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Klaus Holzkamp

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Aprendendo e Construindo

15.11.2007: Bauen und Lernen fürs Leben in Bahia

Baumaßnahmen und die ihnen vorhergehende Planung sind kein Alleinstellungsmerkmal so genannter entwickelter Gesellschaften. Evelyn Hartoch berichtet über ein Projekt, das wissenschaftliche Planung mit sozialen Zwecken und dem Lernen und Handeln von Individuen und Gruppen miteinander verbindet. Richtiger gesagt: miteinander verband.

Seit Mitte der 90er Jahre fördert der Bundesstaat Bahia zunehmend den Tourismus in dieser von Naturschönheiten besonders begnadeten Region, und Küstenregionen sowie „Vorzeige“-Stadtteile erstrahlen in neuem Glanz. Dem gegenüber blieben ärmere Stadtteile und das Hinterland auf sich selbst gestellt. Die ungerechte Verteilung öffentlicher Mittel und der viel zu geringe fürsorglich regelnde Einfluss staatlicherseits drücken sich in einem Bild vielseitigen Mangels aus. Mangel an Wohnraum, an Basis-Sanierung und öffentlicher Infrastruktur, an Arbeitsstellen, sozialer Absicherung und Stabilität, an „Basis-Erziehung“ und Berufsausbildung, all dies bei gleichzeitig schnell fortschreitendem Verlust an überlieferten Werten und Kenntnissen. (Der Begriff „Basis-Erziehung“ meint hier nicht die Schule oder schulische Ausbildung – in Brasilien herrscht Schulpflicht, und viele LehrerInnen sorgen aktiv mit für ihre Realisierung –, sondern tradierte Kenntnisse über das soziale Zusammenleben, den gesunden Menschenverstand, soziale Lernfähigkeit und -bereitschaft von Kindesbeinen an sowie humane, solidarische Umgangsformen mit den Mit-Menschen und der weiteren Mit-Natur.) Viele mangelernährte Kinder und Jugendliche ziehen perspektivlos umher und sind besonders stark den negativen Seiten des so genannten Segens modernen Stadtlebens und der neuen Medien ausgesetzt, zum Beispiel, wenn sie ohne jegliche pädagogische Begleitung in den Internet-shops, die es mittlerweile in jedem Stadtteil gibt, mit Vorliebe Computer nutzen, um Gewaltgames zu „spielen“.

Es gibt in Brasilien kein duales Ausbildungssystem (z.B. die Lehre, wie wir sie aus Deutschland kennen). Auf das Bauhandwerk bezogen, gibt es je nach Region und Bundesstaat zwar unterschiedliche Kurzzeitkurse, die meistens theoretischer Natur sind, mit ein wenig praktischen Übungen auf dem Hof der Ausbildungseinrichtung. Aber das Handwerk wird de facto beim Arbeiten und Abgucken auf den Baustellen erlernt. Irgendwann einmal kann man es dann – oder auch nicht –, und ernennt sich selbst zum Maurer, Maler, Klempner, Schreiner, Elektriker ... Entsprechend dürftig und ohne jeglichen Garantieanspruch kann dann auch die Ausführung ausfallen, insbesondere auf den vielen kleinen Schwarz-Baustellen ärmerer Leute, die sich ohnedies keinen rechtlich abgesicherten Wohnraum leisten können und deshalb in einer der vielen geduldeten illegalen Ansiedlungen wohnen. Es ist ein scheinbar endloser Teufelskreis.

Wie dankbar kann man in diesem Kontext für Initiativen sein, die eine andere Richtung aufweisen! Das Ausbildungs- und Wohnungsbauprogramm Aprendendo e Construindo (zu deutsch: Lernen und Bauen), das ich hier darstellen will, ist gerade deshalb so wichtig, weil es einen der Wege heraus aus Frustration, Entfremdung und Lethargie aufzeigt und beweist, dass es trotz vielfältiger regionalspezifischer Hindernisse möglich ist, im ganzheitlichen Ansatz und mit integrierten Konzepten ein ganzes Paket unterschiedlicher Mängel-Situationen zusammengefasst ins Positive zu wenden.

