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Klaus Holzkamp

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Digital Humanities - eine Suche

  
 

Forum Wissenschaft 4/2016; Juergen Faelchle / Shutterstock.com

Computergestützte Verfahren gehören in der sozialwissenschaftlichen Forschung schon seit Jahrzehnten zum Standardrepertoire. Dennoch stehen große Teile der GeisteswissenschaftlerInnen einer umfassenden Digitalisierung mit Skepsis und Distanz gegenüber. Dabei ist die Befürchtung einer wissenschaftlichen Verflachung durch die Mittel der Informationstechnologie unbegründet, wie Manfred Thaller anhand der Geschichte der Digital Humanities darstellt.

Jeder einzelne Cent meines Einkommens im akademischen Berufsleben bis zum 2015 eingetretenen Ruhestand wurde im interdisziplinären Bereich zwischen Geisteswissenschaften und Informatik verdient. Dementsprechend steht zu erwarten, dass ich dem akademischen Reflex nachgebe, das eigene Fach missionarisch gegen "die anderen" zu verteidigen, in diesem Fall also jene GeisteswissenschaftlerInnen, die der Informationstechnologie als solcher skeptisch gegenüberstehen.

Ketzerisches

Diesem Reflex will ich nicht nachgeben. Dabei ist mir aber bewusst, dass kritische Bemerkungen von VertreterInnen "der Digital Humanities" an deren Praxis für die Wissenschaftscommunity viel überraschender sind als Kritik von, beispielsweise, GermanistInnen an "der Germanistik". Niemand wäre überrascht, wenn "die Germanistik" über die Äonen soviel an ehrwürdigem toten Holz angesetzt hätte, dass es beschnitten werden müsste. Aber die "Digital Humanities", die sind doch gerade erst erfunden worden? Schließlich ist es eine revolutionäre Erkenntnis, dass die Informationstechnologien, dass WWW, Semantic Web, Social Media, Textmining, Web 3.0, Industry 4.0, unsere Gesellschaft so sehr verändern, dass sie sogar die Geisteswissenschaften beeinflussen.

Wie bitte? Was soll daran revolutionär sein? Meine Kritik an vielen Entwicklungen innerhalb der Beziehungen zwischen den Geisteswissenschaften und der zeitgenössischen Informatik / Informationstechnologie, ist zunächst eine an jenem Teil der geisteswissenschaftlichen KollegInnen, die genau diese Beziehung als "revolutionär" ansieht. "Die Informationstechnologie verändert unsere Gesellschaft so sehr, dass jetzt sogar die Geisteswissenschaften betroffen sind." Etwas anders ausgedrückt: Die Geisteswissenschaften sind ein derart irrelevant-exotisches Phänomen ganz am äußersten Rand der Gesellschaft, dass Entwicklungen, die diese Gesellschaft als Ganzes betreffen, sie, wenn überhaupt, als allerletztes erreichen. Wenn ich das 1970 gewusst hätte, hätte ich etwas Anderes studiert.

Man kann auch annehmen, dass die Geisteswissenschaften gesamtgesellschaftlich so wichtig sind, dass alles, was diese Gesellschaft an Konzepten und Werkzeugen entwickelt hat, ihnen in der bestmöglichen Form zur Verfügung stehen müsse. Dann ist die Frage nach dem Einsatz der Informationstechnologien keine nach dem ob, sondern eine nach dem wie. Das ist mein Thema.

Konkretes

Der Gründungsmythos der Digital Humanities ist auf das Jahr 1949 fokussiert. In diesem Jahr traf der Gründungsheros, Padre Busa SJ, in den USA einen industriepolitischen Gründungsheros: Thomas J. Watson, den Gründer von IBM, den der charismatische junge Jesuit davon überzeugte, eine Konkordanz zu den Werken des Thomas von Aquin zu finanzieren und dabei das Equipment des Konzerns einzusetzen. Wie andere Mythen auch, verkürzt dieser eine komplexere Geschichte auf ein poetisches Ereignis. Viel wichtiger für das Verständnis der weiteren Entwicklung ist jedoch, dass Padre Busa über Jahrzehnte hinweg immer hervorhob, dass zwar das Werkzeug, das die Informationstechnologie für das Sortieren der rund elf Millionen Belegstellen bereitstelle, wichtig sei; die wirkliche Bedeutung der Auseinandersetzung mit der Informatik aber in den zusätzlichen epistemischen Möglichkeiten liege, die diese eröffne.

