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Klaus Holzkamp

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15.12.2005: Erotik und Sexualität in literarischen Altersdarstellungen

  
 

Forum Wissenschaft 4/2005

Bestritten wird die Existenz von Sexualität und Erotik im Alter wird kaum mehr. Sie und ihre Spezifika haben sich mittlerweile zu einem leidlich beackerten Thema sozialpädagogischer Disziplinen gemausert. Das Thema ist bis in sogenannte Seniorenheime virulent, die sie oft genug nach Kriterien zwischen KundInnenzufriedenheit und Ordnungsbedarf der Institution bewerten. Werner Jung nimmt das Thema aus angenehmerer Perspektive auf - sein Essay zeigt Sexualität und Erotik in literarischen Bearbeitungsformen.

Eine Pionierin auf vielen Gebieten ist Simone de Beauvoir gewesen. Sie hat nicht nur bahnbrechend auf die neue Frauenbewegung gewirkt mit ihrem Essay Le deuxième sexe, sondern zugleich auch ein neues Nachdenken über die Problematik des Alterns und alter Menschen befördert. Was sie dann nicht zuletzt in autobiographischen Texten (La force des choses) sowie biographisch inspirierten Erzählungen (La femme rompue, dt.: Eine gebrochene Frau) vertieft hat.

An zentraler Stelle steht dabei Sexualität, die Entwicklung und Veränderung menschlicher Sexualität in den verschiedenen Lebensphasen. Ihr räumt Beauvoir Kapitel in Le deuxième sexe ein, wenn sie u. an den Übergang weiblicher Reife zum Alter diskutiert, ebenso wie sie aber auch die Sexualität in einem eigenen Essay übers Alter, La viellesse, thematisiert, wobei sie männliche wie weibliche Sexualitätsvorstellungen und -praxen quer durch die historischen Formationen und Kulturen beleuchtet und nicht zuletzt die Errungenschaften der "Moderne" vorstellt. Schließlich bieten die drei späten Erzählungen von La femme rompue eine Art literarischen Begleittext und ein Passepartout zu den Theoremen und angesprochenen Diskursen. Denn hier werden auf der Probebühne der literarischen Erzählung Angebote entfaltet, wie in den späten 60er Jahren (aber auch heute noch) eine Alterssemantik aussieht.

Ein alterndes Pariser Intellektuellenpaar, Wissenschaftler beide, werden in ihrem Lebens- und Arbeitsfeld vor- und insbesondere jener Augenblick von Beauvoir herausgestellt, da die Frau, Mutter eines auf dem politischen Karriereweg befindlichen Jungakademikers, mit Sohn und Mann gleichermaßen bis zur Entfremdung in Streit gerät, weil der Sohn - mutmaßlich aus Opportunitätsgründen - linke Ideale und Positionen zu verraten bereit ist. Hineinverwoben in diese Alltagsgeschichte hat Beauvoir Reflexionen über den Prozess des Alterns, dessen physiognomisch-pysiologische Veränderungen ebenso Thema der Selbstansprachen der Erzählerin sind wie grundsätzliche philosophische und metaphysische sowie existentielle Überlegungen nach dem Sinn des Lebens als "Frist", nach dem im Alter sich beschleunigenden Aufenthalt in der Gegenwart und dem rasanten Vorlauf in den Tod.

Während ihr Mann André sich eher in die neue Altersrolle zu schicken scheint, begehrt sie dagegen auf, wiewohl die körperlichen Alterungsprozesse und-zeichen unübersehbar geworden sind. Je weniger sie sich in ihrem Körper wiedererkenne, sagt die Erzählerin, desto mehr fühle sie sich verpflichtet, "ihn mit Sorgfalt zu behandeln." Sie sei für ihn verantwortlich und pflege ihn hingebungsvoll, "aber ein wenig verdrossen, als wäre er ein alter, schwächlicher und etwas heruntergekommener Freund", der auf sie angewiesen sei.1 Und im Blick auf ihre Sexualität und ihr Begehren formuliert sie wenig später: "Für mich ist das Sexuelle bedeutungslos geworden, es existiert nicht mehr. Bisher habe ich diese Gleichgültigkeit als heitere Ruhe bezeichnet; nun aber ist mir plötzlich klargeworden, dass es sich um ein Gebrechen handelt, um den Verlust eines Sinnes: Ich bin blind für die Bedürfnisse, die Schmerzen, die Freuden derer, die diesen Sinn besitzen."

