BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

Newsletter abonnierenKontaktSuchenSitemapImpressum
BdWi
BdWi-Verlag
Forum Wissenschaft

Der Eigen-Sinn des Gebärens

15.11.2007: Von den Grenzen der Planbarkeit des Menschen

Planung der Geburt von Kindern gibt es seit Jahrhunderten. Sie war Frauensache, aber schon seit der Antike ein „öffentliches“ Thema. Mit welchen gesellschaftlichen und politischen Interessen sie sich verband und verbindet, welche Fragen und Spannungen sie aufgeworfen hat, welche Planungs- und Realisierungsmethoden sich heute durchzusetzen beginnen, anknüpfend an welche Bedarfs- oder Bedürfnis-Vorstellungen, zeichnet Ulrike Baureithel nach.

In seiner eindrucksvollen Autobiografie erzählt Carl Djerassi, bekannt als „Vater der Pille“, wie er durch die Erfindung von Kontrazeptiva vorgestoßen sei zur gesellschaftlichen Relevanz wissenschaftlicher Entdeckungen. Die von ihm verantwortete „chemische Geburt der ‚Pille‘ am 13. Oktober 1931“, schreibt er, habe ihn dazu gebracht, sich „mehr und mehr mit den sozialen Weiterungen dieser wissenschaftlichen Arbeit auseinanderzusetzen.“1 Denn während die „Hardware“ (Pille, Kondome und anderen Möglichkeiten der Geburtenkontrolle) noch relativ überschaubar, einfach zu entwickeln und zu steuern sei, beinhalte die „Software“ die wirklich schwierigen religiösen, juristischen, gesundheitspolitischen, kurz: die gesellschaftlichen Fragen2, denen er sich im späteren Leben zugewandt habe. Geburtenkontrolle und der Einsatz von Verhütungsmitteln, daran lässt der Pillen-Erfinder keinen Zweifel, seien nicht in erster Linie vom jeweiligen Stand der Wissenschaft abhängig, sondern vom sozialen Klima und den Fragen, die die Gesellschaft an die Wissenschaft richte. Ein solcher Paradigmenwechsel habe auch dazu geführt, dass die Forschung sich seit mehreren Jahrzehnten kaum mehr um Empfängnisverhütung, sondern vielmehr um die Erforschung und Behandlung von Unfruchtbarkeit bemühe.3

Die Reproduktion der Gattung einer scheinbar wildwüchsigen Natur zu entreißen und sie technokratisch zu kontrollieren, war keineswegs nur der Wunschtraum einzelner Wissenschaftler, sondern von jeher ein gesellschaftliches Projekt. Die luzideste anthropologisch-ökonomische Theorie zur Aneignung des weiblichen Reproduktionsvermögens – in einem ganz allgemeinen Sinn – hat Claude Meillassoux in der Nachfolge von Claude Levi-Strauss vorgelegt.4 Vom Frauenraub über den Frauentausch bis hin zum bürgerlichen Heiratsunternehmen und der Zweikindfamilie gehorchte die Fortpflanzung immer auch ökonomischen Erfordernissen: der (Groß-)Familie auf der einen Seite, des Staates auf der anderen. Die Geburten- und Sterblichkeitsraten – das erleben wir aktuell wieder einmal – sind Kennziffern der gegenwärtigen und künftigen gesellschaftlichen Prosperität; Wirtschaftswachstum und soziale Sicherung sind abhängig vom „Humankapital“, das auf die eine oder andere Weise in den ökonomischen Kreislauf eingespeist werden muss.5 Es wäre allerdings kurzschlüssig, Kinderreichtum mit Wohlstand, eine hohe Geburtenrate mit volkswirtschaftlicher Blüte gleichzusetzen. Es war, das zeigt der Blick in die Geschichte, vielmehr umgekehrt: Erst die Kontrolle über den Kindersegen ermöglichte den Aufstieg der Industrienationen, erst die mögliche Entscheidung darüber, wie viele Kinder man auf die Welt setzen wollte, machte das Familienmodell der bürgerlichen Mittelschicht zum globalen Erfolgsschlager. Dabei standen private Nachwuchsplanung und staatliche Bevölkerungspolitik von jeher in einem Spannungsverhältnis, und zwar in dem Maße, wie sich das wissenschaftliche Machbare erweiterte und sich der Entscheidungsradius – vor allem der Frauen – vergrößerte.

