eingang zu bauen. Eastwood verlor den Prozess, musste aber keinen Schadenersatz zahlen; es reichte, dass er nachbesserte. Seitdem ist der Lobbyismus gegen das Antidiskriminierungsgesetz eine von Eastwoods liebsten Nebenbeschäftigungen, denen er angesichts seines klangvollen Namens und nüchtern kalkulierten Auftretens erfolgreich nachgeht. Skrupellose Anwälte, so seine auch in dieser Frage diskriminierende, aber in Talkshows gern gehörte Version, nutzten Behinderte aus, um einen schnellen Dollar zu verdienen, indem sie Geschäftsleute mit haltlosen Klagen überzögen. Mit dieser These, die auch den Argumenten gegen ein Antidiskriminierungsgesetz in der deutschen Debatte verblüffend ähnlich erscheint, hat es der Regisseur und Schauspieler sogar auf Seite 1 des Wall Street Journals gebracht. Als Geschäftsmann wurde er auch vom Rechtsausschuss des Kongresses gehört, als republikanische Abgeordnete versuchten, das Antidiskriminierungsgesetz durch Einführung einer 90-tägigen Frist zu entschärfen, die zwischen Diskriminierung und Klage liegen soll.

Der Revolverheld als Politiker: In Clint Eastwoods damaligen Auftritten kündigte sich Arnold Schwarzeneggers späterer Erfolg bereits an - und es ist kein Zufall, dass gerade in Kalifornien Schauspieler in immer größeren Maße diese Bühne für sich und ihre Anliegen entdecken.

Als fünf Jahre nach der Klage und seiner wenn auch eher symbolischen Verurteilung Clint Eastwood einen Film drehte, in dem eine Frau behindert wird und deswegen nicht mehr leben will - Million Dollar Baby - , verstanden das nicht wenige als kulturelle Kampfansage an die Behindertenszene, deren erfolgreicher Lobbyismus für Anti-Diskriminierungsregelungen und deren Umsetzung Eastwood als persönlichen Angriff auf sich und seine Wertvorstellungen empfand. Bemerkenswert ist dabei, dass die offene Diskriminierung Behinderter durch Ignoranz und Ausschluss, wie Eastwood sie auf seiner Mission Farm praktizieren wollte, von der Gesellschaft nicht anerkannt und, wenn auch milde, sanktioniert wurde. Die mittelbare, aber viel tiefer gehende Diskriminierung durch einen Filmplot, der nur den alten Topos variiert, es sei besser, tot zu sein als mit einer schweren Behinderung weiter zu leben, wird dagegen geradezu enthusiastisch aufgenommen. Und angesichts einer auch in den USA seit längerem offen ausgetragenen gesellschaftlichen Kontroverse über die Zulässigkeit von Tötung auf Verlangen kann kein Zweifel daran bestehen, dass das Publikum die Botschaft von Million Dollar Baby - trotz ihrer Einkleidung in einen Boxer- und Underdog-Film - verstanden hat. Dieser Aspekt spielte in der Rezeption des Films in den USA eine wichtige Rolle; außerhalb aber zeigte sich kaum, dass er auch ohne die autobiographische Note, die das Thema ihm verleiht, Stoff für Kontroversen bietet.

Filmthema Behinderung

Das gilt insbesondere, weil Million Dollar Baby nicht der einzige Film ist, der in der letzten Zeit namhafte Preise kassierte, obwohl oder weil Behinderung und eng damit verknüpft der Tod erhebliche Bedeutung haben. Behinderung war beispielsweise eines der großen Themen bei der diesjährigen Oscar-Preisverleihung, und sie war gleichzeitig, zumindest in den deutschen Medien, das Thema, über das an sich keine großen Worte verloren wurde. Dabei sind die Geschichten, die in den Filmen Ray (Oscar für Jamie Foxx als bester Darsteller), Million Dollar Baby (u.a. Oscar für den besten Film) und Mar Adentro (Das Meer in mir) (Preis für den besten ausländischen Film) erzählt werden, charakteristisch für die Wahrnehmung von Behinderung in den westlichen Industriegesellschaften - und das mit einer gewissen Tradition: Ray erzählt die Erfolgsgeschichte des Musikers Ray Charles, der es als Blinder geschafft hat, zur Jazzlegende zu werden. Als Kontrast zur Story des Einen, der es "trotzdem" geschafft hat, werden in Million Dollar Baby und Mar Adentro Geschichten des Scheiterns erzählt. Bezeichnenderweise sind aber auch sie als Erfolgsgeschichten verbrämt: Es geht um die Boxerin Jackie, die nach einem Unfall querschnittgelähmt ist und daraufhin nicht mehr leben will, und um Ramón, der ebenfalls nach einer Querschnittlähmung den Tod sucht. Beide kämpfen für ihr Recht zu sterben, werden darin von engen Freunden unterstützt - und setzen sich schließlich gegen deren Hemmungen und zumeist nur formalen Argumente durch. Der unterstützte Suizid wird als selbstverständliches, letztes großes Ziel von Menschen mit Behinderungen dargestellt, als eine Chance, ihre durch die Querschnittlähmung und Pflegeabhängigkeit angeblich verlorene Würde wiederzugewinnen.

