BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

Newsletter abonnierenKontaktSuchenSitemapImpressum
BdWi
BdWi-Verlag
Forum Wissenschaft

Das Feindbild Russland

01.10.2016: Exemplarischer Gegenstand einer kritischen Friedenspädagogik

  
 

Forum Wissenschaft 3/2016; Foto: Arbeitsstelle Forschungstransfer (Eigenes Werk) CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Im folgenden Beitrag entfaltet Armin Bernhard einen Teilaspekt Kritischer Friedenspädagogik, dem im Hinblick auf die gegenwärtige weltpolitische Situation ein großes Gewicht zukommt: der Dekonstruktion von Feindbildern.

Zunächst müssen wir bestimmen, was unter Kritischer Friedenspädagogik überhaupt zu verstehen ist: Sie bezeichnet die Theorie und Praxis einer pädagogischen Friedensarbeit, die das System gesellschaftlicher Friedlosigkeit inklusive der in ihm enthaltenen kriegerischen Auseinandersetzungen einer radikalen Kritik unterzieht. Friedlosigkeit ist ein gesellschaftliches Phänomen, das strukturell in den gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsbedingungen verankert ist. Es reicht von strukturellen Gewaltverhältnissen einer Gesellschaft über Droh- und Abschreckungspolitik bis hin zum Krieg. Eine der zentralen Aufgaben kritischer Friedenspädagogik besteht darin, die Ursachen gesellschaftlicher Friedlosigkeit aufzudecken und ihre Organisatoren und Profiteure zu identifizieren. Der Dekonstruktion von Feindbildern kommt hierbei eine herausragende Bedeutung zu, denn sie werden systematisch als Mittel eingesetzt, um Drohszenarien aufzubauen und Abschreckungspolitik zu betreiben. Friedenspädagogik fragt danach, warum Feindbilder entworfen werden und wem sie nützen.

Der Erziehungswissenschaftler Franz Hamburger diagnostiziert einen in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren vorherrschenden "Dogmatismus des Freund-Feind-Schemas", in dessen Rahmen differenziertere Einschätzungen der weltpolitischen Lage konsequent an den Rand gedrängt werden.1 Die gegenwärtige Sicherheits- und Außenpolitik, die u.a. vermehrte Auslandseinsätze der Bundeswehr vorsieht, ist dringend auf Feindbilder angewiesen, die das problematische außenpolitische Handeln der BRD rechtfertigen sollen. Der Kritik an dieser feindbildbasierten Sicherheits- und Außenpolitik wird Hamburger zufolge mit einem alten Schema begegnet, das allerdings in einer moderneren Sprache verpackt sei: "Aus dem ›Vaterlandsverräter‹ ist der ›Putinversteher‹ geworden.".2 Diese Wortwahl - ›Putinversteher‹ - schließt die Abwertung bzw. das Verächtlichmachen einer differenzierteren Beurteilung der weltpolitischen Lage ein. Die Schärfe der Polemik gegenüber denjenigen, die das Feindbild Russland nicht umstandslos zu übernehmen bereit sind, verweist bereits auf dessen unwahre Basis.

Friedenspädagogik als Ideologiekritik

Die gegenwärtigen Eigenschaftsattribuierungen gegenüber Russland eignen sich in herausragender Weise für die exemplarische Darlegung der friedenspädagogischen Aufgabe einer Ideologiekritik von Feindbildern. In der friedenspädagogischen Diskussion der 1970er Jahre ist die Auseinandersetzung mit Feindbildern bereits als zentrales Aufgabengebiet der Friedenspädagogik ausgewiesen. Nicklas und Ostermann weisen auf die zentrale Eigenschaft von Vorurteilen hin, die darin besteht, die menschlichen Denk- und Handlungsmöglichkeiten einzuschränken. Die unvoreingenommene Wahrnehmung der Wirklichkeit wird durch die Wirkung von Vorurteilen erheblich eingeschränkt, indem diese die Realität durch einen "Selektionsfilter" vorstrukturieren.3 Die dadurch bedingte, selektive Wahrnehmung der Realität ist allerdings nicht etwa (nur) auf eine kognitive Schwäche des Individuums zurückzuführen. Vielmehr wurzelt die reduzierte Sichtweise in gesellschaftlichen Bedingungen und Sozialisationsverhältnissen, die Friedenspädagogik zu analysieren hat, um Feindbilder wirksam bekämpfen zu können.

