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Klaus Holzkamp

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Was ist Kritik?

09.04.2016: Politiktheoretische Anmerkungen zur kritischen Sozialen Arbeit

  
 

Forum Wissenschaft 1/2016; Foto: Pressmaster / shutterstock.com

Ein unreflektierter Kritik-Begriff birgt einige, nicht zuletzt für die kritische Absicht folgenreiche Fallstricke, die im Folgenden aufgezeigt werden sollen. Der Beitrag von Ina Schildbach möchte deutlich machen: Sowohl die Pflicht zur Konstruktivität als auch den Dogmatismus einer kritischen Haltung gilt es zu hinterfragen.

Dezidiert kritische Positionierungen zu gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen seitens der Sozialen Arbeit haben vor allem im letzten Jahrzehnt neuen Aufwind bekommen: Neben den seit den 90er Jahren eingeführten politischen Maßnahmen der Privatisierung und Deregulierung1<^> <^*>war es vor allem die von der rot-grünen Bundesregierung 2005 durchgeführte Sozialstaatsreform, die erhebliche Veränderungen u.a. in den gesellschaftlichen Subsystemen Arbeit, Soziales und Bildung und damit auch für die Profession der Sozialen Arbeit bewirkt haben. Die kritische Debatte bezieht sich dabei sowohl auf die (sozial)politischen Maßnahmen und deren Konsequenzen - Schlagworte wie "Prekarisierung", "neue Unterschicht" oder "Krise des Sozialstaats" gingen dabei in eine breitere, öffentliche Diskussion einschließlich politischer Auseinandersetzungen und Proteste (z.B. "Montagsdemos") ein - als auch auf die Folgen für die Profession, die sich mit "Ökonomisierung der Sozialen Arbeit" (Mechthild Seithe) und der Gefahr einer "Erziehung zur Armut" (Kessler, Reutlinger, Ziegler) knapp zusammenfassen lassen.

Damit befinden sich KritikerInnen aus Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit auf dem Feld des Politischen. Grundsätzliche begriffliche politikwissenschaftliche Überlegungen, insbesondere aus der politischen Theorie, können hier nützlich sein und sollten m.E. in den Diskurs eingebracht werden - schließlich hängt vom Verständnis des Schlüsselbegriffs "Kritik" ab, was mit welchem Ziel und welchen potenziellen Konsequenzen der Kritik unterzogen wird und wie sich entsprechende Positionen aus der Sozialen Arbeit gegenüber etwa ökonomischen oder soziologischen Argumentationen behaupten können.

Im folgenden Beitrag geht es darum, wie der Schlüsselbegriff der Kritik überhaupt, also vor und jenseits einer inhaltlich bestimmen Position, zu fassen ist. Ich möchte aufzeigen, dass die Tragweite und Durchschlagskraft der Kritik vonseiten der Sozialen Arbeit - die nötiger ist denn je - davon abhängt, wie man Kritik versteht. Eine Analyse des Kritik-Begriffs, so das Argumentationsziel, stellt keine akademische Sophisterei dar, sondern ist entscheidend, damit die kritische Intention nicht verfehlt wird - die "kritische Soziale Arbeit" also, wie der Titel dieses Heftes fragt, eine Zukunft hat.

Konstruktive Kritik?

Jeder Kritiker kennt diese Situation: Nach der Darlegung seiner Argumente wird er gefragt, wie er es denn besser machen würde, um die beklagten Konsequenzen zu vermeiden. Gerade auch die Kritik am Abbau des Sozialstaates muss sich immer wieder diese Frage gefallen lassen: Welche Alternative gibt es denn zu den Hartz-Reformen, damit Deutschland die "Globalisierung" meistert? Dies ist ein typisches Beispiel für den Versuch, eine begründete Unzufriedenheit auf das Angeben von Alternativen zu verpflichten und damit zurückzuweisen. Die einhellige Forderung nach dieser Form der Kritik hat schon Adorno abgelehnt:

"Stets wieder findet man dem Wort Kritik, wenn es denn durchaus toleriert werden soll, oder wenn man gar selber kritisch agiert, das Wort konstruktiv beigestellt. Unterstellt wird, daß nur der Kritik üben könne, der etwas Besseres anstelle des Kritisierten vorzuschlagen habe; [...]. Durch die Auflage des Positiven wird Kritik von vornherein gezähmt und um ihre Vehemenz gebracht."2

