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Klaus Holzkamp

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Was ist „Nanotechnologie“?

15.11.2007: Ein Forschungsfeld zwischen Dystopien und Utopien

„Nanotechnologie“ ist aktuell in aller Munde: Natur- und Ingenieurwissenschaftler haben ein neues Forschungsfeld entdeckt, in dem sich Grundlagenforschung und Anwendungsorientierung eng miteinander verbinden lassen. Andreas Woyke klärt über zentrale Gegenstände und gesellschaftlich relevante Fragen auf, die damit verbunden sind.

Vertreter aus Wirtschaft und Industrie sehen gewinnbringende Chancen auf einem zunehmend globalisierten Markt. Politiker und Verbandsfunktionäre forcieren eine z.T. massive institutionelle und finanzielle Unterstützung nanotechnologischer Forschung. Kritische Stimmen warnen dagegen vor völlig neuen Gefahren, und manche mahnen bereits eine gesonderte „Nanoethik“ an.

Während bei anderen „Leittechnologien“ auch der naturwissenschaftliche Laie i.d.R. zumindest eine gewisse Ahnung von ihren Gegenständen, Anwendungen und möglichen Gefahren hat, erscheint die Nanotechnologie als außerordentlich uneinheitlich. Die Medien bemühen sich häufig zu wenig um eine Aufarbeitung dieses Defizits und schwanken vielfach zwischen Euphorie und Hysterie. Gerade bei der Nanotechnologie reicht es nicht aus, anhand der naturwissenschaftlichen Grundlagen eine allgemeine Definition anzustreben, es muss auch darum gehen, das für ihre Entwicklung konstitutive Geflecht zwischen Visionen, Hoffnungen, Befürchtungen und Erwartungen zu beleuchten. Beide Aspekte will ich im Folgenden näher betrachten.

Grundlagen

Ein erster Klärungsversuch setzt beim Wortursprung von „Nano“ und dem Längenmaßstab „1 Nanometer“ (1 nm) an. „Nano“ leitet sich vom griechischen Wort „nannos“ – Zwerg – ab und bezeichnet als Vorsilbe physikalischer Größen den Faktor 10-9, also den milliardsten Teil einer Maßeinheit. Unter Nanotechnologie könnte man demnach in Analogie zu „Mikrotechnologie“ all jene Technologien subsumieren, die eine noch weitergehende Miniaturisierung von technischen Bauteilen auf den Nano-Bereich ermöglichen. Dies greift jedoch zu kurz, da Dimensionen im Nanometer-Bereich keinesfalls Neuland für die modernen Naturwissenschaften sind: Der Größenbereich „im ganz Kleinen“ reicht schon in dem Buch „ZehnHoch“ von 100 nm langen Ketten chromosomaler DNA über 1 nm im molekularen Bereich und 1 Picometer (1 pm; 10-12m) im Bereich der Atomkerne bis zu 0,1 Femtometer (0,1 fm; 10-16 m) auf der Ebene der Quarks.1 Der Größenbereich ist zweifellos relevant für das, was summarisch als Nanotechnologie bezeichnet wird, aber seine Realisierung ist nicht hinreichend, um zu verstehen, was das Besondere daran ist. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass sich auf der Nano-Ebene eine spezifische Kausalität zwischen den Dimensionen der jeweiligen Einheiten und vieler Eigenschaften der daraus aufgebauten Objekte ergibt. Im Sinne des handwerklichen Gebrauchs von Materialien ist dieser Zusammenhang eigentlich schon lange bekannt: So färbten die Römer Gläser mit feinsten Partikeln von Gold oder einer Gold-Silber-Mischung, um besondere Farbeffekte zu erzielen. Ähnliche Effekte wie bei diesen „Rubingläsern“ liegen auch dem Einsatz von Gold und anderen Metallen in der Kirchenfenster-Malerei zugrunde. Die Tatsache, dass es ab einer gewissen Partikelgröße zu neuen optischen, elektrischen, chemischen und anderen Eigenschaften kommt, ist allerdings keinesfalls so selbstverständlich, wie es diese historischen Beispiele zu suggerieren scheinen. Insbesondere an den drastischen Miniaturisierungen von Bauteilen in der Mikroelektronik zeigt sich, dass physikalische Eigenschaften und Funktionsprinzipien über weite Größenbereiche erhalten bleiben.

