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Klaus Holzkamp

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Hochschulfinanzierung in der Drittmittelfalle

06.01.2016: DFG-Förderatlas 2015

  
 

Forum Wissenschaft 4/2015; Foto: saster / Photocase.de

"Wer einmal oben ist, bleibt dort auch" - so das nüchterne Ergebnis im Gastbeitrag* von Torsten Bultmann vom Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi). Er hat sich für Studis Online das "Ranking" der DFG genauer angeschaut. Um das System der ungleichen Finanzierung der Hochschulen zu ändern, fordert Bultmann politischen Druck von der Öffentlichkeit und dem akademischen Mittelbau.

Die Hochschulfinanzierung steckt in der Drittmittelfalle: Große Unis haben eine bessere Chance bei der Akquise von zusätzlichen Geldern, während viele leer ausgehen und unterfinanziert sind.

Im September diesen Jahres veröffentlichte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ihr Forschungsförderranking 2015 (www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/zahlen_fakten/foerderatlas/2015/dfg_foerderatlas_2015.pdf).1 Unter diesem Titel jedenfalls ist das seit 1991 alle drei Jahre erscheinende Zahlenwerk mit dem Untertitel "Kennzahlen zur öffentlich finanzierten Forschung in Deutschland" bekannt geworden. Die DFG, deren Budget nach einem Bund-Länder-Schlüssel aus Steuergeldern finanziert wird, ist die größte Drittmittelgeberorganisation des Landes.

Nach eigenen Angaben verteilt sie ein Drittel aller Drittmittel auf das deutsche Hochschulsystem für befristete Forschungsprojekte über wettbewerbliche Antragsverfahren. Folglich werden auf diese Weise "Sieger" und "Verlierer", einnahmestärkere und ärmere Hochschulen in einem seit mehr als zwei Jahrzehnten in seiner Grundausstattung unterfinanziertem System produziert. In dem Ranking werden sämtliche Drittmitteleinnahmen (nicht nur DFG-Mittel) der Hochschulen bilanziert. Es ist damit eine unentbehrliche Quelle zur Beurteilung der Hochschulfinanzierung - und damit zugleich immer auch Anlass der Kritik an einer zunehmend ungleichen Hochschulfinanzierung.

Dieser Kritik begegnete die DFG bereits 2012 durch einen Namenswechsel. Auf einmal war nicht mehr wie bisher von einem Förderranking die Rede, das Konvolut wurde fortan "Förderatlas" getauft. Dies sei "auch ein forschungspolitisches Signal: Nicht ›immer mehr‹ und ›immer höher‹ ist das, was zählt, sondern der Erfolg, mit dem es Hochschulen [...] gelingt, ein spezifisches Forschungsprofil zu entwickeln..."2 Also eine harmlose horizontale Beschreibung von Forschungsprofilen bei gleichzeitiger verbaler Abrüstung des Wettbewerbsdrucks, über dessen administrativen Aufwand und ungleiche Chancen die Hochschulen zunehmend klagen.

Die Wissenschafts-Bundesliga

Ob diese kosmetisch-verbale Umrüstung gelungen ist, darf bezweifelt werden. Das zeigen schon die ersten Reaktionen auf die aktuelle Veröffentlichung, die ganz im Geiste "wissenschaftlicher" Sportereignisse verfasst sind. Da liest man etwa: "Spitzenreiter LMU München" (https://tu-dresden.de/aktuelles/newsarchiv/2015/9/dfg_foerderatlas15 "Universität Leipzig klettert auf Platz 31" (www.zv.uni-leipzig.de/service/presse/nachrichten. html?ifab_modus=detail&ifab_id= 6197), "Universität Mannheim führt Feld der Wirtschaftswissenschaften an" (www.bwl.uni-mannheim.de/de/fakultaet/aktuelles/aktuelles/news/dfg-ranking-universitaet-mannheim-auf-platz-eins-in-sozial-und-verhaltenswissenschaften/).

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Reaktionen, mit denen einige höher platzierte Hochschulen sich selber feiern. Und gleichzeitig ist dies völlig nichtssagend im Hinblick auf wissenschaftliche Leistungen. Die Platzierung in einer Tabelle sagt weder etwas über die Qualität noch die gesellschaftliche Relevanz der jeweiligen Forschungsleistungen aus. Vor allem zeigt dies nur, wieweit die Wettbewerbsideologie bereits in die Köpfe der Verantwortlichen vorgedrungen ist.

