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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Bildung für den Markt oder den Menschen?

25.12.2016: Ein Blick in die Geschichte lehrt: Es bedarf einer Renaissance von 68

  
 

Forum Wissenschaft 4/2016; Juergen Faelchle / Shutterstock.com

Die Rolle und gesellschaftliche Funktion von Hochschulen sind heftig umkämpft. Sollen sie Unternehmen sein, die auf dem Bildungsmarkt im Wettbewerb stehen oder sind sie Institutionen mit gesellschaftlicher Verantwortung? Thorben Peters zeichnet die Geschichte der bundesdeutschen Hochschulkämpfe nach und plädiert für eine neue Bewegung nach 68er Vorbild.

Der Sinn von Hochschulen, Wissenschaft und Bildung ist seit jeher umstritten. In dem Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD heißt es unter der Floskel "Deutschlands Zukunft gestalten" im Kapitel Hochschule: "Bildung, Wissenschaft und Forschung sind von überragender Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung, gleiche Lebenschancen der Menschen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft."1 Bildung, Wissenschaft und Forschung sind demnach wichtig für das deutsche Geschäft. In diesem sollen zwar alle die gleichen Chancen haben, eine Chance auf Bildung ist aber nicht gleichzusetzen mit dem Recht auf Bildung - oder anders: nur die Tüchtigsten, welche sich gegen andere durchsetzen, sollen profitieren, nicht alle. Zur internationalen Bedeutung der Hochschulen lässt sich aus dem Koalitionsvertrag ergänzen: "Der Zugang der Bundeswehr zu Schulen, Hochschulen, Ausbildungsmessen und ähnlichen Foren ist für uns selbstverständlich […] Deutschland hat ein elementares Interesse an einer innovativen, leistungs- und wettbewerbsfähigen nationalen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Wir setzen uns für den Erhalt ausgewählter Schlüsseltechnologien und industrieller Fähigkeiten ein." Die Verteidigung der Menschenrechte, insbesondere für diejenigen, die aus Krieg und Elend fliehen, bleibt unerwähnt.

Wettbewerbsfähige Hochschulen

Wenn der Zweck der Profit ist, so ist die Wettbewerbsfähigkeit innerhalb dieser Ideologie das Mittel. Das Studium, die Lehre und Forschung sind somit am Maßstab ihres Beitrags zur Wettbewerbsfähigkeit zu messen. Es braucht leistungswillige Studierende, welche brav an ihrem "Wert" (Humankapital) für den Arbeitsmarkt arbeiten und es braucht unterfinanzierte Hochschulen, die gezwungen sind sich gegeneinander in Konkurrenz um sogenannte Drittmittel zu behaupten und sich damit privaten Geldgeber*innen unterzuordnen. Die Frage des gesellschaftlichen Mehrwerts von Forschung ist damit der Frage nach der Höhe der eingeworbenen Forschungsgelder und ihrer Profittauglichkeit untergeordnet.

Ähnlich verhält es sich mit dem Studium, welches ganz den Interessen des Arbeitsmarktes untergeordnet werden soll. Mit der Karriereorientierung werden auch die Creditpoints wichtiger als die gesellschaftlich relevanten Inhalte des Studiums. Damit alle sich diesem Anspruch unterwerfen, gibt es die Selektion durch Prüfungen, Notendruck sowie die Konkurrenz zwischen Studierenden um Bachelor- und Masterplätze. Kurzum, eine prinzipielle Bildung des sich Bückens und der Unterordnung. Dieses Prinzip nennt sich "Die unternehmerische Hochschule".

Was steht dem entgegen? Geht es nach der Mehrheit der Studierenden sowie nach den Gewerkschaften dienen Wissenschaft, Bildung und Forschung allen Menschen und nicht partikularen Profitinteressen. So heißt es im hochschulpolitischen Programm des DGB: "Die Hochschulen spielen bei der Lösung der globalen sozialen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen eine zentrale Rolle - sei es wegen ihrer Leistungen in der Forschung und in der Aus- und Weiterbildung eines immer größeren Teils der Bevölkerung, sei es als Innovationsmotor, bei der Bewertung sozialer, technologischer und ökologischer Risiken sowie nicht zuletzt als Reflexionsraum sozialer und kultureller Entwicklungen."2 Der "freie Zusammenschluss von Student*innenschaften" (fzs) spitzt diesen Anspruch zu: "Wissenschaft für den Frieden, also Kooperation zwischen den Fächern, die Förderung der Internationalität, die Bildung mündiger Menschen und die kritische Zuwendung der Wissenschaft zu gesellschaftlichen Aufgaben kann nur aufklärende, zivile Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung sein. Sie muss entsprechend auf die Überwindung von Militär und struktureller Gewalt gerichtet sein."3