Die Gemeinsamkeit aller nanostrukturierten Systeme besteht nun gerade darin, dass sie diese spezifische Kausalität zwischen Nano-Dimensionen und veränderten Eigenschaften der Materialien systematisch auszunutzen versuchen. Ein praktisches Beispiel sind die sogenannten „Quantum Dots“. Hierbei handelt es sich um Halbleitermaterialien mit einer Partikelgröße zwischen 4 und 5 nm, die durch gesteuerte Selbstorganisationsprozesse hergestellt werden. Die Abhängigkeit bestimmter Eigenschaften von den Dimensionen führt bei diesen „Quantenpunkten“ dazu, dass unterschiedlich große Nanopartikel bei Bestrahlung mit UV-Licht Fluoreszenz in unterschiedlichen Wellenlängen zeigen. Wichtige Anwendungen sind die effektivere Markierung biologisch aktiver Substanzen, der gezielte Transport von Medikamenten im Körper und eine Unterstützung der Regeneration von Knochen und inneren Organen. Wenn es eine Gemeinsamkeit all jener Forschungsfelder gibt, die unter der Sammelbezeichnung „Nanotechnologie“ rangieren, besteht sie demnach in der Realisierung nanoskaliger Objekte und der Untersuchung und technologischen Anwendung der Abhängigkeit vieler ihrer Eigenschaften von den realisierten Dimensionen. Eine interdisziplinäre „Nanowissenschaft“ hat es also immer mit einem Übergangsbereich zwischen klassischer und quantentheoretischer Physik zu tun, was den entscheidenden Hintergrund für diese besondere Größe-Eigenschafts-Kausalität bildet. Gegenstand von Nanotechnologie im engeren Sinne ist es dann, Nanostrukturen herzustellen und in ihrer jeweiligen Funktionalität in größere technologische Systeme zu integrieren.

Für die Herstellung werden dabei sowohl Top-down-Verfahren genutzt, die auf einer sukzessiven Miniaturisierung vom Makro- über den Mikro- in den Nanobereich basieren, als auch Bottom-up-Verfahren, die auf der Basis von Selbstorganisationsprozessen einen Aufbau größerer Einheiten ermöglichen sollen. Während eine fortgesetzte Verkleinerung von Bauelementen letztlich an physikalische und technische Grenzen stößt, kann sich die Methode eines „Bauens“ mit Atomen und Molekülen an dem in biologischen Systemen realisierten Aufbau komplexer Strukturen aus molekularen Bausteinen orientieren. Eine für die Nanoforschung zentrale Analogie für die Einbindung einzelner Elemente in einen funktionalen Zusammenhang bildet insofern der Aufbau von Zellen, Organen und schließlich ganzen Lebewesen aus molekularen Grundbausteinen. In ganz ähnlicher Weise, wie man sich die Einbindung einzelner Moleküle in die komplexe „Nanomaschinerie“ eines Organismus vorstellt, sollen kleine funktionelle Nanoobjekte in eine größere technische Umgebung eingebettet werden, um so letztlich auch makroskopische Effekte erzeugen zu können.

