BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

Newsletter abonnierenKontaktSuchenSitemapImpressum
BdWi
BdWi-Verlag
Forum Wissenschaft

Exzellente Beantragung

08.10.2016: Eine alternative Evaluation der Exzellenzinitiative

  
 

Forum Wissenschaft 3/2016; Foto: Arbeitsstelle Forschungstransfer (Eigenes Werk) CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Erscheinen Forschungscluster deshalb exzellent, weil sie durch die Exzellenzinitiative gefördert werden? Warum werden Hochschulen belohnt, die ohnehin schon durch Erfolg bei der Drittmitteleinwerbung glänzen und in ihrer Antragswut gestärkt? Ein kritischer Blick auf die Exzellenzinitiative.*

Woran denken die meisten, wenn sie heute nach den Orten exzellenter Forschung in Deutschland gefragt werden? Fast automatisch wandern Gedanken und Diskussionen zu den durch die Exzellenzinitiative ausgezeichneten Forschungsclustern, Graduiertenschulen und Hochschulen. Wenn Symposien über exzellente Forschung veranstaltet werden, dann sprechen die eingeladenen Gäste fast ausschließlich über die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder. Wenn Bücher über exzellente Wissenschaft geschrieben werden, dann dreht es sich mit großer Sicherheit um "das Programm" des Bundes und der Länder zur Stärkung der deutschen Wissenschaft.

Diese vielerorts inzwischen selbstverständliche Verbindung hervorragender Forschung mit der mehr oder minder zufälligen Förderung durch ein staatliches Milliardenprogramm ist der auffälligste Effekt der Exzellenzinitiative; schließlich ist es alles andere als selbstverständlich, dass sich Spitzenforschung durch einen staatlich initiierten Wettbewerb identifizieren lässt. Bei manchen Wissenschaftlern, die in einem Exzellenzcluster tätig sind, hat man heute den Eindruck, dass sie gefühlt allein schon durch die Überweisung der Exzellenzmittel ein bisschen besser geworden sind. Und auch bei Hochschulen erkennt man ein gewachsenes Selbstbewusstsein allein dadurch, dass ihr Zukunftsprogramm ausgezeichnet wurde und sie in den Medien - auffällig verkürzt - jetzt als Exzellenzuniversität oder gar als Eliteuniversität bezeichnet werden.

Die Exzellenzinitiative scheint auf elegante Art und Weise ein grundlegendes Selbstdarstellungsproblem in der Wissenschaft zu lösen. Glaubt man den Beschreibungen aus der Szene, dann ist die Neigung, sich für herausragend, exzellent oder auch gleich für genial zu halten, unter Wissenschaftlern überdurchschnittlich ausgeprägt. Gleichzeitig ist aber den zu diesen Selbsteinschätzungen neigenden Wissenschaftlern in den meisten Fällen bewusst, dass der Peinlichkeitsfaktor hoch ist, wenn man sich selbst als exzellent oder herausragend bezeichnet. Attribute wie Exzellenz oder Genialität ehren in Fremdbeschreibungen, lösen aber als Selbstbeschreibung Fremdschämen aus. Die großzügige Vergabe von Exzellenz-Labels durch die Wissenschaftspolitik hat dieses Darstellungsproblem auf elegante Art und Weise gelöst.

Prüfung der Kausalität

An den Universitäten wird fast selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Förderzusage für eine Graduiertenschule, die Genehmigung eines Exzellenzclusters oder die Prämierung eines Zukunftskonzeptes für Hochschulen Ausdruck dafür ist, dass an diesen Hochschulen auch hervorragende Wissenschaft betrieben wird. Mit einem hohen Maß an Selbstverständlichkeit wird angenommen, dass die monetäre Förderung im Rahmen der Exzellenzinitiative die Würdigung exzellenter Forschung ist und dass der Entzug dieser Förderung Ausdruck eines Nachlassens dieser exzellenten Forschung ist. Wissenschaftliche Reputation, so die Wahrnehmung, lasse sich in Fördersummen übersetzen.

