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Klaus Holzkamp

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Anachronismus oder Sieg der Vernunft?

08.10.2016: 11 Thesen zur Exzellenzinitiative und Schlussfolgerungen

  
 

Forum Wissenschaft 3/2016; Foto: Arbeitsstelle Forschungstransfer (Eigenes Werk) CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Die Verlängerung der Exzellenzinitiative wurde letztlich mit breiter Mehrheit politisch beschlossen, war aber stärker von Zweifeln und Widersprüchen begleitet als bislang. Ein Ausdruck des wachsenden Protests sind die hier dokumentierten "11 Thesen zur Exzellenzinitiave", die von Hamburger Studierenden publiziert wurden. Sinah Mielich und Till Petersen haben das kritische Papier mitverfasst und erläutern anschließend die Hintergründe.

"Eine Partei, die neben dem Glauben an die Gesetze auch den Adel verwerfen würde, hätte sofort das ganze Volk hinter sich, aber eine solche Partei kann nicht entstehen, weil den Adel niemand zu verwerfen wagt." Franz Kafka 1920: Zur Frage der Gesetze

<B>1)<W0> Die Exzellenzinitiative (EI) ist selbstreferenziell: Was exzellent ist, wird prämiert, und was prämiert wird, ist dadurch exzellent.

<B>2)<W0> Durch die EI gibt es keine zusätzlichen Mittel für die Hochschulen. Durch die EI werden Teile der ohnehin vorhandenen, aber zu knappen Mittel lediglich nach Kriterien der Verwertungstauglichkeit statt nach gesellschaftlichen Erfordernissen und realem Bedarf verteilt.

<B>3)<W0> Weder schafft die EI gute oder besonders bemerkenswerte Wissenschaft (Forschung, Lehre, Studium), noch identifiziert und prämiert sie sie. Die EI schadet der Wissenschaft in der gesamten Bundesrepublik.

<B>4)<W0> Die EI schadet der Wissenschaft, u.a. weil sie die Hochschulen dazu treibt, die zu knappen Mittel intern so zu verteilen, dass Bereiche mit geringerer Passform zu den Kriterien der EI zusätzlich gekürzt werden, um jene mit besserer Passform für die bundesweite Konkurrenz fit zu machen. Das zerstört in den Hochschulen die Interdisziplinarität und das Universelle der Universitäten.

<B>5)<W0> Die EI schadet der Wissenschaft, u.a. weil sie Wissenschaftler in der gesamten Republik dazu anhält, einander als Konkurrenten zu betrachten, statt zu kooperieren und wissenschaftliche Erkenntnisse zu teilen, um sie miteinander produktiv zu machen.

<B>6)<W0> Die EI schadet der Wissenschaft, u.a. weil sie vollständig auf die Forschung zielt. Die Lehre wird damit marginalisiert, Studium und didaktische Qualität treten zunehmend in den Hintergrund und die Einheit von Forschung und Lehre wird zerstört. Diese Einheit ist eine bewährte und unverzichtbare Qualität.

<B>7)<W0> Die EI schadet der Wissenschaft, u.a. weil diese und andere Formen der Mittelverteilung qua vermeintlichem Leistungsvergleich enorm Kräfte der Hochschulen verschleißen durch ein wissenschaftlich unnützes monströses Antrags-, Bericht- und Evaluationswesen. Diese Energie könnte erheblich produktiver in der unmittelbaren wissenschaftlichen Arbeit - der Forschung, der Lehre und der Bildung - zur Geltung kommen.

<B>8)<W0> Die EI eröffnet den Verantwortlichen in Regierungen, Ministerien und Behörden sich aus der Verantwortung zu stehlen, die Unterfinanzierung des gesamten Hochschulwesens zu beheben.

<B>9)<W0> Die EI schwächt den Oppositionselan der Hochschulen für eine bessere finanzielle Ausstattung, wenn diese sich intern und extern auf die Konkurrenz untereinander einlassen, statt miteinander für Verbesserungen bei der Mittelvergabe zu kämpfen.

