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Klaus Holzkamp

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Dokumentation einer Abwicklung

06.01.2016: Anekdotische Skizzen aus der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

  
 

Forum Wissenschaft 4/2015; Foto: saster / Photocase.de

Der Umbau des DDR-Hochschulwesens vollzog sich ab 1989 in seiner radikalsten Form: Die vom Einigungsvertrag festgeschriebene Abwicklung führte nicht nur zum Abbruch der Versuche selbstbestimmter Demokratisierung, sondern zu einem weitgehenden personellen Kahlschlag mit verheerenden persönlichen wie gesellschaftspolitischen Folgen. Hans-Dieter Klein erinnert sich an Erlebnisse in einer dramatischen Zeit.

Kann man über eine Zeit tiefster Eingriffe in individuelle wissenschaftliche Biografien anekdotisch berichten? Als Zeithistoriker, der in Folge der sogenannten personellen Erneuerung an der halleschen Universität seine Professur für Allgemeine Geschichte verlor, kann ich nur raten, sich nicht anzumaßen, über eine Zeit, in die man als Akteur eingebunden war, ernsthaft Geschichtswissenschaftliches von sich geben zu wollen. Deshalb soll es beim Anekdotischen bleiben - gewissermaßen als Zeitzeugnis.

Beim Kramen in Erinnerungen - auch 25 Jahre sind eine Zeit, die Gedächtnisstützen bedarf - fiel mir ein Dokument in die Hände, das in selten offener Weise das politische Instrumentarium der "Abwicklung" beschreibt. In den "Empfehlungen zur strukturellen und personellen Erneuerung ..." des Sekretariats der Ständigen Konferenz der Kultusminister wird Klartext geredet.1 Nur wenige Tage nach dem Anschluss der DDR, wird - vorgezeichnet durch den Einigungsvertrag - über politische Instrumentarien zum personellen politischen Umbau im Sinne des Elitenwechsels aber auch eines radikalen Personalabbaus eine Empfehlung abgegeben, die sich ab dem 1. Januar 1991 in praktischer Politik umsetzte.

Im Februar 1990 mit überwältigender Zustimmung von Hochschullehrern, Mitarbeitern, technischem und Verwaltungspersonal sowie den Studierenden der neuen Sektion Geschichte (alle mit gleichem Stimmrecht) gewählt, oblag mir, einen komplizierten strukturellen und die Studieninhalte reformierenden Prozess zu leiten. Nach dem Vollzug des Anschlusses der DDR an den Geltungsbereich des Grundgesetzes war es nur eine Frage der Zeit, wann "Abwicklungsbeschlüsse" gefasst werden würden.

Anekdote 1: Irrtum? - Imaginärer Kabinettsbeschluss

Die geistes- und sozialwissenschaftlichen Sektionen rechneten mit dem Schlimmsten, ohne zu diesem Zeitpunkt schon alle arbeitsrechtlichen Konsequenzen (Entlassung und bei Bedarf befristete Beschäftigung nach Willkür neu eingesetzter Dekane) zu kennen.

Die Landesregierung des neugebildeten Landes Sachsen-Anhalt fasste im November 1990 den Abwicklungsbeschluss. Eine Abordnung voraussichtlich betroffener Studierender hatte sich deshalb vor das Ministerium nach Magdeburg begeben. Der zuständige Minister, Dr. Werner Sobetzko (CDU), ließ eine Abordnung der Studierenden in sein Sitzungszimmer ein. Er verkündete die Abwicklung u.a. der Philosophie, Gesellschaftskunde, Wirtschaftswissenschaften und der Juristen. Mitten in der erregten Debatte trat ein Herr an den Minister mit einem Schriftstück heran, worauf Sobetzko ergänzte, dass die Erziehungswissenschaften, die Geschichte und ein Teil der Geografie ebenfalls abzuwickeln wären. Allerdings konnte er auf Nachfrage der Studierenden nicht begründen, wann und wo seine Kabinettskollegen in seiner Abwesenheit einen neuen Kabinettsbeschluss gefasst haben konnten. Nach bohrenden Fragen der Studierenden verkündete er, um das Gesicht zu wahren, dass sein Büro einem Irrtum unterlegen habe.

Anekdote 2: Was willst du denn hier? - Zerbrechende Solidarität

Ein kalter Tag Anfang Dezember. Die beiden Schadowschen Löwen links und rechts des Eingangs zum Hauptgebäude am Universitätsplatz scheinen mit in die eher düstere Stimmung auf dem Platz eingestimmt. Heinrich Heine hatte sie schon verspottet, als sie noch einen Marktbrunnen zierten:

"Zu Halle auf dem Markt, Da stehn zwei große Löwen. Ei, du hallischer Löwentrotz, Wie hat man dich gezähmet!"