In den USA sind Million Dollar Baby und Mar Adentro (der dort unter dem Titel Sea Inside läuft) von Seiten der Behindertenbewegung heftig attackiert worden. "Killing us friendly" hat die Herausgeberin des Online-Magazins Ragged Edge, Mary Johnson, ihre Auseinandersetzung mit dem Eastwood-Film überschrieben. Auch die Juristin und Not Dead Yet-Aktivistin Diane Coleman sieht die Filme in Zusammenhang mit der gegenwärtigen Debatte um die Legalisierung von Sterbehilfe. Die "Oskar-Verleihungs-Nacht", kommentierte sie kurz und klar in Interviews, sei zur "Kill the Cripple"-Nacht missraten. In ihrer Kritik weist sie auch auf falsche und verzerrende Darstellungen hin: "Million Dollar Baby’s Darstellung von Maggies Erfahrungen als Behinderte ist gespickt mit unzutreffenden Behauptungen über Querschnittlähmungen, medizinische Probleme, Rehabilitation und die Möglichkeit der Integration in die Gesellschaft. Warum, um ein Beispiel zu nennen, landet Maggie, die zähe Kämpferin, in einem Pflegeheim, statt effektive Rehabilitation zu erhalten? Und warum wird ihr Wunsch sich umzubringen nicht in Zusammenhang mit der miserablen Pflege gebracht, die sie offenbar bekommt, da ihr aufgrund von Druckstellen ein Bein amputiert werden muss?"

Nichtbehinderte RezensentInnen des Filmes bewerten ihn zumeist, bei Kritik im Detail, so doch in den Grundzügen als überaus gelungen und einfühlsam und reagieren auf die Kritik von behinderten Autorinnen und Autoren - wenn überhaupt - mit dem stereotypen Hinweis, dass es sich bei Million Dollar Baby schließlich um Kunst handele und nicht um eine Handlungsanleitung fürs wirkliche Leben. Dem gegenüber hat sich Lennard Davies, Professor an der Universität von Illinois in Chicago und einer der Begründer der kulturwissenschaftlich orientierten Disability Studies, in einem Aufsatz eingehender mit der Frage befasst, warum die Reaktion der professionellen Filmkritik auf Million Dollar Baby geradezu enthusiastisch ausfällt, Behindertengruppen sich dagegen angegriffen und diskriminiert fühlen.

Lennard Davies vergleicht die gesellschaftliche Wahrnehmung von Behinderung heute mit der von Homosexualität, Geschlechterdiskriminierung oder der Lage von Afro-AmerikanerInnen. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass Behinderung nicht als Identität wahrgenommen wird, die durch Unterdrückung geprägt ist, sondern als individuelle Tragödie. Deswegen lassen sich leicht auch individualisierende, tragische Filmgeschichten erzählen. "So gesehen stehen wir heute mit Blick auf Behinderung dort, wo die Debatte über Geschlecht oder Rasse sich in den 1950er Jahren und früher befand. Damals konnte man sich darauf verlassen, dass ein guter Liberaler sagen würde: ‚Ich habe wirklich Mitleid mit der X-Gruppe.’ Und in den eigenen vier Wänden sagte der gleiche Liberale: ‚Gott sei Dank bin ich nicht X.’ Und dann wären da noch die Unannehmlichkeiten der Begegnung mit Menschen, die tatsächlich zu X gehörten." Heute weiß der gute Liberale um die strukturelle Unterdrückung von Frauen, Schwulen und Afro-AmerikanerInnen - einen Film, der ihre Existenz als elend darstellt, würde er zwar akzeptieren, weil er für die Freiheit der Kunst ist, er würde ihn aber kritisieren. Beim Thema Behinderung, darauf weist Davies hin, liegen die Verhältnisse aber anders. Es sei charakteristisch für diese Art von Filmen, dass ihre Protagonisten, wie in Million Dollar Baby, gegen die Grenzen, die ihnen Hautfarbe oder Geschlecht ziehen, mit aller Macht ankämpfen - und dafür bewundert und geliebt werden. Behinderung dagegen erscheint ihnen als Schicksal, das unerträglich ist, aber auch nicht gestaltet werden kann. Deswegen ist der Tod der einzig gangbare Ausweg. Auch diese Sichtweise entspricht den Wert- und Würdevorstellungen des Publikums und wird deswegen selbstverständlich akzeptiert. Insofern zeigt gerade der Erfolg von Filmen wie Million Dollar Baby, wie wichtig Disability Studies sind, die die diskriminierenden Erzählmuster reflektieren und aufzeigen können, wie deren Erzählweise durch eine gesellschaftliche Wahrnehmung von Behinderung geformt wird, die allgegenwärtig ist, aber kaum jemand offen ausspricht.

