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Klaus Holzkamp

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Willkommen an Bord des Kapitalismus

08.10.2015: Prekäre Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit

  
 

Forum Wissenschaft 3/2015; Foto: Torbz – fotolia.com

Im Frühjahr und Sommer kam es zu großen Streikbewegungen in den Kitas und im gesamten Sozial- und Erziehungsdienst. Das Schlichtungsergebnis ist zurzeit Gegenstand einer Mitgliederbefragung von GEW und ver.di. In der öffentlichen Debatte um den Sozial-und Erziehungsdienst spielen die Prekarisierungen in diesem Bereich nur selten eine Rolle. Die Schulsozialarbeiterin Meike Grams gibt einen Überblick über die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten.

Der Autor Maik Martschinkowsky steigt in seinem Buch Von nichts kommt was (Sammlung satirischer Kurzgeschichten) mit "Allgemeinen Sicherheitshinweisen" für die Reise an Bord der kapitalistischen Marktwirtschaft ein. Ein kleiner Auszug: "Sichern Sie anschließend Ihren Arbeitsplatz. Zum Sichern des Arbeitsplatzes schieben Sie die entsprechenden Abschlüsse in die dafür vorgesehenen Praktika und passen Ihr Profil an. Da jederzeit unerwartete Turbulenzen auftreten können, raten wir Ihnen, Ihren Arbeitsplatz für die gesamte Dauer ihres Aufenthalts nicht zu verlassen, zumindest jedoch, bis wir unsere geplante Wachstumsprognose erreicht haben. Sie werden durch ein kleines Symbol auf dem Dax darüber informiert, ob Sie weiterhin in diesem Verhältnis bleiben sollten. Zum Entsichern des Arbeitsplatzes genügt ein einfacher Fehlgriff."1

Prognosen aus dem Umfeld der Bertelsmann Stiftung gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren gute Lohnabschlüsse in der Industrie erkämpft werden könnten. In der gleichen Studie wird jedoch auch vor der wachsenden Ungleichheit gewarnt, da vergleichbare Abschlüsse im Sozial- und Erziehungsbereich nicht zu erwarten seien. Durch diese Entwicklung werde sich die Lohnlücke zwischen den beschäftigten Menschen weiter ausweiten. Die Ungleichheit zwischen ihnen wird dadurch noch größer, dass inzwischen in den Bereichen Altenpflege, Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe ebenso viele Menschen tätig sind wie im Maschinen- und Fahrzeugbau. Es arbeiten immer mehr Menschen in diesen Bereichen unter Arbeitsbedingungen, die als prekär zu bezeichnen sind. Die Auseinandersetzung mit diesen prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen im Bereich der Sozialen Arbeit ist Gegenstand dieser Ausführungen.

Eine kleine Einführung in das Thema

Vier Wochen durchgängiger Streik im Sozial- und Erziehungsdienst liegen hinter uns. Für mich waren das sehr intensive Wochen, in denen ich auf Kundgebungen und in Streiklokalen viele engagierte Kolleginnen und Kollegen kennengelernt und erlebt habe, wie phantasievoll und entschlossen sie für unsere gemeinsamen Interessen eingetreten sind. Diese Erfahrung gibt Kraft, sich dieser Auseinandersetzung, wie allen anderen notwendigen Auseinandersetzungen in unserem Berufsfeld zu stellen! Als Schulsozialarbeiterin bin ich jeden Tag mit den Widersprüchen dieser Gesellschaft konfrontiert. Immer mehr Kindern und Jugendlichen fehlen die Kapazitäten sich auf die Schule zu konzentrieren, weil ihre Familien von anstrengenden Lebensverhältnissen betroffen sind. Es sind die unterschiedlichen Auswirkungen des Neoliberalismus, aus denen sich der Großteil der notwendigen Unterstützungsarbeit ergibt, die wir Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter leisten. Unsere Aufgabe besteht darin, mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam Lösungswege zu finden, sie zu begleiten und Perspektiven zu entwickeln. Wir öffnen die Schule nach außen und schaffen Netzwerkstrukturen. Wir gestalten das Schulleben aktiv mit. Paradoxerweise arbeiten aber auch wir Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter teilweise unter Bedingungen, die keine wirkliche Perspektive und Sicherheit bieten. Viele von uns arbeiten seit vielen Jahren mit immer wieder befristeten Arbeitsverträgen. Es gibt nicht genügend Vollzeitstellen und viele von uns arbeiten entgegen ihren Wünschen in Teilzeit. Hinzu kommt, dass wir - wie alle Kolleginnen und Kollegen im Sozial- und Erziehungsdienst - ein Gehalt bekommen, das in keinem Verhältnis steht zur hohen Verantwortung, die wir jeden Tag übernehmen, und unserer Qualifikation.