Am Feindbild als einem Spezialfall des Vorurteils werden gesellschaftliche Bedingungen und gesellschaftliche Funktion von Vorurteilen eklatant deutlich. Im Gegensatz zu Vorurteilen, die auch aus der Zuschreibung positiver Eigenschaften bestehen können, enthalten Feindbilder ausschließlich negative Eigenschaftsattribuierungen. Feindbilder meinen "ein diffuses Bündel von Vorstellungen […], die nicht logisch miteinander verbunden sind, sondern nur einen assoziativen Zusammenhang haben."4 Die Zuschreibung von Merkmalen, die den ›Feind‹ vermeintlich auszeichnen, erfolgt ohne Rückgriff auf begründete Erfahrungen, sie ist willkürlicher Natur. Wie Vorurteile im Allgemeinen, so sind auch Feindbilder im Besonderen nicht aus einer individuellen intellektuellen Unzulänglichkeit der Menschen erklärbar, vielmehr stellen sie "Wahrnehmungsmuster" dar, die gesellschaftlich entwickelt und in einem Sozialisationsprozess erworben wurden. Mächtige gesellschaftliche Gruppierungen nutzen historisch bereits bestehende Feindbilder oder schaffen neue, um ihre Interessen hinter ihnen zu verbergen und zugleich durchzusetzen. Die Reaktualisierung bzw. Neukonstruktion von Feindbildern ist Teil der Ideologie, mit deren Hilfe das System gesellschaftlicher Friedlosigkeit im Interesse dominanter Gesellschaftsgruppen gerechtfertigt wird.

Historische Verwurzelung des Feindbildes

Russland dürfte momentan neben dem Islam das prominenteste, vielleicht sogar das wichtigere Feindbild der so genannten westlichen Gesellschaften sein. Ressentiments gegenüber Russland wurden intensiv in der Spätphase des Deutschen Kaiserreichs im Rahmen seiner imperialistischen Politik gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgebaut und durch den Ersten Weltkrieg erheblich verschärft. Schließlich ging es in diesem Krieg u.a. um die Sicherung der ökonomischen Vorherrschaft des Deutschen Reiches in Europa und um die geostrategische Schwächung der Großmacht Russland. Unter der faschistischen Herrschaft in Deutschland wurde dieses Feindbild von ›den Russen‹ zusätzlich in rassistischer Weise aufgeladen, um den Expansionskrieg um die Erweiterung des Wirtschaftsraumes nach Osteuropa ideologisch zu rechtfertigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es nicht etwa zu einer Erosion dieses Feindbildes. Schon die Tatsache, dass die Rote Armee im Bewusstsein der Westdeutschen kaum als Befreier von der Nazi-Diktatur wahrgenommen wurde, zeugt von der Kontinuität der Feindbildpräsentation über den Zweiten Weltkrieg hinaus. Im Zuge des Kalten Krieges und der Einbindung Westdeutschlands in das "westliche" Militärbündnis wurde die Angst vor Russland im Rahmen der antikommunistischen Strategien der USA und Westeuropas erneut kräftig geschürt. Benötigt wurde ein Feind, der Investitionen in die Militärapparate zu legitimieren in der Lage war und die Überlegenheit der eigenen Wirtschafts- und Lebensweise gegenüber dem real existierenden Sozialismus demonstrieren sollte. Die durch die russische Oktoberrevolution entstandene Sowjetunion und andere sozialistische Staaten bildeten, wie Herbert Marcuse Ende der 1960er Jahre lakonisch feststellte, den "Feind, der hätte erfunden werden müssen, wenn er nicht schon vorhanden gewesen wäre".5 Dieses antikommunistische Feindbild, in dem die Angst vor dem russischen Bären in den Katakomben nicht nur der deutschen Volksseele virulent gehalten wurde, konnte nach einer kurzen Unterbrechung des Kalten Krieges wiederbelebt und problemlos auf das gegenwärtige Russland gelenkt werden - ungeachtet der Tatsache, dass dieses Land inzwischen in ein kapitalistisches System zurückverwandelt worden war.

