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Klaus Holzkamp

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Zum Hintergrund der Hamburger "11 Thesen zur Exzellenzinitiative"

  
 

Forum Wissenschaft 3/2016; Foto: Arbeitsstelle Forschungstransfer (Eigenes Werk) CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

"Es kann nicht alles richtig sein in der Welt, weil die Menschen noch mit Betrügereien regiert werden müssen." (387) Georg Christoph Lichtenberg 1768- 1771: Sudelbücher, Heft B

Die Exzellenzinitiative heißt jetzt Exzellenzstrategie und bleibt weiterhin eine große Dummheit. Entgegen nachdrücklicher und immer weitere Kreise ziehender Kritik und Protesten aus den Hochschulen haben sich die Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin am 16. Juni vorerst auf die Fortsetzung dieses Instruments zur konkurrenzförmigen Lenkung der Hochschulen geeinigt.

Anfang des Jahres veröffentlichten die drei Fachschaftsräte für Lehramt an allgemeinbildenden Schulen, für Sonderpädagogik und für grundständige Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg "11 Thesen zur Exzellenzinitiative", mit denen die grundsätzliche Schädlichkeit der Exzellenzideologie gefasst und zur institutionellen Opposition mobilisiert werden sollte. Die Thesen werden freundlicherweise in dieser Ausgabe von Forum Wissenschaft dokumentiert. Ergänzend wollen wir als Autor_innen der Thesen mit diesem Beitrag anhand der Entstehungsgeschichte die inhaltlichen Prämissen erhellen und mögliche Konsequenzen für die weitere offensive kritische Auseinandersetzung zur Beendigung der Exzellenzinitiative aufzeigen.

Der Anachronismus der Exzellenzinitiative

"Würde man die Intelligenz der Werktätigen jetzt allzu sehr herabschrauben, dann könnte die Industrie nicht aufrechterhalten werden." Bertolt Brecht 1937: Über die Widerstandskraft der Vernunft

Auf einer Sitzung des Fakultätsrats der Erziehungswissenschaft im Herbst 2015 berichtete das Dekanat aus der regelmäßigen gemeinsamen Runde des Universitätspräsidiums mit den Leitungen der Fakultäten über die weiteren Überlegungen zur "Struktur- und Entwicklungsplanung", also die zukünftige Verteilung der Mittel und Stellenvergabe. Demnach müsse man sich - so die etwas resignativen Ausführungen - auf eine stärkere Konkurrenz der Fakultäten untereinander einstellen, weil die Universitätsleitung im Hinblick auf die zu diesem Zeitpunkt noch recht vage konzipierte nächste Runde der Exzellenzinitiative eine Ausrichtung auf eben diese für unumgänglich halte (siehe These 10).

Diese angekündigte neuerliche Unterordnung der Hochschule unter neoliberale Marktmechanismen ist doppelt inakzeptabel.

Zunächst ist die Unterwerfung aller Lebensbereiche unter das Dogma der unmittelbaren Verwertungstauglichkeit prinzipiell falsch und nicht nur im Wissenschaftsbereich gescheitert, sondern befindet sich auch global in einer tiefen Krise. Wie auch soll eine von vernunftbegabten Menschen in hochentwickelter Arbeitsteilung hervorgebrachte Gemeinschaft auf der Grundlage einer Ideologie vorankommen, die Rationalität und Gesellschaftlichkeit des Menschen leugnet und an deren Stelle eine mystische unsichtbare Markthand setzt. Hier konkretisiert sich der Grundwiderspruch zwischen dem hohen Niveau wissenschaftlich-technischer Erkenntnisse einerseits und den sozialen Grundstrukturen andererseits.