Thomas Luer arbeitet in seinem Buch Prekarisierung und Rechtspopulismus mit einem weiten Prekarisierungsbegriff und unterscheidet nicht zwischen atypischen und prekären Beschäftigungsverhältnissen. Er orientiert sich an Klaus Dörre und leitet her, dass "die Beschäftigten deutlich unter ein Einkommens-, Schutz- und Integrationsniveau sinken, das in der Gegenwartsgesellschaft als Standard definiert und mehrheitlich anerkannt wird." Weiter führt er mit Ulrich Brinkmann aus: "So zeichnet sich Prekarität auf der subjektiven Ebene durch das Empfinden von Sinnverlust, Anerkennungsdefiziten und Planungsunsicherheit aus - in einem Ausmaß, das gesellschaftliche Standards deutlich zuungunsten der Beschäftigten korrigiert. Mit dem folgenden Test möchte ich einladen, zu überprüfen, wie weit die Betroffenheit von Prekarisierung um sich greift. Zudem liefert dieser Test der GEW Berlin implizit eine weitere Definition für Prekarität.

Kurztest "Bin ich prekär beschäftigt?"

1. Das Einkommen aus meiner (Haupt-) Berufstätigkeit...
a) reicht nicht aus um Existenz zu sichern.
b) reicht aus um Existenz zu sichern.
c) reicht um sehr gut davon leben zu können.
2. Aufgrund der Form meiner Beschäftigung bin ich aus der Sozialversicherungspflicht ausgeschlossen.
a) Stimmt voll und ganz (z.B. Mini- und Midi-Job, sozialpolitisch geförderte Arbeitsgelegenheit wie MAE-Stelle).
b) Stimmt teilweise (z. B. aufgrund abhängiger Selbstständigkeit, StudentInnenstatus).
c) Stimmt nicht.
3. Mein Arbeitsverhältnis ist unsicher.
a) Stimmt, da mein Arbeitsvertrag z. B. befristet oder kapazitätsabhängig (10 plus X Stunden ist).
b) Stimmt teilweise, da z. B. die Refinanzierung der Arbeitsstelle nicht gesichert ist.
c) Stimmt nicht.
4. Aufgrund der Beanspruchung durch meine Beschäftigung fühle ich mich chronisch überlastet.
a) Stimmt voll und ganz.
b) Stimmt teilweise.
c) Stimmt nicht.
5. Ich kann im Betrieb nicht angemessen mitbestimmen, da...
a) es keinen Betriebsrat gibt, da z. B. der Betrieb zu klein ist
b) ich keinen Zugang habe zur Teilnahme an informellen kollegialen Netzwerken.
c) Stimmt nicht.
6. Kommt es vor, dass Sie Angst um Ihre berufliche Zukunft haben?
a) In hohem Maß.
b) In geringem Maß.
c) Nein.

Auflösung:

