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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Planung – praktisch und wissenschaftlich

15.11.2007: Aufgabe Zukunft: Kooperationsfeld für SRL und BdWi

Anfang 2006 begann die Zusammenarbeit zwischen der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) und dem BdWi.1 Beiden Verbänden stellten – und stellen – sich Fragen und Aufgaben, die Schnittmengen aufweisen. Jochen Hanisch (SRL) stellt sie vor, konkretisiert sie an einem Beispiel: dem Mensch-Umwelt-Problem, und entwickelt Schlussfolgerungen aus einem Szenario.2

Im ersten Teil meines Beitrags geht es um die Gemeinsamkeiten zwischen dem BdWi und der SRL, die viel größer sind, als die jeweiligen Verbandsmitglieder auf den ersten Blick wahrscheinlich annehmen. Das war einmal anders. In den 70er Jahren war die Planungsdiskussion noch stark von den Politik- und Sozialwissenschaften geprägt. Das theoretisch wie praktisch so wichtige Projekt der gesellschaftlichen Planung verlor schnell an Bedeutung, der aufkommende Neoliberalismus verlangte nach pragmatischen Methoden und Instrumenten. Diese projektbezogene Pragmatik bereitet wachsendes Unbehagen, weil sie in ihren Analysen die zentralen Verursachungszusammenhänge für Probleme und Krisen ausblendet.

Dass es anscheinend an Phantasie darüber fehlt, was passieren kann, wenn man sich nicht auf die Suche nach substanziell neuen Planungsansätzen macht, soll durch ein Gedankenexperiment verdeutlicht werden. In einem knappen Szenario im zweiten Teil montiere ich – nach dem Motto: Ihr könnt Euch nicht darauf verlassen, dass immer nur die anderen die Konsequenzen Eurer Sünden erleiden müssen – real mögliche Ereignisse in einer raum-zeitlichen Verdichtung für Deutschland und Mitteleuropa. Sie führen zu einer Umweltkrise afrikanischen Ausmaßes mit ähnlich desaströsen Folgen, wie sie zur Zeit (im Herbst 2007) der Sahel-Gürtel erlebt. Das Szenario endet mit der im Moment noch unwahrscheinlich anmutenden Reaktion einer deutschen Politikerin. Die Krise paukt dem politischen System die Planungsdialektik ein – das ist meine Schlussfolgerung. Die daraus folgenden Anforderungen kann ich hier nur andeuten.

Kooperation von SRL und BdWi

Wie eingangs angemerkt, gibt es eine große Gemeinsamkeit: Beide streben danach, mit wissenschaftlich abgeleiteten und begründeten Methoden auf rationale, friedliche und demokratische Weise Krisen abzuwenden und für dauerhaft stabile und bessere Lebens- und Arbeitbedingungen für alle Menschen zu sorgen (= Nachhaltigkeit). Nachdem ‚Planung‘ (Raum- und Umweltplanung, Infrastrukturplanung) in den 1960er und 70er Jahren ein wichtiges Thema der Politik- und Sozialwissenschaften war, hat das Interesse am Thema merklich nachgelassen. Denn es hatte sich ein differenziertes Planungssystem herausgebildet, das Verhältnis zwischen Staat, Planung und Ökonomie schien geklärt. Mit dem sukzessiven Abbau des fordistischen Regulationssystems hat sich das Planungsselbstverständnis in Richtung Prozessbegleitung, Moderation und kooperative Planungspartnerschaft entwickelt. Planerische Gestaltung und Steuerung durch die öffentliche Hand wird nunmehr als nicht möglich bzw. als politisch unerwünscht betrachtet. Planung assoziiert man derzeit mit Bürokratie, Fesselung und identifiziert sie als Fortschrittsbremse. Es dominiert die Unterstellung, die globale kapitalistische Markt-Logik führe auch ohne staatliche Planung zu einer optimalen Allokation von Produktions- und Distributionssystemen – wozu dann also noch öffentliche Planung?

