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Klaus Holzkamp

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Königswege aus der Armut?

09.04.2016: Höhere Bildungsabschlüsse und deren perspektivisches Potenzial

  
 

Forum Wissenschaft 1/2016; Foto: Pressmaster / shutterstock.com

Die seit Jahren von fast allen politischen AkteurInnen vorgetragene Gleichung "Mehr Bildung = weniger Armut" hat sich so in den Köpfen festgesetzt, dass die (Ein-)Lösbarkeit dieser Formel kaum noch in Frage gestellt wird. Doch ein tiefergehender Blick auf die selektiven Mechanismen des deutschen Bildungssystems sowie auf die sich daraus ergebenden psychologischen Barrieren lässt an der Aufstiegsmöglichkeit durch Bildung zweifeln. Auf der Grundlage vergleichbarer persönlicher Erfahrungen nimmt Magda von Garrel das Aufstiegsversprechen unter die Lupe, wobei die propagierten Bildungschancen vordringlich aus der Sicht armer Kinder und Jugendlicher begutachtet werden.

Vor dem Hintergrund eigener Aufstiegserfahrungen soll im vorliegenden Beitrag versucht werden, auf die - um im Bild zu bleiben - Unbekannten der Bildungsgleichung hinzuweisen, die ungeachtet ihrer emotionalen und damit hochwirksamen Natur viel zu selten in Rechnung gestellt werden. Der Betrachtung der damit gemeinten aufstiegshemmenden Bildungserfahrungen folgt ein zeitgeschichtlicher Vergleich, d.h. die Beschäftigung mit der Frage, inwieweit sich die damaligen von den heutigen Aufstiegsbedingungen unterscheiden und was in dieser Hinsicht zukünftig zu erwarten steht. Im abschließenden Resümee soll eine an den Kriterien Fairness und Tauglichkeit orientierte Bewertung des bildungsbasierten Aufstiegsversprechens vorgenommen werden.

Bildungserfahrungen der "Kellerkinder"

Ungeachtet der in Deutschland besonders hohen Aufstiegshürden kann auch hierzulande ein gesellschaftliches Emporkommen gelingen. Derartige Karrieren sind allerdings häufiger gerade nicht bildungsgeneriert, sondern in der Welt des Fußballs, des Showbusiness oder des (Drogen-)Handels angesiedelt. Vermutlich genau aus diesem Grund geben viele der nach ihrem Berufswunsch befragten armen Schüler an, Schlagersänger oder Gangster werden zu wollen, wobei aktuell ein dem IS geweihtes Leben als erstrebenswerte Option hinzugekommen ist.

Diese Wünsche sind umso verständlicher, je deutlicher man sich vor Augen führt, welchen Frustrationen gerade arme SchülerInnen in den hiesigen Bildungseinrichtungen ausgesetzt sind und zwar insbesondere dann, wenn häuslicherseits tatsächlich auf die eigentlich angeborene Wissbegier der Kinder nur unzureichend oder gar nicht eingegangen worden ist. So kann es schon in der KITA vorkommen, dass Kinder, denen beispielsweise nie etwas vorgelesen wurde oder die nie mit ihren Eltern einen Waldspaziergang unternommen haben, mit ansehen müssen, wie ihre gleichaltrigen SpielkameradInnen für ein diesbezügliches Vorwissen gelobt werden, während sie selbst in dieser Hinsicht immer leer ausgehen.

Da es sich hierbei um eine sehr indirekte Art der Beschämung handelt, ist den von klugen kindlichen Bemerkungen entzückten Erwachsenen vermutlich nicht einmal bewusst, dass ihr Handeln auf eine Kränkung der vom Lob ausgeschlossenen Kinder hinausläuft. Deshalb kann es sein, dass sich Vorgänge dieser Art oft wiederholen und so zu einer ersten "Bildungslektion" für die hier gemeinten Kinder werden: Nur wer etwas weiß, wird richtig lieb gehabt!1

Aber auch ohne KITA-Besuch wird diese Lektion in der Regel schnell gelernt, zumal die in der Schule zum Einsatz kommenden Beschämungsformen immer unmissverständlicher werden. Schon früh geht es los mit Benotungen, die ihre Selektionsfunktion auch dann erfüllen, wenn sie im scheinbar harmlosen Gewand lachender oder trauriger Smilies in Erscheinung treten. Bei einer schnellen Zunahme der Verständnislücken und der daraus folgenden Abwertungen (Sitzenbleiben etc.) ist mit einer unerfreulichen Fortsetzung der allerersten Bildungslektion zu rechnen: Da ich nicht mit Wissen punkten kann, muss ich auf anderen Wegen (Störungen des Unterrichts bis hin zur totalen Leistungsverweigerung) für Aufmerksamkeit sorgen!