Kausalbeziehungen in der Wissenschaft sind oft jedoch ganz anders, als man es sich denkt. Es könnte sein, dass die Forschungscluster nicht deshalb gefördert werden, weil sie exzellent sind, sondern dass sie exzellent erscheinen, weil sie durch die Exzellenzinitiative gefördert werden. Kurz - die Einwerbung von Fördersummen führt zu wissenschaftlicher Reputation. Dann wäre es letztlich möglich, dass man durch ein geheimes Losverfahren bestimmen könnte, welche Forschungsverbünde als Exzellenzcluster ausgeflaggt werden. Diese Forschungsverbünde würden dann nicht nur wie exzellente Forscher wahrgenommen werden, sondern sich auch in Bezug auf ihr Publikationsverhalten wie exzellente Forscher verhalten.

Man könnte die Kausalverbindungen in einer Evaluation vergleichsweise einfach überprüfen. Man müsste bei der Auswahl der Exzellenzcluster - selbstverständlich geheim - die fünf Prozent der am schlechtesten bewerteten Forschungsverbünde in die Förderung hineinnehmen. Nach einigen Jahren könnte man dann sehen, ob diese Kontrollgruppe in der Außenwahrnehmung schlechter abschneidet als die Forschungsvorhaben, die ursprünglich als am erfolgversprechendsten wahrgenommen worden waren. Gerüchten zufolge hat es ja schon in der ersten Phase der Exzellenzinitiative eine solche Kontrollgruppe gegeben, es wurde bloß noch nicht offengelegt, welche der geförderten Forschungsverbünde zu dieser Kontrollgruppe gehörten.

Diese Form einer willkürlichen Förderung von Exzellenz widerspricht intuitiv unserem Verständnis von Gerechtigkeit, aber vielleicht sind solche vorauseilenden Zurechnungen von Exzellenz für die Leistungsmotivation wichtiger, als wir es uns vorstellen können. Wenn man einem Studenten nur häufig genug sagt, dass er hochbegabt ist, dann kann es gut sein, dass er auch die Leistungen eines Hochbegabten erbringt, weil er meint, den zugeschriebenen Leistungen gerecht werden zu müssen. Wenn man einer Universität nur häufig genug sagt, dass sie exzellent ist, dann wird sie irgendwann auch als exzellent wahrgenommen, weil sie beispielsweise finanziell sehr gut ausgestattet ist oder Personen mit ähnlichen Ansprüchen anziehen kann. Der Soziologe Robert K. Merton spricht hier von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen.

Differenzierung durch selbst verstärkende Effekte

Unabhängig davon, ob es sich bei der Förderung durch die Exzellenzinitiative um eine faktische oder lediglich zugeschriebene Leistung handelt - das Ziel einer vertikalen Differenzierung der Universität wird erreicht, weil die Initiative sich selbst verstärkende Effekte fördert. Wenn die in der Vergangenheit eingeworbenen Drittmittel als Zertifizierung wissenschaftlicher Leistungen begriffen werden, erhöht dies die Chancen, weitere Drittmittel einzutreiben. Wenn die Auszeichnung in der Exzellenzinitiative als vorausgeschaltetes Prüfkriterium gilt, dann erhöht es die Chancen für die Clusterangehörigen, weitere Drittmittel einzuwerben.

Die in Deutschland zurzeit dominierende Wissenschaftspolitik lässt sich mit einem Begriff auf den Punkt bringen: Beförderung sich selbstverstärkender Effekte. Mit Ausnahme des unter hochschulpolitischen Gesichtspunkten hochinteressanten Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern belohnen die Wissenschaftsministerien aller Länder über ihre leistungsorientierte Mittelvergabe die Hochschulen zusätzlich, die ohnehin viele Drittmittel einwerben - ein sich selbstverstärkender Effekt "at its best". Und auch die neuerdings ventilierte Idee, den Titel "Exzellenzuniversität" an zehn oder zwölf Universitäten nicht mehr aufgrund vielversprechender Zukunftskonzepte, sondern aufgrund des Erfolgs bei der Einwerbung von Drittmitteln zu vergeben, zielt letztlich auf die Verstärkung solcher sich selbst verstärkender Effekte.

Angesichts dieser Zielsetzung geht die Kritik an der Schaffung wissenschaftlicher Oligopole ins Leere. Mithilfe der Wettbewerbsrhetorik würden, so die dominierende Kritik an der Exzellenzinitiative, lediglich die universitären Großstandorte gefördert werden, an denen sowieso schon die meisten Verbundprojekte angesiedelt seien. Nutznießer seien vorrangig die Universitäten in den Städten mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen, weil hier über das Versprechen der Vernetzung weitere Drittmittel eingeworben werden könnten. Letztlich würden hier lediglich Kartelle in der Wissenschaft gefördert. Weil aber der Erfolg bei der Einwerbung von Drittmitteln zwar positiv mit der Einwerbung weiterer Drittmittel, nicht aber mit der Anzahl wissenschaftlicher Publikationen, innovativer Entdeckungen oder Patentanmeldungen korreliere, komme es, so die Kritik, zu einer Fehlsteuerung in der Wissenschaft.