Dabei haben wir es mit einem reinen Mengeneffekt zu tun, bei dem die schiere Gesamtsumme der eingeworbenen Drittmittel gemessen wird nach dem Muster "wer mehr verbraucht ist umso besser!". Damit werden Äpfel und Birnen verglichen, weil etwa unterschiedliche Größen der Hochschulen keinerlei Rolle spielen: eine kleine Hochschule mit etwa 60 ProfessorInnen, wie die Uni Flensburg, hat zweifellos ein geringeres Drittmittelpotential als eine mit 400-500 Professuren.3

Daraus zu schließen, erstere sei als komplette Institution "schlechter", ist völlig unzulässig. Darauf wies etwa als einziger der frühere Westberliner Wissenschaftssenator George Turner hin: "Gern wird dann die Summe der eingeworbenen Mittel addiert und eine Rangfolge der Hochschulen in Tabellenform erstellt. Wer am meisten hat, ist ›Spitze‹. Dabei geht der Blick verloren für die Unterschiede zwischen den Universitäten. Sie differieren, was die Zahl der Studierenden angeht, zwischen 5.000 und 50.000. Entsprechend groß ist der Unterschied bezüglich der Zahl der Wissenschaftler." (Tagesspiegel 06.09.2015) (www.tagesspiegel.de/wissen/dfg-foerderatlas-drittmittel-sind-kein-guter-massstab/12284094.html). Schließlich werden Unterschiede zwischen den Fächern komplett ignoriert. "Wissenschaft lässt sich weder wie eine Schlagerparade noch wie eine Sporttabelle bewerten"

So weist etwa die DFG selbst darauf hin, dass die Professorenschaft im Maschinenbau neun- bis elffach höhere Einwerbungen erzielt als die Geistes-, Sozial- und Verhaltenswissenschaften (S.101) - nicht weil die Ingenieurbereiche so viel ›besser‹ sind, sondern weil die "Bücherwissenschaften" für ihre Forschungen wesentlich weniger Geld brauchen als die material- und geräteintensiven Disziplinen. Hochschulen mit sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächerschwerpunkten (vor allem ohne Medizin) tauchen daher recht selten auf den vorderen Plätzen auf, was ebenfalls nichts aussagt. Wissenschaft lässt sich weder wie eine Schlagerparade (›Top Ten‹) noch wie eine Sporttabelle bewerten.

Verhältnis Grundmittel/Drittmittel

Der sich seit zwei Jahrzehnten abzeichnende Trend wird durch das aktuelle Ranking bestätigt und verstärkt: die Grundmittel für die gesetzlichen Aufgaben der Hochschulen stagnieren (bei wachsenden Studierendenzahlen), die Drittmittel wachsen ständig und werden zunehmend zu einem Surrogat für die fehlende Grundausstattung, was vor allem dann als Problem erscheint, wenn man weiß, dass sich das Gros der Drittmittel auf eine Minderheit der Universitäten konzentriert (s. u.). Der Rest bleibt im Regen stehen.

Die Gesamtdrittmittelsumme aller Hochschulen (aus allen Förderquellen einschließlich der DFG) betrug im Jahre 2012 insgesamt 6,8 Mrd. Euro (2009: 5,3 Mrd.). Dem standen lediglich 17,5 Mrd. Euro Grundmittel (ohne Verwaltungseinnahmen) gegenüber. Die Drittmittelquote (Verhältnis Drittmittel zu Grundmitteln) betrug damit 28 Prozent des gesamten Hochschulbudgets (2009: 26 Prozent, 2003: 19 Prozent). (S.25) Die Drittmittelquote steigt also kontinuierlich. Dies ist kein spontaner oder indirekter Effekt, sondern offenbar so politisch gewollt.

Das spiegelt sich auch darin wider, dass der Anteil der Drittmittel aus privaten Quellen, überwiegend der gewerblichen Wirtschaft, rückläufig ist. Er lag am Ende des Berichtszeitraums (2011- 2013) bei 20 Prozent (2005: 28 Prozent) (S.27). Schon deswegen handelt es sich bei wachsenden Drittmittelanteilen nicht um eine "Privatisierung" der Wissenschaftsfinanzierung (im Sinne der Eigentumsfrage), wie häufig in linken Debatten vermutet wird. Angemessener ist die Bezeichnung "funktionale Privatisierung"[sup]4[/sup]: über eine stärker wettbewerbliche Verteilung staatlicher (steuerfinanzierter) Mittel kommen private Interessen an den Hochschulen indirekt mehr zum Zuge, ohne selbst investieren zu müssen.