Darüber hinaus ist auch der Anachronismus einer exzellenzinidevoten Hochschule nicht hinnehmbar, weil die Universität Hamburg sich seit mehreren Jahren gegen die neoliberale "unternehmerische Hochschule" der Vergangenheit auf dem Weg einer Renaissance aufgeklärter Wissenschaft befindet. Eckpunkte dieser erkämpften positiven Entwicklung sind:

  • gegen Hochschulrat und hierarchische Managementstrukturen die Rückgewinnung demokratischer Souveränität der selbstverwalteten Mitgliederuniversität "die auf Information und Transparenz, demokratischer Beteiligung und dem Willen zur Konfliktlösung beruht",
  • die Überwindung der Ba/Ma-Restriktionen zugunsten der "Bildung mündiger Persönlichkeiten in gesellschaftlicher Verantwortung",
  • statt just-in-time-Wissenschaft zur profitablen Verwertung die inhaltliche Ausrichtung auf Nachhaltigkeit, verstanden als "problemorientierte Verantwortung für die Entwicklung einer humanen, demokratischen, sozial gerechten und zivilen Gesellschaft, die sich an den Grundsätzen der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeit orientiert".
  • Damit verbunden ist durchaus ein gesellschaftlicher Verallgemeinerungsanspruch: "Die Universität will sich der Herausforderung stellen, Perspektiven für gestaltendes Eingreifen in gesellschaftliche Entwicklungen zu eröffnen, anstatt lediglich nachzuvollziehen was ist."1.

    Vor diesem Hintergrund offenbart sich die Fortführung der Exzellenzinitiative ganz wesentlich als finanzielle Erpressung der Hochschulen, von einem beispielgebenden, humanistisch bestimmten Heraustreten aus der Ära des Neoliberalismus Abstand zu nehmen. Das ist alles andere als eine "Strategie", sondern eine defensive Verschleppung einer notwendigen politischen Wende.

    Enttabuisierung

    "So ging der Kaiser unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: ›Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich! Welche Schleppe er am Kleide hat! Wie schön sie sitzt!‹ Keiner wollte es sich merken lassen, dass er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keine Kleider des Kaisers hatten solches Glück gemacht wie diese. ›Aber er hat ja gar nichts an!‹ sagte endlich ein kleines Kind. ›Hört die Stimme der Unschuld!‹ sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte. ›Aber er hat ja gar nichts an!‹ rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ›Nun muss ich aushalten.‹ Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war." Hans Christian Andersen 1938: Des Kaisers neue Kleider

    Für die Uni Hamburg bedeutete die mögliche weitere Runde der Exzellenzwettbewerbe also einen harten Widerspruch: Einerseits weitreichende Ambitionen für eine kritisch eingreifende Wissenschaft und emanzipatorische Bildung, andererseits zunächst ein anscheinend widerstandsloses Arrangement mit der angekündigten Neuauflage einer höchst wissenschaftsfeindlichen politischen Rahmensetzung.

    Letztlich denselben Widerspruch fasste Jochen Hörisch, Professor für Neuere Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim, in seinem Artikel "Privat ein Laster, öffentlich eine Tugend" für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. Mai 2016 so:

    "Es herrscht in der Kommunikation über die Exzellenzinitiative systematischer doublespeak. Ironische, distanzierte, mitunter gar verächtliche Reden über den Antragsprosastil / über Kollegen, die nur noch mit Antragsstellung und Mitteleinwerbung beschäftigt sind / über die, die als akademische Lehrer scheitern und deshalb Wissenschaftsmanager werden wollen / über die groteske Zeitverschwendung, die die Antragstellung erfordert / über glatte Fehlinvestitionen an Ressourcen und Zeit, wenn ein Antrag scheitert (was ja der statistische Standardfall ist) / über inkompetente und von Eigeninteressen geleitete Gutachter / über die Nötigung, schon bei frisch angelaufenen Projekten an den Verlängerungsantrag zu denken / über die ausbleibende Resonanz auf die allfälligen S(t)ammelbände / über die Reklamesprache der Projekte und die Lancierung neuer turns und keywords / über den Egoismus der jeweiligen Teilprojekte etc. pp. - lästerliche Reden sind der Normalfall. Und das gerade auch bei denen, die wissen, wovon sie sprechen, die also Erfahrung mit der Einwerbung von Drittmittelprojekten im Rahmen der Exzellenzinitiative haben. Diesen erfahrungsgesättigten Lästereien widerspricht krass die Antrags-, Vorwort-, Gutachter- und Verlautbarungsprosa über die jeweiligen Projekte. Eine schizoide Kommunikation aber kann nicht die regulative Idee akademischer Kommunikation sein."