Dennoch trügt dieser "Schein ohne Deckung", da sie sich zugleich darüber beklagt, dass sie in André "keine Freude" mehr wecke. Sie, die sich zwar nicht jung, aber "gut erhalten" wähnt, vermisst etwas - anders ist nämlich nicht zu erklären, warum sie so überreagiert auf die Verhaltensweisen des 30jährigen Sohnes, von dem sie keinesfalls loslassen kann. Nein, ihre hysterische Reaktion und Gekränktheit sind Ausdruck der Nicht-Akzeptanz des eigenen Alters und Kompensation eines uneingestandenen Begehrens. Das Alter der Vernunft, wie der sicherlich ironische Titel der Erzählung lautet, ist noch längst nicht erreicht - ist, trotz existenzialistischen Eingedenkens und Revoltierens, vielmehr nie zu erreichen, sondern wäre: der Tod selbst. "Man wird", zitiert die Erzählerin den bösen Spruch Sainte-Beuves, "an einigen Stellen hart, man verfault an anderen, man wird niemals reif."2

Man kann, soll und darf das Alter nicht akzeptieren, könnte der mögliche Appell und Subtext der Erzählung lauten, die am Ende zwar das Tableau eines wieder angenäherten Paares inszeniert, das sich auf die letzte Frist eingerichtet hat, doch gibt es keinen Schluss darin. Zum Altern gehört eben, mit Jean Améry zu sprechen, auch eine gewaltige Portion Revolte hinzu, damit der Tod nicht die Oberhand behält - was er ja ohnehin tut! Es geht um die Akzeptanz der Frist und zugleich um eine Auflehnung gegen diese "schlechte Unendlichkeit", eine Rebellion gegen Quietismus und Fatalismus.

Altersbegehren

Einer der - wenn nicht gar derjenige überhaupt - Hauptkampfplätze ist der Körper, ist das diesem tief eingepflanzte Begehren als unstillbare Lebensgier und ebenso unauslöschliche Sexualität. Auch hierzu liefert Simone de Beauvoir in ihrem letzten Großessay über das Alter eine Fülle eindrucksvoller literarischer Beispiele, die von galanten Darstellungen eines Pierre de Bourdeille Signeur de Brantome3 bis zu Paul Léautaud oder Claire Goll reichen. Brantome weiß über ältere Damen aus der Zeit des ancien régime zu berichten, dass sie je älter, desto lüsterner werden; namentlich eine ältere Dame am spanischen Hof spricht es unverblümt so aus: "(…) was die Begierde des Fleisches anlangt, (…), so glaube man nicht, anders davon geheilt zu werden als durch den Tod, wenn es auch scheint, als ob das Alter ihr widerstreben möchte; denn jede schöne Frau liebt sich selbst über alle Maßen, aber sie tut es nicht um ihret-, sondern um anderer willen; und in keiner Weise gleicht sie Narzissus, dem Einfaltspinsel, der so in sich selbst verliebt war, dass er jede andre Liebe verabscheute."4

Jahrhunderte später beginnen und enden die Memoiren Claire Golls, diese cronique scandaleuse, mit dem Bekenntnis einer 85jährigen: "Erst mit sechsundsiebzig Jahren hatte ich meinen ersten Orgasmus."5 Und überdies nach 16 Jahren Enthaltsamkeit, nach dem Tod des geliebten Mannes Yvan. Erst der junge, gerade 20jährige Geliebte lässt sie die Sexualität (neu?) entdecken, weil er sie "schonungslos" genommen hat, "wie man eine Frau nehmen muss, ohne auf Reinheit und Schamgefühl Rücksicht zu nehmen." Dies ruft sie zugleich anderen Frauen zu, damit diese über den eigenen Schatten - den freiwilligen Verzicht auf ihr Begehren - springen: "Ich habe", schreibt Goll auf den letzten Seiten ihrer Aufzeichnungen, "zahlreiche Frauen gekannt, die nach Erreichen eines gewissen Alters in den Spiegel schauten und sich sagten: ‚Nie wieder.‘ Am Tag, als Yvan starb, habe ich selbst so gedacht. Da war ich sechzig Jahre alt. Aber das Alter ist ein konventioneller Begriff. Die Liebe hat weder mit dem Geburtsdatum noch mit Schönheit oder Gesundheit zu tun. Mit achtzig Jahren kann man beben wie mit sechzehn. Die Falten graben sich ins Gesicht ein, aber nicht ins Herz oder in das Geschlecht."6

