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Klaus Holzkamp

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Tätigkeit und Tätigkeitstheorie

15.09.2005: Nachruf auf Joachim Lompscher

  
 

Forum Wissenschaft 3/2005

Joachim Lompscher, der am 5. Februar 2005 verstarb, hat bis zuletzt für seine wissenschaftlichen und moralischen Überzeugungen gewirkt und unterzog sie ständig kritischer Prüfung. Thematische Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit waren die Entwicklung geistiger Fähigkeiten, die Theorie der Lerntätigkeit, die kulturhistorische Schule der sowjetischen Psychologie und die Tätigkeitstheorie sowie psychologiehistorische Aspekte ihrer Entwicklung. Im BdWi-Verlag hat er die beiden Bände Entwicklung und Lernen aus kulturhistorischer Sicht herausgegeben und so zu breiterer Kenntnisnahme der kulturhistorischen Schule beigetragen.1

1932 als Kind eines Schlossers und einer Buchhalterin geboren, die Jüdin ist, erlebt er früh politische Aktivitäten der Eltern - aktiver KPD-Mitglieder auch in der Illegalität -, deren Repression, rassistische Verfolgung der jüdischen Mutter und des "jüdisch versippten" Vaters, Verlust der Arbeit beider Eltern, Festnahme des Vaters, seine Verbringung in Zwangsarbeit, den Verlust der meisten Verwandten der Mutter, die in Vernichtungslagern umgebracht werden. Später wird der Sohn die Original-Listen sehen, auf denen u. a. seine gesamte Familie verzeichnet ist, die noch am 17.5.1945 deportiert werden sollte. Tags muss der Volksschüler beim "Jungvolk" mitmachen; abends klären ihn die Eltern über die Nazipropaganda auf. Der Besuch des Gymnasiums wird ihm 1943 aus "rassischen Gründen" verwehrt. Nach Kriegsende kann er im Oktober 1945 in eine altersgemäße Klasse der Oberschule eintreten; der Vater hatte sich um Privatunterricht bei einem von den Nazis gemaßregelten Oberstudiendirektor zum Aufholen von Lehrstoff bemüht. Sein erster handschriftlicher Lebenslauf verdeutlicht seine Ansprüche und sein Verantwortungsbewusstsein: Da "jedes Mitglied der Partei die heilige Aufgabe hat, sich in seinem Fach zu qualifizieren", verpflichtet er sich, das Abitur mit "Sehr gut" abzulegen, Politische Ökonomie in einer Volkshochschule zu studieren, für ihn wichtige Bücher (A. Nordens Lehren deutscher Geschichte und So werden Krieger gemacht, Engels‘ Ursprung … und Kuczynskis Allgemeine Wirtschaftsgeschichte) zu studieren und weitere gesellschaftliche Aktivitäten zu leisten. Dies und sein "Sehr gut"-Abitur 1951 ermöglichen ihm die Delegation zum Studium nach Moskau; Russisch-Grundlagen hatte er von der Mutter gelernt. Er studiert Pädagogik und Psychologie an der Pädagogischen Hochschule W.I. Lenin; sein Diplom besteht er 1955 mit Auszeichnung. 1955 wird er Aspirant in Leningrad und studiert an der Pädagogischen Hochschule A.I. Herzen. Seine Dissertation A mit dem Thema "Über das Verständnis der Kinder für einige Raumbeziehungen" verteidigt er 1958. Nach dem Examen arbeitet er in der DDR wissenschaftlich weiter, wohin er mit seiner Frau Fljura Achunova, die er 1957 geheiratet hat, und dem ersten von später drei Kindern zurückgekehrt ist. Als Oberassistent in der Abteilung (später: Institut) für pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Fakultät der HU in Berlin arbeitet er 1958 bis 1962 vorwiegend in der Ausbildung von DiplompädagogInnen, zeitweise auch von LehrerInnen, und wird 1961 Dozent; seinen ersten internationalen Vortrag hält er ebenfalls 1961 auf dem I. Internationalen Kongress für angewandte Psychologie in Kopenhagen. Es folgen seine ersten Vorlesungen über Lernpsychologie.