    Entscheidend schien uns studentischen Vertretern im Fakultätsrat der Erziehungswissenschaft daher eine Enttabuisierung unter zwei Aspekten:

    Erstens: Fast alle wissen oder ahnen mindestens, dass die Exzellenzinitiative unsinnig und sogar schädlich ist. Es muss aber jemand die Kritik aus dem Privaten und damit letztlich Bedeutungslosen ins Öffentliche holen, damit es auch zu verbindlichen Konsequenzen kommen kann. Weil es also darum ging, das bereits Bekannte lediglich auszusprechen, enthalten sich die Thesen auch weitgehend der "Rechtfertigungen" für die gefassten Statements.

    Zweitens: Obwohl die begründete Ablehnung neoliberalen Unfugs weit verbreitet ist, wirkt die fortgesetzte Einschüchterung im Wesentlichen mit der Suggestion, dass man mit der Kritik alleine sei und sich isoliere. Die entscheidende Pointe der Thesen ist daher die elfte These einschließlich des Schlussabsatzes:

    "11.) Die Zahl derer in der Universität Hamburg, welche die EI wissenschaftlich sinnvoll finden, ist eine Minderheit. Dennoch traut sich keiner ›Nein‹ zu sagen, weil Widerspruch als ›Leistungsverweigerung‹ oder gar ›Leistungsunfähigkeit‹ ausgelegt werden könnte. Mut ist nicht schwach. Jemand muss den Anfang machen und Inhalt und Zweck der EI eine Absage erteilen. Jemand sind wir."

    Wie weiter? Konsequent.

    "Der einzelne erwartet, dass der Organismus handelt, auch wenn er nicht tätig wird, und er überlegt nicht, dass gerade deshalb, weil seine Einstellung weit verbreitet ist, der Organismus notwendig untätig ist." Antonio Gramsci (1933): Gefängnishefte, Heft 15, §13 "Kulturprobleme Fetischismus."

    Die Wirkung der Thesen ist widersprüchlich. Zunächst im Januar dieses Jahres dem Fakultätsrat der Erziehungswissenschaft zur Diskussion vorgelegt, erfuhr die Einschätzung weitgehende Zustimmung und das Gremium gönnte sich eine ausführliche Debatte. Zu einer Beschlussfassung konnte man sich dennoch nicht durchringen. In quasi Verdoppelung der 11. These wurde diese Zurückhaltung mit der Sorge begründet, als nörgelnder Verlierer nicht ernst genommen zu werden.

    Ohne Konsequenzen blieben die Thesen jedoch nicht. So hat die Fakultät kürzlich für eine gemeinsame Attacke gegen die strukturelle Unterfinanzierung und ihre stete Steigerung durch die Schuldenbremse eine ausführliche Stellungnahme zur kritischen gesellschaftlichen Relevanz ihrer wissenschaftlichen Produktivität gefasst, die damit verbundene Notwendigkeit erweiterter Grundfinanzierung detailliert begründet und in bewusster Gegnerschaft zu dem Konkurrenzgebot alle anderen Fakultäten aufgefordert, ihrerseits Ähnliches auszuarbeiten.

    Darüber hinaus sind die Thesen teilweise modifiziert in nahezu allen Fakultätsräten zur Diskussion vorgelegt worden und in studentische Vollversammlungen, Beschlüsse des Studierendenparlaments und die Kampagne des AStA "Uni für alle statt Exzellenzinitiative" einschließlich Unterschriftenliste und Demonstration eingeflossen.