Ein passendes männliches Gegenstück bildet der französische Schriftsteller und Kritiker Paul Léautaud mit seinen Tagebüchern. Folgt man der Einschätzung Simone de Beauvoirs, dann habe Léautaud erst im fortgeschrittenen Alter die Freuden der Liebe und Lendenlust kennen- und schätzen gelernt, was nicht zuletzt damit zusammenhängen mag, dass Léautaud an vielen Stellen seiner Tagebücher ein offensives Bekenntnis zum eigenen Alter und Prozess des Alterns ablegt: "Die Jugend? Das ist nicht das, was zählt. Das Altwerden ist es." Léautaud sei für Frauen erst richtig empfänglich gewesen, als er auf die Fünfzig zuging. Aber dann - jenseits der Fünfzig und nachdem er einer (noch älteren!) Frau begegnet ist - wird die Sexualität geradezu zu einer Besessenheit, verliert er sich in Liebesspielen mit wechselnden Geliebten, wird immer wieder "von amourösen Vorstellungen" heimgesucht, verfolgen ihn bis in die Träume hinein Bilder "weiblicher Nacktheit", von "gewagten Posen" und dem "Muschispielen".7

Ein drittes Beispiel noch - freilich eines, das Simone de Beauvoir noch nicht kennen konnte: Unsterblich verliebt sich der 74jährige amerikanische Schriftsteller Henry Miller in die knapp 30jährige Jazz-Sängerin Hoki Tokuda, die er dann als fünfte Frau heiraten wird und mit der er sieben Monate zusammenlebt. Millers Briefe aus den Jahren 1966 bis 1969 dokumentieren diese späte Leidenschaft und den damit verbundenen Liebesfuror. "Du nimmst immer mehr Raum in meinem Inneren ein. Ganz allmählich bringst Du meine Widerstandskraft zum Schmelzen. Bald bin ich Dir ganz ausgeliefert, und Du kannst triumphieren", schreibt Miller am 3. Juli 1966 zu Beginn ihrer Beziehung.8 Einen Monat später kommt der förmliche Antrag: "Wenn ich Dich heirate, dann deshalb, weil Du mich liebst, mich begehrst, ohne mich nicht glücklich sein kannst. Wenn ich Dich heirate, will ich Dich ganz, mit Leib und Seele." Und dann im Blick auf das eigene Alter folgert er im selben Brief: "Ich lebe voll und ganz in der Gegenwart - und stehe mit einem Bein im Grab. Es wird mir Gnade zuteil, da ich über meine Jahre lebe. Und dadurch schätze ich das Leben um so mehr, liebe um so intensiver, dürste nach noch mehr glücklichen Erlebnissen." Er verzehrt sich geradezu nach ihr ("Ständig kreisen meine Gedanken um Dich. Ohne Pause. Das ist keine Krankheit mehr, sondern Wahnsinn. Ich bin besessen und gefangen.") und - Gipfel der Maßlosigkeit - möchte sie lieben, "bis die Hölle zufriert."9

Semantische Veränderungen

Die Beispiele mögen belegen: Es hat sich was getan im und mit dem Alter! - Traditionelle Semantiken der Liebe wie des Alters, der Sexualität wie des Alterns scheinen außer Kurs geraten zu sein; zumindest dann, wenn man die gängigen Vorstellungen, Meinungen, Ideologien - kurz: die übliche Semantik - zugrundelegt, wonach dem Alter die Ruhe und eine gewisse Abgeklärtheit, die sprichwörtliche Altersweisheit aufgrund der Altersgreisheit, zuzusprechen seien. Beispiele aus Literatur und Kunst sind Legion und haben ihren Weg bis in die Niederungen alltäglicher Redeweisen gefunden.10 Zwar sind Inszenierungen des Alters dieserart sicher genauso wie solche der Sexualität bzw. des Sexualitätsdiskurses durchaus gängig, doch regte sich (und regt sich weiterhin) heftiger Widerstand gegen fixe gesellschaftliche Zuschreibungen - nicht zuletzt immer wieder im Medium der Literatur, die, wie schon unsere Beispiele punktuell gezeigt haben, Gegenbilder und -diskurse mit dem Ziel der Grenzüberschreitung bis zur Enttabuisierung aufzeigt. Der literarische Text dekonstruiert die gewöhnlichen Diskurse (über die Liebe, den Sex und das Alter), ja eröffnet damit "eine weitere Perspektive, die als Gegen-Moral bezeichnet werden kann."11

