BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

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Klaus Holzkamp

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Auf der letzten Reise: Hans-Jürgen Krysmanski (1935-2016)

  
 

Forum Wissenschaft 3/2016; Foto: Arbeitsstelle Forschungstransfer (Eigenes Werk) CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Am 9. Juni 2016 verstarb Hans-Jürgen Krysmanski im Alter von 80 Jahren. Krysmanski war seit 1972 BdWi- Mitglied und gehörte in den 1970er Jahren dem BdWi-Vorstand an. Seit 1971 war er Professor an der Uni Münster mit einer breiten thematischen Forschungspalette, besonderes Interesse widmete er Klassen- und Reichtumsfragen, wie Rainer Rilling in seinem Nachruf hervorhebt.

1988 wurde der BdWi zwanzig Jahre alt und seine Zeitschrift Forum Wissenschaft publizierte zum Jubiläums-Talk ("Warum ist so eine/r eigentlich Marxist/in geworden?") im Audimax der Marburger Universität sechzehn Antworten. Hans-Jürgen Krysmanski ("Krys") antwortete mit einem Kommentar zum Bild: "Mit 9½ wollte ich ›nie kapitulieren‹, mit 9¾ kapitulierte ich vor der Schokolade der Amis, mit 17 durfte ich eine High School in Michigan besuchen, mit 19 ein Minderheiten-College in Montréal, mit 20 die FU Berlin. Brecht’s Berliner Ensemble, die Anti-Atombewegung, Camillo Torres in Kolumbien, ein bisschen Wein u.v.a. bereiteten meinen überraschenden Übertritt zur Apo anlässlich der Besetzung des Hörsaals 1 der Westfälischen Wilhelms-Universität im Mai 1968 vor (s. Foto)."1 In den Jahrzehnten die folgten, sein Leben lang, zog er an vielen Fäden des Endes des Kapitalismus, von denen neuerdings so viel die Rede ist. Vor einigen Wochen, am 9.Juni 2016, ist er gestorben.

Kritische Soziologie und Reichtumsforschung

Vor seiner occupygetriebenen Überraschung hatte Krysmanski 1961 bei Helmut Schelsky promoviert, war Mitarbeiter an der Sozialforschungsstelle Dortmund, während des Jahres 1964 Gastdozent an der Universidad Nacional in Bogotá und bis 1966 Lehrstuhlassistent bei Schelsky, bei dem er 1967 für das Fach Soziologie habilitierte. Da war er freilich schon "zunehmend in radikale Politik involviert" (so höflich seine biografischen Notizen) und: "Ich jedenfalls habe Soziologie studiert, um zu lernen, wie man Widerstand gegen Anpassungsdruck organisiert." Auf den Weg zum marxistischen Außenseiter in der Soziologie brachten ihn vor allem neben seinen Erfahrungen in den USA und Lateinamerika die Kontakte mit der machtbewussten Soziologie der Schelsky, Gehlen und Freyer, die sich auskannten, wenn sie von Macht redeten oder über sie schwiegen. Für Krys gehörte das Interesse an den Reichen und Mächtigen zu seiner Entscheidung, Soziologe zu werden. Die Soziologie dieser Zeit freilich war eine Mittelschichtenveranstaltung, die geschäftig diese selbst und die Unterklassen betrachtete, mit der herrschenden Klasse jedoch einen Nichtangriffspakt eingegangen war. In der Regel wusste sie gar nicht, dass es so etwas gibt. Für sie hörte die Sozialstruktur mit der oberen Mittelschicht auf. Sie sah sie nicht einmal, die 0,1%. Wer sie wie Krysmanski als kritischer Soziologe thematisierte, galt bei Fachkollegen wie Erwin K. Scheuch als "Kommunistenfreund".

Berufen in der kurzen Zeit der linken Offensive, war Hans Jürgen Krysmanski von 1971 bis 2001 Hochschullehrer für Soziologie am Institut für Soziologie der Universität Münster. Er publizierte weit über 100 Langtexte, keine Weißwaschliteratur. Auffällig auch sein wunderbar wirres Beziehungsnetzwerk (siehe etwa die Festschrift Soziologische Ausflüge zum 60. Geburtstag, 1996) oder die zuweilen sehr spöttisch bemalten Zettel, die sein Klassenkampfhandwerk in Forschung, Lehre, Vorträgen, Seminaren und Debatten begleiteten. Dem BdWi gehörte er seit seiner Gründung an, in den 70ern und 80ern war er in Dutzende hochschul- und wissenschaftspolitische Aktivitäten des Verbandes involviert und wie viele ›Vorachtundsechziger‹ versuchte er marxistische bzw. historisch-materialistische Disziplinkritik durch Bände wie Thesen zur Kritik der Soziologie (1969), Soziologie und Praxis (1979) oder Die Krise in der Soziologie (1975) zu Gehör zu bringen - womit in diesen Zeiten, gerade in Münster, der Kampf gegen die Berufsverbote von Wissenschaftlern wie Thomas Neumann oder Peter Marwedel dazu gehörte, die am Münsteraner Institut für Soziologie arbeiteten. Als in der zweiten Hälfte der 70er vollends klar wurde, dass der Traum von einer radikal anderen Hochschule ausgeträumt und die erreichten Veränderungen abgeräumt oder - wenig später - neoliberal transformiert wurden, traten die übergeordneten Fragen der ökologischen Krise und der Friedenspolitik in den Vordergrund.