Die Vorstellung, dass die Wissenschaft nach meritokratischen Prinzipien funktioniert, ist aus soziologischer Perspektive jedoch naiv. Spätestens seit der Entdeckung des Matthäus-Prinzips durch Robert K. Merton wissen wir, dass in der Wissenschaft nicht dem gegeben wird, der es am meisten verdient hat, sondern dem, der bereits am meisten bekommen hat. Wer ein erfolgreiches wissenschaftliches Buch geschrieben hat, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch sein zweites und drittes Buch erfolgreich sein werden, und zwar allein schon deswegen, weil das erste Buch erfolgreich war. Wer einen Sonderforschungsbereich eingeworben hat, der hat auch erhöhte Chancen, einen zweiten Sonderforschungsbereich einzuwerben, ganz unabhängig von der Qualität des zweiten Antrags.

Für die Beurteilung der Exzellenzinitiative bedeutet es, dass es Zufall gewesen sein mag, ob jetzt Wissenschaftler-Verbünde der TU München, der FU Berlin, der Universität Osnabrück oder der Universität Stuttgart als besonders exzellent ausgezeichnet wurden. In dem Moment aber, wenn Wissenschaftler einer Universität konzentriert mit Drittmitteln überhäuft werden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dies weitere Drittmittel nach sich zieht. Mit wissenschaftlicher Exzellenz im engeren Sinne hat es nichts zu tun, aber das ist zweitrangig, weil ja durch die sich selbst verstärkenden Effekte das Ziel einer Differenzierung in forschungsstarke Spitzenhochschulen, sich auf die Lehre konzentrierende Regionaluniversitäten und anwendungsorientiert arbeitende Fachhochschulen erreicht wird.

Die Exzellenz in der Beantragung

An der Exzellenzinitiative wurde bemängelt, dass es sich dabei letztlich um nichts anderes handele als um einen "Wettbewerb im Anträgeschreiben". Die Anträge zur Förderung eines Exzellenzclusters seien nichts anderes als Pläne dafür, wie ein Thema durch die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen bearbeitet werden könne. Die Anträge zur Förderung von Graduiertenschulen seien lediglich mehr oder minder konkretisierte Vorschläge, wie Doktoranden zukünftig an einer Universität gefördert werden sollten. Und bei der Komponente der Zukunftskonzepte für die Universitäten sei schon durch den Namen deutlich gemacht worden, dass Anträge mit Plänen für den Umbau der Universitäten erwartet würden.

Gegen diese Kritik könnte man mit guten Gründen einwenden, dass bei den Graduiertenschulen, Exzellenzclustern und Zukunftskonzepten nicht nur ambitionierte Pläne, sondern auch vergangene Leistungen begutachtet werden. Schließlich mussten von den Antragstellern Aufstellungen der in der Vergangenheit erbrachten Leistungen, ausgewählter Publikationen und erfolgreich durchgeführter Drittmittelprojekte beigefügt werden. Es reichte - so könnte man berechtigterweise einwenden - schon in den ersten Phasen der Exzellenzinitiative nicht aus, mehr oder minder wolkige Vorstellungen der exzellenten Zukunft zu präsentieren, sondern man musste auch zeigen, was man bereits an exzellenter Forschung erbracht hat.

Wenn man jedoch genauer hinsieht, erkennt man, wie im Rahmen der Exzellenzinitiative vergangene Leistungen so inszeniert wurden, dass sie in die präsentierten Zukunftspläne hineinpassten. Initiativen an Hochschulen wurden nur angestoßen, weil man diese Maßnahmen als in der Vergangenheit erbrachte Eigenleistungen in die Zukunftskonzepte einweben wollte. Anträge für Exzellenzcluster wurden so umgeschrieben, dass Leibniz-Preisträger oder Drittmittel-Könige aus anderen Fachbereichen integriert werden konnten, um so die Chancen auf eine Bewilligung zu erhöhen. Und es hat schon eine gewisse Ironie, dass Wissenschaftler, deren hohe und einschlägige Produktivität auf die erfolgreiche Verteidigung der Einsamkeit der Forschung zurückzuführen ist, von den Universitätsleitungen gedrängt werden, wenigstens ihren Namen für einen Clusterantrag herzugeben. Leistungen in der Vergangenheit interessieren nicht als wissenschaftliche Impulse, sondern nur unter dem Gesichtspunkt der Plausibilisierung von Plänen für die Zukunft.