Familienplanung und Verhalten

Exemplarisch lässt sich das in der deutschen Geschichte verfolgen, denn in Deutschland zeitigten individuelle Reproduktionsplanung und staatliche Bevölkerungspolitiken sowohl synchrone als auch gegenläufige Entwicklungen, die paradigmatisch für die zeitgenössische Diskussion gelten können. Das von dem frühen Bevölkerungstheoretiker Malthus6 und in seiner Nachfolge vom Sozialdarwinismus aufgemachte Schlachtfeld war hier besonders umkämpft, weil der Pronatalismus des Kaiserreiches und die dramatischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges in Konflikt gerieten und hybride Blüten trieben.7 Während die neomalthusianische „Bevölkerungsfrage“ schon weit vor 1914 auf dem gesamteuropäischen Programm stand, war sie besonders in Deutschland früh getränkt von rassenhygienischem und eugenischem Gedankengut. Im Kern zielte die Bewegung, die später von den Nationalsozialisten aufgegriffen werden sollte, darauf, den Staat nicht nur mit Nachwuchs, sondern mit ganz bestimmtem Nachwuchs zu versorgen. Im Sinne planbarer Fortpflanzung fanden sich die Protagonisten einer „wissenschaftlichen“ Eugenik zusammen mit jenem Teil der Frauenbewegung – dem Kreis um Helene Stöcker und den Bund für Mutterschutz8 –, der unter klassen- und frauenspezifischer Perspektive für die Senkung der Geburtenrate stritt. Gleichzeitig setzten in einer für Europa einmaligen Weise 1913 die deutschen Sozialdemokratinnen die Reproduktionsfrage auf die Agenda, indem sie mittels eines von ihnen initiierten „Gebärstreiks“ gegen den Krieg in Stellung gingen und die Entscheidung über die Fortpflanzung in die politische Strategie einspannten.

Das Feld war ideologisch also gut bestellt, als nach dem Ersten Weltkrieg die Rede über die „demographische Krise“9 alarmierte und Mutterschaft, Hausfrau und ganz allgemein die Reproduktion in den Fokus der Aufmerksamkeit rückte.10 Die Zweikinderfamilie, die von den bürgerlichen Mittelschichten modelliert worden war, breitete sich – zumindest als erwünschte Möglichkeit – in der städtischen Angestelltenschicht, aber zunehmend auch in der Arbeiterklasse aus. Die Historikerin Karen Hagemann hat diese zunächst ideologische, dann alltagswirksame „Rationalisierung der Fortpflanzung“, die nicht zu trennen ist vom zeitgenössischen Kampf gegen den § 218, in einer minutiösen historischen Studie im Hamburger Arbeitermilieu verfolgt.11 Die Sexualreformbewegung war Antwort auf die ökonomische und soziale Krise und forcierte eine Modernisierung, bei der eines der Kernstücke die quantitative und qualitative Planung der Fortpflanzung war. Die praktische „Nachhaltigkeit“ dieser Bewegung ist daran zu ermessen, dass es den Nationalsozialisten – trotz aller pronatalistischen Propaganda und trotz aller realen Unterstützungsleistungen für diejenigen, deren Nachwuchs erwünscht war – nie gelang, die Geburtenrate signifikant zu erhöhen.12 Es ist das historisch prominenteste Beispiel für die Grenzen, die der staatlichen Bevölkerungsplanung gesetzt sind, und ein Indikator für die damalige Verbreitung verhütungswirksamer Maßnahmen.