Jetzt, angesichts des sich verschärfenden Klimawandels und seiner absehbaren ökologischen und sozialen Folgen, zeigt sich, dass die Konzentration der Planung auf Moderation und konsensorientierte Prozessbegleitung (Good Governance) diese Probleme nicht in den Griff zu bringen vermag. Daher wird es höchste Zeit, dass die Politik- und Sozialwissenschaften sich intensiver und sehr grundsätzlich dem Thema Planung, Staat und „freie Wirtschaft“ widmen. Umgekehrt ist es ebenso höchste Zeit dafür, dass sich die praktisch tätigen Planer und Planerinnen wieder verstärkt den politik-und sozialwissenschaftlichen Aspekten ihres Berufs zuwenden – denn wie sonst sollen sie das, was um sie herum passiert, auf den Begriff bringen können?

Paul Ridder wies im Jahre 1973 der Planungstheorie die Aufgabe zu, nach Problemlösungsansätzen außerhalb der gewohnten Denk- und Handlungsstrukturen zu suchen.3 Dies war als Hinweis darauf zu verstehen, dass die Suche nach Perfektion des Bekannten strukturelle Fehlentwicklungen nicht verhindern könne. Das ist heute genauso aktuell wie damals. Damals wie heute gilt, dass eine Gesellschaft solche Such- und Experimentierfelder außerhalb des Bekannten dringend benötigt, um zukunftsfähig zu werden.

In den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts konnte der Neoliberalismus seine Hegemonie auf das allgemeine Denken erweitern. Das Streben nach universitärer Exzellenz und nach einer „Wissensgesellschaft“ wird nur noch übersetzt in ökonomische globale Konkurrenzfähigkeit und nicht mehr im hier zitierten Sinne Paul Ridders. Als der Sachverständigenrat für Umweltfragen sein erstes Umweltgutachten vorbereitete (1972-1974), standen zwei Optionen zur Verfügung: a) der Versuch einer ökosystemaren Bilanzierung der gesellschaftlichen Umweltsituation und einer daraus abzuleitenden systemaren Umweltpolitik, oder b) die sektorale Aufbereitung der Entwicklung nach Boden, Wasser, Luft/Klima usw. Man entschied sich für die zweite Variante, weil sie den tradierten Denkmustern folgte. Der erste Ansatz hätte ganz andere Anstrengungen verursacht und mehr Zeit gebraucht. Der Pfad des Vertrauten ermöglichte in der Folge große sektorale Umwelterfolge, nicht aber eine befriedigende Lösung des Mensch-Umwelt-Problems.

Dagegen verfolgt das UNESCO-Programm „Man and the Biosphere“ (MAB) mit der Einrichtung von Biosphärenreservaten seit Anfang der 1970er Jahre einen Ansatz für eine regionale nachhaltige Entwicklung. Bei uns werden diese Reservate der Kategorie „Naturschutz“ zugeordnet und öffentlich kaum beachtet. Das MAB-Programm verfügt bis heute über den Ansatz einer Nachhaltigkeitsstrategie auf regionaler Ebene unter Einschluss der Dimensionen Subsistenz, Umwelt, Politik und Gesellschaft. Ein Ansatz, der uns geeignet erscheint, die angedeutete sektorale Spezialisierung der Raum- und Umweltplanung zu überwinden.

Im September 2007 machten zwei bemerkenswerte Veranstaltungen deutlich, dass die realen Entwicklungen in Raum und Gesellschaft den handelnden Akteur/inn/en die Planungsdialektik einzupauken beginnen; so zumindest erschien es mir. Mir bleibt zu hoffen, dass meine EURnehmung nicht von Wunschdenken geleitet war. Deshalb zu diesen Veranstaltungen einige Stichworte.