Pointiert formuliert: an die Stelle der weisen Greisen sind nun die greisen Lüstlinge beiderlei Geschlechts getreten! Allerdings weniger bis gar nicht jene ridikülen und sich selber ridikülisierenden, sondern die offen Bekennenden, die offensiv sich um die Neukartierung des Feldes ‚Alter-Sexualität-Liebe‘ bemühenden Greisinnen und Greise. Das findet Unterstützung durch neuere gerontologische Untersuchungen und Studien, vorwiegend aus den USA, die unter den neuen (bzw. jungen) Alten, wie sie vor allem unter Intellektuellen anzutreffen sind, andere Einschätzungen und Einstellungen der und zur eigenen (Alters-)Sexualität ausgemacht haben.. Im Alter kommt es zu physiologischen Umbauten, können sich z. B. sogar Geschlechterrollen und -typologien geradezu verkehren. Gail Sheehy etwa schreibt in ihrer Monographie Die neuen Lebensphasen. Wie man aus jedem Alter das Beste machen kann: "Wenn wir älter werden, verschieben sich die Geschlechtergrenzen. Es ist zu beobachten, dass Frauen sich nun eher auf Aufgaben und Leistungen konzentrieren und ihr Interesse weniger der Brutpflege und dem Erhalt des Nestes gilt. Sie suchen nach Formen des künstlerischen Ausdrucks und einer Auseinandersetzung mit ihrem Umfeld. Jedes der beiden Geschlechter eignet sich einige Charakteristiken an, in denen sich während des ersten Erwachsenenalters das andere auszeichnete. Frauen werden unabhängiger und anspruchsvoller, Männer werden offener und emotional empfänglicher. Diese Veränderungen stellen sich mit fortschreitendem Alter automatisch und unabhängig von den äußeren Umständen ein - (…). Anthropologische Studien zeigen allerdings, dass Männer eindeutig als Männer identifizierbar bleiben, also weniger weibliche Teile annehmen. Ihr Bedürfnis, sich durch Konkurrenzverhalten auch auf sexuellem Gebiet zu beweisen, lässt aber stark nach. Frauen nehmen in allen Kulturen im Alter dagegen stärker männliche Züge an, sie werden aggressiver, machtbewusster und politischer."12 Das hat insbesondere mit biochemischen Vorgängen im Organismus zu tun, "dass sich bei Frauen mittleren Alters das Verhältnis des ‚weiblichen‘ Sexualhormons, des Östrogens, zum ‚männlichen‘, dem Testosteron merklich verändert."13 Mit dem Erfolg schließlich, dass durch die Testosterondominanz eine Abenteuerlust, ein Unabhängigkeitsstreben sowie eine neue Selbstsicherheit wachsen, während bei Männern der umgekehrte Fall eintritt, dass nämlich der Spiegel des männlichen Hormons deutlich im Verhältnis zu dem des weiblichen Hormons absinkt, d. h. dass beim Mann sich Passivität, Fügsamkeit und Gelehrigkeit einstellen können.

Andere Sexualität

Betty Friedan mit ihrem Erfolgstitel Mythos Alter argumentiert ganz ähnlich und erklärt damit endlich auch die neue Alterssexualität aufgrund des "‚Crossover‘ zwischen den Geschlechtern".14 Insgesamt, so Friedans These, vermag allererst das Alter zu einer anderen, neuen, nicht phallischen und also nicht leistungsorientierten Sexualität zu führen. In den Worten jenes 74jährigen Mike, eines Gesprächspartners Friedans: "Es ist, als wäre jetzt der ganze Körper an die Stelle des Penis getreten. Das Bild, das ich früher hatte, vom Mann als dem eindringenden, zustoßenden Teil und der Frau als der Empfangenden, das ist jetzt weg, aber an die Stelle ist etwas viel Besseres getreten. Jetzt ist der ganze Körper sexualisiert, als ob ich ganz davongetragen werde, nicht nur die alte Form von Orgasmus, die Ejakulation. Es ist, als ob zwei Menschen eins werden. Als ob man einfach im sexuellen Erleben eins wird, egal, was man macht, und ohne, dass man denkt, man muss irgendwas bringen." Und weiter noch: "Wenn das sexuelle Erleben - wie immer der Akt der Berührung aussehen man - das ganze Selbst einschließt, dann entsteht eine Nähe, die alle jugendlichen Phantasien, all die männlich-weiblichen Machtspiele mit ihren Selbstschutzstrategien weit in den Schatten stellt - und das Gefühl der Selbst-Identität, Lebendigkeit und Kontrolle über das eigene Leben, das die unerlässliche Voraussetzung für Vitalität im Alter ist, entscheidend stärkt."15