Dass genau dieser Doppelcharakter interdisziplinären Handelns oft verwischt wird, belastet viele der Diskussionen um das Verhältnis der Informationstechnologien / der Informatik zu den Geisteswissenschaften bis heute.

Digital Humanities I:

Die Informationstechnologie als Kulturtechnik

Seit mindestens der PC-Revolution der 80er-Jahre gibt es eine Bugwelle der Early Adapters, die das zeitgenössische Bild der Informationstechnologie für die Geisteswissenschaften prägt. Heutige Warner vor möglichen Verfälschungen geisteswissenschaftlicher Prinzipien durch den Einsatz moderner Kommunikationsmedien vergessen gerne, dass trotz seinerzeit ähnlicher Warnungen vor den Folgen der elektronischen Textverarbeitung, der Digitalisierung der Bibliothekskataloge, der E-Mail, des Scannens archivischer Dokumente … auch heutige GeisteswissenschaftlerInnen noch glauben, "echte" GeisteswissenschaftlerInnen zu sein, obwohl sie diese seinerzeit misstrauisch beäugten Werkzeuge täglich benutzen.

Dies soll einerseits einen gewissen Alarmismus vor den Folgen neuer Technologien eindämmen; andererseits aber auch die Halbwertszeit der Erkenntnisse mancher Early Adapters in Frage stellen. Die in einem Vorlesungsverzeichnis der 80er Jahre auftauchende Veranstaltung "Informatik für Germanisten: WordStar 2000" war für die jungen MitarbeiterInnen, die ihrem institutionellen Kontext zeigen konnten, wie ungemein fortschrittlich sie waren, mutmaßlich karrierefördernd. Langfristig allerdings folgenlos: Der übernächste Erstsemesterjahrgang wusste, wie man mit Textverarbeitungsprogrammen umging, bevor er die Universität betrat.

Wenn wir davon ausgehen, dass der Umgang mit der modernen Informationstechnologie grundlegende Kulturtechniken darstellt, muss die eingangs geforderte selbstbewusste Geisteswissenschaft natürlich voraussetzen, dass ihre Studierenden diese Kulturtechniken mindestens so kompetent einsetzen wie die anderer Fächer - und ihnen bei der Aneignung noch nicht alltäglicher und / oder fachspezifischer Aspekte dieser Kulturtechniken zu helfen.

Wenn dies allerdings zur Vorstellung führt, dass das Verfassen eines Blogs per se zur akademischen Qualifikation wird, oder die Notwendigkeit, in Twitter Aussagen (derzeit) auf 140 Zeichen zu verkürzen, zu einer methodischen Herausforderung für den fachlichen Diskurs in den Geisteswissenschaften hochstilisiert wird, denkt man nostalgisch an die WordStar-Informatiker zurück.

Die Rolle der Digital Humanities zwischen dieser spezifischen Scylla und dieser spezifischen Charybdis sollte darin bestehen, in den einzelnen Studiengängen zu definieren, was informationstechnisch von Studierenden des Jahres 2016 zu erwarten ist, wobei sie unterstützt werden müssen - und wobei sie 2017 nicht mehr unterstützt werden müssen, weil dies nunmehr vorausgesetzt werden sollte.

Digital Humanities II:

Die Informationstechnologie als Werkzeug

In vielen Fällen verschwimmt die Unterscheidung zwischen Werkzeug und Methode scheinbar. Der "spatial turn" in den Geisteswissenschaften ist definitiv aus methodisch-inhaltlichen Überlegungen herzuleiten. Hat man sich für diesen Weg - aus methodisch-inhaltlichen Gründen - entschieden, ist es aber sehr viel einfacher ihn zu beschreiten, wenn Werkzeuge, wie die Geographischen Informationssysteme (GIS), bereit stehen, um räumliche Phänomene adäquat, i.e. kartographisch, darstellen zu können.1

Dass Ähnliches für den "iconic turn" gilt, dürfte offensichtlich sein. Das vielleicht interessanteste Beispiel stellt derzeit wohl der Umgang mit textanalytischen Verfahren dar, die, als leicht anwendbare Werkzeuge2 oder als integrierte Arbeitsumgebungen3, zu einem raschen Anwachsen der Zahl quantifizierender Untersuchungen literarischen Stils oder der Autorschaft von Texten geführt haben.

Eine Rolle der Digital Humanities besteht darin, derartige Werkzeuge anzupassen oder selbst zu entwickeln und GeisteswissenschaftlerInnen bei ihrer Anwendung zu beraten. Oder, in einem manchmal signifikant anderen Selbstverständnis, solche Werkzeuge selbst anzuwenden, um inhaltlich neue Ergebnisse zu erzielen.