"Es handelt sich um eine immer stärkere Ungleichverteilung von Steuergeldern"

Die Kehrseite davon ist, dass offenbar ein informeller politischer Konsens existieren muss, finanzielle Zuwächse aus öffentlichen Mitteln an den Hochschulen nur noch selektiv und über "wettbewerbliche" Verfahren zu verteilen. Diese faktische Transformation von einer auslastungsorientierten Finanzierung (Studierende im Verhältnis zum wissenschaftlichen Personalbedarf), wie sie sich in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts herausgebildet hat, zu einer Wettbewerbsfinanzierung ist aber politisch nie begründet oder auch nur zur Diskussion gestellt worden. Dennoch handelt es sich um eine Umverteilung - und immer stärkere Ungleichverteilung - von Steuergeldern.

Folglich könnte ein erheblicher Teil der 80 Prozent Drittmittel aus öffentlichen Quellen auch anders verteilt werden: etwa um die Studienbedingungen zu verbessern und mehr wissenschaftliches Personal einzustellen. Mittelbar würden damit auch (künftige) Forschungspotentiale aufgebaut. Offenbar ist dies aber politisch nicht gewollt, weil sich der "Ertrag" derartiger Investitionen nicht in den dominierenden kurzfristigen Wettbewerbszyklen messen lässt.

Schließlich suggeriert das Ranking in seiner öffentlichen Wirkung, selbst wenn die DFG das so explizit gar nicht sagt, dass relevante Forschung vor allem drittmittelfinanziert ist. Die 17,5 Mrd. Euro Grundmittel dienen jedoch der Finanzierung von Grundlagenforschung, Studium und Lehre: Der Staat finanziert die Gehälter von ProfessorInnen und wissenschaftlichen MitarbeiterInnen sowie etwa Labore und Bibliotheken. Dies ist die notwendige Infrastruktur für tägliche Forschung - auch ohne Drittmittel. Sie findet ihren Ausdruck in Veröffentlichungen, in Diskussionen innerhalb der scientific community und zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Man darf vermuten, dass ein erheblicher Teil, wenn nicht sogar der größere Teil, der Forschung aus diesen Quellen stattfindet, selbst wenn diese tagtäglichen Arbeitsprozesse an Hochschulen Rankingtabellen zunächst unzugänglich sind.

In der gängigen Fixierung auf Drittmittel fällt all dies leicht unter den Tisch. Das geht bis hin zur Behauptung in den Medien, dass außerhalb der Drittmittelfinanzierung überhaupt keine Forschung stattfände. So konnte man in der Zeit (24.9.15) anlässlich der Besprechung des aktuellen DFG-Rankings Folgendes lesen: "Der Nordosten Deutschlands bleibt eiskalt (www.zeit.de/2015/37/dfg-foerderatlas-forschungsstarke-regionen). Zwischen östlicher Uckermark und Lüneburg, zwischen Rostock und Magdeburg liegt wissenschaftliches Brachland, hier wird quasi nicht geforscht." Diese komplett unsinnige Bewertung nimmt ausschließlich Drittmittelkennziffern wahr. Jenseits davon gibt es keine Forschung an öffentlichen Hochschulen, so die Behauptung. Und insofern ist auch der Titel des 2015er-Rankings "Kennzahlen zur öffentlich finanzierten Forschung in Deutschland" zumindest irreführend.

Konzentrationseffekte und Verteilungsmuster

Im aktuellen Ranking ist die DFG sichtlich bemüht, auf die Kritik an ihr aus verschiedensten Richtungen einzugehen. Diese Kritik lässt sich so zusammenfassen5, dass ihre Förderpolitik einen wissenschaftsindifferenten finanziellen Konzentrationseffekt an der Spitze des Universitätssystems begünstigen würde, der im bibelfesten Volksmund als "Matthäus-Effekt" sprichwörtlich ist.6 Es gibt gegenwärtig (nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz) 110 Universitäten und Technische Universitäten in Deutschland).7 In den einschlägigen Rankings, welche die DFG nach unterschiedlichen Indikatoren aufstellt, tauchen davon überhaupt nur vierzig als "drittmittelrelevant" auf. Diese in ihrer Zusammensetzung relativ stabile Gruppe erreicht 86,6 Prozent aller DFG-Bewilligungen für den Hochschulsektor. Wer außerhalb dieser Liga spielt, hat aufgrund fehlender Finanzen - und vor allem: fehlender Forschungsinfrastruktur, die anteilig auch von der DFG finanziert wird (s. u.) - kaum eine Chance, in die obere Liga jemals aufzurücken.