Nun hatten sich um sie herum zwei- bis dreihundert Demonstrierende, Hochschullehrer, Mitarbeiter und Studentinnen und Studenten eingefunden, um gegen die Abwicklung zu protestieren. Sie wollten sich nicht zähmen lassen.

Die Universitätsleitung drückte sich vor einer Stellungnahme. Im Gegenteil, der im Frühjahr zum Prorektor für Geisteswissenschaften gewählte Theologe Holtz (Mitglied der DDR-CDU und später von einer MfS-Vergangenheit eingeholt) stand am Rande als Beobachter und wohl Berichterstatter und zeigte dabei deutliche Beunruhigung.

Mein persönliches Erleben dieser Veranstaltung hatte allerdings einen Beigeschmack, der sich in den Folgemonaten noch verstärken sollte. Es gab keine Solidarität seitens der anderen Beschäftigten. Lediglich der gerade gewählte Personalrat bemühte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten, die arbeitsrechtlichen Konsequenzen aufzufangen. Aber auch die Betroffenen selbst erwarteten wohl keine Solidarität: Aufgerufen von der GEW, sich dem Protest der abzuwickelnden Bereiche anzuschließen, hatte ich mich auf den Universitätsplatz begeben. Tief betroffen war ich, als mich eine Gruppe von Kollegen mit dem Vorwurf empfing: "Was willst du denn hier, die Historiker werden doch nicht abgewickelt!"

In meiner späteren Tätigkeit als Gewerkschaftssekretär der GEW konnte ich einigen Kolleginnen und Kollegen der abgewickelten Institute noch mit gewerkschaftlichen Mitteln helfen.

Anekdote 3: Keine "Stille Nacht" - Weihnachten im Rektorat

Die Abwicklungsbeschlüsse sollten zum Beginn des Jahres 1991 wirksam werden. Nicht nur für die Beschäftigten stellten sich damit existenzielle Fragen. Die Studierenden, insbesondere jene, sie sich schon seit dem Herbst 1989 in demokratische Reformen aktiv eingebracht hatten, wollten sich weder ihre Mitbestimmungserrungenschaften wegnehmen lassen, noch das in dieser Zeit gewonnene Vertrauensverhältnis zu vielen Lehrenden aufgeben.

Die Abwicklungsbeschlüsse waren neben Botschaften von immer öfter auftauchenden Emissären und Missionaren westdeutscher Hochschulen das erste deutliche Signal, dass die Umsetzung des Einigungsvertrages mit den gewonnenen Freiheiten der studentischen Statusgruppe nicht zu vereinbaren war. Die Übernahme der rechtlichen Rahmenbedingungen aus dem HRG bzw. aus "aufbauhelfenden" Bundesländern wollten die aktiven Studierenden nicht ohne Widerstand hinnehmen.

Die Abwicklungsbeschlüsse boten die Initialzündung für Proteste besonderer Art. Kurz vor Weihnachten besetzten Studierende das Rektorat am Universitätsplatz. Die Besetzung zog sich über die Weihnachtstage bis ins Jahr 1991 hin. Von der Abwicklung betroffene Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer wurden eingeladen, alternative Lehrveranstaltungen anzubieten. Ich wurde eingeladen, über die 68er Bewegung in der Bundesrepublik zu referieren. Ich erinnere mich an fundierte und engagierte Diskussionen. Ich erinnere mich aber auch daran, Lebensmittel, darunter mehrere Kartons Rotwein, zu den Besetzern mit meinem Wartburg gefahren zu haben.

Die Studierenden, die diese Besetzung getragen hatten, haben sich in den folgenden Monaten auch bei der Neuausrichtung der Studienprogramme und bei der Konsolidierung der Interessenvertretungen und neuer universitärer Gremien nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Sie hatten einen Anteil daran, dass die Hochschulgesetzgebung in Sachsen-Anhalt bis in die zweite Hälfte der 90er Jahre noch erhebliche Spielräume für demokratische Reformen bot.

Anmerkung

1) Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland: Empfehlungen zur strukturellen und personellen Erneuerung der Einrichtungen der Wissenschaft in den Ländern Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Bonn, 26.10.1990.


Hans-Dieter Klein, geb. 1949, 1989 ordentlicher Professor für Allgemeine Geschichte, 1990 Direktor der Sektion Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 1992 bis 2014 Gewerkschaftssekretär der GEW Sachsen-Anhalt für Bildungspolitik. Mitarbeit in mehreren Bundesgremien der GEW.

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