Er bleibt gesellschaftlich engagiert. Seit 1959 Mitglied des Wissenschaftsrates des Ministeriums für Volksbildung und mehrere Jahre Sekretär der Kommission (später: Sektion) für Pädagogische Psychologie, wechselt er 1962 von der Universität an das Deutsche Pädagogische Zentralinstitut (DPZI) und arbeitet am Aufbau einer Abteilung für Pädagogische Psychologie mit, die vorwiegend Forschungsaufgaben übernehmen soll. Er wird Leiter des Fachgebiets Lernpsychologie und stellvertretender Abteilungsleiter, Mitglied der Gesellschaft für Psychologie der DDR und bis 1982 des Redaktionskollegiums der Pädagogik. 1966 übernimmt er die Leitung der Abteilung und wird 1966-68 Beauftragter des DPZI an dessen Forschungsschule, zudem Leiter der praktischen Unterrichtsprojekte und der Forschungsgruppe zu Fragen der geistigen Entwicklung des Kindes vor allem in der Unterstufe. Die Ergebnisse seiner Forschung fasst er in seiner 1970 an der Karl-Marx-Universität Leipzig verteidigten Dissertation B (Dr. sc. paed.) zusammen.

Nach Gründung der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR (APW) 1970 wird er dort Professor für Pädagogische Psychologie, Stellvertretender Direktor des Instituts für Pädagogische Psychologie, stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftsrates des Instituts sowie Mitglied des Koordinationsrates und des Promotionsrates. 1972 wählt man ihn auf dem III. Kongress der Gesellschaft für Psychologie für drei Jahre zum Vorsitzenden der Sektion Pädagogische Psychologie und zum Mitglied des Vorstands der entsprechenden Gesellschaft der DDR. 1977 wird er als Mitglied des Wissenschaftsrats für Psychologie beim Ministerium für das Hoch- und Fachschulwesen mit spezieller Zuständigkeit für die Forschung berufen. 1980 arbeitet er als Mitglied des Programmkomitees und stellvertretender Programmchef an der Vorbereitung und Durchführung des XXII. Internationalen Kongresses für Psychologie in Leipzig mit und leitet ein Symposium. 1981 wird er Chefredakteur des neuen Publikationsorgans der Gesellschaft für Psychologie der DDR, der Psychologie für die Praxis.

Die 70er und vor allem 80er Jahre sind die produktivste Zeit seiner wissenschaftlichen Arbeit. Zu Recht gilt er seither als der Begründer der Pädagogischen Psychologie bzw. der Psychologie der Lerntätigkeit in der DDR. Seine wichtigsten Arbeiten aus dieser Zeit machen ihn auch über die Grenzen der DDR hinaus in Osteuropa und auch im Westen Deutschlands bekannt. Er arbeitet an der Auswertung und Popularisierung der Erkenntnisse der sowjetischen psychologischen Klassiker, arbeitet mit bei Auswahl und Herausgabe der Werke sowjetischer Psychologen bei Volk und Wissen, gibt zwei Sammelbände mit Arbeiten Gal‘perins und seiner Schule heraus und publiziert Psychologielehrbücher für die LehrerInnenausbildung sowie Werke u. a. von Levitov, Lublinskaja, El‘konin und Landa.

In dieser Zeit beginnt seine Bekanntschaft mit Davydov und seine Arbeit an der Theorie der Lerntätigkeit als "Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten", die ihn zu einem bis zuletzt gesuchten Vortragenden bei Konferenzen und Kongressen und Autor im In- und Ausland macht. Anerkennung und ihm entgegengebrachter Respekt bewirken wohl seinen entscheidenden Anteil am Zustandekommen von Kooperationsverträgen mit dem Institut für Allgemeine Psychologie und Pädagogische Psychologie der APW der UdSSR sowie dem Institut für Psychologie der Ukrainischen SSR.

In der DDR werden seine Arbeiten zwar zur Kenntnis genommen, aber von führenden PädagogInnen und PsychologInnen aus unterschiedlichen Gründen auch hart attackiert. Lompschers Buch Psychologische Analysen der Lerntätigkeit darf erst nach umfangreichen Veränderungen des Manuskripts kurz vor der Wende 1989 erscheinen.