Wo immer es geht, werden die sich so entwickelnden Kinder in Förderschulen untergebracht. Aber selbst diejenigen Kinder, die ihre "Schulleistungsschwächen" im geforderten Sinne zu kompensieren versuchen, müssen in einem Schulsystem, das sich ganz überwiegend der kognitiven Leistungsfähigkeit verschrieben hat, ständig damit rechnen, in den schulischen Keller geschickt zu werden. Das gilt zumindest dann, wenn ihnen kein dauerhafter Zugriff auf diverse Unterstützungssysteme möglich ist.

Dass angeblich auch hierzulande kein Kind zurückbleiben soll bzw. muss, wird mit Hinweisen auf neu geschaffene Schulstrukturen und verbesserte Ausbildungsangebote (speziell im sog. "Übergangsbereich") begründet. Ein Blick auf die aktuellen Ausbildungs- und Vermittlungszahlen macht aber schnell deutlich, dass es mit den diesbezüglichen Anstrengungen noch nicht allzu weit her sein kann und dass "Warteschleifen" und "Maßnahmekarrieren" nach wie vor an der Tagesordnung sind.2 Dazu passt, dass es im Förderschulwesen bislang nur punktuell zu Auflösungen gekommen ist.

Bildungserfahrungen der "Aufstiegskinder"

Da mag es für arme Kinder ein Glück sein, wenn sie über die für eine hohe "Schulkompatibilität" erforderlichen intellektuellen Fähigkeiten verfügen. Doch anders als bei den besser situierten Schülern müssen im Falle armer SchülerInnen noch weitere Voraussetzungen gegeben sein, um den Weg eines schulischen Aufstiegs überhaupt gehen zu können. Das gilt insbesondere dann, wenn ein Wechsel zum Gymnasium ansteht.

Eltern/Mütter armer Kinder müssen bereit sein, zahlreiche nur schwer zu bewältigende Extraausgaben auf sich zu nehmen, die zudem in etlichen Fällen (z.B. im Zusammenhang mit der von vielen Schulen für die Erledigung der Hausaufgaben geforderten Anschaffung privater Computer) nur zögerlich oder gar nicht erstattet werden. Aber auch bei einem zweifelsfrei gegebenen Unterstützungsanspruch kann dieser, wie den nachfolgenden Aussagen einer Mutter zu entnehmen ist, zu einem Problem werden: "Für meinen Sohn habe ich noch nie ›Hilfe‹ oder einen Antrag nach dem Bildungs- und Teilhabepaket gestellt, das käme für mich niemals in Frage. Warum soll ich der Schule bzw. den Lehrern vertrauen, dass der Junge danach noch als er selbst wahrgenommen und nicht schlechter beurteilt wird."3

Probleme anderer Art ergeben sich aus der Tatsache, dass sich arme Familien nur selten neu und erst recht nicht teuer einkleiden können. Bei einem Aufenthalt in einer Klasse, in der Markenkleidung und ständig wechselnde Moden gang und gäbe sind, müssen sich arme SchülerInnen auf einen Spießrutenlauf gefasst machen und zwar vor allem dann, wenn die in den Augen der Mitschülerinnen und Mitschüler nicht normgerechte Kleidung eine generelle Ablehnung zur Folge hat, die sich in Form eines permanenten Mobbings äußert.

Aber auch unterhalb dieser extremen Form der Ausgrenzung erleben arme Kinder, die sich ihrer finanziellen Schwäche bewusst sind, oft qualvolle Momente. Ein solcher Moment kann der eigene Geburtstag sein, wenn für die aus diesem Anlass übliche schulische Feier eine üppige Bewirtung der MitschülerInnen erwartet wird.

Zur Vermeidung ähnlicher Peinlichkeiten im Freizeitbereich werden die wohlhabenden Mitschülerinnen und Mitschüler meistens gar nicht erst nach Hause eingeladen. Hinzu kommt, dass es ohnehin nur wenige außerschulische Berührungspunkte gibt, die jenseits teurer Hobbys oder Fernreisen liegen. Sozial gemischte Schulfreundschaften können unter diesen Umständen kaum entstehen, wobei die Einsamkeit noch größer wird, wenn sich arme Kinder und Jugendliche als Einzelkämpfer in ihren jeweiligen (Gymnasial-)Klassen durchschlagen müssen.

