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Klaus Holzkamp

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›Elitenförderung‹ macht dumm!

08.10.2016: auch eine Kritik der Exzellenzinitiative

  
 

Forum Wissenschaft 3/2016; Foto: Arbeitsstelle Forschungstransfer (Eigenes Werk) CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Die Fehlentwicklungen der Exzellenzinitiative waren in ihrem Fehlstart bereits angelegt. Sie hat das Zeug, eine Revision der Hochschulreform zu befördern. Torsten Bultmann zu ihren Ursprüngen und problematischen historischen Konstellationen:

Die Exzellenzinitiative ist ein absurdes Spektakel, welches die wissenschaftlichen Arbeits- und Studienbedingungen in der überwiegenden Mehrheit der Hochschulbereiche verschlechtert, um grell ausgeleuchtete ›international sichtbare‹ sog. Spitzenforschung an ganz wenigen Standorten mit ganz viel Geld zu produzieren, welches den restlichen Hochschulen fehlt. Geht man nun davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit herausragender wissenschaftlicher Leistungen (über deren Definition man sich natürlich immer auch politisch und akademisch wird streiten müssen) mit der Qualität der Arbeitsbedingungen in der Breite des Hochschulsystems eher steigt als durch die Konzentration finanzieller Zuwächse an ganz wenigen Standorten gegenüber einem unterfinanziertem ›Rest‹, ist es nicht ausgeschlossen, dass sich das System auf diese Weise selbst den Ast absägt, auf dem es sitzt. Man kann das auch neoliberal formulieren: es setzt seine internationale Konkurrenzfähigkeit aufs Spiel. Von daher ist es gut, dass die Kritik an der Exzellenzinitiative in der Hochschulöffentlichkeit zunimmt.

Wer hat´s erfunden?

Vergessen dürfte mittlerweile sein, dass das Fiasko dieses Hochschulsonderprogramms schon in seinen Anfängen angelegt war. Deswegen soll hier daran erinnert werden. Das ganze begann nämlich mit einem Public-Relations-GAU der SPD-Bundestagsfraktion im Jahre 2004. Es handelte sich um die historisch erstmalige Elitenförderungsdebatte, die aus dem Parteizentrum der SPD losgetreten wurde, einer Partei immerhin, mit der die Hochschulreform, vor allem die soziale Öffnung der Hochschulen und das Thema ›Bildung für alle‹, bis dato identifiziert wurde. Ihre Bundestagsfraktion beendete Anfang Januar 2004 ihre Klausurtagung mit den sog. Weimarer Leitsätzen "Innovation". Zunächst fällt auf, dass in diesen Leitsätzen der Elitenbegriff überhaupt nicht auftaucht. Es geht darin natürlich um die Förderung von "Spitzentechnologie", aber durchaus auch um eine Reihe bildungspolitischer Vorhaben, die - für sich genommen - unterstützenswert sind.1 Es war vor allem die Initiative des Kanzleramtes und des damaligen SPD-Generalsekretärs Olaf Scholz, der es anscheinend originell fand, nach der Klausur mit Sätzen wie "Die SPD will in Deutschland Eliteuniversitäten wie Harvard haben!" vor die Presse zu treten. Er kam sich dabei vermutlich noch besonders schlau vor, weil er auf ein starkes Medienecho infolge des Ungewöhnlichkeitseffektes spekulierte: bis dato wurde die SPD eben nicht mit dem Thema "Elitenförderung" identifiziert. Das Problem war lediglich, dass auf diese Weise ein Ball gespielt wurde, den die Konservativen sofort übernahmen - und seitdem nie wieder zurückzugeben brauchten. Die Lehre daraus: man kann nicht mit konservativen Themen linke Politik machen.

In den folgenden Wochen gelang es CDU/CSU und FDP tatsächlich nahezu jeden Tag, ihre hochschulpolitischen Lieblingsthemen - Zulassungsrecht, Studiengebühren, Elitenförderung - auf die Titelseiten zu bringen und die SPD mit permanenten "Konkretisierungen" und "Präzisierungen" vor sich her zu treiben. Diese mündeten vorerst in ein - sichtlich hektisch zusammengestricktes - Konzept, welches am 26. Januar 2004 im Rahmen des Kongresses "Innovationsoffensive" von der damaligen Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn unter der Losung "Brain up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversität!" vorgestellt wurde. Die offenbar beabsichtigte sprachliche Anlehnung an RTL-Krawall-Castingshows löste zwar allgemeines Gelächter und hämische Kommentare aus, allerdings hatten bereits einige Unis nachdrücklich angekündigt, auf den damit versprochenen Geldsegen keineswegs verzichten zu wollen. Es ist logisch, dass die so Interessierten die Bundesländer und die ›andere‹ Volkspartei der damaligen Bundestagsopposition für sich einspannten. Selbstverständlich sprangen auch alle wissenschaftlichen Spitzenverbände auf das Thema drauf. Jetzt war es offenbar auch für die rotgrüne Bundesregierung für einen Kurswechsel zu spät.