Wer mit Krysmanski zu tun hatte, entdeckte bei allen seinen Neubeginnen ein paar lebenslange Kontinuitäten. Dass er als Siebzehnjähriger 1952/53 in das Schüleraustauschprogramm des US-Hochkommissariats (HICOG) zuerst nach Detroit und später in die Kleinstadt Mancelona (Michigan) gelangte, ließ seitdem die USA für ihn "in jeder Hinsicht" zu einer "zentralen Größe" werden, von der er in den folgenden sechs Jahrzehnten nicht mehr abließ. Bei seiner Rezeption des damals kleinen, aber wachsenden kritischen Strangs der US-Soziologie wird die 1956 publizierte Power Elite von Charles Wright Mills zu einem zentralen Initialtext für seine Klassen- und Machtanalyse, in der er sukzessive die Vermittlung von Militär-Industrie- und Geldmachtkomplex herausarbeitete. Ihm ging es nicht um das eine als Territorialstaat USA fixierte kontinentalkapitalistische Amerika, sondern auch um das andere Amerika des Americanism, in dessen Kern die "amerikanische Partei" (Arrighi) und ihre Vektoren standen und stehen, über welche Elemente des US-Staates und der amerikanischen Zivilgesellschaft, Kultur und Ökonomie sich in die Welt bewegen - als American Empire eben. Auf dieser Grundlage hat er versucht, ein realistisches Bild von der Stabilität und Reichweite wie den historischen Grenzen dieser "zentralen Größe" im planetar globalisierten Kapitalismus zu bekommen. Daher begegnete er der flinken Manier zur zyklischen Beschwörung des US-Decline, die sich zuletzt im vergangenen Jahrzehnt auch hierzulande ausbreitete, mit anhaltender Skepsis und Vorsicht.

Soziologie als "Umwälzungswissenschaft"

Und es gab noch eine bestimmende Kontinuität. Das war der ganz große Frieden - nicht der private, der soziale oder der kriegerische, nicht der kleine Frieden auf Zeit und Gelegenheit, sondern der voraussetzungsvolle Frieden, dem die Alternativen zu sich selbst ausgegangen sind - also das, was einst als Keim der bürgerlichen Revolution in die Welt kam als positiver Friede und als "Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe" (Charles Irenée Castel de Saint-Pierre, 1713). Auch bei diesem zweiten Lebensthema hatte Krys gleich mehrere Fäden am Wickel: die Produktivkraft Wissenschaft, bei der es anknüpfend um Kriegs- und Friedensursachenforschung ging, oder die Rekonstruktion der Friedensutopien und der Traditionen oder Begründungen einer friedlichen Soziologie, die er in Soziologie des Konflikts (1971) und seinem herausragenden politischen Bildungsbuch Soziologie und Frieden (1993) dabei ganz beiläufig als "Umwälzungswissenschaft" konzipierte. Eine tiefe Abneigung gegen Gewalt trieb ihn voran. Mit dem Projekt "PeaCon", Seminarreihen, Ringvorlesungen und Tagungen wie "Die Universität zwischen Ökonomisierung und Militarisierung? Zur Sinnkrise in den Wissenschaften" (1985) wurden Münsteraner WissenschaftlerInnen zu einem relevanten Akteur in der akademischen Friedensbewegung.

Je klarer aber in der Reagan-Zeit und der folgenden langen Bush/Clinton/Bush-Ära das neue imperiale Kriegertum der USA und der von ihr dominierten NATO geopolitisch als Landnahme und Reichtumsgenerierungsmaschine expandierte, desto mehr rückte für ihn ein anderes Thema vollends in den Vordergrund: das "soziologische Hauptthema nach dem Ende des Kalten Krieges ist aus meiner Sicht das Thema ›Macht und Herrschaft in der Postmoderne‹", also auch im Spät- oder Hyperkapitalismus. Das von ihm erstmals wohl schon Ende der 60er Jahre angerufene "power structure research" hat über vier Jahrzehnte hinweg seine Gesellschaftsperspektive immer nachhaltiger fokussiert. Seit der Jahrhundertwende dominierte sie. Sie ist die dritte Kontinuität, an die hier zu denken ist.

