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Klaus Holzkamp

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Zwischen den Stühlen

09.04.2016: Zum Verhältnis von Sozialer Arbeit und Rechtsextremismus

  
 

Forum Wissenschaft 1/2016; Foto: Pressmaster / shutterstock.com

Im Fokus einer Problematisierung von Rechtsextremismus stehen zumeist Jugendliche und deren spezielle subkulturelle Ausformung rechtsextremer Ideologie. Öffentlich diskutierte Vorschläge zum Umgang mit dieser Problematik sehen im Kern Akteure der Sozialen Arbeit, Schule oder eine Entfaltung bürgerschaftlichen Engagements in der Pflicht. Friedemann Affolderbach will anhand eines Beispiels veranschaulichen, wie mit Rechtsextremismus in einer Kleinstadt eines sächsischen Landkreises umgegangen worden ist und fragt danach, welche Rolle dabei Sozialer Arbeit zugekommen ist.

Seit mehreren Jahren gibt es im Stadtrat der Kleinstadt X mehrere Mitglieder der NPD. Darüber hinaus hat sich in der Stadt seit längerem eine breite Szene der extremen Rechten mit einer entsprechenden Infrastruktur etabliert. Hierzu zählen verschiedene Läden, die von Rechtsextremen betrieben werden, Proberäume von rechtsextremen Bands, diverse Kneipentreffpunkte und das Bemühen seitens der Rechtsextremen, Immobilien in der Stadt zu erwerben. Zeitungsberichte und die überregionale öffentliche Darstellung der Problematik z.B. im Fernsehen geben ein entsprechendes Zeugnis und beschreiben alltägliche Erfahrungen von Diskriminierung, Bedrohung und Gewalt durch Akteure der extremen Rechten.

In diesem Kontext wurde neben vereinzelten verwaltungstechnischen, polizeilichen und juristischen Interventionen, Soziale Arbeit als zentrales Mittel zur Bekämpfung des Rechtsextremismus gedacht und praktiziert. Wie sich die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus in ihrer konkreten Tätigkeit darstellt, darüber berichtet eine Sozialarbeiterin aus der Kleinstadt X: "Frau Apfelbaum1: Sie haben ja sicher gehört, dass der Hessische Rundfunk da war, und dass das eskaliert [ist] auf dem Marktplatz. [...] Die Jugendlichen, das war P., S., K. Da hat mich von dem P. - der hat ja noch ein bisschen Verstand - die Oma angerufen und hat mich gebeten, mich um den Jungen zu kümmern. [...] Der kam. Den habe ich angehört, hab mit dem gesprochen, warum das so gewesen ist. Warum die die Naziparolen geschrien haben? Warum sie das Team angegriffen haben? [...] Ich sage: ›P., wir gehen mit deinen andern zwei Kumpels [...] zum Oberbürgermeister [...] Es wird sich entschuldigt!‹ [..] Termin ausgemacht. Ich komme ans Stadthaus hin. Da steht der S. dort [...] Ich dachte, mich tritt ein Pferd. Ich sage: ›Was hast du denn für Abzeichen hier an der Jacke?‹ - ›Die bleiben dran.‹ - Ich sage: ›Nein.‹ - ›Die bleiben dran.‹ - Ich sage: ›Na soll ich dir jetzt mal vormachen, wie schnell du die Jacke aushast? Zieh die Jacke aus!‹ [...] Zog der die Jacke aus und nahm die so über die Schulter, dass man wieder die doofen Abzeichen sieht. Ich sag: ›Was sind denn das eigentlich für Abzeichen?‹ (Schulterzucken) Ich sage: ›Du bist doch nicht ganz astrein‹, sage ich. ›Du hast hier Gelumpe auf der Jacke und weißt gar nicht dessen Bedeutung!‹ Ich sage: ›Da unterhalten wir uns dann.‹ - ›Mit Ihnen unterhalte ich mich gar nicht‹, hat er gesagt. [...] Ich sage: ›S., es tut mir leid. Aber bei dir ist die Zusammenarbeit oder eine Umerziehung total fehl am Platze.‹"2