Ungeachtet der so geschaffenen Fakten blieb das Thema in der SPD umstritten.2 Der Landesparteitag der NRW-SPD vom 14. Februar 2004 in Bochum lehnte etwa in einem Initiativantrag den Elitebegriff ausdrücklich als "unsozialdemokratisch" ab und verwarf auch die Brain-up-Kampagne des Bundeswissenschaftsministeriums. Diese kontroverse Debatte kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen - und insofern handelt sich nicht allein um "Missverständnisse" und unprofessionelle Medienarbeit -, dass die Elitenthematik als logische Kehrseite gesellschaftspolitischer und programmatischer Entleerung in der SPD-Politik zunehmend auf Akzeptanz stieß. Das Hantieren mit diesem Begriff ist Ausdruck eines entpolitisierten, weil technikdeterministischen, wissenschaftsgläubigen und auf soziale Eliten ("Leistungsträger") fixierten Konzeptes von sozialer "Innovation", bei dem die gesellschaftlichen Strukturen politisch ausgeklammert werden.3

Aus Elite wird Exzellenz

Die politische Dynamik, die so seit Anfang 2004 in Gang gekommen war, war nicht mehr zu stoppen. Der Prozess mündete Mitte 2005 in eine (einstimmige) Bund-Länder-Vereinbarung, also getragen von einer ganz großen bildungspolitischen Koalition, über ein - so der offizielle Titel - "Sonderprogramm zur Förderung der universitären Spitzenforschung". Für dieses dachte man sich den Namen "Exzellenzinitiative" aus; eine synthetische Begriffskonstruktion, um die historisch belasteten und extrem kontroversen Begriffe ›Elite‹ und ›Elitenförderung‹ zu vermeiden, also eine Art technokratische Neutralisierung des ganzen Ansatzes.

Immerhin erfolgte so unter Rotgrün, was Helmut Kohl seit seinem Machtantritt 1983 ständig versuchte - Sonderstudiengänge für ›hochbegabte‹ Studierende, Enttabuisierung von Elitenförderung -, was ihm aber nie, nicht zuletzt gegen den Widerstand an den Hochschulen nicht, politisch gelang.4

Die Tabuisierung des älteren E-Begriffs hat sich allerdings nicht überall rumgesprochen. Die amtierende Bundesbildungsministerin, Johanna Wanka, bekennt unumwunden: "Wir haben in Deutschland insgesamt einen sehr hohen Standard in der Lehre, anders als etwa in den USA, wo es einzelne Spitzen-Universitäten gibt, aber in der Breite weniger ankommt. Das wollen wir in Deutschland nicht, aber wir brauchen zwingend auch Eliteförderung, um in der Weltliga mitspielen zu können. Dabei hilft uns die ›Exzellenzinitiative‹, die zudem Bewegung in die gesamte Hochschullandschaft gebracht hat." (uni-spiegel 5/2015) Aber schon unmittelbar nach dem Start der Exzellenzinitiative wurde heftig historisch rückwärts spekuliert. So zitierte etwa die FAZ (2.2.2008) in einer Umfrage zur Exzellenzinitiative den damaligen Rektor der ›Exzellenzuniversität‹ Freiburg, Wolfgang Jäger: "Wir werden keine Eliteuniversitäten haben, wenn wir weiterhin Massenfächer haben." Die Verbannung der Massen aus den Universitäten - etwa an Berufsakademien und Fachhochschulen, so der Hintergedanke - liefe auf eine Revision der Hochschulreform in Richtung der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinaus. Ein Jahr später sekundierte der Präsident der TU München, Wolfgang Herrmann: "Der elitäre Ansatz muss die egalitäre Tradition durchdringen. Dafür gibt es Exzellenzuniversitäten." (FAZ 27.5.2009) Für diese, d.h. für die in der dritten Förderlinie (›Zukunftskonzepte‹) des Programms siegreichen Universitäten, hatte sich ohnehin schon nach dessen Start in den Medien unausrottbar die Benennung "Eliteuniversitäten" durchgesetzt.5