Massiv wird die von Lompscher besonders überzeugend vertretene tätigkeitsorientierte psychologische Perspektive Vygotskijs und Leont‘evs u. a. von G. Neuner, Präsident der APW und Mitglied des ZK der SED, kritisiert, indem unterstellt wird, Tätigkeitstheorie löse die Persönlichkeit in Aspekte der Tätigkeit auf, während diese in Wirklichkeit Produkt der Persönlichkeit und Moment des Lebens sei. Besonders nachdrückliche und hartnäckige Kritik erfährt Lompschers auf Davydov zurückgehende Lehrstrategie des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten. Die Kritik unterstellt ihm einerseits eine Vernachlässigung des Fachlichen und missdeutet andererseits grotesk seine Lehrstrategie als vorrangig deduktiven Lernweg bei Überbetonung des Theoretischen und Negierung des Empirischen, der Anschauung, des unmittelbaren Erlebens usw.

Den eigentlichen Hintergrund der v.a. von K.-H. Günther, Vizepräsident der APW, vorgetragenen Kritik bildet jedoch die konsequente Subjektorientierung der Tätigkeitstheorie Vygotskijs, Leont‘evs, Lurijas und Davydovs, die Joachim Lompscher in seinen Arbeiten verfolgt - laut Einschätzung Günthers mit "konsequenter Einseitigkeit" bzw. in "Hypertrophierung der Idee der Tätigkeit". Günther sieht in Lompschers Überzeugung, dass "die didaktische Gestaltung der Lerntätigkeit sich nicht einfach auf den Lerngegenstand und seine Präsentation, also auf das Handeln des Lehrenden orientieren" dürfe, "sondern … auf die zur Aneignung des Lerngegenstandes erforderliche Tätigkeit des Lernenden und die zur psychischen Regulation dieser Tätigkeit erforderlichen (psychischen) Komponenten gerichtet sein" müsse, eine Abweichung von der verbindlichen Grundposition, "dass der Pädagoge den gesellschaftlichen Auftrag hat, Kenntnisse usw. zu vermitteln, sich also in einer durchaus aktiv belehrenden Funktion gegenüber dem Schüler befinden muss, wenn er seine Aufgabe erfüllen will, dass - vom Standpunkt des Lehrers - das Kind durchaus Objekt ist (das als sich entwickelndes Subjekt in all seiner Individualität verstanden und ‚behandelt’ werden muss)".2 Günther sieht Parteitagsbeschlüsse dadurch verletzt, dass "eine Minderung ‚pädagogischer Steuerung’ … pauschal zugunsten eigenständiger Regulation verlangt" werde und erklärt in offenkundiger Unkenntnis der Tätigkeitstheorie Gal’perins und Leont’evs: "Ich kann das nur als unbedachte Tendenz zu einer Spontaneitätspädagogik verstehen, der ich entschieden widersprechen würde." Aber er tut mehr als das. Da bei Lompscher der Terminus "kommunistische Erziehung überhaupt nicht" auftaucht, verlangt er über eine "Verständigung über theoretische Grundauffassungen" und eine Orientierung an den Positionen des Präsidiums der APW hinaus, "dass die bildungspolitischen Ziele und Aufgaben und die ihnen entsprechenden Ziele und Aufgaben der Pädagogischen Wissenschaften verbindlicher Ausgangspunkt [sic!] auch der Pädagogischen Psychologie sind und sie zu ihrer Erfüllung unter ihrer spezifischen wissenschaftlichen Sicht unmittelbar beizutragen hat".

Ein Nebeneffekt der in den Forschungsarbeiten Lompschers deutlich werdenden Subjektorientierung, die er in der Weiterentwicklung der Tätigkeitstheorie Vygotskijs, Leont‘evs, Lurijas und Davydovs entfaltete, bestand darin, dass PädagogInnen, ErziehungswissenschaftlerInnen und PsychologInnen im Westen Deutschlands, in Skandinavien und selbst den USA auf seine Arbeiten aufmerksam wurden. Westliche Aufmerksamkeit brachte allerdings in einer auf Klassenkampf und strikte Abgrenzung orientierten Gesellschaft nicht unbedingt Anerkennung, sondern war mit Misstrauen und ggf. politischer Reglementierung verbunden.