Vom Rätsel zu einem Konzept

Allerdings wird den Menschen viel abverlangt, die andere Möglichkeiten und Wege aufzeigen möchten – wie das Programm Aprendendo e Construindo es tut –, jedenfalls in einem System wie im Nordosten Brasiliens, das von ganz oben bis ganz unten auf Macht aufgebaut und in dem Korruption üblich ist. Neben sehr guten Fach- und Sachkenntnissen, Erfahrung und verwaltungsrechtlichem Wissen, Organisationstalent und einem sehr hohen Maß an Engagement und Durchhaltevermögen, das sie dafür aufzuweisen haben, müssen sie auch bereit sein, sich um Kommunikation auf allen Ebenen und um Kompetenzen und Rechte der Einzelnen zu kümmern und die Schnittstellenkoordination zu übernehmen. Das bedeutet sehr viel Arbeit im Detail, die man kaum sieht, die aber Voraussetzung dafür ist, dass das Ganze funktioniert.

Das Konzept für das Programm wurde an der bundesstaatlichen Universität Universidade do Estado da Bahia von der Forschungsgruppe THABA (Núcleo de Pesquisa e Extensão em Habitação Popular) entwickelt. Sie hat langjährige Erfahrung im Bereich des sozialen Wohnungsbaus und leistete zuvor schon mehrfach technische Beratung und Begleitung bei partizipativen kollektiven Eigenbaumaßnahmen.

Am Anfang stand ein Rätsel, das die bundesstaatliche Baubehörde klären wollte. Zu diesem Zwecke beauftragte sie die Forschungsgruppe THABA mit einer Untersuchung: Während im ganzen Großraum Salvador innerhalb der Schwarzbau-Siedlungen „wild“ gebaut wurde und durchaus Wohnungsnot bestand, wurde in einem von dieser Baubehörde ausgewiesenen Bauland in Lauro de Freitas, das mit kompletter Basis-Infrastruktur versehen war und wo die Baugrundstücke bereits alle verkauft worden waren, nur sehr vereinzelt gebaut. Es stellte sich heraus, dass es vielerlei Gründe dafür gab. Zwei jedoch waren ausschlaggebend: Baugrundstücke waren oft zu weit vom Wohnort der Familien entfernt, so dass diese Bedenken hatten, Baumaterial dort unbeaufsichtigt zu lagern, und es gab sehr viele Familien, deren Finanz- und Arbeitskraft nicht ausreichte, um eine Eigenbaumaßnahme allein durchzuführen, zum Beispiel ältere Leute oder allein erziehende Mütter. Unter diesen Umständen war es auch nicht möglich, eine kollektive Eigenbaumaßnahme anzuleiten, wie sie in Brasilien schon mehrmals durchgeführt wurde. Die Forschungsgruppe THABA fand zugleich aber auch heraus, dass es unter den Familien und in der Nachbarschaft viele durchaus lernbegierige und arbeitswillige Jugendliche gab, die weder Beruf noch berufliche Perspektiven hatten, aber durchaus am Bauhandwerk interessiert waren. Der Kerngedanke war geboren und der Grundstein für das Programm wurde in Form einer Lehr-Bauwerkstatt gelegt, bei der der Wohnraum für diese Familien entstehen sollte.

Grundlegend für dieses Programm waren das grundsätzlich von THABA praktizierte partizipative Planungsverfahren, bei dem die BauherrInnen-Familien über die Gestaltung ihres Wohnraumes mitentscheiden können, Transparenz auf allen Entscheidungsebenen und das Handeln innerhalb des gesetzlichen Rahmens. Für Deutschland klingt „Handeln innerhalb des gesetzlichen Rahmens“ selbstverständlich. Für Brasilien im Prinzip auch, denn es mangelt nicht an einer – sogar sehr sozialverträglichen – Gesetzgebung. Aber es mangelt an deren Anwendung in der Praxis. So unglaublich das auch klingen mag: Es bedeutet sogar, vielfältige bürokratische Hürden überwinden zu müssen, um im Rahmen der Gesetze handeln zu können. Von daher ist die gelungene interinstitutionelle Zusammenarbeit innerhalb des Programmes ganz besonders zu würdigen.