Ein zentraler Effekt ist, dass die Universitäten sehr viel Energie in das Aufhübschen ihrer Schauseiten gesteckt haben. Eine ethnographische Studie über die Exzellenzinitiative würde die faszinierende Beobachtung zutage bringen, wie Wissenschaftler ihre Präsentationen gegenüber Gutachtern minutengenau einstudieren und wie - ähnlich wie im US-amerikanischen Wahlkampf - Experten engagiert werden, die mögliche kritische Fragen an die Kandidaten ersinnen sollen. Es gibt inzwischen eigene Betreuungsangebote für Hochschulen, mit deren Hilfe das eigene professionelle Auftreten bei sogenannten "Begehungen" durch Gutachter eingeübt wird und Details wie Bewirtung, Kleidung und Stimmführung vorgeplant werden.

Angesichts der durch die Initiative ausgelösten Umtriebigkeit im Pläneschmieden mag es seine Berechtigung haben, die Exzellenzinitiative als ein kollektives "Backenaufblasen" der deutschen Universitäten zu charakterisieren. Aber vielleicht war es gerade funktional, den Fokus auf ambitionierte Pläne und nicht so sehr auf vergangene Leistungen zu legen. Die Stärkung des Wissenschaftsstandorts Deutschland, die Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Universitäten und die Sichtbarmachung gerade der Spitzen der deutschen Wissenschaft lassen sich vielleicht besonders dadurch erreichen, dass ambitionierte Ziele kommuniziert werden. Vielleicht ist - wie Jürgen Mittelstraß einmal beklagt hat - "der Lärm um Exzellenz in der Wissenschaft" nicht "ärgerlich", sondern vielleicht gerade der gewollte Effekt des staatlichen Programms. Denn Lärm mag zwar nicht zur Sichtbarkeit, aber immerhin zur Hörbarkeit der Forschung in Deutschland führen. Wo liegt jetzt das grundlegende Problem der Exzellenzinitiative?

Die Zweck-Mittel-Verdrehungen

Das Problem der Exzellenzinitiative ist, dass sie eine bestimmte Entwicklung in der Forschungslandschaft weiter verschärft. Gelder werden nicht deswegen akquiriert, weil man sie unbedingt braucht, um Forschungen durchzuführen, sondern das Einwerben von Geldern wird als Zweck an sich betrachtet. Die Drittmittel-Fokussierung wird dadurch erheblich verstärkt, dass die jährlichen Mittelzuweisungen der Länder zunehmend an den Erfolg bei der Einwerbung von Drittmitteln geknüpft werden. Schon allein um ihre Minimalstandards in Forschung und Lehre zu halten, sind Hochschulen darauf angewiesen, die von den Ländern vorgegebenen Leistungsstandards in Bezug auf Absolventenquoten oder Drittmittel zu halten. Dieser Druck wird von den Hochschulleitungen an die Fachbereiche weitergegeben, indem die Beteiligung an den großen Exzellenzkampagnen verlangt wird. In der Soziologie werden solche Effekte Zweck-Mittel-Verdrehung genannt.

Wir kennen aus der Forschung vielfältige Beispiele, in denen die Mittel, die eigentlich einmal einem eindeutigen Zweck dienen sollten, ein Eigenleben entwickeln und wo nicht selten am Ende vergessen wird, wofür diese Mittel ursprünglich einmal eingesetzt werden sollten. Zensuren sind dann nicht mehr das Mittel, um Schülern eine Kontrolle ihrer Lernfortschritte zu ermöglichen, sondern werden zum eigentlichen Motiv für das Lernen. Das Zusammentreffen in kirchlichen Jugendgruppen, in Seniorentreffs in Gemeindehäusern und im postgottesdienstlichen Kaffeeklatsch dient dann irgendwann nicht mehr der Lobpreisung Gottes im Sinne eines "Wenn zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind", sondern die Pflege der Geselligkeit wird zum Hauptinhalt der Gemeindearbeit.