Eine Steigerung dieser belastenden Lebenssituation kann sich aus einer zunehmenden Entfremdung von der eigenen Familie ergeben. Wenn die Eltern/Mütter armer Schüler selbst keine höhere Schule besucht haben, verstehen sie die Welt ihrer Kinder immer weniger und/oder leiden darunter, keine Hilfestellungen mehr (z.B. beim Abhören französischer Vokabeln) leisten zu können. Der von den Eltern/Müttern erlebte bzw. gezeigte Kummer führt aber nicht automatisch zu einer Überwindung der Entfremdungsgefühle, sondern kann sogar das Gegenteil bewirken, d.h. eine mit Verachtung durchsetzte Ablehnung des Elternhauses.

Aber auch ein intakt gebliebenes familiäres Umfeld bietet keinen ausreichenden Schutz vor Ängsten, die sich aus einem Übertritt in eine andere Welt ergeben. Deshalb ist es für arme Jugendliche, die das Abitur bestanden haben, nicht selbstverständlich, ein Studium aufzunehmen. Tatsächlich ist die diesbezügliche Scheu so groß, dass es mittlerweile Initiativen gibt, die sich genau dieses Problems annehmen.4 Der größte Nachteil dieser an sich begrüßenswerten Einstiegshilfen besteht darin, dass sie staatlicherseits weder ausreichend noch flächendeckend unterstützt werden und somit nicht alle in Frage kommenden Jugendlichen davon profitieren können.

Dem Erklimmen der Übertrittshürde folgt oft das "Durchhalteproblem", das sich aus dem Auftauchen vieler unerwarteter Schwierigkeiten (Zurechtfinden in verwirrenden Gebäudekomplexen, Erstellen eines persönlichen "Stundenplans", Wohnungssuche, Präsentation von Arbeitsergebnissen etc.) ergeben kann. Besonders kritisch wird es, wenn die aus armen Verhältnissen stammenden "Neu-StudentInnen" in den Gymnasien nicht auf ein wissenschaftliches Arbeiten vorbereitet worden sind und/oder zur Finanzierung ihres Studiums gleichzeitig jobben müssen.

Wer das alles trotzdem durchhält, trifft schnell auf die im universitären Bereich eilig neu errichteten Hürden (z.B. in Form eines erschwerten Zugangs zu einem Masterstudium oder zu einer "Exzellenz"-Universität).5 Außerdem darf nicht vergessen werden, dass jede Fortsetzung eines Studiums bedeutet, die eigene Familie für eine noch längere Zeit nicht finanziell entlasten zu können.

Aufstiegschancen im Zeitvergleich

Ohne die vergangenen Zeiten glorifizieren zu wollen, kann man hinsichtlich der Aufstiegschancen schon sagen, dass es um diese in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts weitaus besser bestellt war. Wer es einmal geschafft hatte, das Abitur abzulegen und ein Studium abzuschließen, musste sich nicht sonderlich anstrengen, um gleich danach einen Arbeitsplatz zu finden. Für einen längeren Zeitraum hatten sogar Auszubildende (damals noch "Lehrlinge") richtig gute Berufsaussichten und prekäre Beschäftigungsverhältnisse im universitären Bereich gab es erst recht nicht.6

Am selbst erlebten Beispiel einer längeren Beschäftigung mit mittelhochdeutschen Texten zeigt sich, dass auch das damalige Bildungsverständnis noch ein anderes war: Es ging tatsächlich deutlich mehr um Bildung "an sich" als um deren berufliche Verwertbarkeit. Die Leistungskontrollen beschränkten sich auf Klassenarbeiten und mündliche Befragungen, während schul- oder sogar länderübergreifende Vergleichstests außerhalb jeder Vorstellung lagen. (Einschub: Dass eine Entwicklung, die uns messbare Größen wie "Qualitätsstandards", "Kompetenzen"7 oder "outputorientierte" Abschlussziele beschert hat, nicht im Interesse der Schüler, sondern im Interesse der Wirtschaft in Gang gesetzt worden ist, lässt sich allein schon an der diesbezüglich und trotz eigentlicher Nichtzuständigkeit immer größer werdenden Einflussnahme der OECD ablesen.)

Zur damaligen Zeit ebenfalls unbekannt war der Begriff "Mobbing", aber das bedeutete nicht, dass "Aufstiegskinder" keine auf ihren sozialen Status bezogenen Erniedrigungen erlebt hätten. Sogar Lehrer konnten daran beteiligt sein und zwar vor allem jene, die zutiefst davon überzeugt waren, dass "solche Kinder" nicht auf ein Gymnasium gehörten.