Denk- und Experimentierräume

Die erste Veranstaltung, von der ich berichte, war die 3. Deutsche Regionalplanungstagung der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL), die vom 6. bis 7. September d.J. in Gera stattfand. Dort wurde die Frage diskutiert, wie langfristige Infrastrukturinvestitionen unter den Bedingungen der Weltmarktkonkurrenz bei knappen Finanzmitteln der öffentlichen Hand geplant und ökonomisch abgesichert werden können. Bei knappen öffentlichen Mitteln ist die Gefahr ruinöser Fehlinvestitionen groß. Wie wäre zu erreichen, dass Betriebskosten für neue Infrastruktureinrichtungen deshalb nicht in unbezahlbare Höhen anwachsen, weil sie wegen Kapital- und Bevölkerungsabwanderung nicht ausgelastet werden können? Um Infrastruktuinvestitionen ökonomisch absichern zu können, müsste also gewährleistet werden, dass Gewerbegebiete, Abwasseraufbereitungsanlagen, Schulen, Krankenhäuser usw. kostendeckend genutzt werden. Dazu müssen aber Abnehmer/innen dieser Dienstleistungen (Unternehmen, Bevölkerung) vorhanden sein. Über welche Kompetenzen müsste Planung also verfügen, um die Ausnutzung öffentlicher Infrastrukturinvestitionen mindestens über die Dauer ihrer Refinanzierung abzusichern? Wären es die Raumplaner/innen, die über solche Kompetenzen verfügen müssten, oder sollte es hierfür einen neuen Typ „Planung“ geben? Und wie hätte der auszusehen? Die Aktualität dieser Fragestellung liegt auf der Hand und sollte für eine breitere Diskussion aufgegriffen werden.

Auf der zweiten der hier zu nennenden Veranstaltungen wurde in Potsdam am 20. September 2007 die Bundesstiftung ‚Baukultur‘ aus der Taufe gehoben. Einen ganzen Tag lang sprachen die Teilnehmer/innen in Vorträgen und Diskussionsrunden über Inhalte, Aufgaben und Ausrichtung einer solchen Einrichtung. Dass das Streben nach „guter Architektur“ die wichtigste Grundströmung dieser Stiftung würde, wusste jede/r, der bzw. die in die Vorgeschichte eingeweiht war. Für mich war es aber eine nicht geringe Überraschung, als der Darmstädter Professur Werner Durth die Aufgabenstellung dahingehend erweiterte, dass es zu den vorrangigen Aufgaben der Stiftung zähle, den notwendigen Wechsel zu einer städtischen und regionalen Entwicklungsplanung unter Einschluss der ökologischen Nachhaltigkeit zu begleiten und auszugestalten. Dafür solle die Stiftung Denk- und Experimentierräume zur Verfügung stellen. Für dieses Statement bekam er langanhaltenden Applaus.

Es ist also Zeit, dass sich in der Diskussion um die Raum- und Umweltplanung Politik- und Sozialwissenschaften wieder verstärkt engagieren. Dabei sollte es gelingen, diese Diskussion über die Fach- und Disziplingrenzen hinweg anstatt isoliert nebeneinander her zu führen. Zum leichteren Hinein-Denken deshalb hier das angekündigte Szenario.

Szenario: Rückblick von 2030

In den Jahren 2008 und 2009 kamen einige Umweltereignisse aufs Unglücklichste zusammen. In Mitteleuropa brach eine Naturkatastrophe aus, wie es sie in solchen Ausmaßen immer nur (und immer wieder) in tropischen Ländern gab und gibt, vorzugsweise in Afrika und Asien: Ab Ende März 2009 sorgte ein stabiles Hochdruckgebiet über Weißrussland und Polen für mehrere Wochen für ständigen Ostwind, Sonne und hohe Temperaturen in Deutschland. Nachdem zwischen April und August vor allem in Nord- und Ostdeutschland kein Regen gefallen war, waren alle landwirtschaftlichen Flächen und die Wälder so ausgetrocknet, dass das Verlassen öffentlicher Straßen und das Betreten und Befahren der Wälder streng verboten werden musste. Es galt ein umfassendes Verbot jeder Art offenen Feuers, einschließlich des Zigarettenrauchens außerhalb der eigenen vier Wände. Auf allen öffentlichen Straßen wurden strenge Geschwindigkeitsbegrenzungen und Überholverbote eingeführt, um Unfallgefahren so weit wie möglich auszuschließen. Alle Bahnstrecken durch Wälder und die freie Landschaft wurden zu Langsamfahrstrecken erklärt, um Funkenflug soweit wie möglich auszuschließen. Privater Luftverkehr wurde grundsätzlich verboten. In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder mal extreme Trockenlagen und Feuergefahren gegeben – in diesem Jahr war die Lage jedoch neu. Feuerwehren, Technisches Hilfswerk und Bundeswehr standen in höchster Alarmbereitschaft. Das große Feuer konnte trotz aller Anstrengungen nicht mehr verhindert werden. Zur Erklärung des Feuerausbruchs gab es eine Reihe von Gerüchten und Verschwörungstheorien. Ob es ein oder mehrere Auslöser durch menschliches Versagen oder kriminelle Anschläge gegeben hatte, konnte nie geklärt werden. Tatsächlich dürften Selbstentzündungen durch Glasscherben und in illegalen Müllablagerungen die entscheidende Rolle gespielt haben.