Eine der ersten zu regelnden Schwierigkeiten für dieses neue Konzept war die Tatsache, dass aufgrund vorhandener Jugendarbeitsschutzgesetze die Jugendlichen nicht einfach bauen durften, wie das bei den partizipativen kollektiven Eigenbaumaßnahmen und den teilnehmenden erwachsenen Familienangehörigen geschieht. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für solch ein neues Lehrprogramm mussten erst ausgelotet und abgestimmt und das Arbeitskonzept offiziell abgesegnet werden. In der Nachbarstadt Lauro de Freitas, die zum Großraum Salvador gehört, wurde also aufgrund einer ganz besonderen Ausgangssituation und Nachfrage erstmalig in den Jahren 1998/1999 eine Baumaßnahme durchgeführt, bei der sowohl Jugendliche in Theorie und Praxis des Bauhandwerks ausgebildet wurden als auch bedürftige Familien zu ihrem Wohnraum kamen. Hierbei legte man sehr viel Wert auf die sozialpädagogische Begleitung der Lernenden und auf die Betreuung in Sachen sozialer Kompetenzförderung der teilnehmenden Familien sowie auf eine fruchtbare Interaktion zwischen beiden Gruppen, damit die Jugendlichen immer freundschaftlichen Kontakt mit den Familien halten konnten, für die sie die Häuser bauten, und damit sich schon während der Bauphase optimale Bedingungen für zukünftige gute nachbarschaftliche Beziehungen ergeben konnten.

Lorbeeren überschütteten das Projekt nach Fertigstellung, die Presse kam, viele Reden wurden gehalten. Die Feierlichkeiten zur offiziellen Übergabe der Häuser waren rührend, und auch auf der persönlichen Ebene spielten sich besonders schöne Szenen ab, z.B. als ein eher schmächtiger Jugendlicher voller Stolz seine Bauerfahrungen vor erwachsenen Angehörigen der Familien kundtat, die ihm ehrfürchtig zuhörten. Das passiert nicht alle Tage!

Die Nationale Wohnungsbaubank CEF (Caixa Econômica Federal) würdigte im Jahre 2000 das Pilot-Projekt in Lauro de Freitas als eine der zehn besten und sozialverträglichsten Baumaßnahmen Brasiliens. Die Regierung des Bundesstaates Bahia wollte mehr davon und beauftragte nunmehr die Forschungsgruppe THABA damit, ein bundesstaatliches Ausbildungs- und Wohnungsbauprogramm zu konzipieren. Ein solches Programm wurde in den darauf folgenden fünf Jahren in elf Städten des Bundesstaates durchgeführt; 3.183 Jugendliche (beider Geschlechter) und 394 Gruppenleiter erhielten eine entsprechende Ausbildung, und 427 Wohneinheiten entstanden daraus – das Programa Aprendendo e Construindo (Lernen und Bauen).

Partizipation als Programm

Der Programmablauf von Aprendendo e Construindo in den verschiedenen Städten sieht folgendermaßen aus. Zunächst wird der institutionelle Rahmen abgesteckt, wobei der jeweiligen Stadtverwaltung eine zentrale Rolle zufällt, denn sie hat das Programm vor Ort ausdrücklich als ein wichtiges Angebot an die Stadtbevölkerung zu wünschen (politischer Wille), ein geeignetes, mit der gesamten städtischen Infrastruktur versehenes Baugrundstück zur Verfügung zu stellen sowie während der Ausbildungszeit/Bauphase die laufenden Kosten vor Ort zu tragen. Sodann wird zwischen allen mitverantwortlichen Institutionen und Behörden ein Vertrag abgeschlossen, der die Verantwortlichkeiten regelt (in einem Land, wo so vieles je nach Machtkonstellation informell geschieht, ist der Abschluss eines solchen Vertrages etwas Besonderes). Am Vertrag sind beteiligt der Bundesstaat Bahia, vertreten durch zwei seiner Ministerien – erstens das Ministerium für Planung, Wissenschaft und Technologie, das die Finanzmittel für das Programm bereitstellt, und zweitens das Arbeits- und Sozialministerium wegen der Bereitstellung der Mittel für die Berufsausbildung; die schon genannte Nationale Wohnungsbaubank Caixa Econômica Federal, die den jeweiligen BauherrInnen die ganz wesentlichen Geldmittel für das Baumaterial vorfinanziert; die Universidade do Estado da Bahia, vertreten durch die Forschungsgruppe THABA – sie übernimmt gemeinsam mit der bundesstaatlichen Baubehörde CONDER die Leitung des Programms; die Vereinigung der Leiter des Immobilienmarktes (Bauwirtschaft) ADEMI, die sich dazu verpflichtet, die ausgebildeten Jugendlichen an entsprechende Arbeitsstellen zu vermitteln; die bundesstaatliche Baubehörde zwecks Leitung des Programmes gemeinsam mit der Universität; und last not least die Regierung der Stadt, in der das Programm durchgeführt werden soll.