Hinter die Hochschulreform zurück

Die Infragestellung der "egalitären Tradition" zielt natürlich auf die soziale Öffnung der Hochschulen und die Entwicklung von Massenuniversitäten, kurz: auf die Hochschulreform insgesamt, vor allem jedoch auf den tradierten Sachverhalt einer grundsätzlichen rechtlichen und finanziellen Gleichstellung aller Universitäten - vor dem Hintergrund des Ziels diese ›ungleicher‹ zu machen, dem eigentlichen Zweck der Exzellenzinitiative. Dafür steht etwa die Aussage Karl Max Einhäupls, bis 2006 Vorsitzender des Wissenschaftsrates, auf der Pressekonferenz des gleichnamigen Gremiums und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) am 20. Januar 2006, auf welcher die Sieger der ersten Runde der Exzellenzinitiative bekannt gegeben wurden: Es gehe um einen "lang ersehnten Paradigmenwechsel im deutschen Hochschulsystem, mit dem wir uns verabschieden von der Idee der Homogenität und uns anfreunden mit der Idee der Diversität". "Diversität" klingt natürlich postmoderner und schöner als "Hierarchisierung", was aber in Wirklichkeit gemeint ist. Formulierungen wie "Paradigmenwechsel", Abschied vom "Gleichheitsparadigma" oder man wolle die "internationale Sichtbarkeit" des deutschen Hochschulsystems steigern, tauchen in allen Dokumenten des Programms als kommunikationsstrategische Leitmotive immer wieder beharrlich auf.

Damit wird dann auch die Unbestimmtheit der Begriffe "Gleichheit/Ungleichheit" kommunikationsstrategisch genutzt. Einerseits suggeriert man, die einzelnen ForscherInnen seien nun einmal unterschiedlich ›leistungsstark‹; andrerseits redet man nicht darüber, dass die Exzellenzinitiative vor allem Ungleichheit durch gezielt ungleiche Finanzzuteilungen produziert. Damit werden nicht die adressierten Personen in ihren wissenschaftlichen Qualifikationen ›ungleicher‹, es werden vielmehr extreme Hierarchien in den materiellen Leistungsbedingungen erzeugt, wodurch bereits die Mehrheit der Hochschulen und der ForscherInnen vom Wettbewerbserfolg um die Zusatzfinanzen de facto ausgeschlossen ist.6

Als Hauptgrund für die ›Normalisierung‹ von Elitekonzeptionen - ob diese nun unter diesem Etikett oder einem anderen segeln - sehe ich ihre neuartige Synthese mit bestimmten neoliberalen bildungsökonomischen Vorstellungen. Deren Hintergrund ist die - von niemandem bestrittene - strukturelle Unterfinanzierung des deutschen Hochschulsystems seit mehr als drei Jahrzehnten. Das ist der Nährboden für Denkweisen, die davon ausgehen, dass eine bessere Finanzierung weniger - Hochschuleinrichtungen, ForscherInnen oder perspektivisch Studierender - einen höheren gesellschaftlichen Nutzeffekt bewirken würde als eine bessere und angemessene Finanzierung aller, d.h. des ganzen Hochschulsystems. Dieser Ansatz steht m.E. auch hinter der "Exzellenzinitiative". Das ist gleichbedeutend mit der Abkehr von der grundsätzlichen rechtlichen und materiellen Gleichbehandlung aller Hochschulen und Studierenden. Die angestrebte größere Ungleichheit soll durch den Übergang zu einer stärker wettbewerblichen Finanzierung bewirkt werden. Zusätzlich wird der Schluss vom Umfang der Investition auf das Niveau der zu erwartenden ›Leistung‹ nahe gelegt und so dem Motiv der Extra- und Sonderförderung von (Eliten-) Höchstleistungen der Boden bereitet - Motto: überdurchschnittlich hohe Exzellenzfinanzen erzeugen auch ›exzellente‹ Forschungsergebnisse, kurz: viel erzeugt viel. Vergessen wird dabei, dass man so zwar gewerbliche Betriebe in der Privatwirtschaft steuern, aber keinen wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt fördern kann.

Akademischer Kapitalismus funktioniert nicht

Interessant ist in dem Zusammenhang, dass auch Befürworter der Exzellenzinitiative deren ökonomischen Ursprung offen einräumen (ob in einem Anflug von Ehrlichkeit oder infolge eines Verplapperns, kann ich nicht entscheiden), so zum Beispiel Peter Gaethgens, damals Vorstandsmitglied der Europäischen Rektorenkonferenz (davor Präsident der deutschen HRK), in einem der Exzellenzinitiative gewidmeten Artikel: "Angesichts der in Deutschland chronischen Unterfinanzierung des gesamten staatlichen Hochschulsystems, die sich auf absehbare Zeit nicht ändern wird, ist der Zwang, einen Weg stärkerer Differenzierung einzuschlagen, auf Dauer unvermeidlich." (Der Tagesspiegel 01.02.2007) Wenn jedoch der "Zwang" vor allem aus der Unterfinanzierung resultiert, verbietet sich die Rede von einer ungleichen Leistungsstärke von Personen. Zusätzlich fördert eine solche Haltung die Zementierung des andrerseits beklagten Status Quo - zu Deutsch: unterhalb der Exzellenzmilliarden wird sich mit Sicherheit im staatlichen Hochschulsystem nichts ändern.