<B>10)<W0> Die EI ist ein perfider Mechanismus, weil nur wenige Hochschulen und Einrichtungen Mittel durch die EI erhalten, aber alle Hochschulen, alle Fakultäten und alle Fächer sich anpassen und unterwerfen sollen.

<B>11)<W0> Die Zahl derer in der Universität Hamburg, welche die EI wissenschaftlich sinnvoll finden, ist eine Minderheit. Dennoch traut sich keiner "Nein" zu sagen, weil Widerspruch als "Leistungsverweigerung" oder gar "Leistungsunfähigkeit" ausgelegt werden könnte.

Mut ist nicht schwach. Jemand muss den Anfang machen und Inhalt und Zweck der EI eine Absage erteilen. Jemand sind wir.

Schlussfolgerungen:

  • Die Fakultät für Erziehungswissenschaft beschließt, nicht an einem Prozess zur inhaltlichen und strukturellen Ausrichtung der Universität Hamburg für eine affirmative Beteiligung an der Exzellenzinitiative mitzuwirken. Sie lehnt einen solchen Prozess ab, weil er der Wissenschaft schadet. Sie legt stattdessen ihre Gründe für diese Haltung offen und versucht die anderen Fakultäten zu überzeugen, sich dieser kritischen Haltung anzuschließen.
  • Die Fakultät fordert die Universitätsleitung, die anderen Fakultäten und alle Hochschulmitglieder auf, weiter an einem Zukunftskonzept für die Uni Hamburg zu arbeiten, welches den Grundsätzen der Nachhaltigkeit und der Solidarität verpflichtet ist. Zu einer solchen Entwicklungsperspektive für die Hochschule gehören: Die inhaltliche Unabhängigkeit der Wissenschaft von ökonomischen Zwängen, der verantwortungsvolle Gesellschaftsbezug der Wissenschaft, das Ziel der Bildung mündiger Persönlichkeiten und eine entsprechende Studienreform, die Einheit von Forschung und Lehre, die Interdisziplinarität aller Fächer unter Befürwortung ihrer Gleichwertigkeit, die solidarische Kooperation in Forschung, Studium, Lehre, Verwaltung und Selbstverwaltung, die gemeinsame Anstrengung für eine bedarfsdeckende Finanzierung der Hochschulen. Dabei ist zu bedenken, dass die falsche Politik der Vergangenheit bereits Schäden angerichtet hat, die zu heilen sind. So sind z.B. Anstrengungen zu unternehmen, das Studium, die Lehre und eine nachhaltige Didaktik neu positiv zu entwickeln, damit die Einheit von Forschung und Lehre überhaupt wieder hergestellt werden kann.
  • Mit einem solchen Konzept, das einzig Zukunft hat, kann die Uni dann auch in die Exzellenzinitiative einsteigen, um ihr ein Widerpart zu sein. Ein solches Konzept setzt nicht auf Exklusivität, sondern auf Verallgemeinerungswürdigkeit.
  • Falsch ist bereits der Grundansatz, von der besonderen Förderwürdigkeit von als exzellent ausgerufenen Einrichtungen auszugehen. Die entscheidende Kategorie für eine positive Entwicklung der Wissenschaft ist ihre gesellschaftliche Relevanz. Die Erziehungswissenschaft z.B. will mit der wissenschaftlichen Reflexion von Bildung und Erziehung die Bildung mündiger Menschen voran bringen, demokratische Teilhabe stärken, soziale Selektion überwinden, Völkerverständigung fördern und trägt zur Inklusion in den Bildungseinrichtungen und darüber hinaus bei. Dies ist gerade angesichts der Militarisierung internationaler Beziehungen und der Not von Millionen Flüchtlingen von großer Bedeutung. Eine entsprechende Bestimmung der gesellschaftlichen Relevanz werden auch andere Fächer vornehmen können. Es ist daher falsch, diese gegeneinander auszuspielen. Die Wissenschaft insgesamt muss bedarfsdeckend finanziert werden.

    FSR Erziehungs- und Bildungswissenschaft FSR Lehramt allgemeinbildende Schulen FSR Sonderpädagogik - jeweils Universität Hamburg

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