Nunmehr werden alle einzelnen Schritte, von den ersten Ankündigungen vor Ort bis hin zur Bauausführung und danach der Übergabe der fertigen Häuser, direkt von der Koordination des Programmes beratend begleitet (Forschungsgruppe THABA und bundesstaatliche Baubehörde), auch wenn Einzel-Verantwortlichkeiten bei verschiedenen Institutionen oder Behörden liegen. Die genaue Schnittstellenkoordination ist dafür eine grundlegende Voraussetzung. Die dem Programm zu Grunde liegende partizipative Planungsmethodik beinhaltet die systematische Einbindung der Gemeinde in den gesamten Prozess, also von der Konzeption vor Ort, Masterplan, Siedlungsabschnitt im städtebaulichen Konzept, Diskussion und partizipative Planung der Wohneinheiten und Ausführung bis hin zur Beurteilung und Begleitung des Baus. Die Gemeinde wird somit bezüglich der Ergebnisse der gesamten Maßnahme mit in die Verantwortung einbezogen – ein wichtiger Schritt in Richtung mündige Bürger.

Zum Zweck der Bekanntmachung und Ankündigung des Programms und der Auswahl der auszubildenden Jugendlichen (beider Geschlechter) sowie der wohnraumbedürftigen Familien werden vor Ort erläuternde Vorträge abgehalten und mehrere Versammlungen mit den Interessierten durchgeführt. Im Folgenden absolvieren sowohl die interessierten Jugendlichen als auch die möglichen BauherrInnen-Familien Interviews und Eignungstest. Dies soll einerseits dazu beitragen, möglichst gute Lernerfolge zu erzielen, und andererseits dazu, dass die Familien ein möglichst tragfähiges Nachbarschaftsgefüge erwarten können.

Um ins Programm aufgenommen werden zu können, darf das Familieneinkommen drei Mindestlöhne nicht überschreiten, und die Familie darf kein weiteres Wohneigentum besitzen. Die auszubildenden Jugendlichen müssen über 16 Jahre alt sein, wobei die unter 18-Jährigen eine Bescheinigung vorzulegen haben, dass sie während der anderen Tageszeit zur Schule gehen (Schulpflicht!), und mindestens die ersten vier Grundschuljahre absolviert haben. Auch sollen die Jugendlichen möglichst Familienangehörige einer der BauherrInnen-Familien sein, mindestens aber in der jeweiligen Gemeinde oder Kleinstadt wohnen.

Die Lehrgänge vor Ort werden in Siedlungsabschnitte unterteilt, deren Größe variiert, je nachdem, wie viele Wohneinheiten entstehen sollen (zehn, 25, 50, 75 oder 100 ausbaufähige Kernhäuser mit je 35 qm) und wie viele Jugendliche dort im Bauhandwerk ausgebildet werden sollen. Aufgrund der Jugendschutzgesetze dürfen die Jugendlichen innerhalb dieses Ausbildungsprogrammes jedoch keinesfalls mehr bauen, als es laut Lehrangebot für das Erlernen des Bauhandwerkes notwendig ist. Selbstverständlich machen derlei Vorschriften die Arbeitsabläufe auch immer etwas unflexibel, während eine Baustelle von Natur aus nun einmal von Wetter-, Behörden-, Streik-, Jahreszeiten- und anderen Gegebenheiten abhängig ist.

Familien-Arbeit und -Gewinn

Der Programmablauf für die Familien gestaltet sich in folgender Weise: Die Arbeiten der sozialen Kompetenzförderung müssen schon vor der offizieller Aufnahme in das Programm beginnen. Denn die Familien müssen sich bereits vorher sehr genau überlegen und darüber möglichst klar entscheiden können, ob sie an einer partizipativen und kollektiven Maßnahme wirklich teilnehmen möchten oder nicht und ob sie das damit verbundene Engagement auf sich nehmen – und auch, ob sie der Programmleitung ihr Vertrauen schenken können oder nicht. Die Nationale Wohnungsbaubank finanziert nämlich keine kollektiven Baumaßnahmen (kollektiver Eigenbau), sondern die Kredite für das Baumaterial (carta de crédito) werden jeweils an die einzelnen BauherrInnen vergeben, die die Mittel dann an das Programm weiterleiten. Die BauherrInnen können daher im Rahmen der erwünschten Transparenz der Verfahren jederzeit ihren persönlichen „Kontostand“ bei der Programmkoordination abfragen und müssen ihn erklärt bekommen. Selbstverständlich geschieht dies einvernehmlich mit der Wohnungsbaubank, die, wie oben genannt, zu Beginn jeder Maßnahme die interinstitutionellen Verträge mit unterzeichnet, und natürlich ist es ein erheblicher organisatorischer Mehraufwand für die Programmleitung, die das aber im Namen der sozialen Kompetenzförderung gern auf sich nimmt.