Eine geradezu beglückende Vorstellung schießt da auf: statt einer Phallokratie ist nun der ganze Körper sexualisiert bzw. erotisiert, tritt die komplette Körperoberfläche und Haut in ihr volles Recht ein. Folgt man Sheehy und Friedan, könnte man weiterhin schließen, dass erst das Alter diese Chance bietet - natürlich körperliche und geistige Gesundheit vorausgesetzt. Aufgehoben ist die Fremdheit des und zum anderen (Vor deiner Haut beginnt die Fremde, wie es im Gedicht von Hermann Lenz an einer Stelle heißt); neue Einheiten sind möglich. Nicht durch Penetration und folglich Beherrschung, sondern durch den ganzen Körper hindurch. Es ergeben sich andere Reaktionszeiten und auch -muster: Ruhe, Ausdauer und Intensität verdrängen Hektik, Schnelligkeit und Gier - die Sistierung jenes glücklichen Augenblicks, den die Jugend und das erwachsene Leben nur als passageren zu erleben in der Lage sind. Das Alter vermag dagegen dem Augenblick Dauer zu verleihen, damit also einen Zeitpunkt zu verstetigen, weil dieser Punkt eben nicht Höhepunkt und Abschluss ist, sondern sich vielmehr über den Raum - den ganzen erotisierten Körper - in die Zeitdauer erstreckt.

Dazu kommt noch die folgende weitere Dimension, auf die Schopenhauer bereits in seiner Metaphysik der Geschlechtsliebe aufmerksam gemacht hat: während die jüngere und erwachsene Menschheit rastlos in ihrer (Sexual-)Gier vorangetrieben wird, pausenlos und allüberall, kann der alte Mensch gelassener den einmal geglückten Augenblick ebenso genießen wie in der Erinnerung behalten. Er bedarf nicht mehr der permanenten Hoffnung auf eine neue, andere, bessere, härtere, schärfere Gelegenheit.

Ein kurzer Prosatext von Sigrun Casper (Jg. 1939) bündelt solche Erfahrungen und fasst zusammen, was gewiss nur ein älterer Mensch, in diesem Fall eine Frau, so erlebt haben kann:

Das Guthaben

Du hast mit jemandem geschlafen. Jemand hat die ganze Nacht bei dir gelegen. Die Wärme seiner Haut hat dich gewärmt, du hast den Menschen, seinen Körper angefasst, seinen Geruch gespürt, dich gut gefühlt. Gut, das heißt zufrieden, nah bei dir. Der Mensch ist wieder abgereist, du bist allein. Du sitzt am Tisch und blickst vor dich hin mit einem ziellosen, in dich gerichteten Blick. Sähen dich andere so vor dich hinstarren, fragten sie vielleicht, warum du traurig bist. Deine Augen haben einen traurigen Ausdruck, mag sein. Aber du könntest nicht erklären, warum du dich überhaupt nicht traurig fühlst und warum du, im Gegenteil, mit dem Leben gerade sehr einverstanden bist. Du wünschst dir durchaus nicht, dass der Mensch morgen wiederkommt. Du denkst noch tagelang an ihn, seine Wärme, seine Hände, sein Begehren. Du denkst daran, wie sich der Mensch im Schlaf zu dir umdrehte und die Arme um dich legte. Es behagt dir, daran zu denken, dass Nähe möglich ist. Das Gefühl in deinem Denken ist biegsam und fügsam und weil es so ist, schaust du verlangend in dich hinein. Verlangend bewegst du deine Gedanken im Genussreich zwischen zwei Unmöglichkeiten. Unmöglich, es immerzu gut zu haben, unmöglich, das Guthaben zuverlässig wiederzubekommen.16

Abgeklärtheit und Distanz, eine große Menge an Lebens- und Liebeserfahrungen wie andererseits auch die Fähigkeit, sich in der Erinnerung einzurichten, sind hier die Voraussetzung für die kleine literarische Versuchsanordnung.