Die durch wettbewerbsorientierte Forschungen angestoßene Zweck-Mittel-Verdrehung ist sicherlich nicht neu. Schon der Soziologe René König, einer der schärfsten Beobachter hochschulpolitischer Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg, bemerkte angesichts des Drittmittelrausches an vielen Hochschulen, dass Forschungsinteressen häufig nur noch deswegen entwickelt und gepflegt würden, weil sich damit besonders gut Geld einwerben lasse. Wissenschaftliche Forschungsinteressen würden immer mehr von den Finanzierungsentscheidungen der Fördereinrichtungen abhängen. Durch die Exzellenzinitiative hat diese Zweck-Mittel-Verdrehung eine ganz neue Dimension bekommen.

Die negativen Effekte dieser Zweck-Mittel-Verdrehung sind nicht bei den geförderten, sondern bei den abgelehnten Forschungsclustern zu beobachten. Wird das Forschungsinteresse trotz der Ablehnung des Antrags vorangetrieben, oder wird es durch die Ablehnung erstickt? Werden die in der Antragsphase geknüpften Verbindungen zwischen Wissenschaftlern auch bei einer Ablehnung in Form wissenschaftlich produktiver Kooperationen weiter gepflegt oder verfallen sie mit der Ablehnung schnell wieder? Und wenn sie bei der Ablehnung sofort wieder verfallen, wie wichtig war dann eigentlich die angestrebte Kooperation?

Für eine Evaluation der Exzellenzinitiative ist es fast interessanter, die Effekte auf die abgelehnten Forschungscluster zu studieren, als die Auswirkungen auf die erfolgreichen Antragsteller zu betrachten. Die gescheiterten Antragsteller sind teilweise so ausgebrannt, dass es ihnen noch nicht einmal gelingt, die in der Antragsphase gesammelten Erkenntnisse zusammenzutragen. Es wird vom Gesichtsverlust beim Scheitern eines Clusters berichtet und von Würdeasylen, in die sich die Initiatoren abgelehnter Exzellenzcluster flüchten. Fachbereiche, die in der Antragsphase von der Hochschulleitung noch gehätschelt wurden, verlieren durch die Ablehnung eines Clusters an Unterstützung. Ein solches Versanden von Forschungsinteressen und Forschungskontakten ist auf alle Fälle Ausdruck einer durch die Exzellenzinitiative weiter verschärften Zweck-Mittel-Verdrehung in der Wissenschaftsfinanzierung. Welche Veränderungen in der Exzellenzinitiative könnten solche ungewollten Nebenfolgen der Wissenschaftsförderung verhindern?

Die Umstellung der Förderungslogik

In der Auswertung der Exzellenzinitiative durch die von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz des Bundes und der Länder eingesetzte Expertenkommission gibt es eine interessante Idee. Es wird vorgeschlagen, dass sich Universitäten nicht mehr mit Zukunftskonzepten bewerben sollen, sondern Hochschulen ausschließlich nach ihren Leistungen in der Vergangenheit beurteilt werden sollten. Es gehe - so der Tenor - um den "Übergang vom Konzeptwettbewerb zum Leistungswettbewerb". Im gleichen Sinne hat auch die Wissenschaftsministerin von Baden-Württemberg, Theresia Bauer, vorgeschlagen, die gesamte dritte Förderlinie zu streichen - und stattdessen einen "Exzellenzbonus" einzuführen: Regelmäßig, so Bauer, sollten einfach die jeweils besten zwölf Hochschulen im Nachhinein für ihre Forschungsstärke belohnt werden - nach einem festen Schlüssel, der sich an der Zahl der Exzellenzcluster, den eingeworbenen Drittmitteln oder anderen Forschungspreisen orientieren könnte.

Die Frage ist, weswegen dieser Gedanke nicht zu Ende gedacht und die Förderung aller Komponenten der Exzellenzinitiative von versprochenen auf erbrachte Leistungen umgestellt wird. Was spricht dagegen, durchgehend "echte Forschungsleistungen" zu fördern anstelle einer Förderung von bloßen "Versprechen auf echte Forschungsleistungen"? Warum sollten Gutachter nicht vorrangig die in der Vergangenheit erbrachten Ergebnisse belohnen, nicht jedoch Pläne für die Zukunft? Eine solche grundlegende Umstellung der Forschungsförderung würde eine ganze Reihe von Vorteilen bringen.