Nach Aufnahme in das Programm wissen die Familien, dass sie nunmehr in sehr absehbarer Zeit, nämlich in acht bis zehn Monaten, eine gute und ausbaufähige Wohneinheit gutgeschrieben bekommen werden, die sie dann ihr Eigen nennen dürfen und innerhalb der nächsten zwölf Jahre in durchaus erschwinglichen Raten abbezahlen können. Besonders in der Anfangsphase finden viele Treffen und Arbeitssitzungen mit den BauherrInnen-Gruppen statt, um über die „idealen“ Grundrisse und die Gebäudeplanung zu diskutieren und darüber mitentscheiden zu können; dies natürlich im Rahmen der realen Möglichkeiten und unter Berücksichtigung der Vorstellungen, Wünsche und Lebenssituationen der einzelnen Familien. In dieser Phase entstehen meistens drei bis fünf Entwürfe für die gesamte Gruppe, wobei jede Familie sich letztendlich für einen dieser Entwürfe entscheiden muss; die Wohneinheiten können dann anlässlich der Strukturplanung sinnvoll zugeordnet werden. Die Familien können in fast allen Fällen auch bei den Planungen des städtebaulichen Strukturkonzeptes mitentscheiden, zum Beispiel darüber, ob die Gruppe eher mehr halböffentliche Freiflächen wünscht oder statt dessen lieber größere private Gärten hätte, denn die Gesamtfläche bleibt immer gleich groß erhalten. Wenn dann zu einem etwas späteren Zeitpunkt die Jugendlichen „auf die Bühne treten“ und die Baumaßnahme beginnt, werden die Familien unbedingt dazu aufgefordert, kontinuierlichen und freundschaftlichen Kontakt zu diesen Jugendlichen zu halten, und es werden gemeinsame Treffen beider Gruppen veranstaltet. Dies kann zum Beispiel so aussehen, dass die Jugendlichen sich sehr darüber freuen, wenn am besuchsoffenen Sonntag die Familien wirklich kommen, sich über die Fortschritte ehrlich freuen und in Anerkennung Kuchen und sonstige regionale Leckereien mitbringen.

Die Lehr-Baustelle steht in einem übergeordneten Zusammenhang. Um es zu wiederholen: Das Programm Aprendendo e Construindo hat offiziell zum Ziel, junge Menschen für Berufe im Bausektor zu qualifizieren. Das Ausbildungsinstrument ist die konkrete Ausführung von handwerklichen Gewerken an den Wohneinheiten des sozialen Wohnungsbaus bei gleichzeitiger Partizipation der Gemeinde. Dieses Modell der beruflichen Qualifizierung stellt in Brasilien eine Neuerung dar; es führt das Erlernen der spezifischen handwerklichen Fertigkeiten durch die Jugendlichen zusammen mit der allgemeinen sozialen Kompetenzförderung und dem Erwerb von Kenntnissen über die Arbeitswelt auf der Baustelle. Dies geschieht, indem die Schüler auf einer Lehr-Baustelle lernen und arbeiten, die so strukturiert ist, dass sie den Erfordernissen der Lehre dient und gleichzeitig die Dynamik, Funktionalität und Organisation einer realen Baustelle vermittelt. Hinzu kommt, dass die Jugendlichen eine prozessbegleitende sozialpädagogische Betreuung erhalten, die ihnen eine erweiterte, verbesserte Ausbildung ermöglicht und sie befähigt, ihren zukünftigen Beruf und die realen Gegebenheiten auf dem Bau erfolgreich zu bewältigen. Zugleich bekommen sie so auch bessere Chancen, im Baugewerbe eine Arbeitsstelle zu finden. – Die Lehr-Baustellen bestehen aus der Baustelle selbst sowie aus recht gut ausgerüsteten Klassenzimmern, geeigneten Räumlichkeiten für die Verwaltung und die pädagogische Supervision der Jugendlichen, Material- und Werkzeuglager, Lehrwerkstätten für Schreiner und Klempner, Küche, Toiletten, Duschen und Umkleideräumen. In allen Arbeitsetappen – vom ersten Aufmaß der Fläche bis hin zum letzten Pinselstrich an den fertigen Häusern – erhalten die Jugendlichen sowohl theoretischen als auch praktischen Unterricht. Die Lehrer sind Bautechniker, die an der Universidade do Estado da Bahia ausgebildet wurden. Außerdem werden die Jugendlichen auf der Baustelle von besonders ausgewählten erwachsenen Fachleuten betreut (Maurer, Maler, Klempner, Schreiner, Elektriker), die sich während dieser Kurse weiterqualifizieren können und zu Gruppenleitern des Baugewerbes ausgebildet werden.