Unabhängig von der Frage nach den unmittelbaren Auslösern zeigte sich, dass es unmöglich war, so große Gefahrengebiete vollständig zu überwachen und zu kontrollieren. Das Feuer hatte in den südöstlich von Berlin gelegenen großen Kieferforsten begonnen, die in der Hitze förmlich explodierten – gegen die dadurch ausgelösten Feuerstürme mit Windstärken zwischen 9 und 10 konnten keine Brandschutzschneisen und keine noch so gut ausgestatteten Feuerwehren etwas ausrichten. Darüber hinaus wurden die Sparpolitik der öffentlichen Hand und der Bevölkerungsrückgang in den ostdeutschen Ländern vielen Kommunen zum Verhängnis, da ihnen Personal und Know-how fehlten, mit solch einem Ereignis umzugehen. Dabei war bereits zu Anfang des 21. Jahrhunderts das Waldbrandrisiko in Brandenburg so hoch gewesen wie etwa in Spanien oder Portugal. Die Wälder wurden bis hinunter in den Spreewald ein Opfer der Flammen. Im Norden und Westen von Berlin sorgten Großbrände dafür, dass Berlin den Katastrophenalarm auslösen musste. Schulen, Krankenhäuser und Universitäten wurden geschlossen. Die Menschen versuchten panisch, in Richtung Nord- und Ostsee zu fliehen. Die Bahnstrecke war nicht mehr zu befahren, die Schienen verbogen sich in der Hitze. Die Stromversorgung brach zusammen. Tausende von Menschen kamen wegen riesiger Staus auf der A 24 zwischen Walsleben und Pritzwalk, zwischen Neustadt-Glewe und Zarrenthin und im Sachsenwald kurz vor Hamburg in den Feuerstürmen ums Leben. Über die A 19 in Richtung Ostsee war der Fluchtweg durch riesige Waldbrände zwischen Malchow und Linstow versperrt. Viele Straßen wurden unpassierbar, da sich ihr Belag in der Hitze der Flammen verflüssigte.

Schnell trieb der Feuersturm weiter nach Westen, in wenigen Tagen brannte die Lüneburger Heide. Die Harburger Berge wurden ebenso ein Opfer der Flammen wie Teile des Weserberglandes und des Teutoburger Waldes. In Deutschland rief man den Notstand aus. Der Flugverkehr über Mitteleuropa kam zum Erliegen. Die Anzahl der Feuertoten in Norddeutschland ließ sich nie genau ermitteln.

Die Folgen der Katastrophen

Die großen europäischen Flüsse führten kaum noch Wasser. Die Landwirtschaft in ganz Deutschland verzeichnete dramatische Ernteausfälle. Die Trinkwasserversorgung und die großen Wasseraufbereitungswerke brachen mangels Prozesswasser zusammen. Die Kraftwerke an den Flüssen mussten notabgeschaltet werden. Es waren dramatische Stunden, bis wenigstens Nuklearkatastrophen an Rhein, Weser und Elbe verhindert werden konnten. Ähnliche Szenarien spielten sich in ganz Mitteleuropa ab. Die Elektrizitätsversorgung brach zusammen. Als unmittelbare Folge gab es in Hungersnöte.

