BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Wissenschaft als theoretische und praktische Kritik

15.12.2005: Erinnerung an Karl-Rainer Fabig

  
 

Forum Wissenschaft 4/2005

Jüngere WissenschaftlerInnen begeben sich wieder auf Suchpfade danach, was kritische Wissenschaft ausmacht, wo sie zu finden und wie sie zu machen sei. Der BdWI mit seinem Anspruch, kritische Wissenschaft zu transportieren und zu ihrer Entwicklung und Vermittlung beizutragen, ist darin häufig genug einäugig, stellt Karl Hermann Tjaden fest. Er macht mit dem wissenschaftlichen und politischen Erbe eines so bedeutenden wie bescheiden gebliebenen kritischen Wissenschaftlers bekannt.

Der Begriff "kritische Wissenschaften" kann drei Arten von Kritik ansprechen: erstens eine innerwissenschaftliche Kritik von Theorien und Konzepten, der es oft bloß darum geht, die Konkurrenz als unkritisch darzustellen; zweitens und drittens eine theoretische und eine praktische Kritik der Realität. Solche Kritiken hat es z.B. in der jüngsten deutschen Geschichte in sehr verschiedener Gestalt gegeben, man denke nur an die diesbezüglichen Unterschiede zwischen alter BRD und DDR. Deshalb verbietet es sich, von "der kritischen Wissenschaft" zu sprechen. Es hindert allerdings nicht, sich über allgemeine Merkmale sowohl wissenschaftlicher Theoriekritik als auch theoretischer und praktischer Realitätskritik Gedanken zu machen. Erstere dürfte demokratische Wissenschaftler/innen insbesondere als Auseinandersetzung mit herrschaftlich geprägten zweifelhaften Aussagen interessieren. Dabei geht es nicht nur um jene zu Herrschaftszwecken erzeugten Teilwahrheiten, die das Gutachterwesen im Dienst von Regierungen und Konzernen am laufenden Band hervorbringt. Es geht auch und vor allem um das weniger offenkundige, den gesellschaftlichen Machtverhältnissen selber innewohnende, sie verschleiernde und bekräftigende Bewusstsein, das "der Natur", "dem Wesen des Menschen" oder "der Sache selbst" zuschreibt, was doch geschichtlich durch gesellschaftliche Tätigkeit hervorgebracht ist; um Ideologiekritik also. Dass darüber hinaus die Wichtigkeit theoretischer und praktischer Realitätskritik als Aufgabe von Wissenschaft zu betonen ist, liegt daran, dass innerwissenschaftliche Kritik immer Gefahr läuft, die Welt der Konzepte und Kategorien zu verselbständigen und sich in dieser zu verirren, um dann um so rechthaberischer als - wie Karl Marx einmal schrieb - "von aller Masse und Materie ungetrübte […] ‘reine‘ Kritik"1 aufzutreten.

Die Neigung zu derart "reiner" Kritik entspringt allerdings nicht nur subjektiven Verwirrungen, sondern auch der objektiven Schwierigkeit, Wirklichkeit zu begreifen. Dabei ist mit diesem Begriff hier noch nicht einmal (was alles noch schwieriger machen würde) das von Gerhard Roth2 herausgestellte Konstrukt des Gehirns gemeint, das die außer ihm befindliche (sozusagen die reale) Realität repräsentiert. Vielmehr setze ich hier Wirklichkeit und Realität vereinfachend gleich und bezeichne mit diesen Begriffen die natürliche Welt, insbesondere die auf unserem Globus. Diese Welt ist heute stark durch dinglich vermittelte gesellschaftliche Beziehungen zwischen den menschlichen Lebewesen und ihren natürlichen Umwelten geprägt. Was das theoretisch-kritische Begreifen dieser Wirklichkeit anbetrifft, so haben Wissenschaftler/innen verschiedenster Herkunft in den historischen und den sozial-, wirtschafts- und kulturwissenschaftlichen Fachrichtungen, wenn sie sich den Begriffsklappereien ihrer jeweiligen Schulen erfolgreich entziehen konnten, oft erhebliche Erkenntnisfortschritte erzielt.