Zur Übergabe der fertigen Häuser an die Familien gibt es immer ein großes Fest. Viel Freude und Rührung, viel Austausch und Zusammengehörigkeitsgefühle, gefühlvolle Abschiede von der Programmleitung und den ans Herz gewachsenen TechnikerInnen, wieder Lorbeeren, viele Reden und lobende Presse ... Alle Beteiligten haben dabei etwas hinzugewonnen.

Das Ende eines Programms

Eine Schlussbemerkung: Seit 2004 führte das Programm Aprendendo e Construindo keine neuen Maßnahmen mehr durch. Es wurde zwar nicht offiziell beendet, aber auch nicht weitergeführt. Politische und/oder personelle Veränderungen innerhalb der teilnehmenden Institutionen und Behörden und Unverläßlichkeiten bei den Mittelzuweisungen waren zwar wichtige Gründe, aber sie waren nicht die einzigen. Es hatte sich auch eine gewisse Ermüdung eingestellt. Trotz mehrfacher offizieller Würdigungen des Programmes und einiger Darstellungen auf Seminaren und Veröffentlichungen fand sich bisher leider kein Ministerium auf nationaler oder bundesstaatlicher Ebene, das wirklich gewillt war, es als Dauerprogramm einzurichten – sprich, es maßgeblich zu fördern und verantwortlich durchzuführen. Es fand sich also bisher niemand, der den Schritt tun konnte oder wollte, wieder die Verantwortung zu übernehmen und die „Seele“ von Aprendendo e Construindo zu sein, ohne die das Ganze nicht funktioniert.

Für die Forschungsgruppe THABA an der Universität Universidade do Estado da Bahia war nach fast sieben Jahren die Zeit der Aktionsforschung und Partizipationsplanung für Aprendendo e Construindo seit der ersten Pilot-Phase in Lauro de Freitas und der Implementierung der Folgemaßnahmen in elf Städten des Bundesstaates Bahia endgültig abgeschlossen. THABA hatte das „Musterkind“ gern in gute Hände übergeben wollen: Sie ist eine Forschungsgruppe und keine Baubehörde. Die Forschungsgruppe hat sich mittlerweile neuen Aufgaben in Forschung und Lehre zugewandt, in die der reiche Erfahrungsschatz aus dem Programm Aprendendo e Construindo mit einfließt. Vieles dreht sich im Rahmen des vorliegenden sozio-ökonomischen Kontextes um Fragen nach Recht, Macht und Selbstbestimmung.

Es wäre in der Tat sehr wichtig und wertvoll, wenn ein solch ganzheitlich angelegtes, demokratisches Programm, wie es das Programm Aprendendo e Construindo ist, auf nationaler Ebene verankert würde und auch positive Außenwirkungen für andere Länder haben könnte, in denen ähnliche Fragestellungen wie in Brasilien anstehen.


Evelyn Hartoch ist Stadt- und Landschaftsplanerin. Aus Kassel stammend, lebt sie seit zwölf Jahren in Bahia, Brasilien. Dort arbeitet sie in Projekten des Sozialen Wohnungsbaus sowie als interkulturelle Beraterin und führt Fachexkursionen durch (www.bahiawillkommen.de ). Ihre Adresse und Telefonnummer können InteressentInnen gern bei der Redaktion erfragen.

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