Von Platz 40 an aufwärts nehmen die Konzentrationseffekte dann noch einmal deutlich zu, insbesondere die Top 20 sind in ihrer Zusammensetzung und partiell auch in ihrer Reihenfolge ziemlich stabil. Noch in ihrem 2009er-Förderranking brüstete sich die DFG damit, dass 60 Prozent aller ihrer Fördermittel und 80 Prozent aller zusätzlichen Mittel aus dem Sonderprogramm der Exzellenzinitiative (in der damaligen Förderrunde von 2006-2011 waren dies 1,9 Mrd. Euro, in der aktuellen von 2012-2017 sind es 2,4 Mrd. Euro) auf diese Top-20-Gruppe fielen.8

"Wer einmal oben ist, bleibt dort auch."

Ein ziemliches Eigentor, weil dies natürlich die Kritiker auf den Plan rief mit der Vermutung, dass die so geschaffenen hierarchischen materiellen Leistungsbedingungen auch künftige Leistungsprognosen und Förderchancen begünstigen würden, dass also eine Spirale "nach oben" aus viel Geld und künftigen zusätzlichen Drittmitteln im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung geschaffen würde; kurz: ein reiner Mengeneffekt mit der Tendenz, sich gegen ungetrübte wissenschaftliche Urteile zu verselbständigen. Einfacher gesagt: Wer einmal oben ist, bleibt dort auch. Solche spektakulären Bezifferungen der Top-20-Liga enthält das aktuelle Ranking nicht. Vermutlich aus gutem Grund. Durchschnittswerte werden vor allem aus der 40er-Gruppe gebildet, womit sie natürlich geringer und die Konzentrationseffekte unauffälliger sind.

Im aktuellen Ranking, welches den Förderzeitraum 2011-2013 erfasst (inkl. Exzellenzinitiative), steht die LMU München auf Platz 1 mit 277,8 Millionen DFG-Mitteln insgesamt gefolgt von Heidelberg (274,7 Mio.) und der RWTH Aachen auf Platz 3 (272,5 Mio.), danach die TU München und die FU Berlin. Auf Platz 40 steht die Uni Halle-Wittenberg mit 68,4 Mio. Im 2012er Ranking (Förderzeitraum 2008-2010) stand noch Aachen auf Platz 1 (278,1 Mio.), danach LMU München, FU Berlin, TU München und Heidelberg.9 Diese fünf genannten Spitzenreiter tauschen mal untereinander die Plätze, bleiben aber immer oben.

Auf Platz 40 befand sich damals die TU Braunschweig mit 61,5 Mio. DFG-Mitteln. Der Abstand zwischen 1 und 40 hat sich also geringfügig verringert. Im 2012er-Ranking warb Aachen noch die 4,52-fach höhere Menge an DFG-Mitteln ein, im aktuellen Ranking beträgt der Unterschied zwischen 1 und 40 nur noch das 4,06-fache. Schlussfolgerung der DFG aus dieser ihrer Berechnung: "Die ›Drittmittel-Hochburgen‹ entfernen sich also nicht immer weiter von den kleineren Hochschulen. Vielmehr schließen letztere auf, und der Abstand verringert sich." (S.61) Das kann man sich zwar wünschen oder vermuten, ist aber als These auch reichlich kühn, wenn diese sich lediglich auf ein Plus von 7 Millionen Euro bei der Hochschule auf dem vierzigsten Platz stützt. Immerhin wird direkt im Anschluss daran noch eingeräumt: "Derzeit ist es noch zu früh daraus auf einen Trend zu schließen." (ebd.)