Frühe Visionen

Alle genannten Aspekte einer Charakterisierung der Nanotechnologie finden sich bereits in einem Vortrag, den der spätere Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman im Jahre 1959 vor der American Physical Society gehalten hat.2 Visionär ist dabei schon der Titel „There’s Plenty of Room at the Bottom“. Feynmans Überlegungen sind auf das technologische Potenzial fokussiert, das in einer fortgesetzten Miniaturisierung mechanischer und elektronischer Bauteile steckt. Die sukzessive Verkleinerung elektronischer Speichermedien vorwegnehmend, stellt er z.B. die Frage, warum es nicht möglich sein sollte, den Inhalt aller 24 Bände der Encyclopedia Britannica auf den Kopf einer Nadel zu schreiben. Bei seinen Spekulationen darüber, wie sich seine Visionen technisch realisieren lassen könnten, spricht er über Techniken, die in der Folgezeit wirklich entwickelt wurden. Hierzu gehört insbesondere seine Forderung nach der Entwicklung besserer Elektronenmikroskope, die eine Betrachtung und Manipulation einzelner Atome und Moleküle ermöglichen können. Feynman sieht solche neuen mikroskopischen Techniken durchaus in einem engen Konnex zur Grundlagenforschung, indem er darauf vertraut, dass sich viele Fragestellungen der Molekularbiologie auf ihrer Basis beantworten lassen werden. Bereits Feynman verwischt dabei die Grenzen zwischen Makro- und Nanokosmos, indem er das mit großem technischem und mathematischem Aufwand ermöglichte „Sehen“ molekularer Strukturen ohne Differenzierung mit dem lebensweltlich vertrauten Sehen makroskopischer Dinge identifiziert. Auch der Vorbildcharakter biologischer Systeme kommt in Feynmans Vortrag bereits vor: Die Speicherung einer Fülle von Informationen auf molekularer Ebene, wie sie in lebenden Zellen realisiert ist, liefert ihm das entscheidende Beispiel für die Entwicklung ähnlich effektiver technischer Speichermedien.

Neben diesen Überlegungen kommen in seinem Vortrag auch der Spieltrieb des Ingenieurs und die spezifisch technische Freude an der Realisierung des scheinbar Unmöglichen zum Ausdruck: So sinniert er z.B. darüber, wie es möglich ist, eine funktionsfähige Maschine soweit zu miniaturisieren, dass sie zum Transport oder Bau von submikroskopischen Elementen eingesetzt werden könne. Auch die Idee, solche Minimaschinen im menschlichen Körper einzusetzen, um kleinere Operationen durchzuführen oder Körperfunktionen zu kontrollieren, klingt hier bereits an. Der mögliche Nutzen, der aus einer praktischen Umsetzung dieser Vorstellung resultieren könnte, spielt hier natürlich hinein, aber als entscheidender kann wohl die große naturwissenschaftlich-technische Herausforderung gelten, die von einer Inangriffnahme fortgesetzter Miniaturisierung ausgeht. Das visionäre Element des Vortrags ist insofern in technischer Orientierung darauf bezogen, dass es erstrebenswert und verdienstvoll ist, diese Spekulationen in die Tat umzusetzen, und sich daraus auch diverse lebensweltliche Erleichterungen und gesellschaftliche Verbesserungen ergeben können. Als Physiker räumt Feynman ein, das Projekt einer fortgesetzten Miniaturisierung werde auf eine Reihe physikalischer und technischer Schwierigkeiten stoßen, doch seine Hauptmotivation ist nicht, im Sinne von Grundlagenforschung die Prinzipien einer neuen Physik zu erschließen. Er bringt damit bereits jene für den aktuellen Nano-Boom maßgebliche Tendenz zum Ausdruck, naturwissenschaftliche Grundlagenforschung in vieler Hinsicht nur mehr insoweit anzuerkennen, als sie in einen anwendungsorientierten Kontext gesetzt werden kann.