Gelingt es allerdings nicht, die innere Ruhe zu finden, mit sich identisch zu werden und die Erinnerung als beglückend zu erleben, dann geraten die Figuren wieder zu bedauernswerten, ja zu traurigen Gestalten. In einer Prosaminiatur aus der Sammlung Die Abenteuer des Augenblicks (1993) des Kölner Schriftstellers Dieter Wellershoff (Jg. 1925) begegnet ein junger Wissenschaftler einer mindestens dreißig

Jahre älteren Frau von Mitte Sechzig oder gar noch darüber, von der für den Mann ein starker sinnlich-erotischer Reiz ausgeht. Sie treffen sich nach der Tagung bei ihr zu Hause, und die erotische Ausstrahlung hält zunächst noch an; die Frau kommt ihm wie "Circe, die Zauberin" vor, die, wenn auch alt geworden, durchaus eine erotische Zauberin ist. Dann aber erfolgt der abrupte Bruch, erkennt der Mann plötzlich das wirkliche Alter mit seinen unübersehbaren Anzeichen, beginnt er den Rückzug, noch während die Frau sich ihm in zärtlicher Hingabe widmet. Aber auch sie - lebens- und liebeserfahren - spürt die beginnende Distanz, um ihn um so intensiver zu beschwören und zu bitten: "‘Wenn du bekommen hast, was du willst, wirst du gehen. Davor habe ich Angst.‘ - Er antwortet nicht. - ‚Bleibst du noch bei mir? Gehst du nicht gleich fort?‘ - ‚Ja‘, sagte er, ‚ich bleibe noch.‘"17 Um dann aber - nach einer knappen Stunde - die Notwendigkeit vorzutäuschen, einen früheren Zug zu bekommen. Am Ende, so Wellershoffs Schlusstableau, steht der Mann in einer Imbissbude und sieht der Frau hinterher, die nach einem Parkplatz für den Wagen suchen musste und nun nach ihm Ausschau hält, am Bahnsteig hin und her irrend. "So verschwindet sie zwischen den Menschen, die ihr entgegenkommen oder die sie überholt, und wie einen verzögerten Nachhall glaubt er ihre unhörbaren Rufe zu hören, die anwachsend die Unterführung erfüllen und alle Bahnhofsgeräusche in seinen Ohren übertönen: ‚Warte auf mich! Wo bist du? Fahr nicht fort!‘"18

… und Schwanengesänge

Das bittere Bild zeigt eine Circe, die nicht wirklich ablassen kann, sondern die sich stets neu, stets wieder von offensichtlich immer jüngeren Männern ihre Attraktivität bestätigen lassen muss; ihr sexuelles Begehren entzündet sich an der ausgelösten Attraktion und dem gleichzeitigen Wunsch nach Dauer. Damit wird sie allerdings zum Sklaven des eigenen Begehrens und verfängt sich rettungslos in einer numinosen Jugendlichkeitsfalle, anders ausgedrückt: im nicht akzeptierten eigenen Alter.