Als sich endlich, Anfang September 2009, die Wetterkonstellation änderte und erste Regenfronten über Mitteleuropa hinwegzogen, normalisierte sich zwar das Klima und die Großfeuer erloschen. Die ausgetrockneten und zum Teil durch Feuer und Hitze steinhart gebackenen Böden konnten das Regenwasser aber nicht aufnehmen – mit der Folge großer Überschwemmungen. Fehlendes sauberes Trinkwasser und hochinfektiöses Überschwemmungswasser führten zur Entstehung und Ausbreitung von Seuchen wie Cholera und Typhus. Gewaltige Erdrutsche machten in wenigen Tagen das Rheintal zwischen Köln und Mainz und die wichtigsten Alpenpässe unpassierbar.

Die dramatische Zuspitzung der Wetterextreme – seit Jahren von Wissenschaftler/inne/n, Umwelt- und Planungsverbänden vorhergesagt – betraf nicht nur Deutschland, obwohl hier ernsthaft niemand mit einer solchen Dramatik gerechnet hatte. Im Mittelmeerraum und in den weiter südlich und östlich gelegenen Weltregionen hatte man schon seit Jahren mit ähnlichen Ereignissen gekämpft. Der drohende Zusammenbruch der zivilen Staatssysteme in der Europäischen Union und die grassierende Verelendung breiter Volksmassen außerhalb Europas lösten eine der größten Völkerwanderungen der Neuzeit aus. Aus vielen Weltregionen machten sich Millionen von Menschen auf den Weg Richtung Norden oder weit in den Süden in die noch relativ gemäßigten klimatischen Zonen. Milliarden von Menschen in der Dritten Welt waren verloren – Seuchen, Wasser- und Nahrungsmangel bestimmten das Bild. An den Außengrenzen der Europäischen Union wurden Zuwanderer/innen militärisch bekämpft. Innere und äußere Konflikte waren die Folge, und faschistische Bewegungen fanden in Deutschland immer größeren Zulauf ... bis es, für alle unerwartet, zu einer Wende kam:

Es erinnerte an den Kniefall ihres Vorgängers Brandt vor dem Mahnmal zum Gedenken an den jüdischen Ghetto-Aufstand von 1943, als Bundeskanzlerin Merkel mit ihrer Neujahrsbotschaft für das Jahr 2010 vor die Kameras trat. Sie ging auf die Ereignisse der vergangenen Monate ein und gestand im Folgenden, keine der gerade zurückliegenden ökologischen und daraus folgenden ökonomischen Katastrophen seien überraschend über das Land gekommen. Auch ihre persönliche Schuld sei es, die Zeichen der Zeit über viele Jahre verdrängt zu haben. Schon seit längerem sei ihr als Physikerin die Dialektik zwischen ‚global warming‘ und ‚global dimming‘ bekannt gewesen.4 Nun stünden die Freisetzung der gewaltigen am Meeresgrund fixierten Methanlager und der Anstieg des Meereswasserspiegels um bis zu sieben Meter unmittelbar bevor – eine Katastrophe, die um jeden Preis verhindert werden müsse.

Merkel führte weiter aus, als in der DDR aufgewachsene Akademikerin mit großen Karrierechancen sei sie angesichts der inneren Verhältnisse in der DDR zu der ehrlichen Überzeugung gelangt, die freie Marktwirtschaft des Westens sei ohne sinnvolle Alternative, und habe deshalb nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik voller Überzeugung und begeistert im demokratischen Staatsapparat mitgearbeitet. Obwohl sie sich als Naturwissenschaftlerin immer weniger der Erkenntnis habe verschließen können, dass das Klimaproblem zur Schicksalsfrage der Menschheit zu werden drohte, habe sie sich vor den Konsequenzen über Jahre hinweg gedrückt – die übermächtigen politisch-ökonomischen Machtkartelle hätten ihrer Karriere anderenfalls ein sofortiges Ende bereitet. Vor die Wahl gestellt, eine Klimakatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes zu erleben oder die Systemfrage radikal zu stellen, habe sie sich nunmehr für Letzteres entschieden. Die kapitalistische Globalisierung sei an ihr moralisches und physisches Ende gekommen. Nach dem dramatischen Scheitern aller Versuche, die Umweltproblematik mit kapitalkonformen Instrumenten zu bewältigen, bleibe der Menschheit nur wenig Zeit, alternative Gesellschaftsmodelle zu entwickeln und zu implementieren. An diejenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Disziplinen, vor allem Experten und Expertinnen der Ökonomie, der Stadt-, Regional-, Landschafts- und Umweltplanung, die nicht dem neoliberalen Wahnsystem verfallen seien, sondern trotz aller Demütigungen und zugefügten Karriereknicks bereit seien mitzuwirken, richte sie deshalb den Appell, alle Anstrengungen in Theorie und Praxis darauf zu orientieren, Planungs- und Steuerungskonzepte für eine umwelt- und sozialverträgliche und dauerhafte Entwicklung zu erarbeiten und einsatzbereit zu machen. Sie selbst werde alles in ihrer Kraft Stehende tun, um soviel wie möglich der Schulden an die Umwelt zurückzuzahlen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten aufgehäuft hätten.5