Gesellschaftliche Verantwortung

Dem Anspruch einer profitorientierten Wissenschaft wird hier der Anspruch einer Wissenschaft für die Lösung globaler Menschheitsfragen entgegengestellt. Wissenschaft muss sich demnach daran messen, inwieweit sie zur Lösung sozialer und ökologischer Probleme beiträgt und Antworten bietet, die auf die Verbesserung des Lebens aller gerichtet sind. Das Studium muss genau diese gesellschaftliche Verantwortung nahelegen. Wir müssen lernen, diese Welt zu verstehen und sie als mündiger Teil davon planvoll und verantwortungsbewusst gemeinsam zu gestalten. Das Studium muss zum selbstorganisierten Lernen anregen, frei von Leistungsdruck sein und Raum bieten, dem wissenschaftlichen, historischen und kulturellen Erbe der Menschheit eigenmotiviert nachzugehen. Hochschulen müssen befreit sein vom Druck der wettbewerbsbedingten Unterordnung unter Profitinteressen, indem sie ausfinanziert, demokratisiert und dem Frieden verpflichtet werden. Und Bildung muss allen zugänglich gemacht werden, da sie damit zur Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe wird. Nicht nur durch berufliche Qualifikation sondern durch das Mündigwerden innerhalb einer Demokratie.

Das heutige Hochschulsystem ist ein Kompromiss zwischen diesen Gegensätzen, welcher stets neu ausgehandelt wird und in dem mal die eine Seite, mal die andere Seite überwiegt. Dieses dialektische Verhältnis bestätigt sich durch einen Blick in die Geschichte. Mit dem Tag der Befreiung am 8. Mai 1945 zog die internationale Staatengemeinschaft Konsequenzen. Die noch im selben Jahr gegründeten Vereinten Nationen (UNO) fassten zu ihrem Gründungszweck den Anspruch: "künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat" und "Bedingungen zu schaffen, unter denen Gerechtigkeit und die Achtung vor den Verpflichtungen aus Verträgen und anderen Quellen des Völkerrechts gewahrt werden" (UN Charta). Diese Konsequenzen wurden auch an den Hochschulen gezogen, indem diese von Horten der faschistischen Ideologie und der Kriegsforschung zu entmilitarisierten und entnazifizierten Einrichtungen gemacht werden sollten, welche demokratisch organisiert, unabhängig und damit frei sich den gesellschaftlichen Fragen zuwenden konnten.4

Dieser Prozess wurde seitens der damaligen Konrad Adenauer-Regierung (CDU) 1952 mit der Behauptung einer vermeintlichen Bedrohung durch die UdSSR beendet. Erst durch die 68er-Bewegung wurde dieser Anspruch wieder aufgenommen und unter dem Motto "Unter den Talaren, Muff von 1000 Jahren" die Universitäten durch die Studierenden weitreichend, bis hin zur paritätischen Besetzung aller Gremien, demokratisiert, zu Massenuniversitäten umgewandelt und von einem Großteil ihrer Alt-Nazis befreit. Ein Großteil der damaligen Friedensbewegung bestand zudem aus Studierenden, welche gegen den Vietnamkrieg demonstrierten und sich solidarisch mit den Geflüchteten zeigten. Dieser Anspruch war im Wesentlichen dadurch getragen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und die richtigen Lehren zu ziehen, im Gegensatz zu ihren Eltern und der den Faschismus überdauernden Eliten, welche für den Krieg vor allem verantwortlich waren und davon profitiert haben. "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg" sowie der Aufbau einer neuen Welt, in der alles grundlegend anders und besser wird, war für viele dieser Generation der Ansporn.