    Ein wesentlicher Erfolg dieses Gesamtprotestes ist, dass die demonstrative Euphorie für das Elite-Ideologem einem zunehmenden Realismus gewichen ist. Die Wahrheit über die Exzellenzinitiative wird immer häufiger offen ausgesprochen: mit inhaltlicher Qualität hat sie nichts zu tun; die Konkurrenzförmigkeit schadet einer kooperativen Entwicklung von Forschung und Lehre mit dem Inhalt einer solidarischen gesellschaftlichen Entwicklung; das Antragswesen verschleißt nutzlos enorme Kräfte, die einer sinnvollen wissenschaftlichen Produktivität geraubt werden; die Antragsprosa ist eine einzige Heuchelei und Schönfärberei, die den argumentativen Austausch über eine vernünftige Weiterentwicklung der Wissenschaft verhindert.

    Für die Struktur- und Entwicklungsplanung stehen die Zeichen inzwischen deutlich auf Fortschreibung des Bisherigen anstelle einer aggressiven Ausrichtung auf potentielle "Exzellenzbereiche".

    Warum reicht es aber bislang nicht dafür, dass die Opposition gegen den Exzellenzunfug in Quantität und Qualität der realen Ablehnung entspricht?

    Den 11 Thesen ist Franz Kafka vorangestellt:

    "Eine Partei, die neben dem Glauben an die Gesetze auch den Adel verwerfen würde, hätte sofort das ganze Volk hinter sich, aber eine solche Partei kann nicht entstehen, weil den Adel niemand zu verwerfen wagt."

    Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Die Partei der Verwerfung hat sich gebildet. Die Verhandlung um die Fortführung der Exzellenzinitiative war begleitet von massiven Protesten, ablehnenden Unterschriftenlisten und entsprechend kritischer Berichterstattung auch in konservativeren Medien.

    Bevor jedoch "das ganze Volk" sich hinter diese Partei stellt, wird zunächst noch abgewartet, ob sie sich denn auch bewährt, standhaft bleiben kann und nicht vom Adel kurzerhand den Garaus gemacht bekommt. Die Avantgarde der lauten Kritiker an Exzellenzinitiative und neoliberaler Hochschuldeform ist damit wesentlich herausgefordert, konsequent zu sein.

    Inhaltlich bedeutet das zum einen, die Bildungs- und Wissenschaftsfeindlichkeit und damit letztlich Menschenfeindlichkeit an jedem Punkt im weiteren Prozess der Umsetzung der "Exzellenzstrategie" immer wieder offen zu benennen und anzugreifen. Dabei darf auch stärker als in den Thesen geschehen das zugrundeliegende Interesse der Herrschenden an Aufrechterhaltung von Ausbeutung und Entfremdung attackiert werden, also der Adel selbst verworfen werden.

    Zum anderen ist die positive Bestimmung emanzipatorischer Bildung und verantwortungsvoller Wissenschaften für Frieden (Zivilklausel), Internationalismus (Flüchtlingssolidarität und Überwindung von Fluchtursachen), soziale Gerechtigkeit, Bildung, Kultur und Gesundheit für Alle, ökologische Nachhaltigkeit und Demokratie engagiert auszubauen.

    Anmerkung

    1) Alle Zitate aus Beschlüssen des Akademischen Senats der Uni Hamburg vom 4.9.2014 bzw. 8.9.2011.

    Sinah Mielich ist Promotionsstudentin der Bildungs- und Erziehungswissenschaft. Till Petersen ist Student für Lehramt Oberstufe an allgemeinbildenden Schulen. Beide sind aktiv im Fachschaftsrat Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg und Mitglieder im Fakultätsrat der Fakultät für Erziehungswissenschaft.

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