Verhältnisse: Natur, Mensch, Gesellschaft

Allerdings blieb die angemessene Einbeziehung der sächlichen, insbesondere technischen Welt sowie der menschlich-natürlichen Voraussetzungen und Randbedingungen von Vergesellschaftung in gesellschaftswissenschaftliche Betrachtungen eine seltene, neuerdings beispielsweise von Barry Commoner3 geleistete Ausnahme. Und was eigentlich Ansatzpunkt aller Kritik sein sollte, nämlich die Nichtangemessenheit gesellschaftlicher Verhältnisse bezüglich grundlegender Selbsterhaltungsbedürfnisse von "Mensch" und "Natur", gerät selten systematisch ins Blickfeld von Theorie. Die Konzipierung der Realität der (sozusagen vorgesellschaftlichen) Natur wiederum ist - nach dem Urteil von John Dupré4 - in den für die Gesellschaftswissenschaften besonders bedeutsamen biologischen Wissenschaften immer noch stark durch klassifizierende und essentialistische Konzepte sowie kausalanalytische Strategien geprägt, welche die Aufdeckung von Relationen zwischen ihren Elementen erschweren, allen voran die klassifikatorische Distinktion von "Mensch" und "Natur" selber. Doch hat sich gerade auf diesem Feld auch kritisches Denken entwickelt, das z. B. in bestimmten evolutionsbiologischen und ökologischen Forschungsansätzen Gestalt gewonnen hat, das Interaktionen zwischen Populationen und Habitaten einschließlich eventueller reproduktiver Defizite zu begreifen sucht.

Was im Unterschied zur theoretischen unter praktischer Kritik als Aufgabe von Wissenschaften zu verstehen ist, dürfte noch schwieriger zu bestimmen sein, insbesondere in Bezug auf "reine" Naturwissenschaften, die für sich genommen mit dieser Version wissenschaftlicher Kritik vermutlich nicht kompatibel sind. Ansonsten könnte man sich immerhin darauf verständigen, dass die praktische Kritik der Veränderung verkehrter Verhältnisse und Zustände in der Gesellschaft den Weg bahnen soll, die die Beziehungen der Menschen zueinander und zu ihren natürlichen Umwelten betreffen, und zwar in Gestalt entsprechender Handlungs- und Verhaltensanleitungen und von Entwürfen geeigneter längerfristiger Entwicklungswege. Solche praktische Kritik, die sich auf die Eindämmung oder Beseitigung von Fehlentwicklungen und Missständen richtet, ginge über eine "kritische Praxis" hinaus, die sich nur, so richtig wie eingeschränkt, als erkenntnisgeleitete "solidarische Praxis zur Verbesserung der Lage der Werktätigen" (Klaus Holzkamp5) begriffe, wenn auch in revolutionärer Perspektive. Sie hätte- ohne klassentheoretische Einschränkungen - Disproportionen und Defizite in der leiblichen bzw. natürlichen Reproduktion von "Mensch" und "Natur" überhaupt, egal, woher diese rühren, in ihren Wirkungsbereich einzubeziehen und daher insgesamt eine größere Wirklichkeitsnähe. Insbesondere erforderte sie die Einbeziehung und Beachtung einschlägiger naturwissenschaftlicher Forschungsbefunde sowie ingenieurwissenschaftlicher und anderer anwendungsbezogener Erkenntnisse, etwa aus den Bereichen der medizinischen, der Arbeits-, Planungs-, Rechts- und Sozialarbeitswissenschaften.