Adornos Hinweis auf die Forderung nach dem konstruktiven Charakter einer Kritik hat nichts an Aktualität eingebüßt: Der Kritiker soll darlegen, wie eine Sache - bspw. die Meisterung der Herausforderungen der Globalisierung - denn besser zu handhaben sei als durch die von ihm hinterfragte Weise. So selbstverständlich ist uns diese Forderung, dass deren Absurdität kaum mehr auffällt: So ist es schließlich der Ausgangspunkt einer jeden Kritik, dass man sich an etwas stört, also sich distanziert - wie quer dazu das Postulat, man solle sich zugleich einen Kopf um die bessere Handhabung der Sache machen!

Die Unterstellung einer Forderung nach Konstruktivität ist also, wie Adorno sagt, dass der Kritiker etwas Besseres vorschlagen kann, genauer: dass er den Sorgegegenstand teilt und sich um die Möglichkeit einer besseren Verwirklichung der Sache kümmert. Am Beispiel der Globalisierung bzw. der Kritik des Sozialstaatsabbaus, der mit dieser begründet wird, bedeutet dies, dass der von der Politik auf die Agenda gesetzte Zweck der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands geteilt wird und der Kritiker anzugeben hat, wie diese denn besser als durch die Agenda 2010 erreicht werden könne. Gerade dies ist jedoch die wesentliche Frage, die der Kritiker für sich klären muss: Möchte er die inkriminierte Sache effektivieren und lehnt nur die angewandten Mittel ab oder ist sie selbst zu verwerfen?

(Vorläufige) Distanz zur eigenen Unzufriedenheit

Der Kritisierende hat sich also nicht nur der von außen herangetragenen Forderung nach Konstruktivität - zunächst - zu verweigern; von ihm selbst ist vielmehr gefordert, von seiner unmittelbaren Unzufriedenheit in einem zweiten Schritt zu abstrahieren und den Blick auf den Gegenstand selbst zu richten. Es ist zu kurz gesprungen, sich auf die Maßnahmen zum Abbau des Sozialstaates zu kaprizieren, ohne zu untersuchen, welchen Zweck die Politik damit verfolgt und diesen selbst einer Prüfung zu unterziehen. Was ist von dem Stichwort Globalisierung zu halten? Handelt es sich hierbei statt um einen Sachzwang, auf den die Politik reagieren muss, nicht vielmehr um ein Programm, das die Politik aktiv verfolgt, indem sie die ganze Gesellschaft ihrem Interesse der ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit unterwirft?3 Aus der Untersuchung dessen ergibt sich auch das Verhältnis von Mittel und Zweck: Möglicherweise ist es verfehlt, der Politik die Verarmung von Teilen der Bevölkerung vorzuwerfen, weil das Programm selbst diese notwendig macht. Dann ist es keine Verfehlung, wenn eine neue soziale Unterschicht entsteht, sondern stellt vielmehr das bewusst in Kauf genommene Produkt des Kampfes um das Gewinnen der Standortkonkurrenz dar ("wir" möchten ja schließlich auch gestärkt aus der Krise hervorgehen...).

In diesem Kontext ist die Intention Horkheimers zu sehen, wenn er vor der Kategorie der "Mißstände"4 warnt: Sie unterstellt, dass es sich dabei um eine Art Versehen, zumindest aber um etwas nicht notwendig zu diesem System Dazugehörendes handelt. "Die Kategorien des Besseren, Nützlichen, Zweckmäßigen, Produktiven, Wertvollen, wie sie in dieser Ordnung gelten, sind [...] keineswegs außerwissenschaftliche Voraussetzungen"5, sondern implizieren eine Affirmation der Sache/Maßnahme, die dann also auch wissenschaftlich geprüft und erwiesen werden müsste. Andernfalls verfehlt der Kritiker mit dieser Form schlicht seinen Gegenstand und wendet sich damit womöglich auch an einen falschen Adressaten. Nebenbei sei bemerkt, dass hinsichtlich des vermeintlichen Sachzwangs Globalisierung und der "Auswüchse" der Verarmung auch viel Klartext geredet wird: Ist es nicht Deutschland, das den maßgeblichen Verlautbarungen zufolge "seine Hausaufgaben gemacht" hat und die anderen europäischen Länder auf diesen Weg zu verpflichten versucht? Deutlicher lässt sich die Deutung der Konsequenzen bzw. Mittel der internationalen Wettbewerbs-Offensive als Missstand nicht zurückweisen.