Doch was als Gradmesser zunehmender weiblicher Autonomie gelten könnte, ließe sich auch deuten als Zeichen einer Normalisierung: Den Paaren – Frauen und Männern – mag es so scheinen, als ob sie darüber bestimmten, wie viele Kinder sie bekommen und aufziehen wollen, gegen jede staatliche Intervention. Aufs Ganze gesehen – das jedenfalls legt die Inspektion der Nachkriegszeit nahe – bewegten sie sich aber durchaus im Rahmen des staatlich Erwünschten. Wie sonst ließe sich erklären, dass es in der Bundesrepublik und in der DDR zwar unterschiedliche Haltungen zum Schwangerschaftsabbruch gab, das Zweikind-Modell sich aber in beiden deutschen Gesellschaften durchsetzte und „normalisiert“ wurde. Gleichzeitig, darauf verweist Daphne Hahn, hielten beide Staaten – im Westen auf Grundlage des nie außer Kraft gesetzten nationalsozialistischen Erbgesundheitsgesetzes („Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1934), im Osten auf Basis des 1969 erlassenen Sterilisationsgesetzes im Rahmen des weiblichen Gesundheitsschutzes – die Frauen dazu an, „erbkranken Nachwuchs“ auf freiwilliger Grundlage, „selbstbestimmt“, zu vermeiden.13

„Familienplanung“ bestimmte also lange vor der „sexuellen Revolution“ der Achtundsechziger, vor der Massenverbreitung der „Pille“ und auch noch bevor der erste Arbeiter- und Bauernstaat respektive das bundesdeutsche Wirtschaftswunder die weibliche Arbeitskraft mobilisierten, das alltägliche Sexualverhalten. Zwar ist es der Neuen Frauenbewegung und ihrem Kampf gegen den § 218 zu verdanken, dass Reproduktionsautonomie als weibliches Recht überhaupt in den Blick geriet, aber in gewisser Hinsicht fielen auch diese der List der Geschichte zum Opfer, indem das reklamierte Selbstbestimmungsrecht sich durchaus konform verhielt zur sozialen Rationalisierung der sechziger und siebziger Jahre. Hinterrücks – das sollte den bewegten Frauen allerdings erst später auffallen – mutierte „Selbstbestimmung“ sogar zu einem Instrument zur Durchsetzung des genetischen Paradigmas.14

Es ist kein Zufall, dass der Aufstieg chemischer Kontrazeptiva und der neue Bevölkerungsdiskurs in die gleiche Zeit fallen und globale Institutionen beginnen, sich über das dramatische Bevölkerungswachstum („Zeitbombe Mensch“, „Bevölkerungsbombe“) zu sorgen. Das weibliche Gebärverhalten geriet wieder einmal unter das Kuratel selbst ernannter und international agierender Demografiebeauftragter, die die unerwünscht hohen Geburtenraten in den nicht entwickelten Ländern mittels Familienplanungsprogrammen und mehr oder minder freiwilliger Maßnahmen zu regulieren versuchten.15 Damals zeichnete sich bereits jenes Muster ab, das heute die demografische Debatte bestimmt: Je höher der „Status“ von Frauen ist, desto geringer ist ihre Kinderzahl.16

Durchgeplante Schwangerschaften

Im Unterschied zu Ländern, in denen Kinder noch völlig unkontrolliert geboren wurden, waren die vielen Sabinchen und Kläuschen, die 1964 – auf dem Höhepunkt der Baby-Boomer – im deutschen Wirtschaftswunderland auf die Welt kamen, durchaus „geplant“. Sie gehörten indessen der letzten Generation an, deren Eltern sie – je nach Orientierung – als gottgewollt oder als Schicksalsfügung so in Empfang nahmen, wie sie nun einmal waren: Mädchen oder Junge, hübsch oder hässlich, gesund oder mit einem Handicap.