Öffentlichkeit, Politik und ihre Deutungsmuster

Auffällig ist die Abwesenheit der Öffentlichkeit. In diesem Zusammenhang erscheint Rechtsextremismus als Jugendproblem. In unserem Beispiel ist dies der Blick der "Alten" auf die "Jungen". Sicher erhält eine rechtsextreme Orientierung bei Jugendlichen eine besonders auffällige Form, die typisch ist für die subkulturelle Ausprägung eines Lebensstils junger Menschen, die sich in entsprechenden Codes, Symbolen und Musik ausdrücken. Ein auf solche Phänomene eingeschränkter Blick ignoriert die gesamtgesellschaftliche Problematik des Rechtsextremismus und unterschlägt die eigene Verwicklung und Verstrickung in die gesellschaftlichen Verhältnisse.3 Die Konzentration auf Jugendliche als rechtsextreme Problemgruppe eröffnet die Möglichkeit des Zugriffs durch pädagogische Intervention oder Prävention und vermittelt so den Eindruck, dass ein politisches Problem wie der Rechtsextremismus mit diesen Maßnahmen wirkungsvoll zu bekämpfen sei. Die gesellschaftlichen Fragen, die rechtsextreme Erscheinungsformen aufwerfen, werden geleugnet, pädagogisiert und entpolitisiert. Es besteht also die Gefahr, dass öffentlich auszuhandelnde Fragen gesellschaftlichen Lebens und eine entsprechende Partizipation der Bürgerinnen und Bürger eingeschränkt und verschiedene gesellschaftliche Gruppen, z.B. Jugendliche, einer besonderen Kontrolle und Repression ausgesetzt werden.

Im Beispiel wird vor allem auf die Soziale Jugendarbeit im Kampf gegen den Rechtsextremismus gesetzt. Die geschilderte Erfahrung beschreibt die gesellschaftlichen Erwartungen und Vorstellungen, die durch Akteure Sozialer Arbeit erfüllt werden sollen. Deshalb möchte ich im Folgenden der Frage nachgehen: Warum hat Politik ein spezielles Interesse an Sozialer Arbeit und worin bestehen gesellschaftliche Funktion und die Grenzen Sozialer Arbeit?

Soziale Arbeit als Passivierung und Brücke zum Alltagsverstand

War Soziale Arbeit unter fordistischen Vorzeichen an einem Normativ orientiert, z.B. wie Jugend sein soll, ist unter neoliberaler Perspektive das Subjekt durch Soziale Arbeit aktiv in die Bearbeitungsprozesse gesellschaftlicher Konflikte einbezogen und wird gleichzeitig dazu angehalten die zugewiesene Position in ihrer gesellschaftlichen Begrenzung zu halten, zu passivieren. Entsprechend hat "[...] Soziale Arbeit zunehmend Aufgaben der dauerhaften Ausgliederung (aus der Lohnarbeit) und des ›ökologischen‹ Ausbalancierens der vielfältigen gesellschaftlichen Spaltungen in Teilgesellschaften bei gleichzeitiger Sicherung des Gesamtsystems wahrzunehmen"4. Soziale Arbeit ist Instrument gesellschaftspolitischen Handelns.

In meinem Beispiel ist die Sozialarbeiterin konkret durch die Oma aufgefordert sich um deren Enkel zu kümmern und erzieherisch zu handeln. Soziale Jugendarbeit erscheint in diesem Kontext, neben Elternhaus und Schule, als eigenständige Sozialisationsinstanz und damit auch als Instrument politischer Interessen. Wenn dem so ist, gibt es neben den so genannten "Betroffenen" Sozialer Arbeit andere Interessengruppen, die sich etwas von Sozialer Arbeit versprechen. Sehen wir die Politik als eine dieser Interessengruppen in einer Kommune, hat diese die Macht, über Regularien und Ressourcen sozialer Jugendarbeit zu entscheiden und so ein Mittel zur Lenkung und Kontrolle von Jugendlichen in der Hand. Soziale Arbeit ist also "[...] selbst als aktiver Teil der ideologischen Staatsapparate zu betrachten, deren Adressaten sowohl der herrschende ›Block an der Macht‹ als auch die subaltern gehaltenen Gruppierungen sind."5 Was aber macht das "Instrument" Soziale Arbeit für die Politik besonders interessant?