Der Begriff einer Sache und ihr "Sollen" I

Was nun die Zuwendung zum Gegenstand anbelangt, so ist der Kritiker auch hier nicht vor Fallstricken gefeit. Ich möchte dafür argumentieren, dass an dieser Stelle erneut eine "versteckte", im Sinne einer nicht-intendierten Affirmation droht, wenn man die zu untersuchende Sache hierbei stets an ihrem "Sollen" misst. Die Auflösung des Seienden in ihr Verhältnis zum Sollen kann mehrere Bedeutungen haben, die in der Durchführung der Kritik nicht immer ausreichend geschieden werden. Die Grundform dieser immanenten Kritik ist dadurch gekennzeichnet, dass die Sache an ihrem eigenen Begriff gemessen wird: "die Prädikate gut, schlecht, wahr, schön, richtig usf. drücken aus, daß die Sache an ihrem allgemeinen Begriffe als dem schlechthin vorausgesetzten Sollen gemessen und in Übereinstimmung mit demselben ist oder nicht"6. In diesem sogenannten Urteil des Begriffs wird kein äußerer Maßstab an den Gegenstand herangetragen, sondern der Kritiker weiß um den Zweck der Sache und misst sie an sich selbst; die Attribute "gut" oder "schlecht" sind in diesem Fall nicht moralisch gemeint, sondern allein im Sinne dieser Entsprechung des einzelnen Exemplars mit seiner Allgemeinheit.

Dabei entscheidet sich alles an dem Zweck, dem eine Sache dient. Wirft man beispielsweise der Politik vor, dass die Leiharbeit ihren Sinn verfehlt, weil dadurch zwar Menschen in Arbeit gebracht wurden, die Betroffenen aber nur schlecht von ihrem Job leben können, unterschiebt man der Politik ebendies: ein Interesse daran, den Arbeitern ein auskömmliches Leben zu sichern. Eine Kritik, die als immanente auftritt, versagt also, wenn sie dem inkriminierten Gegenstand einen Zweck oder Maßstab ihres Handelns bzw. den AkteurInnen ein Interesse unterschiebt, den diese tatsächlich gar nicht haben. In diesem Fall handelt es sich tatsächlich nicht um Immanenz, sondern die Sache wird an dem eigenen Vorurteil gemessen und daran verworfen. Dabei kann die fälschlicherweise zugeschriebene Bestimmung wie in dem Beispiel in einem anerkannten gesellschaftlichen bzw. politischen Zweck bestehen oder gar in der Verwirklichung eines höheren Wertes. Arbeitsmarktpolitik, so ein gängiges (Vor-)Urteil, sei dann nicht allein dazu da, um die Menschen in Brot zu bringen, sondern hat dabei auch Gerechtigkeit zum Ziel. Was Dahme und Wohlfahrt als "affirmative Normativität"7 kennzeichnen, stellt ebendieses Verfahren dar: Einer gesellschaftlichen oder politischen Einrichtung/Maßnahme wird zugeschrieben, zur Verwirklichung eines Wertes eingerichtet zu sein und ihnen dann die Nicht-Verwirklichung als eigenes Problem untergeschoben. Durch dieses Verfahren wird vom tatsächlichen Sinn der inkriminierten Sache abstrahiert und gerade in der konstatierten Fehlanzeige hinsichtlich der erfolgten Umsetzung einer höheren Norm prinzipiell für die Sache Partei ergriffen - eigentlich, so die Unterstellung, wären sie ja für das Gute gemacht.

Wäre in diesem Fall das Urteil des Kritikers hingegen zutreffend, wüsste er, was zu tun sei: Die politischen AkteurInnen haben hier offenbar einen Fehler begangen, der auch nicht in ihrem Sinne liegt und müssten nur darauf aufmerksam gemacht werden. Die Form der konstruktiven Kritik bzw. das Sorgen um das bessere Funktionieren wären also durchaus angebracht.