Das änderte sich erst über ein Jahrzehnt später mit Louise Brown. Das erste 1978 geborene Retortenkind der Welt revolutionierte alle Vorstellungen von Schwangerschaft und Geburt. Hatte die Antibaby-Pille bis dahin nur davon entlastet, überhaupt schwanger zu werden, eröffnete Louise völlig neue Perspektiven auf das Wie: Unabhängig vom eigentlichen „Akt“ und außerhalb des mütterlichen Schoßes war es plötzlich möglich, ein Kind zu zeugen, genauer gesagt, in der Petrischale herzustellen. Mit der Produktion des Lebens „in vitro“ ging auch seine Kontrolle einher. Der in den Jahrhunderten davor mystisch aufgeladene „Stoff“ war zum „Material“ geworden, isolier- und handhabbar, zuzurichten und bei Bedarf zu verwerfen, immer im Hinblick auf das erwünschte „Produkt“ Kind.

Heute heißen die Kinder nicht mehr Sabine oder Klaus, sondern tragen die altmodischen Namen ihrer Urgroßeltern. Aber selbst wenn der Retro-Kult wieder einmal bei Sabine oder Klaus landen sollte, niemals mehr werden sie so geboren werden wie 1964. Denn heute gerät der Embryo schon im Mutterleib ins Visier, wird kritisch beobachtet, begutachtet, vermessen, gewissermaßen einer Qualitätsprüfung unterworfen. Nichts bleibt mehr unsichtbar und nur dem Spüren, Horchen und Tasten der werdenden Mutter zugänglich. Lange noch bevor ein Baby die Augen aufschlägt und die Welt wahrnehmen kann, rückt es selbst in den visuellen Mittelpunkt der Wahrnehmung.17 Empfing man es früher erleichtert mit den Worten „Hauptsache gesund!“, müssen sich Eltern heute rechtfertigen, wenn ihr Baby mit einem „Mangel“ behaftet ist: War „das“ denn notwendig, angesichts der Vielzahl vorgeburtlicher Tests?

In den sechziger Jahren ging eine Schwangere noch „guter Hoffnung“ – heute lebt sie in einem Zustand zwischen Hoffen und Angst. Mit der Aushändigung des „Mutterpasses“ unterliegt die schwangere Frau einer regelmäßigen Kontrolle. Sie wird nach Familienkrankheiten befragt und es wird nach Hinweisen für „Risiken“ gefahndet. Blut und Urin geben Auskunft über den „Zustand“ ihres Kindes, regelmäßig wird ihr Blutdruck gecheckt, ihr Gewicht kontrolliert, und drei Mal, so sehen es die deutschen Vorsorgerichtlinien vor, sollte während der Schwangerschaft ein Ultraschall durchgeführt werden. Gebannt schaut die schwangere Frau dann auf den Monitor: Wie liegt der Embryo, wie oft in der Minute schlägt sein Herz, hat er alle zehn Fingerchen, wie bewegt er sich? Wo das Gewebe „dichter“ ist, bildet sich auf dem Ultraschallbild das uns heute so geläufige Graubild des Fötus ab; ein Schattenriss, den man „ein Leben“ nennt und den die Schwangere später stolz herumreichen wird.

Als meine Bekannte Elli Anfang der neunziger Jahre feststellte, dass sie das erste Mal schwanger war, war ihre Freude grenzenlos. Einen ganzen Stall Kinder wünschte sie sich, und sie wollte sie nehmen, wie sie kamen. Für Elli war klar, dass sie keine Untersuchungen machen wollte, die sie vor die Entscheidung stellen könnten, am Ende die Schwangerschaft abzubrechen, weil das Kind mit einem „Defekt“ zur Welt kommen könnte. Das war aber gar nicht so einfach, denn wenn Elli ihrer Ärztin gegenübersaß, fiel es ihr schwer, gegenüber der Expertin eine „vernünftige“ Maßnahme wie den Ultraschall abzulehnen. Was aber, wenn sich bei der Untersuchung etwas „Verdächtiges“ zeigen sollte, die berühmte Nackenfalte etwa, die auf ein Down-Syndrom hinweist, oder eine „auffällige“ Bewegung, die auf eine Missbildung schließen lässt?