Für viele KollegInnen ist dies wohl der Kernbereich der Digital Humanities.4

Digital Humanities III:

Die Informationstechnologie als Infrastruktur

In den meisten geisteswissenschaftlichen Disziplinen besteht großes Interesse daran, dass Sammlungen digitaler Materialien in einer Form aufbereitet werden, die ihre Analyse möglich macht, ohne sich mit der Vorbereitung des Materials dafür mehr als unbedingt nötig zu belasten.

Gleichzeitig sehen vor allem die Bibliotheken, wesentlich zögerlicher auch die Archive und Museen, die systematische Bereitstellung digitalisierter Bestände von Texten und anderen Materialien als eine zentrale Komponente ihrer Transformation ins Zeitalter digitaler Technologien. Dazu kommt, dass digitale Inhalte langfristig von anderen Gefahren bedroht sind als konventionelle: Woraus sich der Arbeitsbereich der "digitalen Langzeitarchivierung" entwickelte.

Vor allem aus der Wissenschaft kommende Infrastrukturen, die meist auch Leistungen aus dem Werkzeugbereich anbieten5, sehen die Einrichtung dieser Infrastrukturen sehr explizit als zentrale Aufgabe der Digital Humanities an.

Auch wenn es konzeptuelles Unbehagen bereitet, eine infrastrukturelle Dienstleistung als Bestandteil einer Forschungsagende zu betrachten, darf keinesfalls das große Potential der systematischen Bereitstellung digitaler Materialien übersehen werden. Die DFG lässt derzeit prüfen, ob eine systematische, flächendeckende Umwandlung der gesamten gedruckten Überlieferung des deutschen Sprachraums per OCR in durchsuchbaren Text möglich ist6 - und neuere Entwicklungen machen es plausibel, dass in zehn bis fünfzehn Jahren sehr substantielle Mengen auch handschriftlichen Materials durch solche Verfahren in Angriff genommen werden können.

Digital Humanities IV:

Methodische Implikationen der Informationstechnologie

Die zuletzt erwähnten Entwicklungen weisen über das bisher Gesagte hinaus. In unserer Auseinandersetzung mit einzelnen Werkzeugen wurde darauf hingewiesen, dass diese Werkzeuge bestimmte methodische Vorgehensweisen ermöglichen, sie nicht verursachen. Viele der jetzt in Stilometrie und Textmining diskutierten Ideen sind spätestens 1891 belegt7 - waren vor der Entstehung der heutigen Werkzeuge aber so utopisch, dass sie noch nicht einmal eine Fußnote der Wissenschaftsgeschichte ausmachen.

Was zur Frage ermutigt, welche anderen methodischen Überlegungen heute realistisch sind, die bisher als utopisch erschienen - und ob nicht völlig neue angestellt werden könnten.

Eine derzeit recht intensiv geführte Debatte gilt dem Konzept des "Distant Reading"8. Vereinfachend gesagt der Behauptung, über literarische Phänomene ließe sich insgesamt mehr und Belastbareres sagen, wenn die Beweisführung nicht auf die sorgfältige Untersuchung einzelner, kurzer Texte gestützt würde, sondern auf die Untersuchung "großer" Corpora - was nur mit Hilfe im weitesten Sinne (text)statistischer Verfahren realisierbar wäre.

Salopp gesprochen: Können wir den Werther am besten verstehen, wenn wir versuchen, ihn Zeile für Zeile zu interpretieren und sekundär feststellen, durch welche anderen Romane der Zeit er beeinflusst sein könnte? Oder ist es sinnvoller, zunächst textanalytisch herauszufinden, was in den deutschen Romanen der 1760er und 1770er typisch war und daraus abzuleiten, warum demgegenüber der Werther, sei es dadurch, dass er bisher Getrenntes bündelte, sei es dadurch, dass er mit dem Gängigen brach, zu seinem Erfolg kam? Verallgemeinernd: Besteht der Sinn der Literaturwissenschaft darin, den Genius nachzuzeichnen, oder interessiert uns die Rolle der Literatur in ihrem gesellschaftlichen Kontext?