"Selbsterfüllende Prophezeiungen"

Schließlich geht es bei der Bewertung des Drittmittelsektors und seiner Wirkung auf das gesamte Hochschulsystem nicht um einstellige Millionenbeträge, sondern um Milliardensummen und deren Konzentration an dessen Spitze. Wenn hier bisher von DFG-Mitteln die Rede war, handelt es sich, wie schon gesagt, um ein Drittel dieses Sektors. Auch das aktuelle Ranking bestätigt einen Trend, der sich schon in den vergangenen Jahren abzeichnete: Drittmittel aus anderen Quellen folgen überwiegend der Verteilung der DFG. Deren Förderung gilt als Ausweis von Forschungsstärke; sie ist damit auch ein Signal an andere Mittelgeber, die entsprechenden Bereiche als besonders förderungswürdig ins Auge zu fassen.10

Im Zeitraum 2011-2013 warben Universitäten, die auch in der Exzellenzinitiative erfolgreich waren (45 von 110), 86,6 Prozent aller DFG-Bewilligungen (5,8 Mrd. Euro), 73,2 Prozent der Forschungsförderung des Bundes (2,5 Mrd. Euro) und 85,7 Prozent aus der Forschungsförderung der Europäischen Union (954 Mill. Euro) ein (S.87).

Das aktuelle Ranking weist schließlich erstmalig Daten zu den von der DFG bewilligten bzw. empfohlenen Großgeräteinvestitionen aus. Es ist wenig bekannt, dass die DFG auch auf diesem Gebiet agiert. Zu den Großgeräten zählen etwa IT-Systeme für Rechenzentren oder Hochschulbibliotheken, auch für Hochschul- und Klinikverwaltungssysteme, schließlich Forschungsbauten mit integrierten Großgeräten. In der Regel stellt das jeweilige Bundesland einen Antrag beim Wissenschaftsrat, der die DFG mit einem Gutachten beauftragt. Bei einer positiven Begutachtung stellt die DFG 50 Prozent der Beschaffungskosten zur Verfügung. Die andere Hälfte wird vom Sitzland oder der Hochschule getragen. Im Zeitraum 2011-2013 wurden in diesem Rahmen von der DFG 1,2 Mrd. Euro bewilligt (S.79).

Interessant sind dabei vor allem die regionalen Konzentrationen dieser Investitionen. Eigentlich ist das aber auch nicht schwer zu erraten. Es profitieren vor allem Standorte mit überdurchschnittlich hohem Drittmittelaufkommen und spektakulären Erfolgen in der Exzellenzinitiative. An der einsamen Spitze steht etwa München mit seinen zwei "Eliteuniversitäten" (120,4 Mio. Euro); stark investiert wird zum Beispiel in Aachen, in der Region Unterer Neckar (Heidelberg, Mannheim) oder in Berlin (ebenfalls zwei "Eliteuniversitäten") (S.78).

Der Begriff "Investition" darf hier getrost auch betriebswirtschaftlich interpretiert werden. Solche Investitionen müssen sich nämlich "amortisieren". Das kann nur gelingen, wenn die entsprechenden Standorte weitere Forschungsfinanzierungen - Drittmittel etwa - akquirieren.

Ohnehin hatten im Wettbewerb um Drittmittel die Hochschulen schon immer schlechte Karten, die nicht über eine gewisse Mindestausstattung an Forschungsinfrastruktur verfügen. Und das sind viele. Wer also nicht über die neusten High-Tech-Geräte wie an den genannten Spitzenstandorten verfügt, wird auch künftig schlechte Karten behalten. Am oberen Ende der Leistungsskala baut die DFG mit an der baulichen und technischen Forschungsinfrastruktur, die dann ihre künftigen Förderentscheidungen begünstigt. Auch auf diesem Wege werden die hier schon häufiger kritisierten Konzentrationsprozesse, wird eine außer-wissenschaftliche Hierarchisierung der Hochschullandschaft gefördert.

Lässt sich der Trend umkehren?

Solange die Tendenz anhält, finanzielle Zuwächse in einem insgesamt unterfinanzierten System vor allem über Drittmittel zu verteilen - und diese an einer Minderheit von Hochschulen zu konzentrieren - sitzen vor allem die Universitäten in gewisser Weise in einer Falle. Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig als das Spiel mitzumachen und zu versuchen, ihre strukturelle Unterfinanzierung durch Mitteleinwerbung wenigstens partiell zu kompensieren. Sie sind quasi zum "Wettbewerb" gezwungen.