  • Wenn Sie eine oder mehrere Fragen mit a) beantworten mussten, sind Sie prekär beschäftigt.
  • Wenn Sie eine oder mehrere Fragen mit b) beantworten mussten, sind Sie von prekärer Beschäftigung bedroht.
  • Wenn Sie alle Fragen mit c) beantworten konnten: Herzlichen Glückwunsch zu Ihren fairen Arbeitsbedingungen. Sie gehören zu denjenigen, deren Solidarität gefragt ist!
  • Dementsprechend beschreibt Pierre Bourdieu, dass Prekarität heutzutage allgegenwärtig ist. Für den Bereich der Sozialen Arbeit findet sich im Schwarzbuch Soziale Arbeit folgende Formulierung, die sich mit den Befunden von Pierre Bourdieu deckt: "Privatisierung, prekäre Arbeitsbedingungen, Verbetriebswirtschaftlichung und das Überleben in der Konkurrenz zu anderen Leistungserbringern auf dem ›sozialen Markt‹, all das sind längst alltägliche Realitäten in unserer Profession." Beide Aussagen beschreiben, dass prekäre Beschäftigung um sich greift. Es gibt allerdings keine empirischen Belege für die konkreten Beschäftigungsverhältnisse in der Kinder- und Jugendarbeit und in der Ganztagsschule wegen fehlender Haushalts- und Lohndaten. Die Daten werden nicht gezielt erhoben. Maria Busche-Baumann spricht auch deshalb vom niedersächsischen Nebel der Schulsozialarbeit und macht damit deutlich, dass es ein weitgehend unerforschtes Handlungsfeld ist. Es ist zu vermuten, dass eine genaue Dokumentation und Analyse dieser zum Teil prekären Arbeitsverhältnisse politisch nicht gewünscht ist. Pierre Bourdieu erklärt diesen Umstand mit der Einschätzung, dass Prekarität Teil einer neuartigen Herrschaftsform sei, "[...] die auf der Errichtung einer zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit fußt und das Ziel hat, die Arbeitnehmer zur Unterwerfung, zur Hinnahme ihrer Ausbeutung zwingen." Aufklärung wäre in diesem Sinne nicht funktional. Es ist dabei sicherlich kein Zufall, dass Prekarisierung und die Privatisierung des Sozialen zeitlich zusammenfallen. Hier ist die Verbindung zwischen der Ökonomisierung des Sozialen mit der Prekarisierung der in diesem Bereich Arbeitenden. Es ist daher sinnvoll, sich einen Gedanken von Armin Bernhard vor Augen zu halten: "Die Semantik des Wortes Privatisierung sollte stets gegenwärtig sein. Das lateinische Wort ›privare‹ heißt berauben: Etwas, das privatisiert wird, wird demzufolge der öffentlichen Kontrolle beraubt, es soll nicht mehr der gesellschaftlichen Regulierung und Kontrolle unterstellt sein. Was wir in den letzten Jahrzehnten erleben, folgt dieser Logik: Alle gesellschaftlichen Sektoren werden zunehmend den Gesetzmäßigkeiten des kapitalistischen Marktes ausgeliefert. Nicht mehr die Gesellschaft kontrolliert den Markt, vielmehr bestimmt der Markt die ›Geschicke‹ der Gesellschaft.

    Zwischenlandungen für einen Einblick in die Arbeits- und Lebensbedingungen

    Im engen Zusammenhang mit den politischen und ökonomischen Entwicklungen stehen deren persönliche Auswirkungen für die Betroffenen. Pierre Bourdieu beschreibt, wie es Menschen geht, die unter prekären Beschäftigungsverhältnissen leiden:"Prekarität hat bei dem, der sie erleidet, tiefgreifende Auswirkungen. Indem sie die Zukunft überhaupt im Ungewissen lässt, verwehrt sie den Betroffenen gleichzeitig jede rationale Vorwegnahme der Zukunft und vor allen Dingen jenes Mindestmaß an Hoffnung und Glaube an die Zukunft, das für eine vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist." Klaus Dörre macht für den Sozialen Bereich deutlich, wie sich die Bedingungen auf die Arbeit auswirken: "Entgegen ihrer an der Person und dem Körper orientierten Logik werden helfende und pflegende Tätigkeiten standardisiert, zerlegt, in Zeitvorgaben gezwängt, betriebswirtschaftlichen Kalkülen unterworfen und auf diese Weise vereinnahmt." Auf diese Weise entsteht ein Kostendruck, der direkt zur Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsbedingen der (vor allem weiblichen) Beschäftigten führt. In der Folge fehlen ihnen notwendige Spielräume für Pflege, Erziehung, Betreuung, Selbstsorge und Muße. Es liegt auf der Hand, dass diese Politik der Ökonomisierung Auswirkungen sowohl auf das Privatleben als auch auf die berufliche Praxis hat, denn "[...] Sozialarbeit, die dem Markt unterliegt, in der sich die pädagogische und sozialarbeiterische Praxis rechnen muss, hat keinen Raum und keine Muße, um Prozesse zu ermöglichen [...]."