Behinderung in US-Debatten

Was in den Filmgeschichten von Million Dollar Baby und Sea inside zwar prägend, aber verdeckt enthalten ist, wird in der Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte von Christopher Reeve, dem "Supermann" der achtziger Jahre, der nach einem Reitunfall im Rollstuhl saß, noch deutlicher sichtbar. Reeve hat zwar, anders als die Filmhelden in den Oscar-prämierten Streifen, mit seiner Behinderung nicht seine kämpferischen Energien verloren. Reeve, der auch im Rollstuhl noch als Schauspieler arbeitete, profilierte sich nach seinem folgenreichen Unfall als unermüdlicher Streiter für soziale Menschenrechte: Er engagierte sich für besseren Versicherungsschutz und forderte, Hollywood solle sich auch verstärkt sozialer Themen annehmen. Vor allem aber kämpfte er dafür, dass die modernen biomedizinischen Verfahren gefördert werden sollten. Während George Bush aus religiösen Gründen die Projekte mit menschlichen embryonalen Stammzellen von der Liste der öffentlich geförderten Forschungsvorhaben strich, verlangte Reeve, gerade hier Schwerpunkte zu setzen.

Reeve, der im Herbst letzten Jahres an den Folgen seiner Behinderung starb, gab konsequenterweise einen erheblichen Teil seines Vermögens für die eigene Rehabilitation aus. Etwa 400.000 Dollar investierte er pro Jahr, um wieder laufen zu können und möglichst nichtbehindert zu sein - ein unerfüllbarer, dennoch nachvollziehbarer Wunsch. Allerdings irritierten angesichts der wilden Entschlossenheit Reeves, der auch die absurdesten Therapieansätze verfolgte, vor allem die Medien, die ausgerechnet diesen "Supermann", der nichts mehr hasste als seine Behinderung, zum Leitbild der Behinderten stilisierten. "Man stelle sich vor: Ein Idol der Schwulenbewegung, das sich nichts sehnlicher wünscht als heterosexuell zu sein; eine Meinungsführerin des Feminismus, die lieber ein Mann wäre" kommentierte die Behindertenbewegungs-Aktivistin Mary Johnson in einer ihrer Kolumnen im Us-amerikanischen Magazin Ragged. Reeve, kritisierten auch andere Autoren aus der in den USA mittlerweile recht einflussreichen Behindertenbewegung, setzte seine Hoffnung auf den medizinischen Fortschritt; sein Ziel sei gewesen, der Behinderung zu entkommen. Der Behindertenbewegung gehe es aber darum, dass Menschen so und als das anerkannt werden, was sie sind. Unser Maßstab, hielt die Rollstuhlfahrerin Carolyn Linnell Christopher Reeve in einer Fernsehsendung entgegen, "sollten nicht die Fußgänger sein, und wir sollten unsere Energien nicht darauf konzentrieren, möglichst so zu werden wie sie: Dabei können wir nur verlieren."

Reeve selbst, der zeitweilig Vizepräsident des Nationalen Behindertenverbandes war, hat sich deswegen auch selbst zusehends dagegen gewehrt, als Repräsentant "der Behinderten" angesehen zu werden. Er hat mit den AktivistInnen der Behindertenbewegung diskutiert und gestritten. Jeder, meinte er, müsse selbst schauen, woher er seinen Lebensmut beziehe. Er sei nicht als Rollstuhlfahrer geboren und er würde gerne wieder gehen lernen. Damit stellte er eigentlich eher eine Identifikation für die Öffentlichkeit der Nichtbehinderten dar, die sich vorstellen konnten, wenn schon mit einer Behinderung, dann so zu leben, wie er: Im ständigen Bemühen, nichtbehindert zu sein - oder, sollte das scheitern, wie die Nichtbehinderten-Identifikationsfiguren aus Sea Inside und Million Dollar Baby lieber schnell zu sterben.

Dr. Oliver Tolmein hat eine Kanzlei, in der schwerpunktmäßig Behindertenrecht und Antidiskriminierungsrecht bearbeitet werden. Er schreibt seit vielen Jahren über bioethische Themen und Innere Sicherheit. Homepage:www.ra-tolmein.de

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