Visionäre Konturierungen

Es ist eine sehr plausible Annahme, die Zusammenführung unterschiedlichster Forschungsrichtungen unter dem Dach der „Nanotechnologie“ und das massive gesellschaftliche Interesse, das ihr entgegengebracht wird, auf die weitreichenden Visionen zurückzuführen, mit denen Zukunftstechnologen wie Eric Drexler sie aufgeladen haben. Mit der Veröffentlichung von Drexlers Buch „Engines of Creation“ im Jahre 1986 erhält die Nanotechnologie ihren „wahren Visionär“.3 Ab den 1990er Jahren werden dann langsam, aber stetig jene Verflechtungen zwischen ökonomischen Chancen, politischen Förderungen, technischen Innovationen und gesellschaftlichen Diskursen geknüpft, die zu einem so frühen Zeitpunkt und in diesem Ausmaß noch mit keiner neu aufkommenden Technologie assoziiert waren. Wie eng diese Verflechtungen sind, zeigt sich auch an einer der ersten öffentlichkeitswirksamen Inszenierungen der Nanotechnologie, nämlich dem seltsamen Coup von Eigler und Schweizer, das Logo der Computerfirma IBM auf der Ebene einzelner Atome „nachzubilden“ und diesem Artefakt den Titel „The Beginning“ zu geben. Diese erste, mit viel Aufwand produzierte Visualisierung einer Manipulation des Nano-Kosmos repräsentiert eine Form technologischen Handelns, die keiner konkreten Begründungen oder Legitimationen bedarf, sondern dem Muster einer Realisierung um des Realisierens willen folgt. Der „Anfang“, der hier gemacht wird, ist daher auch der Anfang der hochgradigen Unbestimmtheit der Nanotechnologie und ihrer Öffnung für übersteigerte Erwartungen und überzogene Visionen. Das programmatische Buch „Engines of Creation“ von Drexler spricht die meisten der mit der Nanotechnologie assoziierten Zukunftsvisionen an und konfrontiert den Leser mit einem seltsamen Gemisch aus naturwissenschaftlichen Begründungen, historischen Spekulationen und beinahe messianischen Prophezeiungen hinsichtlich der Auswirkungen der „nanotechnologischen Revolution“. Maßgeblich für ihre rasche Popularisierung mag sein, dass Drexler keine präzise Ausdifferenzierung dessen liefert, was unter Nanotechnologie bzw. „molekularer Technologie“ zu verstehen ist, sondern durch vielfältige Brückenschläge zur Computertechnologie, Artificial-Intelligence-Forschung, Gentechnologie und Raumfahrt das Bild einer „Super-Technologie“ entwirft, mit der eigentlich alle dringlichen Probleme der Menschheit gelöst werden könnten. Die optimistischen Zukunftsprognosen von Drexler und anderen tragen entscheidend dazu bei, dass sie in den Fokus politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Interessen gerückt wird. Die Visionen, die auf dem Workshop „Converging Technologies for Improving Human Performance“ aus dem Jahre 2002 ernsthaft diskutiert werden,4 überschneiden sich in Vielem mit derartigen übersteigerten Visionen.

So sollen Interfaces zwischen Mensch und Maschine eine grundlegende Umwälzung der bisherigen Lebens- und Arbeitswelt bewirken, der menschliche Körper soll ein hohes Maß an Resistenz gegenüber Umweltreizen, Stressfaktoren und Krankheiten entwickeln, Krankheiten und Behinderungen sollen insgesamt technologisch kompensiert und so auf Dauer beseitigt werden, neue Weltraumsysteme sollen neuen Lebensraum erschließen und eine Ausbeutung extraterrestrischer Ressourcen ermöglichen etc. Ausgangsannahme ist dabei, dass sich viele dieser utopischen und z.T. höchst bedenklichen Zielvorstellungen schon in etwa 20 Jahren realisieren lassen werden und dies zu einer durchgreifenden Verbesserung des menschlichen Daseins und einer gänzlich neuen gesellschaftlichen Ordnung führen wird. Nanotechnologie und ihre Zusammenführung mit anderen „Schlüsseltechnologien“ erhalten auf diese Weise eine beinahe religiöse Aufladung, indem sie den Menschen in seiner genuinen Fragilität und Endlichkeit in einen neuen paradiesischen Zustand zurückführen sollen, der durch keinen Sündenfall mehr gefährdet wäre, weil seine Realisierung und Erhaltung allein von der menschlichen Manipulationsmacht abhängen und keinen göttlichen Sanktionen mehr unterliegen würden.