Das zieht eine ganze Reihe struktureller Fehlentwicklungen nach sich, auch oder gerade außerhalb der unmittelbaren Forschung. So werden etwa bei einer konstant schlechten Ausstattung mit wissenschaftlichem Personal (im Verhältnis zu den wachsenden Studierendenzahlen) immer größere Personalressourcen für Antragsstellung, Mittelverwaltung und Leistungsdokumentation gebunden. "Es wächst der Verwaltungsapparat und es schrumpfen Forschung und Lehre"11, so bringt es der Bamberger Wissenschaftssoziologe Richard Münch bündig auf den Punkt.

Die gesetzlichen Aufgaben der Hochschulen können in der Tendenz nicht mehr angemessen wahrgenommen werden. Solange finanzielle Zuwächse vor allem in der Projektforschung erwirtschaftet werden können, erscheinen Studium und Lehre als "Restgröße" und - leider häufig genug - als Einsparressource, etwa um Mittel für die Verbesserung der Infrastruktur in den drittmittelstarken Bereichen erwirtschaften zu können. Dies fördert den Trend einer administrativen Verkürzung und Verschulung des Studiums.12

Geht man davon aus, dass Studium und Lehre Grundfunktionen für die Reproduktion des Wissenschaftssystems sind - nicht allein für gesellschaftlich relevante akademische Qualifikationen, sondern auch für den unmittelbaren wissenschaftlichen Nachwuchs in der künftigen Forschung - sägt sich das System auf diese Weise selbst den Ast ab, auf dem es sitzt.

Möglicherweise sieht die DFG das sogar ähnlich. Im Jahre 2013 veröffentlichte sie etwa ein "Positionspapier zur Zukunft des Wissenschaftssystems".13 Dort liest man bereits auf der ersten Seite: "Funktional konstitutiv für das Wissenschaftssystem und seine Selbstreproduktion sind die Universitäten. Sie sind der einzige Organisationstypus, der das gesamte Spektrum wissenschaftlicher Fächer abdeckt, der auf allen Niveaus der Leistungserbringung sämtliche Funktionen von Wissenschaft integriert und aufeinander bezieht und auf den daher alle anderen Organisationstypen funktional angewiesen sind. Aus diesem Grunde betrifft die Erosion der Grundfinanzierung universitärer Forschung und Lehre das Gesamtsystem im Kern und gefährdet seine Leistungsfähigkeit." (Hervorhebung des Verf.)

"Es fehlt der politische Druck"

Alle wissenschaftlichen Spitzenorganisationen - Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Wissenschaftsrat, Deutscher Hochschulverband (DHV) etc. - stimmen regelmäßig in diese Klage ein. Die Frage ist, warum dies keinerlei Konsequenzen hat? Weil ein entsprechender politischer Druck nicht vorhanden ist. Dann müssten nämlich die dominierenden Finanzverteilungsstrukturen im Hochschulsystem insgesamt infrage gestellt werden.

Die gleichen Organisationen jubeln aber Programme wie die Exzellenzinitiative hoch und propagieren Drittmittelumfang als Ausdruck von "Forschungsstärke". Das heißt, sie sind aktiver Teil dieser Strukturen und tun so, als seien die Einfrierung der Grundfinanzierung und die erheblichen Zuwächse bei den Drittmitteln - bzw. deren Konzentration an wenigen "Spitzenuniversitäten" - zwei völlig unterschiedliche Vorgänge, die nichts miteinander zu tun hätten - und nicht zwei Kehrseiten einer Medaille. Der Politik wird so das Alibi einer "leistungsorientierten" Hochschulfinanzierung beschafft. Motto: wer viel Drittmittel einwirbt, ist eben "leistungsstark"; Einrichtungen, die ihren gesetzlichen Regelbetrieb aufgrund seiner Unterfinanzierung kaum noch aufrecht erhalten können, die wenig Geld haben, auch weil sie wenig oder gar keine Drittmittel einwerben, haben sich dies selbst zuzuschreiben usf.