Einmal in der Routine der Schwangerenvorsorge, ist es, wenn erst einmal ein „Verdacht“ im Raum steht, schwierig, sich aus dem diagnostischen System herauszuziehen. Schon heute wird beispielsweise der Triple-Test, eine Blutuntersuchung, die auf Neuralrohrdefekte (z.B. einen offenen Rücken) hinweist, routinemäßig durchgeführt, obwohl er nachweislich häufig falsch-positiv oder falsch-negativ ist. Das jedoch kann eine betroffene Frau schwer beurteilen; und wenn einmal eine falsch-positive Diagnose gestellt wurde, wird es ihr schwerfallen, die nächste, Sicherheit versprechende Stufe – die Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) – abzulehnen. Ist die Schwangere erst einmal auf die Schiene der Pränataldiagnostik gesetzt, zieht eine Untersuchungsmethode die andere nach. Dies gilt vor allem für die so genannten „Risikoschwangeren“ über 35, von denen bislang angenommen wurde, dass sie mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Kind mit einer „Chromosomenanomalie“ zur Welt bringen. Jüngste Forschungsergebnisse haben dieses Dogma allerdings erheblich relativiert.

Die Schwangerschaft ist juristisch geregelt, medizinisch durchgeplant und kontrolliert: Auf Routineuntersuchungen folgen eine Reihe von Spezialtests, durch die jedes „Risiko“ ausgeschlossen werden soll, die aber nicht selten selbst ein Risiko sind und die „geplante Schwangerschaft“ ad absurdum führen.18 Liegt erst einmal ein „Befund“ vor, bleibt es der schwangeren Frau überlassen, damit umzugehen. Wie trifft frau eine selbstbestimmte Entscheidung? Ist sie haftbar für das „Produkt“, das da in ihrem Bauch wächst? Welche Folgen hat es für behinderte Menschen, wenn sie einen „defekten“ Fötus abtreibt? Einmal davon abgesehen, dass die Tests nur etwas über EURscheinlichkeiten aussagen und schwer zu interpretieren sind, geben sie auch keine Auskunft darüber, wie schwer ein Krankheitsbild ausgeprägt sein wird.19 Andererseits ist die Mehrzahl der Schädigungen pränatal auch gar nicht erkennbar oder tritt erst während und nach der Geburt ein. Das aber verdrängen die meisten, die sich durch die Pränataldiagnostik sicher wähnen. Und es gibt viele, die das Risiko am liebsten schon im Vorfeld minimieren würden, um all die Tests und schwierigen Entscheidungen zu umgehen.

Planungsziel: Eigenschaften

Wer als Reisender gelegentlich Berliner Bahnhöfe passiert, wird mit einem eigenartigen Angebot konfrontiert. Auf der Station Zoologischer Garten kann er beispielsweise auf ein Plakat treffen, auf dem ein aus dem Ei geschlüpftes Baby dunkle Hieroglyphen ausspuckt: IVF, ICSI/Mesa, ICSI/Tesa, FSH, HMG, Kryokonservierung und so weiter. Ein so genanntes „Kinderwunschzentrum“ offeriert seine Dienste. Ein paar Stationen weiter fahndet die „Berliner Samenbank“ nach Samenspendern und wirbt mit der optimalen Bewirtschaftung von Spermien. Die deutsche Hauptstadt hat, scheint es, einen neuen Wirtschaftszweig, der sich rund um den Kinderwunsch zentriert und der, gemessen an den noblen Adressen, auch ziemlich lukrativ ist.

Mit Louise Browns Geburt etablierten sich nämlich nicht nur die Methoden der Pränataldiagnostik, seit den neunziger Jahren erlebt auch der Fruchtbarkeitszauber aus dem Reagenzglas einen gewaltigen Boom. War Louise noch ein „zufälliges“ Retortenbaby, das mittels „einfacher“ In-vitro-Fertilisation (IVF) gezeugt wurde, ist die Palette der Fortpflanzungsmedizin heute unendlich größer und umfasst neben der IVF die Inseminationen (die „einfache“ Spermienübertragung) und Methoden der Mikroinjektion von Spermien (ICSI, die gezielte Übertragung in eine Eizelle), die Konservierung von Spermien und Eizellen und natürlich Hormonbehandlungen aller Art.