Politik findet in Sozialer Arbeit eine kommunikative Brücke zum Alltagsverstand6 der Menschen und räumt diesen ein gewisses Maß an Selbstbestimmung ein. Auf dieser Basis organisiert Soziale Arbeit das Einverständnis der Menschen mit der herrschenden Politik und den gesellschaftlichen Verhältnissen.7 Betrachten wir diese These am Beispiel der zitierten Sozialarbeiterin. Sie berichtet, dass Jugendliche ein Kamerateam auf dem Marktplatz angegriffen und "Naziparolen geschrien" haben. Sie fordert die Jugendlichen auf, sich beim Oberbürgermeister zu entschuldigen und gerät auf dem Weg dorthin in eine Diskussion über rechtsextreme Symbolik an der Jacke eines der Jugendlichen, die dieser entfernen soll. Dieser weigert sich und provoziert. Im Ergebnis resigniert die Sozialarbeiterin und stellt fest, dass eine "Zusammenarbeit" oder eine "Umerziehung" nicht möglich seien. Die Sozialarbeiterin organisiert eine Kommunikation zwischen dem örtlichen Oberbürgermeister und den rechtsextremen Tätern. Es gibt keine Entschuldigung bei den Opfern, sondern bei der kommunalen Macht. Ziel dieser Intervention, so lässt sich vermuten, ist eine Disziplinierung der Jugendlichen durch eine beeindruckende Machtdemonstration des Oberbürgermeisters, der einen vermeintlichen Imageschaden für die Stadt abzuwenden hat. Soziale Jugendarbeit definiert sich in unserem Beispiel als "Umerziehung" und offenbart so einen repressiven Charakter. Es wurde der gescheiterte Versuch unternommen, rechtsextreme Jugendliche zu einem Einverständnis mit dem vorgegebenen gesellschaftlichen Rahmen zu bewegen. Deutlich wird hier die Funktionalisierung Sozialer Arbeit durch übergeordnete Interessen und deren Wirken als "Instanz sozialer Kontrolle"8. Der Versuch, Jugendliche zur gesellschaftlichen "Normalität" zu bewegen, scheitert und zeigt auch die Grenzen Sozialer Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen.

Grenzen Sozialer Arbeit

Soziale Arbeit sitzt so zwischen zwei Stühlen. Sie ist auf der einen Seite Vertreterin von mächtigen gesellschaftlichen Interessen und ihrer Gruppierungen und gleichzeitig Möglichkeit den Rahmen für eine Orientierung im gesellschaftlichen Leben zu schaffen. Soziale Arbeit kann soziale Findungs- und Verständigungsprozesse unterstützen und begleiten, aber nicht selbst initiieren. In Bezug auf ein gesamtgesellschaftliches Problem wie den Rechtsextremismus erweist sich Soziale Arbeit dabei als eine eingeschränkte Handlungsform. Es kann von ihr nicht erwartet werden, allein durch pädagogische Interventionen rechtsextremistische Orientierungen zu bekämpfen. Soziale Arbeit sieht sich in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus vor allem mit Menschen konfrontiert, die Angst vor einem sozialen Abstieg, vor sozialem Ausschluss und Ausgrenzung haben9 und aus diesem Grunde selbst die Ausgrenzung anderer fordern. Für eine Soziale Jugendarbeit lassen sich in diesem Spannungsfeld folgende Handlungsschwerpunkte10 setzen: a) Für eine Soziale Arbeit mit rechtsextremen Parteien und Kameradschaften gibt es keine Möglichkeit. Dies ist das Aufgabenfeld von Polizei, Justiz und Politik. Soziale Arbeit hat aber die Möglichkeit der Beratung und Begleitung von Aussteigern aus der rechten Szene. b) In der Arbeit mit Jugendlichen, die noch nicht in einer gefestigten rechtsextremen Szene beheimatet sind oder die sich rechtsextrem orientieren, ist eine fachlich qualifizierte, sozialpädagogische Jugendarbeit eine Möglichkeit. Einen konzeptionellen Rahmen entwickelte Franz Josef Krafeld und machte in diesem Zusammenhang auch deutlich, dass dies eine pädagogische Arbeit ist, die an die Persönlichkeit der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter besondere Anforderungen stellt und ein entsprechend reflexives politisches Bewusstsein voraussetzt.11 c) In der Arbeit mit politisch nicht festgelegten Jugendlichen ist Soziale Arbeit aufgefordert, demokratische Lebensformen zu bestärken und Partizipation zu befördern, immer mit dem Wissen, dass auch diese Jugendlichen im Rahmen der gesellschaftlichen Diskurse rechtsextreme Orientierungen aufgreifen können. Dies bedeutet, mit Verweis auf Krafeld, dass die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in der Lage sein sollten, entsprechend politisch zu reflektieren und die Vorstellung von einer vielfältigen, demokratischen Kultur teilen müssen, um sich auf diesem Hintergrund für die Perspektiven der Jugendlichen stark zu machen.