Für Frankreich zwischen 1848 und 1945 gelang es Theodore Zeldin mit der "History of French Passions" die Behandlung öffentlicher Ereignisse durch eine Konzentration auf private Handlungsmuster zu ersetzen, die öffentlich werdende Entwicklungen erst verständlich machen. Quälend war dabei immer, dass Zeldin an zahllosen Stellen festhält, dass er jetzt die Sicht auf Basis der üblichen Quellen vorgelegt habe - eigentlich gäbe es aber Grund zur Annahme, dass sich diese Sicht in wesentlichen Punkten ändern würde, könnte man die unverhältnismäßig größere Menge der nie herangezogenen verwenden. Das sei unmöglich. Mit Projekten, wie dem am Ende des Abschnitts zur infrastrukturellen Sicht beschriebenen, wird genau dies in absehbarer Zeit möglich sein.

Digital Humanities V:

Interdisziplinarität als universitäres Fach

Nach einer von Patrick Sahle im Blog der "Digital Humanities im deutschsprachigen Raum" (DHd Blog) im März 2016 veröffentlichten Übersicht9 wurden zwischen 2009 und dem März 2016 im deutschen Sprachraum insgesamt 37 Professuren für "Digital Humanities" oder eine vergleichbare Denomination ausgeschrieben, die meisten davon erstmals. Unter diesen 37 wurden 12 als W3 Professuren ausgeschrieben.

Im Trend oder nicht: Wenn es keine Professuren für "Geisteswissenschaft" gibt, warum sollte es dann welche für "Digitale Geisteswissenschaft" geben? Darauf gibt es zunächst eine sehr einfache Antwort: Denominationen sind nicht geschützt. Wenn ProfessorInnen sich ausschließlich mit den Möglichkeiten einer spezifischen digitalen Technik, angewendet auf die Literatur- oder Sprachwissenschaft eines ganz bestimmten Landes, beschäftigen und behaupten, sie hätten eine Professur für "Digital Humanities" inne - schön. Wer wollte ihnen widersprechen?

Jenseits des Nominalismus: Wenn wir die "Digital Humanities" auf die einleitend beschriebene Frage reduzieren, welche digitalen Kulturtechniken im Proseminar vermittelt werden müssen, ist dies in den betroffenen Fächern selbst leichter zu lösen als durch eine selbständige Professur. Ist es immer noch leichter, individuell in sämtlichen Philologien, sämtlichen im weitesten Sinne historischen und kunsthistorischen Fächern, der Musikwissenschaft, und der europäischen sowie außereuropäischen Ethnologie die potentiell benötigten GIS-Kompetenzen vorzuhalten?

Sollen sämtliche Texte analysierende Disziplinen das Wissen bereitstellen, wie man diese Texte so vorbereitet, dass sie der rechnergestützten Analyse zugänglich werden? Ist es sinnvoll, in sämtlichen der Objektanalyse gewidmeten Fächern die neuen Ansätze, wie man Objekte in Datenbanken so beschreibt, dass sie in anderen Datenbanken wieder gefunden werden können, zu lehren? Was vielleicht noch durch eine Dienstleistungseinrichtung geleistet werden könnte.

Informationstechnologien und Informatik sind aber keineswegs saturiert, sie entwickeln sich dynamisch sehr rasch weiter. Es reicht also nicht, eine Anzahl bekannter Werkzeuge zu kennen, es ist erforderlich zu beobachten und gezielt danach zu fragen, was von dem gerade neu Entstehenden für die einzelnen Disziplinen relevant ist. Dazu ist ein Forschungsprogramm der Digital Humanities nötig, für das es mehrere Ansätze gibt; ein Konsens zeichnet sich derzeit am deutlichsten in der Frage der "Modellierung" geisteswissenschaftlicher Fragestellungen ab, die Willard McCarty10 in die Debatte gebracht hat. Insgesamt ist die Erwartung an die neu eingerichteten Professuren, ihren Nutzen für die anderen geisteswissenschaftlichen Fächer zu belegen, freilich so groß, das diesen methodischen Kernfragen wesentlich weniger Energie gewidmet wird, als sie es verdienen würden. Das zeigte sich bei den Jahreskonferenzen des nationalen11 bzw. internationalen12 Fachverbandes - 2016 mit etwas über 400 bzw. etwas unter 1.000 TeilnehmerInnen - bei der Kulturtechniken, Werkzeuge und Infrastrukturen stets signifikant größere Zuhörerschaften anzogen als Fragen einer spezifischen Forschungsagenda.