Doch mit der künstlichen Befruchtung, die ungewollt kinderlosen Paaren zu helfen versprach, war auch der Vorab-Check der Keimzellen in der Welt, die bis heute umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID). Sie erlaubt es, noch vor der Zeugung, das „Material“ auf seine Beschaffenheit und Güte zu prüfen. Seither macht die Rede vom „Kind nach Maß“ oder „Designer-Kind“ die Runde, und es wird erbittert darum gestritten, was erlaubt ist und was nicht. In Deutschland ist – aus nachvollziehbaren historischen Gründen – die PID, noch, verboten, obwohl sie eine starke Lobby hat.20

Was bereits möglich ist, erlaubt der Blick ins südkalifornische Los Angeles, wo sich ein von gesetzlichen Restriktionen weitgehend unbelastetes Reproduktionsgewerbe – porträtiert in dem eindrücklichen Dokumentarfilm „Frozen Angels“21 – niedergelassen hat. Hier floriert der Markt mit dem Kinderwunsch. In Kühlhäusern lagern eine halbe Million tiefgefrorener Spermien, genug, um eine Stadt zu bevölkern; Embryonen warten auf Abruf, um in einem von Leihmüttern feilgebotenen Uterus zu gedeihen; Leihmütter bieten Austragdienste und junge hübsche Frauen Eizellen an; und eine Phalanx von Spezialisten koordiniert diese Warenströme, an deren Ende eines stehen soll: Das optimale Produkt, das nach Katalog modellierte Baby.

Als Amy und Stece Jurewicz hierher kommen, wissen sie genau, was sie wollen: einen weißen, blauäugigen blonden Jungen. Intelligent soll er auch sein und musikalisch. Und gesund natürlich. Kim Brewer, die schon einmal als Leihmutter fungierte, soll ihr Wunschkind austragen. Sie macht es wegen des Geldes. 64.000 Dollar kostet eine Leihmutter im Katalog, kombiniert mit einer Eizellspende 80.000. Davon bekommen die Frauen natürlich nur einen Bruchteil. In Kari Ciechoski finden die Jurewiczs eine ideale Spenderin von Eizellen, und sie hoffen auf einen blonden Engel.

Aber auch Samenbanken sind eine lukrative Angelegenheit. 45 Millionen Dollar investieren alleine US-Amerikaner in tiefgefrorenes Sperma, sei es, indem sie das eigene für spätere Nutzung konservieren lassen oder fremdes kaufen. „Man kann nach Kriterien auswählen wie Haarfarbe, Haarstruktur, Hautfarbe, Rasse ...“, schwärmt der Betreiber der Agentur. „Man kann Athleten wählen, für sämtliche Sportarten, bis hin zur Couch Potato.“ Nur das Geschlecht darf – was mit ICSI möglich wäre – auch in den USA offiziell nicht vorher bestimmt werden. Mittlerweile wird das Sperma von blonden, blauäugigen amerikanischen Möchtegern-Schauspielern rund um die Welt versandt, selbst in Afrika werden weißhäutige Kinder nachgefragt. Denn so wie der amerikanische Pass „reines Gold“ darstellt, gilt weiße Haut als Eintrittskarte in die amerikanische Gesellschaft.

Dass Menschen ihren Nachwuchs zu kontrollieren versuchen und Erwünschtes gegen Unerwünschtes zu sortieren geneigt sind, ist historisch kein neues Phänomen. Der Züchtungsgedanke trieb schon die antiken Denker um. Im 18. und 19. Jahrhundert schließlich wurden Techniken entwickelt, um das tierische Sperma zu behandeln und die Fortpflanzung von Tieren zu manipulieren; und die Genetik ist eine Disziplin, die an landwirtschaftlich-tierischen Versuchsanstalten praktisch erprobt wurde. Aber im Unterschied zur Tierzucht, wo ein ganzes Tier modelliert und gezüchtet wird, geht es in der fortgeschrittenen Fortpflanzungsmedizin auch darum, in die Keimbahn einzugreifen und per Genmanipulation erwünschte Merkmale zu erzeugen und unerwünschte zu eliminieren.