Stärkung demokratischer Kultur als Strategie gegen Rechtsextremismus

Als Reaktion auf ein Erstarken rechtsextremer Hegemoniebestrebungen im Osten der Bundesrepublik wurde im Jahr 2001 mit dem Bundesprogramm "Civitas - initiativ gegen Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern" reagiert. Mit diesem Ansatz war ein Perspektivwechsel verknüpft, der sich von der Fixierung des Problems rechtsextremer Erscheinungsformen auf Jugendliche löste und von der Grundannahme ausging, dass rechtsextreme Einstellungsmuster ein gesellschaftlich allgemeineres Problem darstellen und einer entsprechend angepassten Bearbeitungsform bedürfen. Bemerkenswert an diesem Förderprogramm war, dass es den konzeptionellen Aktionsrahmen für gesellschaftliche Akteure auf die Zivilgesellschaft erweiterte.12

In diesem Zusammenhang ergibt sich eine Unklarheit in der Verwendung des Begriffes der "Zivilgesellschaft". Zivilgesellschaft wird als Form des "Öffentlichen", das, was nicht Ökonomie, nicht Politik ist, kurz als das "Andere" der Politik verstanden. Die Gefahr in diesem Verständnis von Zivilgesellschaft besteht darin, demokratisches Handeln und Wirken außerhalb der Politik anzusiedeln, und so politisch Verantwortliche aus der Pflicht zu nehmen, Demokratie zu stärken und zu fördern.13

Ein weiterer Akteur der Kleinstadt X formuliert seine Vorstellung einer zivilgesellschaftlich-demokratischen Kultur wie folgt: "Herr Krüger: Also, entscheidend für mich ist der Respekt. Dass ich den andern respektiere und dass ich auch respektiert werde. Vielleicht so rum: Damit man eine Basis erst mal hat, um sich überhaupt zu verständigen [und] um dann [zu sehen], wo steht der und wo stehe ich. Um den andern auch erkennen zu lassen, das ist meine Meinung, [...] muss ich ihn erst mal respektieren, erst mal mit ihm ins Gespräch kommen. Und das jetzt ins Große übertragen, das ist Demokratie für mich. Mit den Spielregeln leben können und auch, dass ich im Rahmen derer das gestalten kann, dass ich die Regeln auch verändern kann, wenn das und das nicht geht. Aber mit angemessenen Mitteln."14 Gegenseitiger Respekt, gegenseitiges Zuhören gelten hier als Basis, um die Meinung eines anderen, des Gegenübers, zur Kenntnis zu nehmen und zu verstehen. Wichtig ist auch, dass es Regeln gibt, die aber nicht als unumstößlich gelten, sondern auf Grundlage eines gemeinsamen Prozesses veränderbar sind.

Durch die Betonung einer kommunikativen Auseinandersetzung wird ein Kontrast, eine Alternative zu gewalttätigen und zwanghaften Formen des Zusammenlebens aufgezeigt. Intuitiv wird so der Kern eines kritischen Verständnisses von Zivilgesellschaft berührt. In diesem Zusammenhang ist die Förderung demokratischer Kultur als eine Entwicklung von "selbstbestimmter, kooperativer Handlungsfähigkeit"15 zu verstehen. Wenn demokratische Kultur in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus als wirkungsvolle Gegenstrategie diskutiert wird, ist sie nicht als statische Größe, sondern als Prozess zu sehen, der in den Traditionen von Aufklärung und Demokratisierung steht und unabschließbar ist.