Es ist wohl nicht zuletzt das kompromisslose Eintreten für eine subjektorientierte Psychologie und die damit verbundene Kritik am Objektivismus und Determinismus der vorherrschenden naturwissenschaftlichen Psychologie, gepaart mit unerschütterlichem Beharren auf der Priorität prinzipieller Wissenschaftlichkeit, die Lompscher trotz aller Anerkennung durch PraktikerInnen des Lehrens und Lernens letztlich immer in der zweiten Reihe der Leitungshierarchien hängen bleiben lassen.

Auf faire Evaluation ihrer wissenschaftlichen Arbeit hoffend, wird Joachim Lompscher am 1.10.1990 von den MitarbeiterInnen zum Direktor des noch in der Wendezeit auf seine Initiative hin neu gegründeten Instituts für Lern- und Lehrforschung der APW gewählt. Sämtliche zahlreich eingehenden Gutachten aus dem In- und Ausland bestätigen die Qualität und Originalität der Leistungen Lompschers und seiner MitarbeiterInnen. So auch K.J. Klauer, der über das Institut schreibt: "Es ist damit zu rechnen, dass durch den Einfluss von Professor Lompscher jene besondere Art von Forschung dort dominieren wird, die einzigartig in der Bundesrepublik ist: Theoretisch wohl fundiert und dennoch auch äußerst relevant für die Unterrichtspraxis." Drei Monate später wird allerdings die gesamte APW geschlossen. Jetzt gründet er gemeinsam mit einigen seiner ehemaligen Mitarbeiter eine zunächst mit ABM-Mitteln finanzierte "Arbeitsgruppe für Lern- und Lehrforschung" an der HU. 1993 wird er zum Professor für Psychologische Didaktik und Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Lern- und Lehrforschung der Universität Potsdam berufen. 1997, drei Monate vor seiner Emeritierung, wird wegen einer veränderten Bewertung seines gesellschaftlichen Engagements in der DDR sein vorzeitiger Übergang in den Ruhestand verfügt.

Zur Zeit seiner Entpflichtung ist er, teils seit Jahrzehnten, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, der International Society for Cultural and Activity Research (ISCAR) bzw. ihrer Vorgängergesellschaft, der European Association for Research on Learning and Instruction (EARLI). Seit 1964 war er Referent und Organisator von Symposien auf zahlreichen nationalen und internationalen Kongressen und organisierte internationale Konferenzen zur Lehr- und Lerntheorie, immer mit Blick auf ihre kultur-historische Grundlegungen. Er unterhält Kooperationsbeziehungen mit dem MPI für Bildungsforschung, Berlin, dem MPI für psychologische Forschung, München, der Arbeitsgemeinschaft für empirische pädagogische Forschung der DGfE und LehrstuhlvertreterInnen für Pädagogische Psychologie an zahlreichen Universitäten der BRD. Er lehrt auf Einladung an Universitäten in den skandinavischen Ländern, in Cuba, Vietnam und Brasilien, ist Mitherausgeber der Schriftenreihe International Cultural-Historical Human Sciences (ICHS) sowie Mitherausgeber der internationalen Website International Cultural-historical Human Sciences. Er hinterlässt über 300 wissenschaftliche Publikationen; mehrere davon auch englisch, russisch, polnisch, ungarisch, vietnamesisch und portugiesisch herausgegeben. Für 2005 hatte er viele, z.T. weitreichende Projekte geplant. Seine unerwartete Erkrankung und sein plötzlicher Tod rissen ihn mitten aus der Arbeit und lassen uns in unseren gemeinsamen Vorhaben ohne seine wichtigen wissenschaftlichen und menschlichen Ratschläge, Hinweise, Kenntnisse und Kompetenzen zurück. Sein Tod ist ein schmerzlicher Verlust. Er fehlt uns: als Kollege und vor allem als Freund.


Anmerkungen

1) Marburg 1996

2) Hvhbg. im Original (dort unterstrichen).


Prof. Dr. Georg Rückriem ist em. Hochschullehrer für Pädagogik an der Universität der Künste in Berlin. - Prof. Dr. Hartmut Giest ist Grundschulpädagoge an der Universität in Potsdam. Seine Arbeitsgebiete sind Lehrerbildung, Lern- und Lehrforschung, Grundschulforschung, Sachunterrichtsdidaktik, Unterrichtsentwicklung, Umweltbildung, Lernen mit neuen Medien.

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