Mögliche Anwendungen

In vielen relevanten Bereichen hat die Nanoforschung tatsächlich bereits zu konkreten Anwendungen geführt; in anderen liegen Erfolg versprechende Ergebnisse vor, die sich voraussichtlich in absehbarer Zeit auch praktisch nutzbar machen lassen werden. Für den Bereich der Elektronik und Informationstechnik sind z.B. bereits Speichermedien mit ferromagnetischen Speicherchips kommerziell verfügbar, die sich im Unterschied zu herkömmlichen Mikroprozessoren rekonfigurieren lassen, wodurch prinzipiell eine Umfunktionalisierung von Hardware-Elementen möglich wird. In der chemischen Industrie und der Werkstoffentwicklung zählt die Herstellung von nanoskaligen Materialien bereits zu den etablierten Methoden. Titandioxid, Siliciumdioxid und andere Verbindungen zeigen in Form von Nanopartikeln u.a. neue optische, magnetische, elektrische und chemische Eigenschaften und eröffnen so Anwendungen als UV-Filter in Sonnenschutzcremes, als Perlglanzpigmente in kosmetischen Präparaten und als thermische und mechanische Beschichtungen von Oberflächen. Anwendungen im Bereich von Medizin und Pharmazie zielen sowohl darauf ab, biologische Prinzipien und Komponenten in nanotechnische Systeme zu integrieren, als auch darauf, nanotechnologische Verfahren und Materialien zur Untersuchung und Manipulation biologischer Systeme einzusetzen. Schon länger eingesetzt werden z.B. die so genannten „Liposomen“ als synthetisch hergestellte Transportvehikel für Medikamente. Eine breite Palette von Anwendungen im „Nano-to-bio“-Bereich ergibt sich bei der Biofunktionalisierung von Materialien und Materialoberflächen, z.B. durch eine Behandlung mit bioziden Silber-Partikeln. Noch recht neue und spekulative Horizonte ergeben sich im Blick auf „Biochips“ und andere implantierbare Systeme. Forschungsgegenstände im Bereich der Energie- und Umwelttechnik sind u.a. neuartige Filtersysteme auf der Basis nanoporöser Materialien, mit denen selektiv bestimmte Gift- und Schmutzstoffe abgetrennt werden können, eine massive Effizienzsteigerung von photovoltaischen Zellen und neue Materialien zur Speicherung von Wasserstoff.

Von dem durchgreifenden Umbruch und einer neuen „Industriellen Revolution“ kann aber bisher keine Rede sein, wenngleich es durchaus nicht ausgeschlossen scheint, dass eine konsequente Anwendung nanotechnologischer Verfahren im Produktions- und Energiesektor zu einem nachhaltigeren Umgang mit materiellen und energetischen Ressourcen führen könnte. Gerade wenn es um grundlegende Manipulations- und Transformationsprozesse von Mensch und Natur geht, schlägt dagegen allzu viel „positiver Fortschritt“ in eine „negative Utopie“ um, in der auch Glück, Freiheit und Frieden zu technologischen Generaten werden.