Der Bamberger Wissenschaftssoziologe Richard Münch nennt dieses neue Wissenschaftsregime Akademischer Kapitalismus und entfaltet in dem gleichnamigen Buch auf 500 Seiten die These, dass durch diese neuen - eher wissenschaftswidrigen - Steuerungsformen die gesellschaftlich relevante Innovationsrate des Wissenschaftssystems eher eingeschränkt werde: ein ökonomischer Wettbewerb um finanzielle Ausstattungsvorsprünge und zugleich symbolische Prestigeaufwertung - ein Wettbewerb, der allein durch seine formale Seite (Antragswesen, Mittelverwaltung) zudem im erheblichen Umfang Arbeitskraft bindet, die in Forschung und Lehre fehlt -, kurz: eine "zirkuläre Akkumulation von materiellem und symbolischen Kapital"7 verdränge den eigentlichen - zweckmäßigen und wünschbaren - wissenschaftlichen Wettbewerb um Erkenntnisfortschritt und Anerkennung. Am Ende eines solchen - nicht ökonomischen, sondern wissenschaftlichen - Wettbewerbs werde die akademische Welt nicht in Sieger und Verlierer, auch nicht in unterschiedliche Rangplätze wie in einer Bundesligatabelle, eingeteilt, sondern die Ergebnisse, insofern tatsächlich ein Erkenntnisfortschritt erbracht wurde, kämen allen zugute: der ganzen wissenschaftlichen Gemeinschaft und der Gesellschaft.8 Das setzt Kooperation statt gegenseitige Verdrängungskonkurrenz unter WissenschaftlerInnen sowie vergleichbare angemessene Arbeits- und Ausstattungsbedingungen voraus. Die Einschränkung wissenschaftlicher Entwicklungspotentiale im vorherrschenden Wettbewerbsmodell ergibt sich dem entgegen schon daraus, dass Überinvestition an wenigen Exzellenzstandorten von Unterinvestition in der Breite des Hochschulsystems begleitet wird. So wird eine erhebliche Anzahl aktiver und (potentiell) leistungsstarker Forscherinnen und Forscher außerhalb der dominanten (Exzellenz-)Standorte, welche zugleich die Definitionsmacht über wissenschaftliche Relevanz monopolisieren, aus dem Geschehen ausgeschlossen und in einem entsprechendem Umfang potentielle neue Ideen und alternative Sichtweisen, welche die Wissenschaft voran bringen könnten.9

Fazit: die Exzellenzinitiative fördert gesellschaftliche Ignoranz und schränkt wissenschaftliche Innovationen ein.

Anmerkungen

1) So sollte etwa bis 2010 die Zahl der SchulabbrecherInnen auf die Hälfte reduziert oder der Anteil der Studierenden auf 40% eines Altersjahrganges gesteigert werden, was mittlerweile längst übertroffen ist. Für das folgende Ausbildungsjahr wurde eine gesetzliche Ausbildungsplatzabgabe angekündigt, wenn bis dahin nicht auf freiwilliger Basis der Betriebe alle Ausbildungswilligen eine Lehrstelle gefunden hätten. Am Ende der "Weimarer Leitsätze" heißt es dann etwas kryptisch: "Wir wollen die Struktur der Hochschullandschaft so verändern, dass sich Spitzenhochschulen und Forschungszentren etablieren, die auch weltweit in der ersten Liga mitspielen und mit internationalen Spitzenhochschulen wie Harvard und Stanford konkurrieren können." SPD-Parteivorstand: Mitteilung für die Presse, 06.01.2004.

2) Ein Diskussionspapier, welches die AG Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion zu deren Januarklausur vorlegte, formuliert etwa lafontaineistisch: "Eine einseitige Fixierung auf Elitenbildung entspricht nicht unseren Vorstellungen von Innovation und Gerechtigkeit." Zit. nach: spw - Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft, 1/2004: 11.