Der Wellershoffschen Probebühne, die literarisch-realistisch das Beziehungsgeflecht und -feld von Alter, Erotik und Sexualität eröffnet, korrespondieren autobiographische Zeugnisse, die einen Schwanengesang auf die Sexualität im Alter anstimmen. Von Ingrid Bachér z. B. (Jg. 1930) gibt es ein Tagebuch unter dem Titel Sieh da, das Alter, in dem die Schriftstellerin vor allem Reflexionen, Notate und Erinnerungen zur Problematik des Älterwerdens zusammengetragen hat. Neben philosophischen Bemerkungen zu den Themen Zeit und Zeitverstreichen, neben existentiellen Zumutungen, die der Tagebuch-Text verarbeitet, gibt es vereinzelte Annotationen zur Sexualität der Frau, die wiederum entscheidend von der Attraktion und Attraktivität stimuliert scheint, wenn es da heißt: Wahrgenommen-Werden sei "wie eine Berührung, eine Bestätigung: du bist noch anwesend."19 Es geht Bachér um das "Wahrnehmen mit dem Körper", diesen "alten Zauber", darum, das Verhältnis zum Körper, in den der alte Mensch gebannt ist, zu bestimmen: "Es gibt keine Außenwelt, denn alles, was ich wahrnehme, nehme ich durch den Körper wahr", wie Bachér an einer Stelle einen aufgeschnappten, möglicherweise auf Jean Améry verweisenden Satz zitiert. Manchmal erscheint es ihr geradezu komisch zu meinen, sie sei noch "attraktiv, gar begehrenswert". "Das geschieht zuweilen, wenn ich nachlässig bin, wenn ich gut geschlafen habe und einen erfreulichen Anruf bekam oder mich auch sonst in einer optimistischen Stimmung befinde. Wenn ich glaube, die eine Novelle schreiben zu können, die ich nie schrieb (…), überhaupt, wenn die illusionistischen Wünsche wie reale Möglichkeiten erscheinen."Dann wieder klingt es vermeintlich endgültig: "Noch immer nicht frei der Körper von der Unterwerfung im Verlangen. Doch gab es eine Nacht, in der ich wusste, dass es vorbei war. Ich beugte mich über ihn, den ich liebe. Ich wusste, was ihn erschreckte. Auge in Auge mit ihm, zerfiel mein Gesicht."20 Ingrid Bachérs Aufzeichnungen kreisen um eine Dialektik des Alters und Alterns, die das Pendel von der Revolte bis zur Resignation ausschlagen lässt, um auf die beiden von Jean Améry gewählten Begriffe zurückzukommen.21

Am Ende sind wir bei einer Paradoxie gelandet: die Sexualität und das Begehren des Alters und im Alter sind uns weitgehend unbekannt; denn das eigentümliche Wissen darum hat sich im Körper abgelagert, ist dort sedimentiert; sprachlos, wortlos wartet es darauf, wieder gefunden, erfunden, aus dem Dornröschenschlaf geweckt zu werden - um danach als schöne Erinnerung eines Augenblicks für den Augenblick auf Dauer gestellt zu werden. Je weniger und fragmentarischer sich das Alter ausdrückt, desto intensiver und stiller vermag es dann auch zu genießen!


Anmerkungen

1) Simone de Beauvoir: Eine gebrochene Frau. Drei Erzählungen. Reinbek 1972, 15f.

2) a.a.O., 20f., 25, 47 bzw. 54

3) Pierre de Bourdeille Signeur de Brantome, Das Leben der galanten Damen (erschienen 1665), 2 Bde. Frankfurt/M. 1981

4) a.a.O., Bd. 1, 256

5) Claire Goll: Ich verzeihe keinem. München, Zürich 1981, 5

6) a.a.O., 226 bzw. 229

7) zit. nach Beauvoir 1972, 292.

8) Vgl. Henry Miller. Liebste Hoki, Perle des Ostens. Liebesbriefe an Hoki Tokuda Miller; Hg. Joyce Howard. Frankfurt/M. 1988, 21

9) a.a.O., 27, 28, 52 und 55

10) Vgl. dazu Thomas Küpper: Das inszenierte Alter. Seniorität als literarisches Programm von 1750 bis 1850. Würzburg 2004; Konkursbuch 40. Alter, Hg. Klaus Berndl u. a. Tübingen 2003.

11) Stefan Neuhaus: Sexualität im Diskurs der Literatur. Tübingen, Basel 2002, 191

12) Gail Sheehy: Die Neuen Lebensphasen. Wie man aus jedem Alter das Beste machen kann. München, Leipzig 1996, 348

13) a. a. O. 359

14) Betty Friedan: Mythos Alter. Reinbek 1992, 371

15) a.a.O., 370 und 352f.

16) Sigrun Casper: Zweisamkeit und andere Wortschätzchen. Tübingen 2004, 108f.

17) Dieter Wellershoff: Tanz in Schwarz. Weilerswist 1993, 43f.

18) a.a.O., 44

19) Ingrid Bachér: Sieh da, das Alter. Tagebuch einer Annäherung. Köln 2003, 129

20) a.a.O., 165, 71 und 104

21) Jean Améry: Über das Altern. Revolte und Resignation. Stuttgart 1991. Siebte Auflage.


Werner Jung, Prof. Dr., lehrt und forscht auf dem Gebiet der Neueren Deutschen Literaturgeschichte. Er ist Vertrauensdozent der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Vorstandsmitglied der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft. Seine Schwerpunktgebiete in Forschung und Lehre: Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts, insbesondere Gegenwartsliteratur, Ästhetik, Poetik und Literaturtheorie.

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