Mit dem Zusammenbruch der UdSSR 1989/90 und dem damit verbundenen aufkommenden Neoliberalismus begann die Bundesregierung unter CDU/FDP, später SPD/Grüne, mit der Zurücknahme der aus dem Sieg über den Faschismus gefassten Ansprüche. Die in Deutschland aus der Systemkontroverse entstandene soziale Marktwirtschaft sollte weichen und immer mehr Bereiche der Logik des Marktes unterworfen werden. Mit der 1999 begonnenen Bologna-Reform traf dieser Prozess auch die Hochschulen. Bildung sollte fortan als Ware gelten, welche die Studierenden als Kund*innen gegen Gebühren für ihre berufliche Qualifikation an der Hochschule erwerben konnten. Hochschulen wurden durch Top-Down-Managementstrukturen entdemokratisiert und unternehmerisch ausgerichtet, das Studium durch die Einführung von Bachelor/Master verflacht und verschult. Dem kritischen und unbequemen Geist der Wissenschaft sollte damit ein Ende bereitet werden. Diese Orientierung behält die heutige große Koalition im Wesentlichen immer noch bei.

Mit der 2008 eingetretenen Finanzkrise und den weltweit angewachsenen Problemen kam der Neoliberalismus in eine Legitimationskrise. Die damit verbundenen Proteste regten sich auch gegen die Unzumutbarkeiten der unternehmerischen Hochschule. So schafften die Studierenden es, durch einen bundesweiten Bildungsstreik 2009, an dem insgesamt 250.000 Studierende beteiligt waren und durch die mehrere Dutzend deutsche Hochschulen über Wochen lahmgelegt wurden, die Studiengebühren abzuschaffen. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Protesten und Erfolgen seitens der Studierenden. So können wir heute feststellen, dass entgegen der damaligen Verschlechterung, bundesweite (seichte) Demokratisierungen an Hochschulen, verbindliche Verpflichtungen für transparente und friedensfördernde Forschung sowie die Wiedereinrichtung verfasster Studierendenschaften, in denen sich Studierende selber organisieren, erkämpft wurden; ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik eine so große, auch durch Studierende getragene, Solidarität gegenüber Geflüchteten gab wie 2015.

Aus der Geschichte lernen

Lernend aus der Geschichte kann man also sagen, dass es im Wesentlichen auf uns ankommt, uns gegen den im Studium nahegelegten Anpassungs- und Leistungsdruck zu wehren und uns mit positiven Ansprüchen in die gesellschaftliche Entwicklung einzumischen. Damals wie heute engagierten sich Menschen entgegen dem Zeit- und Gelddruck im Studium für eine Beantwortung der Probleme unserer Zeit. Die 68er hatten es damals nicht leichter als wir heute. Sind wir im Wesentlichen durch eine "marktkonforme Demokratie"5 geprägt, so entstand die Generation der 68er aus den Ruinen des Faschismus. Das Studium war vor ihnen weder sozial einfach noch war die Auseinandersetzung mit den zum Teil alt-faschistischen Professor*innen und ihrer Lehre anregend dafür sich anders zu entscheiden. Es war ihr Bewusstsein für Geschichte, die Einsicht ins Durchsetzungswürdige und ihr Wille sich grundsätzlich unterscheiden zu wollen. Mit dem Blick in die heutige weltweite Lage sollten wir uns daran ein Beispiel nehmen. Die damals gefassten Ansprüche, Aufklärung durch Wissenschaft, Studium als revolutionäre Praxis und die Hochschule als demokratische Republik, sind heute wie damals hochaktuell. Ein neues 68 ist längst überfällig.

Anmerkungen

1) Koalitionsprogramm der Bundesregierung CDU/CSU und SPD von 2013.

2) Für eine demokratische und soziale Hochschule Das hochschulpolitische Programm des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Dezember 2012.

3) Position des fzs, Beschluss: 16.11.2014: Für einen studentischen Friedensverband.

4) Vgl. Gutachten der Hochschulreform 1948 Hamburg, "Blaues Gutachten".

5) Angela Merkel 2011.

Thorben Peters, Mitglied des Studierendenparlaments und aktiv im Senat der Uni Lüneburg, Gründungsmitglied des Arbeitskreises Friedenswissenschaften der Uni Lüneburg, sowie Mitglied des Hochschulverbandes dielinke.SDS

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