Angesichts dieser Ereignisse und des offenkundigen Versagens des politisch-administrativen Systems zerbröselte die ideologische und politische Hegemonie des neoliberalen Kapitalismus – wie unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen vor nicht mehr als 20 Jahren die ehemals übermächtig erscheinende UdSSR mit ihrem Bündnissystem wegen ihrer eigenen Widersprüche und Konflikte implodiert war. „Wir sind das Volk“ – diese Parole aus der DDR zur Zeit ihres Untergangs erlebte eine unerwartete Renaissance. Gegen diesen bis in die Regierungsspitze hineinreichenden Veränderungswillen vermochten keine Polizei und kein Militär mehr etwas auszurichten.

Andere Folgen: Reformprozesse

Den zum Ende des 20. Jahrhunderts angestoßenen Rio-Prozess, der den Umbau der Gesellschaft zur Nachhaltigkeit hatte betreiben sollen, nahm man endlich ernst. Viele seinerzeit wegen ihrer kritischen Grundhaltungen ignorierten strategischen Ansätze, etwa das 1994er Gutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen, die politischen Handlungsempfehlungen der EU-Kommission6 oder die Grundsätze der Biosphärenreservatskonzeption der UNESCO-Sevilla-Strategie7, überführten interdisziplinär besetzte Forschungseinrichtungen und Plankommissionen in praktische Handlungskonzepte auf regionaler Ebene.

Das Umweltgesetzbuch (UGB), das im Jahre 2009 – noch ganz von der Planungsfeindlichkeit marktliberaler Apologie durchdrungen – hatte verabschiedet werden sollen, zogen die verantwortlichen politischen Instanzen zurück und erneuerten es gründlich; sie stärkten zugleich seine planungsbezogenen Teile. Die Kompetenzen für die strategische Umweltplanung wurden umfassend erweitert. Die Landes- und Regionalplanung, in den letzten zwanzig Jahren stark vernachlässigt, erhielt größere Verbindlichkeit; die EU erklärte die Grundsätze des MAB-Konzepts – Modellregionen für nachhaltige Entwicklung – als verpflichtend für die gesamte Territorialplanung in der Europäischen Union.

Dem Verkehrs- und Transportsystem wurden endlich die ökologischen Kosten angemessen angerechnet; dadurch setzte sich innerhalb kürzester Zeit das Mobilitätsprinzip des öffentlich organisierten Verkehrs durch. Die Privatisierung öffentlicher Leistungen – Bahn, Wasser, Strom etc. – wurde rückabgewickelt. Die politisch verantwortlichen Gremien entzogen Umweltschutz und Umweltvorsorge der Logik der privaten Kapitalverwertung und gestalteten sie damit wesentlich effektiver und für die Nutzerinnen und Nutzer preiswerter aus ...