Wissenschaftler würden erheblich weniger Zeit für das Schreiben von Anträgen aufbringen. Damit würde der Forderung, dass das "ständige Schreiben von Anträgen" ein Ende haben müsse, auf elegante Art und Weise nachgekommen. Wissenschaftler würden sich darauf konzentrieren, gute Forschung zu machen, und würden ihre Zeit nicht mit dem Schreiben von guten Anträgen verbringen. Diese gute Forschung könnte dann später im Rahmen der Exzellenzinitiative ausgezeichnet werden, und die Wissenschaftler könnten die so gewonnenen zusätzlichen Mittel für ihre Forschung verwenden.

Das Verfahren würde auch den durch die Exzellenzinitiative produzierten Druck der Fristen erheblich reduzieren. Bei dem jetzigen Verfahren der Förderung von Plänen gibt es eine zentrale Regel, die besagt, dass ein zu spät eingereichter guter Cluster-Antrag noch chancenloser sei als ein rechtzeitig eingereichter schlechter Cluster-Antrag, und man spürt jetzt schon die Sorge der Hochschulleitungen, dass man angesichts der geltenden Fristen nicht genug Zeit hat, die Cluster-Anträge der nächsten Phase sorgsam vorzubereiten. Bei einem Verfahren zur Förderung erbrachter Leistungen gäbe es keinen vergleichbaren Druck durch Fristen. Schließlich ist es für die Belohnung eines produktiven Forschungsverbundes oder einer guten Forschergruppe zweitrangig, ob diese ein Jahr früher oder später erfolgt.

Die Umstellung des Verfahrens würde auch die Möglichkeit bieten, sehr unterschiedliche Formate zu prämieren. Wie bisher vorgesehen, könnten über diese Förderung größere Forschungsverbünde belohnt werden, die durch ihre Kooperation zu interessanten neuen Erkenntnissen gekommen sind. Vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass gerade in den Naturwissenschaften bahnbrechende Erkenntnisse besonders durch kleinere Forschergruppen erzielt wurden, könnte man auch überlegen, solche Forschungsverbünde zu fördern, die aus Produktivitätsgründen den Verlockungen zum Größenwachstum widerstanden haben. Und man könnte erwägen, ob es nicht Sinn macht, dem Trend zur "Zwangsverclusterung" im Rahmen der Exzellenzinitiative konsequent zu widerstehen und Einzelwissenschaftler für ihre einschlägigen Buchpublikationen dadurch zu prämieren, dass sie sich zwei, drei professorale Kollegen für ihr Institut wünschen können.

Selbstverständlich würde sich auch bei der Umstellung des Systems auf Förderung für erbrachte Forschungsleistungen das Matthäus-Prinzip ausbilden. Die schon mal Ausgezeichneten hätten bessere Chancen, noch einmal ausgezeichnet zu werden, allein deswegen, weil sie schon einmal ausgezeichnet wurden. Aber der zentrale Effekt wäre, dass man die Aufmerksamkeit systematischer von den in Deutschland geplanten hin zu den faktisch erbrachten wissenschaftlichen Leistungen lenkt. International gelesen und begutachtet würden dann nicht die Pläne, wie exzellente Forschung aussehen könnte, sondern die exzellente Forschung an sich.

Anmerkung

*) Vortrag, gehalten anlässlich des 66. Deutschen-Hochschulverbands-Tags "Was ist exzellente Wissenschaft?" am 4./5. April 2016 in Berlin. Die Printversion wurde erstmalig veröffentlicht in: Forschung & Lehre Nr.5 (Mai) 2016. Der BdWi bedankt sich bei Verlag und Redaktion für die Nachdruckgenehmigung. Eine längere Fassung mit ausführlichen Literaturverweisen kann unter dem Link www.uni-Bielefeld.de/soz/forschung/orgsoz/Stefan_Kuehl/workingpapers.html abgerufen werden.

Stefan Kühl ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld. Sein Buch "Der Sudoku-Effekt. Hochschulen im Teufelskreis der Bürokratie" hat eine heftige Debatte über die aktuelle Hochschulreform ausgelöst.

Zum Seitenanfang | Druckversion | Versenden | Textversion