Hier kreiste sein Forschungsprogramm um fünf Grundkategorien: Eigentum, Kapital, Reichtum, Klassen, Macht. Vor allem holte er mit Verve die Fragen des Reichtums, ihrer Spitzenakteure und Dienstklassen wieder in die marxistische Kapitalismus-, Kapital- und Klassentheorie zurück. Seine im Lauf von zwei Jahrzehnten aufgebaute Webkompilation in Sachen herrschender Klasse und Reichtum sucht ihresgleichen (www.uni-muenster.de/PeaCon/krysmanski/). Die zwei Dutzend webgestützter Seminare, die er vor und nach seiner Emeritierung bis 2013 in Münster durchführte, kreisten ebenso um diese Begriffsmatrix wie die zwei größeren mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisierten Reichtumsworkshops in Münster und Berlin in 2004 und 2005 und Workshops auf der großen BdWi-Tagung "Ungleichheit als Projekt" (2006).

2012 erschien dann das Buch "0,1%. Das Imperium der Milliardäre". Es ist ein Resümee seiner Arbeit an der Machtstrukturforschung. Gegen die neue Blüte der Verschwörungstheorien setzt der Text eine Überarbeitung der Klassentheorie und der Theoretisierung der "herrschenden Klasse". Wer von herrschender Klasse rede, dürfe von ihrem strukturierenden Zentrum im Kapitalismus der Postmoderne nicht schweigen: dem Komplex der Geldmacht, dem Ort der Privatesten des Privaten und der anderen, neuen, globalen Souveränität: "Souverän ist, wer über die Geldmacht verfügt." Dieser eine Ort des Reichtums ist immer ein Ort des Eigentums und ein Auffangbecken für die akkumulierten Werte. Er zieht gleichsam wie ein schwarzes Loch das rasend fluktuierende, fluide und sozial veruneinheitlichte Geld der Welt an sich, verwandelt es ständig in Verwertungsmacht und personifiziert es in eine planetar operierende Klassenmacht. Um die soziale Verfassung ihrer Akteursgestalt und Binnenstruktur zu fassen, ist für ihn ein Rückgriff auf neu entworfene, aber alte und hierzulande oft zu Recht in der Wissenschafts- und Politiklinken tabuisierte Begriffe wie Oligarchie, Plutokratie (klassisch: Herrschaft des Reichtums), Direktorat oder die "Ringburg" (Ringmodell der Machteliten) sinnvoll. Richistan kennt keine Arrangements mehr, die demokratisch genannt werden könnten.

Hans Jürgen Krysmanski hat mit seiner Umwälzungswissenschaft einen neuen Blick auf Imperien, auf ihre Kriege, auf Richistan und ihre Geschichte geworfen. Er mochte das "Always historicize!" (Fredric Jameson) mit Leuten, Worten, Bildern, mit den großen Themen und Theorien, wilden Fantasien und neugierigen Assoziationen - den Utopien, Sozialismen, den Kämpfen der Linken, der reflexiven, radikalen, dissenten, außenseiterischen, nützlichen, hilfreichen, materialistischen Wissenschaft, der Science Fiction also, den Produktivkräften und der Hightech, den Big Data und Netzen und den TV-Medien, dem Gewalt-, Kriegs- und Rüstungskapitalismus mitsamt seinem mörderischen Militär-Industrie-Komplex, der globalen Attraktion des ungeheuren American Empire, endlich der Machtstrukturforschung von unten über oben mit dem Fokus auf Eigentumsmacht, Reichtum und der Geopolitik planetarer Imperialität.

Verschmitzt hat er vor zwei Jahren mit seinem schmalen Buch Die letzte Reise des Karl Marx über ein Lebensende getextet, eine historische social fiction. Sein letztes Buch. "Une autre fin du monde est possible" stellte jüngst ein Nuit Debout-Graffiti richtig. Ein Ende ohne ein Vorleben in einem Imperium der Milliardäre wäre ein guter Anfang - auch für eine letzte Reise.

Anmerkung

1) Forum Wissenschaft 4/1988: 56f.

Rainer Rilling, Jg.1945, ist apl. Prof. für Soziologie an der Universität Marburg und war von 1983 bis 1998 als Geschäftsführer des BdWi tätig. In der Folgezeit war er wissenschaftlicher Referent an der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Seit 2011 ist er Fellow am Institut für Gesellschaftsanalyse der RLS und seit 2014 auch Mitglied des Vorstands der RLS.

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