Wenn also die DFG ihre - zutreffende - Warnung vor der "Gefährdung des Gesamtsystems" ernst meint, müsste sie ihre eigene strategische Schlüsselposition für den Zustand dieses Systems infrage stellen. Sie müsste ihre Arbeit einstellen bzw. sich selbst bestreiken. Was sie natürlich nicht tut. Schließlich verschafft ihr die Drittmittelorientierung auch einen erheblichen Machtzuwachs. Der politische Druck für eine Veränderung der Geschäftsgrundlage der Hochschulfinanzierung muss also anders zustande kommen: aus der Öffentlichkeit und von der Mehrheit der Hochschulangehörigen, d.h. den nicht-professoralen Statusgruppen, deren Arbeitsbedingungen durch die herrschenden Finanzierungsmuster ständig verschlechtert werden.

Anmerkungen

1) DFG 2015: Förderatlas 2015 - Kennzahlen zur öffentlich finanzierten Forschung in Deutschland, Bonn. (alle Zahlen und Seitenabgaben im laufenden Text, soweit nicht anders vermerkt, aus der Printversion dieser Veröffentlichung).

2) DFG 2012: Förderatlas 2012, Bonn: 17.

3) Die DFG belegt diesen Zusammenhang zwischen Größe (Personalstärke) und Drittmittelumfang selbst: die 45 (von 110) Universitäten, die an der Exzellenzinitiative beteiligt sind, warben 2012 76 Prozent aller Drittmittel (einschließlich der Exzellenzmittel) ein und verfügen über 65,7 Prozent des wissenschaftlichen Personals. (S.86, 87).

4) So etwa Wolfgang Lieb in seinem Referat "Funktionale Privatisierung staatlicher Aufgaben am Beispiel öffentlicher Hochschulen" (nachdenkseiten.de, 21. September 2015) (www.nachdenkseiten.de/?p=27623).

5) In meiner Besprechung des 2012er-DFG-Rankings (www.studis-online.de/HoPo/art-1424-foerderranking-dfg-2012. php) habe ich versucht, diese vielstimmige Kritik zusammenzufassen.

6) "Wer da hat, dem wird gegeben werden, [...] wer aber nicht hat, dem wird auch genommen, was er hat." (Mt. 25, 29) Der zweite Halbsatz wird häufig ignoriert, trifft aber auf die hier kritisierten Verteilungsstrukturen voll zu: die Mehrheit der deutschen Universitäten, an denen die Drittmittelströme vorbei fließen, könnte schließlich mit Recht reklamieren, dass die 80 Prozent Drittmittel aus öffentlichen Quellen die ihnen fehlenden - und vorenthaltenden - Grundausstattungsmittel darstellen.

7) 99,5 Prozent aller DFG-Bewilligungen gehen an Universitäten. Damit haben die Fachhochschulen gegenüber dem Ranking 2012 ihren Anteil immerhin von 0,3 auf 0,5 Prozent gigantisch gesteigert.

8) DFG 2009: Förderranking 2009, Bonn: 55-57.

9) DFG 2012: 76

10) Diesen Effekt hat die DFG 2003 selbst einmal als "hoch-korrelativ" bezeichnet; vgl.: DFG 2003: Förderranking 2003, Bonn: 127

11) Richard Münch 2011: Akademischer Kapitalismus, Berlin: 72

12) Dieser Trend wird etwa durch die in vielen Bundesländern praktizierte Leistungsorientierte Mittelvergabe (LOM) noch verstärkt, wenn es dabei etwa finanzielle Boni für die Zahl der Studienabschlüsse (und häufig Sonder-Boni für Abschlüsse innerhalb der Regelstudienzeit) gibt: Je mehr Studienabschlüsse in umso kürzerer Zeit eine Hochschule produziert, um so mehr Geld bekommt sie aus der LOM.

13) www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/reden_stellungnahmen/2013/130704_ dfg-positionspapier_zukunft_wissenschaftssystem.pdf.


Torsten Bultmann, Jg. 1954, Bonn, studierte Geschichte, Germanistik und Pädagogik, arbeitete lange in der Studierendenbewegung und interessiert sich auch heute noch zäh für Hochschulpolitik. Er ist Bundesgeschäftsführer des Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) (www.bdwi.de/).
* Der vorliegende Beitrag ist erstmals digital am 21.10.2015 auf Studis Online (www.studis-online.de/HoPo/art-1881-dfg-foerderatlas-2015. php) erschienen. Wir bedanken uns bei der Redaktion für die Nachdruckgenehmigung und verweisen gerne auf dieses interessante hochschulpolitische Online-Portal, mit dem der BdWi seit langem zusammenarbeitet.

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