[Digital Humanities VI]:

Methodische Herausforderungen der Informatik für die Geisteswissenschaften

Dementsprechend ist die Zahl von Versuchen die Möglichkeiten neuer Konzepte der Informatik für die Geisteswissenschaften auszuloten, bevor diese sich in informationstechnischen Anwendungen niedergeschlagen haben, die primär aus dem Blickwinkel nicht-geisteswissenschaftlicher Disziplinen entstanden sind, was man eigentlich als ein Kernanliegen interdisziplinärer Arbeit vermuten würde, ausgesprochen dünn gesät. (Weshalb sich diese Sichtweise der Digital Humanities in eckigen Klammern findet.)

Man kann sich aber Fragen stellen, wie die, ob der Stand der Forschung zur Künstlichen Intelligenz es ermöglicht, weite Teile des Arbeitsprozesses einer ganzen Disziplin zu automatisieren13; man kann sich fragen, wieweit "Information" ein so mächtiges Konzept sei, dass es verdiene zu einem Grundlagenkonzept der Philosophie gemacht zu werden, ja eine Philosophie der Information nachgerade zur philosophia prima zu erklären.14

Leider betrachtet sich der erste der beiden Zitierten allerdings als Informatiker, der zweite als Philosoph: Und beide wären wohl überrascht, würde man sie zu Digital Humanists erklären.

[Digital Humanities VII]:

Methodische Herausforderungen der Geisteswissenschaften für die Informatik

Was leider bisher fast völlig verhindert, dass die Geisteswissenschaften den nächsten logischen Schritt tun: Nicht mehr die Geschenke der aus Erkenntnissen der Informatik entstandenen Informationstechnologien daraufhin abzuklopfen, ob man sie vielleicht auch gebrauchen könnte, sondern aus eigenständiger Analyse der eigenen Informationsquellen Anforderungen an die Informatik zu formulieren.

Um die Richtung anzudeuten: Die Kunstgeschichte ist seit Jahrzehnten um die adäquate Form der Objektbeschreibung in Datenbanken bemüht. Liegen identische Sachverhalte vor, sollen sie stets mit exakt demselben Term beschrieben werden. Kontrollierte Vokabulare gehen auf die Zeit vor 1945 zurück. Derzeit werden sie in jene Technologien gepresst, die aus der Diskussion um das Semantic Web entstanden sind. Immer noch unter der Prämisse, dass die gewählten Terme der einzelnen Oberflächenbeschreibungen auf eine eindeutige und widerspruchsfreie Tiefensemantik verweisen.

Was leider dem kunsthistorischen Diskurs in keiner Weise entspricht: Ob etwas dies oder etwas anderes ist, ist keine Frage korrekter Zuweisungen, sondern Gegenstand der wissenschaftlichen Debatte. Eigentlich wäre es also angemessener, Konzepte zu verlangen, die widersprüchliche Aussagen sinnvoll integrieren können, als den eigenen Forschungsgegenstand Wissensdarstellungen anzupassen, die ihm vorhersehbar nicht gerecht werden.

Dies freilich würde selbstbewusste Geisteswissenschaften verlangen, die nicht zwischen einer diffusen Furcht vor unverstandener Technik und dem aus einem gut verdrängten Minderwertigkeitsgefühl entstandenen Glauben schwankt, dass Aussagen der Informatik keine sich weiter entwickelnden Arbeitshypothesen, sondern göttlich offenbarte Wahrheiten sind.

Das wäre doch ein schönes Ziel für die Digital Humanities?

Anmerkungen

1) Ian N. Gregory and Alistair Geddes (edd.) 2014: Toward Spatial Humanities, Bloomington.

2) Z.B.: voyant-tools.org/docs/#!/guide/about, besucht 8. November 2016.

3) textgrid.de/de besucht 8. November 2016.

4) Vgl. Schreibman et al. (Edd.) 2016: A New Companion to Digital Humanities, John Wiley.

5) de.dariah.eu/ besucht 8. November 2016.

6) ocr-d.de/ besucht 8. November 2016.

7) Louis Dubreuilh 1891: "Nouvelle méthode de critique littéraire", in: Revue de l‘évolution sociale, scientifique et littéraire, Nov. 15th, 1891.

8) Franco Moretti 2013: Distant Reading, London und New York.

9) dhd-blog.org/?p=6174 besucht 8. November 2016.

10) Willard McCarty 2005: Humanities Computing, Basingstoke: Palgrave.

11) dig-hum.de/ besucht 8. November 2016.

12) adho.org/ besucht 8. November 2016.

13) Juan A. Barceló 2009: Computational Intelligence in Archaeology, Hershey: New York.

14) Luciano Floridi 2011: The Philosophy of Information, Oxford.

Prof. em. Dr. Manfred Thaller, Universität zu Köln, Angewandte Informatik in den Geisteswissenschaften

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