In welche Richtung diese „schöne neue Welt“ der Repro-Medizin gehen könnte, hat sich Kazuo Ishiguro in seinem – in den Endachtzigern des 20. Jahrhunderts spielenden – Science-Fiction-Roman „Alles was ihr werden konntet“ vorgestellt: „Euer Leben ist vorgezeichnet. Ihr werdet erwachsen, und bevor ihr alt werdet [,...] werdet ihr nach und nach eure lebenswichtigen Organe spenden. Dafür seid ihr geschaffen worden, ihr alle. [...] Über eure Zukunft ist entschieden.“ Bei Ishiguro sind die Organspender Klone, die ihr Menschenrecht einklagen. Die literarischen Phantasien haben eine reale Vorlage: In den USA und in Großbritannien wurden bereits Kinder nur deshalb gezeugt, um sie als Knochenmarkspender für ihre kranken Geschwisterkinder zu benutzen.22 Andererseits: Das menschliche Gebärverhalten folgt seinem Eigen-Sinn, an dem nicht nur Bevölkerungsplaner, sondern wahrscheinlich auch die Repro-Mediziner und Eugeniker scheitern werden.

Anmerkungen

1) Carl Djerassi: Die Mutter der Pille. Autobiographie. Zürich 2002, 12. Der engagierte Djerassi gehörte nicht nur der Pugwash-Bewegung, der Internationale der Naturwissenschaftler(innen), an, sondern begleitete auch den Perestrojka-Prozess in der ehemaligen Sowjetunion.

2) Ebd. S.492; die Computermetapher hat Djerassi selbst auf seinen Forschungsbereich übertragen.

3) Ebd. 494

4) Claude Meillassoux: Die wilden Früchte der Frau. Über häusliche Produktion und kapitalistische Wirtschaft. Frankfurt 1983.

5) Ich habe an anderer Stelle auf die dem Demografiediskurs unterlegten ideologischen Figuren und die praktischen Lösungsmuster hingewiesen, mit denen auf die „Gebärverweigerung“ der Frauenjahrgänge 1955-1970 reagiert wird, vgl. Baby-Bataillone. Demographisches Aufmarschgebiet. Von Müttern, Kinderlosen und der „Schuld“ der Emanzipation. In: Prokla 37 (2007) 1, 25-38.

6) Zum aufklärerischen und pessimistischen Bevölkerungsdiskurs vgl. Heide Mertens: Wunschkinder. Natur, Vernunft und Politik. Münster 1991.

7) Vgl. im Folgenden die Studie von Cornelie Usborne: Frauenkörper-Volkskörper. Geburtenkontrolle und Bevölkerungspolitik in der Weimarer Republik, Münster 1994.

8) Vgl. der jüngst von Ulrike Manz herausgegebene Sammelband Bürgerliche Frauenbewegung und Eugenik in der Weimarer Republik. Taunusstein 2007.

9) Dieser Diskurs weist übrigens frappierende Ähnlichkeiten mit dem aktuellen auf und wäre noch einmal eine eigene Untersuchung wert.

10) Vgl. Dagmar Reese u.a. (Hg): Rationale Beziehungen. Geschlechterverhältnisse im Rationalisierungsprozess. Frankfurt 1993.

11) Karen Hagemann: Frauenalltag und Männerpolitik. Alltagsleben und gesellschaftliches Handeln von Arbeiterfrauen in der Weimarer Republik. Bonn 1990, vgl. 220 ff. Zu den Allianzen von linken Sozialhygienikern, rechten Rassenideologen und Frauenbewegung in der Weimarer Republik vgl. Manz.

12) Auf diesen Umstand macht der Wiener Historiker und Bevölkerungsforscher Josef Ehmer aufmerksam.