Möglichkeiten und Grenzen

Dafür können Punkte benannt werden, die als Merkposten und Meilensteine zur Orientierung beitragen. In Anlehnung an Thaa16 möchte ich vier Punkte herausstellen, die für eine Arbeit gegen Rechts von Bedeutung sind, und zugleich noch einmal die Möglichkeiten und Grenzen Sozialer Arbeit verdeutlichen: 1. Demokratische Kultur stellt einen "Raum der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung" dar, der der Vielfalt an Initiativen, Gruppierungen, Vereinigungen und Bewegungen zu einer Kommunikation, zur Bildung von Netzwerken verhilft und so Politik an "die Lebenswelt der Bürger zurück bindet". Es handelt sich also um einen Raum, der die Auseinandersetzung um "kollektive Orientierungen", um Werte und Weltanschauungen befördert. 2. Demokratische Kultur versteht sich als ein Raum zur Integration und Beteiligung von Minderheiten und soll deren Belangen zu einer Artikulation verhelfen, da "diese in Parteien und Verbänden nur unzureichend repräsentiert sind". 3. Demokratische Kultur soll "Konflikte zivilisieren" und "aktiven Bürgersinn" entwickeln. Dies heißt, im Raum demokratischer Kultur werden Konflikte gewaltfrei ausgehandelt. Diese Erfahrung bildet gleichzeitig die Grundlage, die Rechte des Gegenübers anzuerkennen und öffnet so den Weg, gemeinsam gesellschaftspolitische Fragen zu diskutieren und kollektive Handlungsformen zu entwickeln. 4. Demokratische Kultur soll "durch vielfältige Formen kollektiver Selbstorganisation Solidarität fördern und zur sozialen Sicherheit beitragen." Diese Form der Zusammenschlüsse und Netzwerkbildung von Menschen ermöglicht einen von "staatlichen Bürokratien und von der Konkurrenz des Marktes" freien mündigen Kreis von Menschen, in dem Lösungen für soziale und gesellschaftliche Probleme diskutiert und entwickelt werden können. Ein Mehr an Demokratie bildet eine gute Basis, den Rechtsextremismus einzuschränken und ihm zu begegnen. Im Rahmen einer demokratischen Kultur lassen sich diese Themen aufgreifen und alternative Möglichkeiten z.B. des Gedenkens an Ereignisse unserer Geschichte oder Formen zur Entwicklung einer demokratischen Stadtidentität entdecken. Soziale Arbeit kann demokratische Politik nicht ersetzen. Wenn Politik immer wieder auf die Soziale Arbeit in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus rekurriert, dann liegt das an ihrer eigenen Selbstbegrenzung. Soziale Arbeit soll stellvertretend für Politik handeln. Das kann sie nicht; und den Professionellen Sozialer Arbeit sei auch empfohlen, es nicht zu wollen, da sie dort nur versagen kann. Es ist ein Zeichen professioneller Verantwortung, die Grenzen Sozialer Arbeit aufzuzeigen; es ist professionelle Pflicht, von der Politik demokratisches Handeln und eine Förderung der demokratischen Handlungsfähigkeit der Bürgerinnen und Bürger zu fordern. Allerdings ist auch darauf hinzuweisen, dass Soziale Arbeit ihre gesellschaftliche Produktivität zu steigern vermag, wenn ihre Anliegen von sozialen und politischen Bewegungen mitgetragen und gestärkt werden. Reformbewegungen (wenn man denn nicht Sozialabbau als "Reform" versteht) sind nicht von der etablierten Politik zu erwarten, sondern müssen mit eigenem demokratischen Engagement angestoßen werden - auch von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern.

Anmerkungen

1) Die Namen in den verwendeten Zitaten sind verändert.