Mit anderen Worten war auch zu der beschriebenen Zeit längst nicht alles gut, aber einen weiteren Vorteil gab es dann doch noch: Die damaligen Einkommensunterschiede waren nicht annähernd so krass wie heute, sodass zumindest die auf ein winziges Taschengeld anspielenden Beschämungen vergleichsweise selten vorkamen.

Alles in allem kann man sagen, dass es heutzutage alle Kinder schwerer haben als früher: Schon in der Vorschulzeit dürfen sie kaum noch tun, was ihnen Spaß macht, sondern müssen sich statt dessen zu vorgegebenen Zeiten mit diversen Förderangeboten beschäftigen. In vielen Schulen, die nicht zu den bewundernswerten Ausnahmen gehören, herrscht ein gnadenloser, durch ständige Tests und Evaluationen auch noch angeheizter Konkurrenzkampf und Bildung ist zu einem Gebrauchswert verkommen.

Und wozu das alles? Die auf dem aktuellen (2016) "Forum der Weltwirtschaft" in Davos formulierten Zukunftsvisionen lassen trotz der dort zur Schau gestellten Zuversicht keine gute Entwicklung erwarten. Jedenfalls ist auf dem Forum nicht bestritten worden, dass der im Zuge der sog. vierten industriellen Revolution stark zunehmende Einsatz von Computern und Robotern ("digitale Transformation") allmählich auch die Existenz der "besseren" Berufe bedroht, wobei die für diesen Fall (vor allem von Microsoft) in Aussicht gestellten neuen Verdienstmöglichkeiten (Wohnungssuche über Airbnb, Eigenproduktion von Geschirr oder Fahrradteilen mit Hilfe von 3D-Druckern und Bezug billiger Lebensmittel aus städtischen Gemeinschaftsgärten) sicherlich keine überzeugenden Alternativen für die noch "Besserverdienenden" darstellen.8

Resümee

Im Sinne einer kurzen Zusammenfassung kann festgestellt werden, dass bildungsgenerierte Aufstiege heutzutage weder leichter noch - hinsichtlich der späteren beruflichen Perspektiven - aussichtsreicher geworden sind. Das ist nicht zuletzt deshalb bitter, weil dieser Weg nicht ohne menschliches Leid und/oder Entbehrungen begangen werden kann.

Deshalb könnte schon an dieser Stelle gesagt werden, dass höhere Bildungsabschlüsse keine aus der Armut führenden "Königswege" sind, obwohl noch nicht einmal erwähnt worden ist, dass das an die höheren Schulabschlüsse geknüpfte Bildungsversprechen auch als zutiefst unfair bezeichnet werden muss. Ausgerechnet den Schwächsten (also den aus armen Elternhäusern stammenden Kindern) wird zugemutet, unerschrocken und risikofreudig die gesellschaftlichen Versäumnisse, an denen sie keinerlei Schuld tragen, korrigierend auszugleichen.

Besonders zynisch ist der Umgang mit den "Kellerkindern", die auf ihre Art Widerstand leisten, indem sie sich den schulischen Anforderungen immer häufiger und weitgehender entziehen. Die ihnen zur Unterbringung auf dem Arbeitsmarkt "flickschusterhaft" offerierten Perspektiven sind so unübersichtlich und so wenig tragfähig, dass sich darauf kein würdevolles Leben aufbauen lässt.

Man kann es auch so sehen: Wer von armen Kindern erwartet, dass sie ihr Bestmögliches geben, um die sozialen Schranken zu überwinden, hat kein Interesse daran, diese Schranken selbst einzureißen. Dabei eignet sich das "Bildungsgerede" ganz hervorragend dazu, dieses nicht vorhandene Interesse zu verschleiern. Schließlich hat Bildung einen guten Ruf und ist - wenn sie im Humboldtschen Sinne verstanden wird - ganz zweifellos etwas Wunderbares. Eine so angelegte Bildung befähigt uns zu einem selbstständigen Denken und kann sehr inspirierend wirken.

Demgegenüber steuert das jetzt vorherrschende Bildungsverständnis auf eine Gleichsetzung mit "testierbarem Wissen" zu, das ein eigenständiges und neugieriges Beschreiten von Irr- und Nebenwegen sowie ein längeres Verweilen bei der einen oder anderen Sache gar nicht erst vorsieht.9<^> <^*>Stattdessen wird diese Art des Wissens in viel zu großen Mengen verabreicht, wobei die diesbezüglichen Themen an der Lebensrealität der SchülerInnen zumeist vorbeigehen. Beglückende Erfolgserlebnisse - und das betrifft in besonderem Maße die "Kellerkinder" - stellen sich aber auch deshalb nur selten ein, weil die einseitige kognitive Ausrichtung unseres Schulwesens im Widerspruch zu einer Gleichwertigkeit aller Schulfächer steht. Ähnlich verhält es sich mit den nicht "schulkonformen" Talenten der Kinder, d.h. dass diese genauso wenig wie die "Nebenfächer" wertgeschätzt werden.