Ist das alles abstrakte Utopie oder vielleicht doch eine konkrete "Perspektive" (Wolfgang Fritz Haug6)? Es sei daran erinnert, dass es im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts nicht nur in der BRD eine breite Strömung kritischer Wissenschaften gegeben hat, die sich insgesamt der theoretischen und praktischen Realitätskritik gewidmet haben, wobei deren Ursprung und Ziel vor allem in der Wahrnehmung bzw. Behebung von Störungen und Missverhältnissen der gesellschaftlich vermittelten Reproduktion der Menschen und ihrer natürlichen Umwelten lag. Ein Ergebnis dessen - und wohl das wichtigste - war die Durchführung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten und der Entwurf von Instrumentarien und Szenarien insbesondere in den gesellschaftlichen Bereichen der Energieversorgung und -verwendung, des Stoffstrommanagements, des Verkehrswesens, der kleinräumlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, der städtebaulichen Entwicklung, der Konversion von Industrien und in vielerlei anderen gesellschaftlichen Bereichen, wobei es, wie gesagt, um die Wahrnehmung und Behebung von Missständen ging. Falsch wäre anzunehmen, das alles sei völlig wirkungslos geblieben und mittlerweile untergegangen. Dass der BdWi bei alldem selten eine Vorreiter- und vor allem keine Vermittlerrolle gespielt hat, hing vermutlich mit der stark geisteswissenschaftlichen Prägung vieler Mitglieder und/oder mit allerlei ökonomistischen Vorurteilen zusammen. Übrigens kann man nun sehen, dass die Bedeutung von "Kritik" im Begriff kritische Wissenschaften sich nicht darin erschöpft, dass man sich der gesellschaftlichen Bedingungen und Hintergründe wissenschaftlicher Tätigkeit bewusst wird. Auch ist interessant, dass solche Wissenschaft selber sich gar nicht immer als "kritisch" bezeichnet hat, sondern beispielsweise als "alternative Energieforschung", "Entwicklung angepasster Technologien", "arbeitsorientierte Regionalwissenschaft", "ökologische Agrarwissenschaft" oder "parteiliche Sozialarbeit". In anderen Wissenschaften freilich haben sich Strömungen oder Schulen entwickelt, die - etwa als "Kritische Medizin" und "Kritische Psychologie", unterstützt durch den Argument-Verlag - ausdrücklich einen entsprechenden Anspruch einzulösen versuchen.

Auslöser, konkret: Vietnam

Um besser zu sehen, wie theoretische und praktische Realitätskritik - und eine durch sie genährte Ideologiekritik - von Wissenschaftler/inne/n betrieben werden können, möchte ich an den Arzt und Umweltmediziner Karl-Rainer Fabig erinnern. Am 28. November 1943 in einer nordhessischen Landgemeinde geboren und aufgewachsen, entwand er sich Beengungen ländlicher Verhältnisse und kam zu medizinischem Studium und sozialistischem Engagement. Karl-Rainer Fabig, den seine Freunde Kalle nannten, sparte sich den Erwerb des honorablen Doktortitels und steckte seine Kräfte in politische Aktivität. Daraus ergaben sich zunächst Behinderungen seines Berufseinstiegs, doch konnte er schließlich 1977 in Hamburg eine allgemeinmedizinische Praxis übernehmen. Wenig später, vier Jahre nach Ende des Vietnamkriegs, unternahm er seine erste von vielen Reisen nach Vietnam. In diesem Land konnte er die schrecklichen Auswirkungen beobachten, die durch US-Truppen massenhaft ausgebrachte dioxinhaltige Herbizide (v.a. "Agent Orange") nicht nur auf die natürliche Umwelt, sondern unmittelbar wie langfristig auch auf die Menschen hatten; er sollte todkranke Erwachsene und grauenhafte Missbildungen Neugeborener sehen. Und in Hamburg sollte er dann auf Menschen mit Gesundheitsschäden treffen, die ebenfalls auf supertoxische chlorchemische Stoffe rückführbar waren, die unter anderem aus dem Hamburger Werk der Boehringer Ingelheim KG stammten, das Holzschutzmittel produzierte. Diese Erfahrungen setzte er in politisches Engagement als Sachverständiger und Gutachter und in zusätzliche ärztliche und wissenschaftliche Aktivität um. Er wurde, neben seiner Hausarztpraxis für die Menschen seines Viertels, ärztlicher Spezialist für chemikalienbedingte oder "Umwelt"-Erkrankungen mit einem schließlich bundesweiten, ja internationalen Kreis von Patientinnen und Patienten. Und er wurde wissenschaftlicher Experte für die körperlichen Wirkungsbedingungen hochgiftiger wie alltäglicher Fremdstoffe, wobei er schließlich in einem kooperativen Forschungsvorhaben auch genetische Voraussetzungen unterschiedlicher Schadwirkungen multipler Alltagsgifte untersuchte. Karl-Rainer Fabig ist am 28. Mai 2005 gestorben.