2) Friedemann Affolderbach /Andrea Fischer-Tahir 2004: Mein Sohn wurde von Rechten zusammengeschlagen. Wahrnehmungen und Deutungen zum Thema Rechtsextremismus, Wurzen: 55 (Auslassungen FA).

3) Auf Widersprüche des Deutungsmusters "Rechtsextremismus" kann hier nicht näher eingegangen werden; vgl. Friedemann Affolderbach 2015: "Gemeinwesen und Sozialraum im Spannungsfeld von Rechtsextremismus - Gemeinwesenorientierte Beratungsarbeit Mobiler Beratungsteams", in: Widersprüche, 35. Jg, H. 135: 63-78. Zur Bedeutung von Rechtsextremismus und Dimensionen des Rassismus als Herausforderungen für Jugendarbeit, vgl. Friedemann Affolderbach 2016 (im Erscheinen): "Kritisch-politische Jugendarbeit in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus. Grundlegung und Perspektive", in: Rita Braches-Chyrek / Heinz Sünker: Soziale Arbeit in gesellschaftlichen Konflikten und Kämpfen, Wiesbaden.

4) Uwe Hirschfeld 1998: "Intellektuelle, Kritik und Soziale Arbeit. Definitionsversuche in Auseinandersetzung mit Walzer und Gramsci", in: Derselbe (Hg.): Gramsci-Perspektiven, Hamburg: 183-205; hier: 203f. Vgl. Timm Kunstreich 1996: "Das ›neue Steuerungsmodell (NSM)‹. Essay über die Hegemonie konservativer Modernisierung", in: Widersprüche, 16. Jg, H. 59: 57-73.

5) Timm Kunstreich /Friedhelm Peters 1988: "Die heimlichen Adressaten der Sozialarbeit. Ansatzpunkte zur Rückgewinnung des Politischen", in: Widersprüche, Heft 28, September 1988: 41-48; hier: 42.

6) Zum Stichwort "Alltagsverstand" ausführlich Uwe Hirschfeld 2015: Notizen zum Alltagsverstand, politischer Bildung und Utopie, Hamburg.

7) Vgl. Uwe Hirschfeld 1998 (siehe Fn. 4): 203.

8) Horst Kollan 1980: Bedürfnisorientierte Jugendarbeit, Frankfurt a.M.: 13.

9) Vgl. Josef Held 1994: Praxisorientierte Jugendforschung. Theoretische Grundlagen. Methodische Ansätze. Exemplarische Beispiele, Hamburg: 160-163.

10) Vgl. Jochen Sonntag 2000: "Soziale Arbeit mit rechtsextremistischen Jugendlichen", in: Uwe Hirschfeld / Ulfried Kleinert 2000: Zwischen Ausschluss und Hilfe. Soziale Arbeit und Rechtsextremismus, Leipzig: 186-200.

11) Vgl. dazu auch: Franz Josef Krafeld / Kurt Möller 1993: Jugendarbeit in rechten Szenen, Bremen.

12) Zu den Widersprüchen einer hiermit zusammenhängenden Sozialraumorientierung vgl. Affolderbach 2015 (siehe Fn 3).

13) Zu Widersprüchen des Begriffs "Zivilgesellschaft": Wolfgang Fritz Haug 1998: Politisch richtig oder politisch falsch, Hamburg.

14) Friedemann Affolderbach/Andrea Fischer-Tahir 2004 (siehe Fn 2): 61.

15) Vgl. Uwe Hirschfeld 2000: "Globalisierung und die Konjunktur des Rechtsextremismus", in: Ders. / Ulfried Kleinert 2000: Zwischen Ausschluss und Hilfe. Soziale Arbeit und Rechtsextremismus , Leipzig: 53ff.

16) Vgl. Winfried Thaa 2000: "Zivilgesellschaft. Von der Vergesellschaftung der Politik zur Privatisierung der Gesellschaft", in: Widersprüche, 20. Jg, H. 76: 9-18.


Friedemann Affolderbach promiviert z.Z. an der Uni in Frankfurt/Main mit einem Thema, das sich mit dem Verhältnis von Öffentlichkeit und Demokratie in der politischen Bildungsarbeit befasst.

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