Probleme und offene Fragen

Eine allgemeine Hysterisierung, die auf ihre Weise auch zur Popularisierung nanotechnologischer Visionen beigetragen hat, stößt Bill Joy durch seinen Essay „Why the future doesn’t need us“ an.5 Ausgangspunkt seiner Besorgnis ist seine Bekanntschaft mit den Zukunftsphantasien von Ray Kurzweil. Nach dessen Ansicht wird es schon bald möglich sein, intelligente Roboter zu konstruieren und computer-kompatible Duplikationen menschlicher Gehirne zu erzeugen. Die Visionen Drexlers begeistern Joy einerseits zunächst für das große Anwendungspotenzial, andererseits zweifelt er, inwieweit es sich wirklich ausschöpfen lassen wird. Die Erfolge in der Nanoelektronik Ende der 1990er Jahre sind für ihn allerdings Anlass, beide Einschätzungen zu überdenken. Er stimmt nun Drexlers optimistischen Zukunftshoffnungen zu, gewichtet allerdings deren potenzielle Gefahren wesentlich höher. Ähnlich wie bei der Nukleartechnik böten sich auch bei der Nanotechnologie leichter destruktive als konstruktive Nutzungsmöglichkeiten an, so dass sich auch hier vielfältige militärische und terroristische Anwendungen vorstellen lassen. Außerdem werde angesichts einer nanotechnologischen Transformation der Natur eine irreparable Zerstörung der Biosphäre in ihrer bisherigen Form denkbar. Schon Drexler entwirft in „Engines of Creation“ das sogenannte „grey-goo“-Szenario, in dem unkontrollierte Replikatoren das ganze Leben auf der Erde auslöschen und nichts als „grauen Schleim“ übrig lassen. Joy nimmt diese Szenarien ernst und befürchtet, dass angesichts eines globalisierten Kapitalismus die Anwendung und Vermarktung der Nanotechnologie kompromisslos vorangetrieben und alle Warnungen vor möglichen Gefahren ungehört verklingen werden. Weder eine Umsiedelung in den Weltraum noch neuartige Abwehrschirme bieten für ihn ernsthafte Auswege aus den massiven Gefahren, die mit einer Ausweitung nano-, bio- und computertechnologischer Techniken verbunden sind. Die einzig realistische Alternative stellt daher für ihn nur ein grundlegender Verzicht auf den Einsatz solcher Technologien dar. Grundsätzlich geht es ihm um eine Neuorientierung hinsichtlich der moderne Gesellschaften bestimmenden Utopievorstellungen und um eine Infragestellung der vorherrschenden Wachstumsparadigmen.

In dieser großen Linie kann man Joy durchaus zustimmen, doch im Hinblick auf eine ausgeglichene Position zum diffusen Feld der Nanotechnologie konfrontiert er uns doch mit einer ganzen Reihe völlig offener Fragen. Zum einen trägt seine enge Assoziation dieses neuen Technologiefeldes mit fragwürdigen Spekulationen zu einer allgemeinen Hysterisierung im öffentlichen Diskurs bei; zum anderen bedürfte die von ihm geforderte Umorientierung sowohl einer ethischen Fundierung als auch eines globalen gesellschaftlichen Konsenses; weder der Hinweis auf den Dalai Lama noch der Appell, ein neues Ideal der Brüderlichkeit zu verwirklichen, liefern tragfähige Anknüpfungspunkte für diese grundsätzlichen Fragestellungen. Außerdem lassen sich gerade die optimistischen Propagandisten der neuen Technologien von Joys Einschätzungen kaum beeindrucken: Das Leiden in der Welt müsse bekämpft, wirtschaftliches Wachstum weiter forciert werden – so der Tenor von Kurzweils Antwort auf Joys Essay. Kurzweil erkennt zwar die Hinweise auf mögliche Gefahren der Nanotechnologie durchaus an, doch er setzt darauf, sie mit geeigneten Schutzmechanismen in den Griff zu bekommen.6