Zu Russland existiert in den öffentlich-rechtlichen Medien seit Jahren keine sachliche Berichterstattung mehr, ganz zu schweigen von Darstellungen, die sich darum bemühen würden, ernsthaft die Gründe für das Handeln Russlands im innergesellschaftlichen wie internationalen Feld begreifen zu wollen. Polemische und propagandistische Kommuniqués beherrschen die kulturindustriell angelegten "westlichen" Massenmedien in dieser Angelegenheit. Die "extensive Feindpropaganda"6 reicht dabei von der Unterstellung eines aggressiven Expansionsdrangs Russlands bis hin zur Dämonisierung seines Präsidenten, einer beliebten Variante des Feindbildeinsatzes. Diese Anwürfe setzten lange vor dem Beitritt der Krim zur Russischen Föderation ein, der selbstverständlich als zusätzlicher Anlass für die Feindbildvertiefung genutzt wurde. Die Entscheidung unseres hochgelobten bellizistischen Bundespräsidenten, nicht an den Olympischen Spielen in Sotschi teilzunehmen, war bereits ein Mosaikstein in der gezielten Feindbildkonstruktion. Die Feindbildrhetorik erhielt im Zusammenhang des Ukraine-Konfliktes eine Schärfe, die böse Erinnerungen an den ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan aufkommen ließ, der in einer Rede im März 1983 die Sowjetunion als "Reich des Bösen" (Evil empire) bezeichnet hatte, um eine Entspannungs- und Abrüstungspolitik zu verhindern.

Die Aufgabe einer friedenspolitischen Bildungsarbeit besteht in der Rückführung von Feindbildern auf ihren gesellschaftlichen Grundgehalt, auf diejenigen Interessen, die mittels der Präsentation von Feindbildern durchgesetzt werden sollen. Denn Feindbilder beruhen auf simplifizierenden Behauptungen, die der Komplexität eines Sachverhaltes nicht gerecht werden können und verhindern hierdurch ein differenziertes politisches Urteilsvermögen. Die Dechiffrierung von Feindbildern ist damit eine genuine Aufgabe friedenspolitischer Bildung. Wenn Feindbilder nur eine selektive Wahrnehmung auf die Wirklichkeit zulassen und wenn diese selektive Wahrnehmung politisch gelenkt ist, müssen sich Interessen identifizieren lassen, die sich hinter der Wiederbelebung dieses alten Feindbildes Russland verbergen.

Eine friedenspolitische Bildungsarbeit muss an der Differenz zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung dieser Wirklichkeit ansetzen und versuchen, diese Differenz zu verringern, indem sie die Hintergründe des gewählten Feindbildes beleuchtet. Feindbilder sagen mehr über den aus, der sie benötigt, als über den, dem das Feindbild zugeordnet wird. Im Hinblick auf das Feindbild Russland genügt zunächst bereits ein Blick auf die geographische Weltkarte, um die These vom russischen Expansionsdrang zu widerlegen. Zudem hilft dieser Blick, die Behauptung des ›Westens‹ vom "territorialen Hunger" Russlands (Steinmeier) als Form einer kollektiven Projektion kenntlich zu machen, d.h. hier findet eine Übertragung der Motive der USA und der EU auf die Russische Föderation statt, ihr werden diejenigen aggressiven Eigenschaften zugeschrieben, die man selbst auf sich vereinigt (Erlaubt ist in diesem Zusammenhang die Frage, was die NATO, das Nordatlantische(!) Verteidigungs(!)bündnis, denn in den baltischen Staaten, in Mazedonien oder in Georgien verloren hat).

Rückführung von Feindbildern auf Interessen

Grundlegender jedoch für die friedenspädagogische Arbeit ist es, der Frage nachzugehen, welchen Interessen eine offensichtliche "Fehlwahrnehmung" der russischen Intentionen7 dient. Eine Antwort kann die friedenspolitische Bildungsarbeit nur entwickeln, wenn sie sie aus dem Kontext wachsender innerkapitalistischer Interessenkonflikte heraus entwickelt. Unter dieser Voraussetzung werden Begründungen des ›Westens‹ für die feindselige Politik gegenüber Russland (Menschenrechtsverletzungen, autoritärer Führungsstil, Expansionspolitik etc.) sehr rasch fragwürdig. Denn der Grund dafür liegt nicht im ›Verhalten‹ Russlands (dessen Einschätzung an dieser Stelle nicht vorgenommen werden kann), sondern in den Produktions- und Reproduktionsbedingungen nationaler Gesellschaften bzw. Gesellschaftsblöcke in einer fast gänzlich kapitalistisch strukturierten Weltökonomie. So mussten die Annäherung zwischen Europäischer Union und Russland nach dem zu früh verkündeten Ende des Kalten Krieges und die Vision der Schaffung eines gemeinsamen eurasischen Wirtschaftsraumes, von Putin mehrfach angeboten, in den USA auf Ablehnung stoßen, die hierdurch ihre geopolitischen und wirtschaftspolitischen Interessen in Eurasien gefährdet sehen.8 Zahlreichen Stellungnahmen aus US-amerikanischen Denkfabriken ist das globale geostrategische Motiv der USA zu entnehmen, eine Kooperation zwischen Europäischer Union und Russischer Föderation, insbesondere aber auch zwischen Deutschland und Russland um jeden Preis zu verhindern. Dass die USA 5 Milliarden Dollar in den Regime Change in der Ukraine investierten, untermauert diese Absicht. Denn es geht den USA im Rahmen ihrer Globalstrategie darum, die Wege zu (verknappten) Rohstoffen und Absatzmärkten in Asien offenzuhalten und sie im eigenen Interesse kontrollieren zu können. Zugleich gibt es aber auch Bestrebungen innerhalb der Europäischen Union zur Verstärkung des transatlantischen Bündnisses zum Zwecke der Herstellung einer globalen Hegemonie des ›westlichen‹ liberalen Gesellschaftsmodells.