Immanente Kritik und "Sollen" II

Welches Bild ergibt sich, wenn die Sache richtig bestimmt und dabei keine schlechte Realisierung eines an sich guten Zwecks konstatiert wird? Nehmen wir an, dass eine eingehende Untersuchung zu dem Resultat kommt, dass die Einführung der Leiharbeit als eine Verbesserung der Beschäftigungsbedingungen für die deutsche Unternehmerschaft intendiert war, die durch eine erhöhte Flexibilität sowie ein sinkendes Lohnniveau in ihrer Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden soll. Der Maßstab ist in diesem Fall - sofern man die Analyse teilt - kein von außen an die Maßnahme Herangetragener, sondern ihr immanent. Wenn man nun die Umsetzung der Leiharbeit in Deutschland und ihr Resultat an der damit verfolgten Intention selbst misst, wird man keine Abweichung feststellen; vielmehr hatte die Politik mit ihrem Programm Erfolg, die Leiharbeit ihr "Sollen" erfüllt. Was nun?

Mehrere Dinge sind hierzu festzuhalten: Es trägt hier nicht, der Leiharbeit als einem Fall von Arbeitsmarktpolitik eine schlechte Verwirklichung vorzuwerfen - vielmehr wird sie ihrem Begriff ja gerade gerecht. Sie wirkt so, wie es die "Erfinder" planten. In diesem Fall wäre es aber auch verfehlt, die Sache in "ein Spannungsfeld des Möglichen und des Wirklichen"8 aufzulösen, wie es die Kritische Theorie fordert: Ihre Realität stellt keinen Missstand dar, der sich aus individuellem Versagen der maßgeblichen Subjekte o.Ä. verdankt; die bessere Möglichkeit gibt es schlicht nicht, was unmittelbar deutlich ist, wenn man den analysierten Zweck ernst nimmt. Nun ist es jedoch keineswegs so, dass dem Kritiker damit "der Wind aus den Segeln" genommen worden wäre, weil ihm etwa der externe Maßstab fehlt, an dem er die Sache verwerfen kann. Die Kritik hat sich vielmehr auf das Interesse zu richten, dem sich die Implementation der Maßnahme verdankt. Erinnern wir uns an den Ausgangspunkt der Kritik: Jemand stört sich an einer Sache, lehnt diese also intuitiv ab. Nachdem er sich von seiner Empfindung gelöst und den Grund für die Unzufriedenheit ermittelt hat, weiß der Kritiker nun auch, wer oder was seinen Interessen in die Quere kommt.

Das Subjekt als Maßstab

Sowohl im Ausgangspunkt als auch nach erfolgter Analyse ist und bleibt also das Subjekt selbst Maßstab der Kritik: Der Mensch, der sich willentlich auf die Welt bezieht, macht sich ständig - sei es im Alltag oder hinsichtlich der "großen Fragen" über die Zustände der Welt - zum Richter über das Gegebene, mit dem er konfrontiert wird. "Das Bewußtsein gibt seinen Maßstab an ihm selbst, und die Untersuchung wird dadurch eine Vergleichung seiner mit sich selbst sein."9 Ein, manchmal auch unbewusst durchgeführter, Vergleich ist es deswegen, weil das Individuum das Kritisieren damit beginnt, dass es eine Differenz zwischen seinen Bedürfnissen und der Welt feststellt und sich deswegen Unzufriedenheit einstellt. Dieses "Sollen" stellt sich unmittelbar als das "Gefühl des Angenehmen oder Unangenehmen"10 ein - und kann von keinem noch so großen Bemühen, das Subjekt philosophisch um die Ecke zu bringen, getilgt werden. Zugleich, wie oben ausgeführt, stellt dies nur den Beginn der Kritik dar: Um diese durchzuführen, muss von der unmittelbaren Befangenheit der Empfindung zurückgetreten werden.