Die Idee zu dem hier entwickelten Szenario entstand nach den Katastrophen des Sommers 2007 im Mittelmeerraum (Feuer) und im Sahel (Afrika – Wasser) sowie jüngst nach den Großbränden in Kalifornien. Zur Katastrophe werden Ereignisse, wenn sie zeitlich und räumlich auf eine Weise zusammentreffen, wie es normalerweise nicht vorkommt. Prinzip unseres kleinen Szenarios war, nur solche Ereignisse einzubeziehen, die alle jeweils für sich allein schon einmal aufgetreten sind. Beim Schreiben war ich erschreckt darüber, wie wenig unwahrscheinlich noch ganz andere Szenarien gewesen wären. – Ein zweites Prinzip war, dass die Katastrophe keine Handlungsmöglichkeiten mehr offen lässt; das wäre nämlich der Fall, wenn es tatsächlich zur Freisetzung der ozeanischen Methanlager oder zu Kernschmelzen in Atomkraftwerken kommt. Meine Phantasie musste ich zügeln, was die Möglichkeiten unglücklicher Verkettungen von Ereignissen angeht. Ich erkannte beim Schreiben, dass meine Phantasie für Lösungsstrategien noch nicht zureicht. Dass Katastrophenvorsorge ein Thema für die Raumplanung ist, zeigt eine Publikation der Akademie für Raumforschung und Landesplanung mit der Veröffentlichung „Raumorientiertes Risikomanagement in Technik und Umwelt“.8

Es gibt also viel zu tun. Zu analysieren, was alles im Einzelnen noch geändert und/oder in Gang gesetzt werden müsste, um solche oder ähnliche Szenarien gar nicht erst zur Wirklichkeit werden zu lassen, ist die Aufgabe, die vor Planern und Planerinnen in der SRL und den Mitgliedern des BdWi liegt. Darüber zu diskutieren und z.B. themenbezogene Arbeitsgruppen zu bilden, kann und sollte die Kooperation zwischen SRL und BdWi weiter vertiefen.

Anmerkungen

1) Vgl. Tjaden, Karl Hermann (2006): Was soll gesellschaftliche Planung? Zu einer Diskussion im PlanerInnen-Verband SRL. In Forum Wissenschaft 4/2006, 23. Jg., 49-52, Marburg.

2) Der Beitrag ist eine gekürzte und leicht modifizierte Fassung des Einleitungskapitels zum Werkstattbericht „Kommentierte Bibliografie zur Planungsdiskussion“. Er soll im November 2007 als Band 53 in der SRL-Schriftenreihe erscheinen.

3) Vgl. Ridder, Paul (1973): Dynamische Gestaltung sozialer Systeme: Eine systemtheoretische Analyse des Änderungswissens, in: Schäfers, Bernhard (Hrsg.), Gesellschaftliche Planung – Materialien zur Planungsforschung in der BRD, 65-92, Stuttgart.

4) Sauberere Luft verstärkt die Sonneneinstrahlung. Damit steigert sich der solare Energieinput auf der Erde, da die CO2- und Methan-Anreicherung in den oberen atmosphärischen Schichten die Abstrahlung in den Weltraum be- bzw. verhindert. Siehe die Dokumentation der BBC unter www.clima.ch/dimming.html ; vgl. auch science.orf.at/science/news/67706 .

5) Damit spielte die Kanzlerin auf den ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon an, der mit diesen Worten 1970 das „Natural Environmental Protection Act“ unterzeichnet hatte.

6) EU Kommission (1994): Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung – Herausforderungen der Gegenwart und Wege ins 21. Jahrhundert, Weißbuch, S.3-182 Luxemburg.

7) Dies nur als kleine Auswahl der damals vorliegenden Konzepte.

8) Forschungs- und Sitzungsberichte Nr. 220, Hannover 2003


Prof. Dr. Jochen Hanisch lebt und arbeitet in Hamburg. Er ist freiberuflicher Landschaftsplaner in seinem Büro für Umweltplanung und für Wissenschaftsdienstleistungen mit dem Schwerpunkt Umweltverträglichkeitsprüfungen. Er betreibt das Projekt einer internetgestützten Fort- und Weiterbildungsplattform für Raum- und Umweltplanung. Außerdem ist er Honorarprofessor für Planungstheorie an der TU Berlin und Lehrbeauftragter an der Leuphana Universität Lüneburg; Mitglied im BdWi seit 1977, in der SRL, der UVP-Gesellschaft sowie Vorsitzender des Vereins zur Förderung der angewandten Nachhaltigkeit (VaN e.V.) in Hamburg.

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