Um abschließend noch einmal auf das Grundproblem zurückzukommen: Anstelle eines untauglichen und unfairen Bildungsversprechens müssen die Ursachen der Armut beseitigt werden. Geschieht dies nicht, ist es so, als ob zwei Kinder zum Besteigen eines Berges aufgefordert werden, von denen das eine Kind am Fuße der schwierigsten Aufstiegsroute sitzt, während sich das andere Kind bereits im geheizten Basislager der leichtesten Aufstiegsroute befindet. Und dann heißt es: "Auf mein Kommando klettert ihr jetzt beide den Berg hoch und wer zuerst oben ankommt, hat verdientermaßen gewonnen, weil ihr beide die gleichen Seile und Eispickel von mir bekommen habt!"

Anmerkungen

1) In den stark "entmischten" Kindertagesstätten, in denen die zu einer bestimmten sozialen Schicht gehörenden Kinder weitgehend unter sich sind, wird es nicht so häufig zu derartigen Situationen kommen, aber dafür müssen arme "KITA-Kinder" dann mit deutlich schlechteren Betreuungsbedingungen fertig werden. Vgl. hierzu den unter der Überschrift "Ene, mene, muh, und raus bist du" von Karl Grünberg angestellten KITA-Vergleich, der am 03.07.2015 vom Tagesspiegel auch online veröffentlicht worden ist.

2) Ein diesbezüglich gut aufbereitetes Zahlenmaterial findet sich in dem von Joachim Lohmann verfassten und am 07.01.2016 ins Internet gestellten Beitrag Die Inklusion in der Sekundarstufe II ist die größte Herausforderung. Lohmann geht davon aus, dass eine deutliche Verbesserung der beruflichen Perspektiven zu erwarten ist, wenn der jetzige Übergangsbereich ausläuft und es zur Einrichtung eines einheitlichen Bildungsganges und eines einheitlichen Sekundarstufen-I-Abschlusses für alle kommt.

3) Zitat aus: "Armut in Deutschland, Schattenbericht der Nationalen Armutskonferenz". Die aus dem Oktober 2012 stammende Veröffentlichung dieses Berichts erfolgte bewusst in der Berliner Obdachlosenzeitung strassenfeger.

4) Zu den Vorreitern auf diesem Gebiet gehören Katja Urbatsch (Initiative "Arbeiterkind.de ") und der als "Talentscout für Arbeiterfamilien" tätige Suat Yilmaz.

5) Vgl. hierzu: Jens Wernicke: Die Illusion vom Bildungsaufstieg, Nachdenkseiten vom 10.03.2014.

6) Zu diesem Thema ist in der Frankfurter Rundschau vom 11./12.10.2014 ein betont kämpferischer Gastbeitrag von Peter Grottian erschienen: "Aufstehen gegen Ausbeutung! / Weg mit den Drei-Euro-Jobs an Hochschulen".

7) Eine kritische Auseinandersetzung mit den hier angesprochenen Kompetenzen findet sich in dem mit "Kompetenzen machen unmündig" überschriebenen Beitrag von Jochen Krautz, der im Oktober 2015 im BdWi-Studienheft 10 (Naturalisierung und Individualisierung / Beiträge der Wissenschaft zur Legitimation von Armut und Ausgrenzung) erschienen ist.

8) Diese Kurzdarstellung stützt sich auf einen Bericht von Hannes Koch ("Das Versprechen der digitalen Revolution"), der am 21.01. 2016 in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht worden ist.

9) Mehr zum letztgenannten Punkt ist im 2. Teil des im Internet veröffentlichten Interviews zu lesen, das Lisa Nimmervoll am 18.01.2016 mit Malte Brinkmann geführt hat (Erziehungswissenschafter: "Die Schüler lernen so Unaufmerksamkeit").


Magda von Garrel ist Sonderpädagogin und Diplompolitologin. Seit Beginn der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts war sie als sog. Integrationslehrerin in Grund-, Haupt-, Sonder- und Berufsschulen tätig. Sowohl diese als auch die zuvor im Bereich der politischen Verwaltung gesammelten Erfahrungen veranlassten die Autorin, sich immer kritischer mit schulpolitischen Fragestellungen auseinanderzusetzen, wobei sie sich gegenwärtig verstärkt mit der Situation armer SchülerInnen befasst.

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