Wie so oft bei gesellschaftlichen Technik-Diskursen scheint es insofern nur zwei Extreme zu geben: Technokratischen Optimismus oder humanistischen Pessimismus. Der bisherige öffentliche Diskurs über die Nanotechnologie ist vielfach durch derartige Polarisierungen bestimmt, wobei die Visionen von Drexler, Kurzweil u.a. lange vor einem politischen Interesse an ihnen eine Karriere in den subkulturellen Kreisen der „Transhumanisten“ und „Extropier“ gemacht haben. Deren wesentliches Ziel ist eine Überschreitung biologischer und kultureller Grenzen des Menschen durch den Einsatz nano-, bio- und computertechnologischer Mittel. In Frage stellen lassen sich derartige Zielvorstellungen sowohl auf der Ebene der wissenschaftlich-technologischen Realisierbarkeit als auch auf der Ebene einer philosophischen Kritik, welche die Legitimität derartiger überzogener Ziele in Zweifel zieht, ohne Zuflucht bei einer rigorosen Verbots- oder Verzichtsethik nehmen zu müssen. Hinsichtlich des ersten Aspekts geht es insbesondere um seriöse wissenschaftliche Expertisen und eine sachliche Auseinandersetzung mit den neuen Möglichkeiten, die uns die Nanotechnologie zukünftig bescheren soll. Hinsichtlich des zweiten Aspektes erscheint es mir einerseits wesentlich, die Banalität transhumanistischer Zielperspektiven angemessen herauszustellen, und sie andererseits mit einem substantiellen Verständnis des Menschseins und der Natur zu konfrontieren.

Prognosen hinsichtlich technologischer Entwicklungen sind immer mit großen Unsicherheitsfaktoren behaftet, und auch die bestehenden naturwissenschaftlichen Theorien besitzen keinen sakrosankten Status. Dennoch sollte man sich um möglichst seriöse Einschätzungen bemühen, die nicht von dem scheinbaren Konsens ausgehen, nahezu alle prognostizierten Anwendungen könnten in absehbarer Zeit auch in die Praxis umgesetzt werden. Bei den vielfältigen Bereichen nanotechnologischer Forschung geht es hauptsächlich darum, wirklich problematische von unproblematischen und wünschenswerten Anwendungen zu unterscheiden und so eine sinnvolle Eingrenzung vorzunehmen. Die überzogenen Visionen technologischer Transformationsprozesse, die Ausgangspunkt gesellschaftlicher Diskussionen sind, werden von vielen ernsthaften WissenschaftlerInnen äußerst skeptisch betrachtet. Da ein wirklicher Konsens aber bisher nicht gefunden wurde und gerade angesichts einer noch völlig offenen Verwirklichung der beschworenen „nanotechnologischen Revolution“ wohl so schnell auch nicht gefunden werden kann, müssen die weitreichenden Ideen einer massiven Transformation von Mensch und Natur ernst genommen und in ihrem problematischen Charakter bedacht werden. Dabei gilt es weniger, die aktuelle Forschung in den Blick zu nehmen, die insbesondere unproblematische und wünschenswerte Anwendungskontexte untersucht, als den Fokus auf visionäre Aufladungen und hybride Perspektiven zu richten, die problematische Anwendungsbereiche als wünschenswert erscheinen lassen.

Anmerkungen

1) Ph. Morrison/Phy. Morrison, ZehnHoch. Dimensionen zwischen Quarks und Galaxien, übers. von H. P. Herbst, Heidelberg 1987.

2) R. P. Feynman, There’s Plenty of Room at the Bottom. An Invitation to Enter a New Field of Physics, 1960, 1-10, unter: www.zyvex.com/nanotech/feynman.html .

3) K. E. Drexler, Engines of Creation: The Coming Era of Nanotechnology, New York 1986.

4) M. C. Roco/W. S. Bainbridge (Eds.), Converging Technologies for Improving Human Performance. Nanotechnology, Biotechnology, Information Technology and Cognitive Technology, NSF/DOC-sponsored Report, Arlington, 2002, unter: www.wtec.org/ConvergingTechnologies/Report/NBIC_report.pdf .

5) B. Joy, Why the Future doesn’t need us, Wired 8.04 (April 2000), 2001, unter: www.wired.com/wired/archive/8.04/joy_pr.html .

6) R. Kurzweil, Der Code des Goldes. Meine Antwort auf Bill Joy, in: F. Schirrmacher (Hrsg.), Die Darwin AG. Wie Nanotechnologie, Biotechnologie und Computer den neuen Menschen träumen, Köln 2001, 72-77.


Dr. Andreas Woyke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Darmstadt im DFG-Projekt zu philosophischen Implikationen der Nanotechnologie.

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