In seinen unterschiedlichen Rollen verkörperte Karl-Rainer Fabig in seiner Person eine Einheit von wissenschaftlicher praktischer und theoretischer Kritik und dadurch zugleich einer Kritik herrschender Ideologien. Wenn es richtig ist, dass wissenschaftliche Kritik vorab Missverhältnisse und Mängel im Dasein der Menschen, in der steten Erneuerung ihres Lebens und ihrer Umwelten, letztlich in der gesellschaftlich vermittelten Entwicklung der Bevölkerungen und der Naturhaushalte erkennen und möglichst beheben soll, dann heißt das für eine Medizin als kritische Wissenschaft und für ihr verpflichtete Ärzte: sie müssen (was bekanntlich nicht selbstverständlich ist) vor allem Gesundheitsstörungen und ihre Gründe zu erkennen suchen und sich um die Vermeidung und Heilung von Krankheiten bemühen.

Praktische Kritik

Dass für Karl-Rainer Fabig in seiner Tätigkeit als Arzt praktische Kritik im Sinne der Leidensminderung im Mittelpunkt stand, können über die Jahre hinweg Tausende von Patientinnen und Patienten bezeugen. Hierzu gehören durch Chemikalien krank gemachte Menschen, darunter solche, die unter jenen chemical related symptoms leiden, die unter den Begriff des Multiplen Chemikalien-Sensitivitäts-Syndroms (MCS) gebracht werden können - dieser Begriff ist heftig umstritten, weil man die Leiden der Betroffenen oft nicht ernst nimmt. Denn zu den Fremdstoffen, die einen Körper krank machen können, gehören - vor allem in diesen Fällen - vielfältige Alltagsgifte, die manchmal relativ gering dosiert sein können, aber gleichwohl bei den hierfür besonders empfindlichen Menschen zu sehr hohem Leidensdruck führen. Zu den Alltagsgiften zählen auch verschiedene mehr oder minder massiv auftretende starke Gifte, vorab viele Produkte, Produktrückstände und Produktverunreinigungen der chlorchemischen Industrie. Zu letzteren gehören insbesondere die hochgiftigen Dioxine und Furane, die 1976 in Europa als Seveso-Gift bekannt geworden waren. Karl-Rainer Fabig hatte die Zerstörung der Gesundheit und die Vergiftung der Umwelt vieler Menschen durch das massenhafte Versprühen von "Agent Orange" in Vietnam kennengelernt. Er war der wissenschaftliche Sachverständige der BRD, der hier wohl als erster und - besonders nach der ersten internationalen Schadens-Bestandsaufnahme in Ho Chi Minh-Stadt 1983 - immer wieder nachdrücklich auf die katastrophalen Effekte von Dioxin in jenem Land aufmerksam gemacht hat; und der schließlich auch noch die Weigerung von US-Richtern anprangern musste, die Klage vietnamesischer Agent Orange-Opfer gegen US-Produzenten dieses chemischen Kampfstoffes überhaupt zu verhandeln.7 Jedoch: solche Produzenten und solche Effekte gab es auch im eigenen Land. Hier existierte und existiert noch z. B. der schon erwähnter Holzschutzmittel-Erzeuger Boehringer oder das zur Bayer AG bzw. Solvay AG gehörende Holzschutzmittel-Unternehmen Desowag; hier waren in seine Hamburger Arztpraxis Patientinnen und Patienten mit anscheinend chemikalienassoziierten Symptomen gekommen, darunter auch solchen, die denjenigen bestimmter dioxingeschädigter Menschen in Vietnam ähnelten, und er stand dabei auch schwersten, zu qualvollem Tode führenden Krankheiten gegenüber. Karl-Rainer Fabig gehörte zu denjenigen, die die Schließung des Hamburger Boehringer-Werks wegen Dioxinverseuchung 1984 betrieben; er wirkte mit seinen Beobachtungen und Untersuchungen an holzschutzmittelgeschädigten Patientinnen darauf hin, dass 1987 in und bei Hamburg dioxinbelastete Einrichtungen für Kinder geschlossen wurden, und er nahm als Gutachter am Holzschutzmittelprozess vor dem Frankfurter Landgericht teil, in dem 1993 zwei Desowag-Manager in erster Instanz wegen fahrlässiger Körperverletzung in Tateinheit mit fahrlässiger Freisetzung von Giften verurteilt wurden - ein Urteil, das später durch den Bundesgerichtshof kassiert wurde.8 Wissenschaft als praktische Kritik zielt im Fall Medizin mithin nicht nur auf ein Kurieren von Gesundheitsschäden, sondern auch auf Prävention durch Eindämmung und möglichst Ausschaltung, zumindest aber Aufdeckung und ggf. Anprangerung endogener und exogener krankmachender Faktoren.