Realität und Wahrheit als Unterstellung

Die erläuterte Durchführung hat zwei weitere Unterstellungen, die in den heutigen postmodernen Zeiten auf Widerspruch stoßen dürften: Sie geht davon aus, dass dem Individuum eine von ihm getrennte Realität gegenübersteht und diese objektiv bestimmt werden kann. Hier ist nicht der Platz, um die Frage nach der Möglichkeit der Wahrheit erschöpfend zu diskutieren (im Übrigen halten ihre KritikerInnen immerhin ihr Wissen um deren Verneinung für eine "absolute Wahrheit"). sondern lediglich mit Harry G. Frankfurt zwei Hinweise zu geben: Dass es eine Realität gibt, bemerken wir immer dann, wenn wir "auf Widerstand gegen die Durchsetzung unseres Willens stoßen".11 Wenn wir unsere Wünsche nicht einfach umsetzen können, nehmen wir wahr, so Frankfurt, dass ihnen etwas von uns Unabhängiges entgegensteht, von dem wir umgekehrt aber sehr wohl abhängen. Gerade deswegen lohnt es sich, zu "lernen, auf welche Weise wir begrenzt sind und welche Grenzen unsere Begrenzung hat"12 - sprich: sich der Objektivität theoretisch zuzuwenden und sie mit unserem Verstand zu durchdringen. Nur durch diesen Prozess der geistigen Aneignung der Welt können wir den Zustand verlassen, in dem wir nicht wissen, "in was für einer Lage wir uns befinden [...], was vor sich geht [...] in der Welt".13 Ohne Wahrheitsanspruch also keine Möglichkeit der Kritik.

Gegen die Pflicht, per se kritisch zu sein

@Body Text o.E. Lw eng = Mit meinen Ausführungen habe ich versucht zu begründen, dass es - so geläufig es auch sein mag - falsch wäre, Kritik a priori auf grundsätzliche Haltungen zu verpflichten: Weder radikale Verwerfung der Sache noch Konstruktivität können mehr oder weniger verbindliche "Vorgaben" sein, denn beides setzt logisch betrachtet erst die Befassung mit dem Gegenstand voraus. So ideologisch es also ist, in den Kategorien des besseren Funktionierens zu denken, so ist es dies auch, aus Prinzip immer als Fundamentalkritiker aufzutreten, der jede Zweckmäßigkeitserwägungen per se verwirft. Keine der Kritikformen sollte also verabsolutiert werden. Das Dogma, dass Theorie per se "unabdingbar kritisch"14 zu sein hat, ist mithin ebenso falsch wie sein Gegenteil: "[E]twas verstehen zu wollen, ohne daß man es gleichzeitig auch kritisiert",15 ist entgegen der Vorstellung Adornos durchaus möglich. Umgekehrt ist es aber zutreffend: Eine Sache zu kritisieren, ohne sie auch verstanden zu haben, ist theoretisch unbefriedigend und damit auch für die Praxis wenig sinnvoll. Diese Offenheit gegenüber dem Gegenstand, die keine Kritikform von vornherein als richtige setzt, muss sich die kritische Soziale Arbeit also bewahren bzw. sich darauf besinnen, um nicht selbst dogmatisch zu werden.

Anmerkungen

1) Ausführlich dazu: Mechthild Seithe 2010: Schwarzbuch Soziale Arbeit, Wiesbaden.

2) Theodor W. Adorno 1969: Kritik, Frankfurt: 18.

3) Vgl. Christoph Butterwegge 2009: Armut in einem reichen Land, Frankfurt/M.: 67ff.

4) Max Horkheimer 1937: Traditionelle und kritische Theorie, Frankfurt/M.: 27.

5) Ebd.

6) G. W .F. Hegel: Wissenschaft der Logik, Frankfurt/M.: 344, Hervorh. i. O.

7) Heinz-Jürgen Dahme / Norbert Wohlfahrt 2011: "Gerechtigkeit im Kapitalismus: Anmerkungen zur affirmativen Normativität moderner Gerechtigkeitstheorien", in: neue praxis 4/2011: 385-408.

8) Theodor W. Adorno [sup]5[/sup]1976: Soziologie und empirische Forschung, Darmstadt/Neuwied: 82.

9) G. W. F. Hegel [sup]4[/sup]1993: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt/M.: 76.

10) G. W. F. Hegel 1986: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften III, Frankfurt/M.: §472, S.292.

11) Harry G. Frankfurt 2006: Über die Wahrheit, München: 92.

12) Ebd., 93.

13) Ebd., 57.

14) Theodor W. Adorno [sup]5[/sup]1976: Soziologie und empirische Forschung, Darmstadt/Neuwied: 82.

15) Theodor W. Adorno 1965: Metaphysik, Begriffe und Probleme, Frankfurt/M.: 102.


Ina Schildbach ist Politikwissenschaftlerin und lehrt an der TH Nürnberg sowie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

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