Aus dieser Gemengelage innerkapitalistischer Konkurrenz muss die Reaktualisierung des Feindbildes Russland verstanden werden: Es lenkt nicht nur von denjenigen Interessen ab, die die Sicherheits- und Außenpolitik der ›westlichen‹ Staaten tatsächlich anleiten, sondern bietet darüber hinaus eine Projektionsfläche für die Bevölkerung, deren zumindest passiver Konsens in dieser Politik hergestellt werden soll.

Feindbilder stellen herausragende Bildungsinhalte für die Initiierung eines politischen Bewusstseinsbildungsprozesses dar, der die Fähigkeit zur Selbstreflexion stärkt. Abgesehen von der notwendigen Aufdeckung der gesellschaftlichen Funktion von Feindbildern, ihrer Ideologiekritik, kann deren Rückwendung auf den eigenen Sozialverband und uns selbst als in ihm handelnde Menschen psychisch-intellektuelle Kräfte mobilisieren, die das Denken und Handeln von Feindbildern unabhängig machen. Die Selbstreflexion zu stärken bedeutet aber auch, an uns selbst die Ergriffenheit durch das gesellschaftlich präsentierte Feindbild wahrzunehmen, den Gründen nachzugehen, warum wir dieses Feindbild überhaupt benötigen, zu überprüfen, inwieweit die in diesem Feindbild enthaltenen Zuschreibungen nicht lediglich unreflektierte oder unbewusste Übertragungen von Eigenschaften der eigenen Sozietät darstellen. In dem Maße, wie Feindbilder als Form kollektiver Projektion entlarvt werden können, die eine gesellschaftliche Funktion erfüllt, kann eine Befreiung von einem spezifischen ideologischen Unfriedenspotenzial stattfinden, das Menschen an der Entfaltung ihres vernünftigen Subjektvermögens und damit einer kritisch-humanen Rationalität hindert. Insofern bietet die hier kritisierte Feindbildkonstruktion ein exzellentes Lernfeld für die friedenspolitische Bildungsarbeit, um die Grundprämissen ›westlicher‹ Außenpolitik radikal gegen den Strich zu bürsten.

Anmerkungen

1) Franz Hamburger 2015: "Einübung des hegemonialen Habitus. Ideologische Aufrüstung in Schulen", in: Rudolph Bauer (Hg.): Kriege im 21. Jahrhundert: Neue Herausforderungen der Friedensbewegung, Annweiler: 31-59; hier: 58.

2) A.a.O.

3) Hans Nicklas / Änne Ostermann 1973: "Überlegungen zur Gewinnung friedensrelevanter Lernziele aus dem Stand der kritischen Friedensforschung", in: Wulf: Kritische Friedenserziehung, Frankfurt/Main: 315-326, hier: 325f.

4) Hans Nicklas / H.-J. Lißmann/Änne Ostermann 1975: "Feindbilder in Schulbüchern", in: Friedensanalysen für Theorie und Praxis, Jg. 1, Nr. 1: 40.

5) Herbert Marcuse <^>5<^*>1980: Versuch über die Befreiung, Frankfurt/Main: 124.

6) Wolfgang Bittner 2014: Die Eroberung Europas durch die USA. Zur Krise in der Ukraine, Mainz: 14.

7) Gabriele Krone-Schmalz <^>12<^*>2015: Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens, München: 158.

8) Vgl. ebd.: 155-157.

Armin Bernhard ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Duisburg-Essen.

Zum Seitenanfang | Druckversion | Versenden | Textversion