Theorie und Praxis

Die theoretische Kritik ging bei Karl-Rainer Fabig Hand in Hand mit der praktischen. Methodisch war sie zunächst Resultat der vergleichenden Beobachtung von Verhaltensauffälligkeiten bei dioxingeschädigten vietnamesischen Personen und deutschen Patientinnen und Patienten mit chemikalienassoziierten Problemen. Ähnlichkeiten von falsch- oder ungesteuerten motorischen Aktivitäten wie von mentalen Defiziten führten ihn zu der Hypothese einer Schädigung bestimmter (präfrontaler) Areale des Gehirns durch chlorkohlenwasserstoffhaltige Fremdstoffe, die jeweils in den Körper eingedrungen waren und die Blut-Hirn-Schranke durchdrungen hatten. Aufwendige Untersuchungen mit dem SPECT genannten bildgebenden Verfahren wiesen Verringerungen der Hirndurchblutung in diesen Gebieten der Hirnrinde bei Menschen nach, die chlorkohlenwasserstoffhaltigen, insbesondere auch dioxin- und furanhaltigen Holzschutz- und Lösemitteln ausgesetzt gewesen waren. Das deutete auf eine Neurotoxizität dieser Substanzen hin und machte eine Vielzahl beobachteter krankhafter Beeinträchtigungen von "Leib" und "Seele" näherungsweise begreifbar. Die Ergebnisse wurden 1988 von Karl-Rainer Fabig auf dem Dioxin-Kongress in Umea (Schweden) vorgestellt und gingen (ohne Autorennennung) 1990 in den Abschnitt "ZNS-Schäden durch Umweltgifte" des angesehenen "Handbuchs der Umweltgifte" ein. Vor allem wegen ihrer sozial- und arbeitsrechtlichen Bedeutung - so für die Anerkennung einer Berufskrankheit - stießen diese und spätere, ähnliche Befunde auf heftigen Widerstand, nicht zuletzt bei den Berufsgenossenschaften.9 Diese Erkenntnisse hatten aber auch eine andere, eine grundsätzliche Bedeutung, weil sie nämlich, wenn man so will, den fiktiven Charakter des sog. "Leib-Seele"-Dualismus deutlich machten.

Darüber hinaus hatte die andauernde praktisch-kritische Befassung mit chemikalienassoziierten Defiziten Karl-Rainer Fabig zu noch weiter reichenden Fragestellungen geführt. Das im Holzschutzmittel-Prozess relevante Faktum, dass in einer Gruppe von Personen, die giftigen Chemikalien ausgesetzt ist, gleiche Expositionen nicht durchweg zu gleichen Symptomen führen, machte ihn auf die Bedeutung (unterschiedlicher) individueller Suszeptibilitäten für (gleiche) toxische Substanzen aufmerksam. Solche unterschiedlichen Empfindlichkeiten sind von besonderer Bedeutung in Hinblick auf Patient/inn/en, die unter Beschwerden leiden, die dem bereits erwähnten MCS-Syndrom zugerechnet werden und, da sie oft auch von alltäglichen background-Chemikalien ausgelöst werden, vom Mainstream akademischer Medizin immer gern als psychische Krankheiten etikettiert wurden. Seine ärztlichen Erfahrungen führten Karl-Rainer Fabig jedoch zu der - inzwischen weniger strittigen - Annahme, dass die (unterschiedlichen) Empfindlichkeiten von Menschen gegenüber chemischen Substanzen außer auf den fremden stofflichen Einwirkungen selber auch auf eigenen körperlichen Voraussetzungen beruhen. Stammen erstere vor allem aus den erwähnten alltäglichen Hintergrund-Expositionen, die durch besondere anthropogene Noxen verstärkt werden können, so bestehen letztere vor allem in der Entgiftungskapazität bestimmter Enzyme, die aufgrund genetischer Disposition verschieden ausgeprägt sein können, was zu unterschiedlichen Leistungen beim Fremdstoffwechsel führt. Ergebnisse eines groß angelegten Forschungsvorhabens, dessen Erhebungen und Untersuchungen er im Wesentlichen von 2000 bis Ende 2003 zusammen mit Eckart Schnakenberg durchführte, haben bestätigt, dass das Betroffensein durch Einwirkungen wie das Leiden unter Auswirkungen von Alltags-Chemikalien in der untersuchten großen Patient/inn/en-Gruppe jeweils sehr ungleich verteilt ist, weil die Menschen einerseits solchen Expositionen in verschiedenem Maße ausgesetzt waren, andererseits, untersucht für einen Großteil dieser Gruppe, mit unterschiedlichen Genvarianten ausgestattet sind, die für die enzymatische Fremdstoffverarbeitung bedeutsam sind.10