3) So interpretiert etwa Michael Wendl mit Recht den Elitebegriff als Reflex auf ausbleibende gesamtgesellschaftlich relevante Innovationen nicht zuletzt infolge der SPD-Politik: "Die peinliche Debatte über die Notwendigkeit von ›Elite-Universitäten‹ ist gleichermaßen ein Reflex der gesunkenen Innovationsdynamik im privaten Sektor und der systematischen Schwächung der staatlichen Finanzkraft." In: Sozialismus 3/2004: 4f.

4) Noch 1997 beklagte sich der damalige Bundeskanzler in einer Rede anlässlich einer Preisverleihung der Deutschen Forschungsgemeinschaft: "Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren eine törichte Diskussion um den Elitenbegriff geleistet. Das hat uns geschadet. Wir stehen in weltwirtschaftlicher Konkurrenz mit Ländern, die gezielt eigene Eliten fördern, um sich im globalen Wettbewerb besser behaupten zu können. Wir brauchen in Deutschland mehr denn je ein klares Ja zu Eliten." (zit. nach: Forschung & Lehre 4/1997: 174) Acht Jahre später wurde er erhört.

5) Trotz ihres modernisierten Vokabulars handelt es sich bei der Exzellenzinitiative um einen späten Sieg der Gegenreform. Ein klassisches Stereotyp der konservativen Kritik an der Hochschulexpansion seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist schließlich das Lamento darüber, dass die ›Massenuniversitäten‹ die gezielte Förderung von ›Eliten‹, die jede Gesellschaft doch so nötig hätte, unmöglich mache. In den 70er und 80er Jahren sind mehrere Anläufe, einen entsprechenden Exklusivbereich jenseits des grundständigen Normalbetriebes der Hochschulen zu institutionalisieren, gescheitert. Derartige Ansätze waren auch immer von der Vorstellung geleitet, Bildungsstandards für die ›Masse‹ - auch finanzwirksam - zu begrenzen und so einen Umverteilungsspielraum für die Besserausstattung der ›Elitenbereiche‹ zu generieren. Immerhin blieb es unter den ›Offiziellen‹ dem Hamburger Uni-Präsidenten Dieter Lenzen, der zuvor in seiner Eigenschaft als Präsident der FU Berlin diese 2006 zur "Exzellenzuniversität" promotet hatte, vorbehalten, an die historisch fragwürdige Tradition des Elitebegriffs in einem Gastbeitrag für Spiegel-online zu erinnern, in dem er sich zugleich für einen Stopp der Exzellenzinitiative aussprach: "Wir brauchen ein Wettbewerbsmoratorium. In den nächsten zehn Jahren darf es solche Großwettbewerbe nicht geben, weil die Universitäten sich nicht selten entweder fast ›zu Tode gesiegt‹ oder an den Rand der Erschöpfung ›geantragt‹ haben. […] Aber vor allem muss eines klar sein: Exzellenz hat nichts mit Elite zu tun, denn wenn diese Synonymität nicht ausgeräumt werden kann, besteht das Risiko, dass das Exzellenz-Paradigma von den Erinnerungen an die deutsche Geschichte eingeholt wird." (spiegel-online 13.06. 2012).

6) Dazu argumentiert auch die Entschließung der BdWi-Mitgliederversammlung vom 24.4.2016: " Niemand hat je die Behauptung aufgestellt, dass an deutschen Universitäten "alles gleich" sei, denn natürlich gibt es unterschiedliche Profile, Schwerpunkte und auch ›Leistungen‹, kurz: akademische Vielfalt und Kontroversen. Wie könnte es anders sein? Dieses Resultat ergibt sich jedoch bestenfalls aus einem Vergleich unterschiedlicher Institute, Professuren oder Forschungsgruppen, nicht aus einer Konkurrenz zwischen Universitäten als kompletten Institutionen. Universitäten als Ganzes sind in der hiesigen Wissenschaftstradition rechtlich und in ihren finanziellen Ausstattungsansprüchen gegenüber dem Staat tatsächlich gleichgestellt. Damit soll offenbar Schluss sein. Denn erstmalig kreiert die Exzellenzinitiative (im Unterschied zu traditionellen Drittmittelverfahren, in denen Personen antragsberechtigt sind) auf synthetische Weise einen neuartigen Wettbewerb, in dem erstmalig ausschließlich ganze Universitäten, vertreten durch ihre Leitung (Governance), Anträge stellen dürfen - und im Erfolgsfall als Ganzes gegenüber den Konkurrenten symbolisch und reputativ aufgewertet werden." (www.bdwi.de/show/9096987.html).

7) Richard Münch 2011: Akademischer Kapitalismus - Über die politische Ökonomie der Hochschulreform, Berlin: 23.

8) A.a.O.: 69.

9) A.a.O.: 201.

Torsten Bultmann ist politischer Geschäftsführer des BdWi

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