13) Daphne Hahn: Modernisierung und Biopolitik. Sterilisation und Schwangerschaftsabbruch in Deutschland nach 1945. Frankfurt 2000. Es gehört zu den „sprechenden“ Randnoten, dass exponierte Wissenschaftler wie der Genetiker Hans Nachtsheim drei deutsche Systeme unbeschadet überstanden, ohne ihre grundsätzlichen Positionen in dieser Frage revidieren zu müssen. Nachtsheim, der 1934 das „Erbgesundheitsgesetz“ forciert hatte, hielt auch 1945 daran fest, ohne dass dies seine Karriere beeinträchtigt hätte, vgl. hierzu Alexander von Schwerin: Experimentalisierung des Menschen. Der Genetiker Hans Nachtsheim und die vergleichende Erbpathologie 1920-1945. Göttingen 2004.

14) Vgl. Ulrike Baureithel: Eine Frage der Selbstbestimmung? In: Gen-ethischer Informationsdienst 182/2007.

15) Vgl. Diana Hummel: Demographisierung gesellschaftlicher Probleme? Der Bevölkerungsdiskurs aus feministischer Sicht. In: Peter A. Berger/Heike Kahlert: Der demographische Wandel. Chancen für die Neuordnung der Geschlechterverhältnisse. Frankfurt 2006.

16) Ebd. 43.

17) Vgl. hierzu die einschlägigen Studien der Bremer Historikerin Barbara Duden.

18) Die Fruchtwasseruntersuchung ist der häufigste Routinetest, bei dem chromosomale Krankheiten wie ein Down-Syndrom (Trisomie 21) oder eine andere Erbkrankheit ausgeschlossen werden sollen. Im Unterschied zum Ultraschall, der nicht direkt in den Körper eingreift, muss das Fruchtwasser mit einer Nadel durch die Bauchdecke entnommen werden. Weil der Eingriff häufig erst nach der 15. Schwangerschaftswoche erfolgt, kann es zu Fehlgeburten kommen. Das Risiko ist zwar nicht so hoch wie bei der körperlich noch unangenehmeren Chorionzottenbiopsie, bei der Gewebe durch die Scheide entnommen wird. Doch wenn sich der Verdacht erhärtet und sich die Frau gegen die Schwangerschaft entscheidet, kann der Abbruch erst im zweiten Drittel der Schwangerschaft durchgeführt werden. Häufig werden die Gewebeproben noch weiteren biochemischen und genetischen Tests unterzogen, um eine durch falsche Chromosomenverteilung verursachte Behinderung (neben Trisomie 21 etwa Trisomie 18 oder Trisomie 13, bei der die Kinder frühzeitig sterben) oder eine durch einen Gendefekt ausgelöste Krankheit wie Mukoviszidose (eine schwere Stoffwechselkrankheit), Chorea Huntington oder Muskeldystrophie auszuschließen. Bislang ist das nur bei Krankheiten möglich, die durch ein einziges „falsches“ Chromosom verursacht werden.

19) Zur „Verratlosung“ der genetischen Beratung vgl. Silja Samerski: Die verrechnete Hoffnung. Von der selbstbestimmten Entscheidung durch genetische Beratung. Münster 2002.

20) Zur Präimplantationsdiagnostik vgl. Regine Kollek: Präimplantationsdiagnostik. Embryonenselektion, Autonomie und Recht. Tübingen 2000. Die teilweise schon fast wieder überholten US-amerikanischen Verhältnisse beleuchtet Gina Maranto: Designer-Baby. Träume vom Menschen nach Maß. Stuttgart 1998.

21) Frauke Sandig/Eric Black: Frozen Angels. 2005.

22) Berühmt wurde der Fall Adam Nash aus Minneapolis, der im Jahr 2000 „produziert“ wurde, um als Knochenmarkspender für seine Schwester Molly herzuhalten. Ein ähnlicher Fall ereignete sich in Großbritannien, wo ein bestimmter Spender-Embryo im Reagenzglas ausgewählt werden sollte, mit dem Ziel, für den zweijährigen Bruder Zain, der an einer schweren Blut-Anämie leidet, passendes Gewebe zu spenden.


Ulrike Baureithel ist Literaturwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin in Berlin und befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema Reproduktionstechnologien.

Zum Seitenanfang | Druckversion | Versenden | Textversion