Genetik, auf die Füße gestellt

Defizite gesunder Reproduktion der individuellen Organismen werden hier auf ein krankmachendes Zusammenspiel exogener und endogener Faktoren zurückgeführt; dabei wird Gendiagnostik hier expressis verbis als explorative "retrospektive Diagnostik" von einer manipulativ-prädiktiven Gendiagnostik unterschieden. Es komme auf die Entwicklung einer "kritischen Genetik" an, die mit einer "kritischen Umweltforschung" gepaart wird, wobei sich beide vorab auf die Effekte und die Genese anthropogener Noxen richten. Die Grundzüge der Untersuchung und wichtigsten Ergebnisse, nach dem Auswertungsstand Frühjahr 2004, hat Karl-Rainer Fabig auf eine auch für Nicht-Mediziner verständliche Weise dargestellt. Wesentliche Befunde trug er Ende 2004, mit positivem gesundheitspolitischem Effekt, in der Universität Roskilde vor; kürzlich stellte Eckart Schnakenberg sie auf der 5. Umweltmedizinischen Verbändetagung 24.-26. Juni 2005 in Würzburg dar.11

Welche Sicht auf die Wirklichkeit als Gegenstand von Wissenschaften ergab sich aus der theoretischen und praktischen Kritik eben dieser Realität, die Karl-Rainer Fabig geleistet hat? Er war bei ihr immer wieder auf gesellschaftliche Macht gestoßen, so auf die Regierung der USA und auf Bayer sowie auf Boehringer Ingelheim, noch heute zu den fünfzig größten deutschen Unternehmen gehörend. Aus seinem Begriff der Gesellschaft und der gesellschaftlichen Mensch-Umwelt-Beziehungen ließen sich die Macht-Ohnmacht-Verhältnisse nicht ausklammern. Das bestimmte auch sein Urteil über die "Kritische Theorie" der Frankfurter Schule, der er sich verpflichtet fühlte. Er beurteilte sie kritisch im ursprünglichen Sinn des Begriffs, das heißt: er wusste die Spreu vom Weizen zu trennen. Max Horkheimer und vor allem Theodor W. Adorno drückten offenbar aus, was ein Grundantrieb seines Denkens war: dass es darauf ankomme, "Leiden beredt werden zu lassen". Die kommunikationszentrierte Weltanschauung von Jürgen Habermas hielt er dagegen für wirklichkeitsfremd.12

Das allerdings ist nicht das Wichtigste. Für eine Wissenschafts- und Ideologiekritik kommt es vielmehr vor allem auf die Wahrnehmung der Relationen und Interaktionen zwischen menschlichen (und anderen) Lebewesen und ihren natürlichen Umwelten an, die Karl-Rainer Fabig hervorgehoben hat. Er hat deren Geschichte als die des Fremdstoffwechsels von Lebewesen erzählt. Dessen Mechanismen haben sich seit Hunderten von Millionen Jahren in der Entwicklung des Lebens auf der Erde herausgebildet und entwickelt, und in dieser Evolution entstanden mit derjenigen von Menschen auch bei diesen verschieden leistungsfähige, aber keineswegs als fehlerfreie und fehlerhafte zu unterscheidende Varianten einschlägiger Enzyme. Erst nachdem in der Geschichte der Beziehungen der Menschen zur übrigen Natur Menschen auch hochgiftige Stoffe hervorgebracht und verbreitet haben, wird ihr eigenes Leben und das vieler Gruppen anderer Lebewesen durch die "Chemisierung der Umwelt […] erschwert und häufig auch vernichtet und weiterhin bedroht."13


Anmerkungen

1) Karl Marx/Friedrich Engels, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, Werke [MEW] 2, S. 3-223, hier S. 87 (im Original hervorgehoben)

2) Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen, Frankfurt/M. 1997

3) Vgl. insbesondere das (schlecht übersetzte) Buch von Barry Commoner, Energieeinsatz und Wirtschaftskrise, Die Grundlagen für einen radikalen Wandel (The Poverty of Power, 1976 [dt.]), Reinbek 1977

4) John Dupré, Human Nature and the Limits of Science, Oxford 2001; ders., Humans and Other Animals, Oxford 2002

5) Klaus Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis - Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung, Frankfurt/M. 1973, S. 395 (im Original hervorgehoben)

6) Wolfgang Fritz Haug, Notiz zur Dialektik der Utopie. In: Christina Kaindl (Hrg.), Kritische Wissenschaften im Neoliberalismus, Marburg 2005, S. 148-152, hier S. 150f.

7) Zum Beispiel: Karl-Rainer Fabig, Dioxin und die Spätfolgen in Vietnam. In: Spectramed 1984, 2 (5), S. 127-133; ders., Betr. Dioxin - eine neue Rechung. In: Vietnam Kurier 2003, 25 (2), S. 25-31; sowie der postum erschienene Beitrag: Agent Orange vor Gericht, US-Richter lehnt Klage der Opfer ab. In: Vietnam Kurier 2005, 27 (1), S. 43-53

8) Vgl. Karl-Rainer Fabig, Umweltmedizin aus Sicht von kritischen Medizinern - Teil 2, www.free.de/WiLa/Berufskrankheit/o2-fabig.htm ; Interessengemeinschaft der Holzschutzmittel-Geschädigten, Das Urteil im Strafprozeß gegen die Geschäftsführer des Holzschutzmittel-Herstellers Desowag, Engelskirchen 1993; Erich Schöndorf, Von Menschen und Ratten, Über das Scheitern der Justiz im Holzschutzmittel-Skandal, Göttingen 1998

9) Vgl. Karl-Rainer Fabig: www.igumed.de/k_r_f.html ; ders., Umweltmedizin aus Sicht von kritischen Medizinern - Teil 2, a.a.O.; Max Daunderer, Hrg., Handbuch der Umweltgifte: klinische Umwelttoxikologie für die Praxis, Landsberg 1990, II-3.3.5: ZSN-Schäden durch Umweltgifte, hier: II-3.3.5.1 SPECT*, S. 5-24

10) Ein praktisch wie theoretisch relevantes Resultat ist das Verwerfen abstrakter Grenzwerte für Schadstoffe auf der Basis der Anerkennung konkreter Ungleichheiten der Menschen.

11) Karl-Rainer Fabig, Genvarianten und Umweltgifte. In: Urte Sperling, Margarete Tjaden-Steinhauer, Hrg., Gesellschaft von Tikal bis irgendwo, Europäische Gewaltherrschaft, gesellschaftliche Umbrüche, Ungleichheitsgesellschaften neben der Spur, Kassel 2004, S. 237-259; auch: ders., Umweltgifte ohne genetische Antwort. In: Umwelt-Medizin-Gesellschaft 2002, 15 (4), S. 293-300; Eckart Schnakenberg und Karl-Rainer Fabig +, Suszeptibilität: ein unkalkulierter Faktor bei Umweltbelasteten . In: Umwelt-Medizin-Gesellschaft 2005, 18 (3), S. 209-212; vgl. www.geo.ruc.dk/nors/tnwsus.htm

12) Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt/M. 1966, S. 26; vgl. Karl-Rainer Fabig, Umwelt, Macht und Medizin, Anmerkungen zum Thema Umweltgifte und Gene, Vortrag auf einer Veranstaltung von attac-Hamburg am 6. August 2003; ders., Genvarianten und Umweltgifte, a.a.O., S. 247

13) A.a.O., S. 255-259


Dr. Karl Hermann Tjaden, Prof. em. f. Politische Ökonomie und Wirtschaftssoziologie an der Universität Kassel, war in der Regional-, Umwelt- und Technikfolgenforschung tätig, befasst sich heute vor allem mit materialistischer Theorie menschlicher Gesellschaften, ist Mitherausgeber der Studien zu Subsistenz, Familie, Politik ( www.jenior.de ) und Mitglied des Bundesvorstandes des BdWi.

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