    Allgemeine Exkursion in das Arbeitsfeld Schule

    Als Schulsozialarbeiterin bin ich in der Schule tätig und möchte einen kurzen Blick in diese Bildungseinrichtung werfen und die dortigen Arbeitsverhältnisse sichtbar machen. In Niedersachsen haben Honorarkräfte erfolgreich gegen das Land Niedersachsen geklagt, weil sie viele Jahre an Schulen tätig waren und keine soziale Absicherung hatten. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelte, Polizei und Zollfahndung waren eingeschaltet. Der niedersächsische GEW-Vorsitzende Eberhard Brand dazu: "Bis zu zwei Drittel der Honorarverträge sind nach dem Prüfungsergebnis der Landesschulbehörde rechtswidrig." Dass dies kein Einzelfall war, zeigen Erfahrungen aus Bremen, wo zeitweilig mehr als die Hälfte der Beschäftigten an Schulen, die nicht Lehrkräfte waren, in Leiharbeit beschäftigt waren. Die Kultusminister öffnen die Schulen für prekäre Beschäftigung. Faktisch sind heute ganz unterschiedliche Statusgruppen im Klassenzimmer anzutreffen. Der Prekarisierungsreport der GEW nennt die folgenden:

  • Regulär ausgebildete Lehrkräfte im Beamtenverhältnis

  • Regulär ausgebildete Lehrkräfte im Angestelltenverhältnis

  • Lehrkräfte mit befristetem Arbeitsvertrag

  • Erzieherinnen und Erzieher

  • Sozialpädagoginnen und -pädagogen

  • Quereinsteiger

  • Pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

  • persönliche Assistenten

  • Honorarkräfte

  • Minijobber

  • 1-Euro-Jobber

  • Leiharbeitnehmer

  • Ehrenamtlich Tätige

  • Eltern

  • "Fellows" und "Coaches"

  • Jugendoffiziere der Bundeswehr

  • Manager, Personalchefs und weitere Mitarbeiter von Unternehmen

  • Zwischenstopp in der Schulsozialarbeit

    Es verwundert nicht, dass sich auch in der Schulsozialarbeit die gleichen Entwicklungen abzeichnen, wie in anderen Bereichen der Sozialen Arbeit. Auch hier finden sich Befristungen, ungenügende Personalschlüssel und geringe Bezahlung. Vor allem aber bleibt in diesem Feld oft undurchsichtig, nach welchen Kriterien Schulsozialarbeit finanziert wird. "Man kann an einer Schule mit 1.000 Schülern gute Schulsozialarbeit machen mit einem Team von drei Leuten, man kann aber genau so gut nur einem einzigen Sozialarbeiter die Betreuung von drei verschiedenen Schulen übertragen. Und immer noch spricht man von Schulsozialarbeit. Es scheint somit offenbar ganz beliebig, wie man ein Projekt der Sozialen Arbeit ausstattet und wie weit man die erforderlichen Zutaten verdünnen und strecken kann." Möglich wird diese unklare Position der Schulsozialarbeit durch den Umstand, dass "[e]in wesentliches Element - ja der Aufhänger - Rechtsgrundlagen für Schulsozialarbeit fehlt. Die Elemente wie z.B. ›Finanzierung‹, ›Trägerschaft‹, ›Arbeitsverträge‹ sind vielfach kurzfristig ausgerichtet und verändern sich laufend und damit in Folge z.B. auch ›Arbeitsorte‹, ›Zielgruppen‹ , ›Angebote‹, ›Tätigkeiten‹." Maria Busche-Baumann von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim beschreibt, dass durch die befristeten Arbeitsverträge Konzepte nicht entwickelt werden können. Ihr Vorschlag für eine Weiterentwicklung der Schulsozialarbeit in Niedersachsen ist eine rechtliche Verankerung im SGB VIII und im Niedersächsischen Schulgesetz für eine langfristige Finanzierung und transparente Trägerstrukturen und ein landesweites Konzept.

    Bernhard Eibeck legt bundesweit zugrunde, dass in dem Bereich knapp 60 Prozent der sozialpädagogischen Fachkräfte eine Teilzeitstelle haben. Er betont ebenfalls, dass die Finanzierung nur selten stabil ist. Zudem weist er darauf hin, dass viele Arbeitgeber das Tarifrecht unterlaufen. Dadurch entstehen häufig Entlohnungen in der Nähe des Mindestlohns.

    Dabei lohnt es sich, gute Rahmenbedingungen für Schulsozialarbeit zu schaffen. Schulsozialarbeit stärkt Kinder und Jugendliche, gestaltet das Schulleben aktiv mit und öffnet die Schule. Schulsozialarbeit ist ein wunderbares und vielseitiges Arbeitsfeld, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und Menschen davon leben und in dem Beruf auch alt werden können.

    Turbulenzen in der Schulsozialarbeit

    Prekarisierungen in der Sozialen Arbeit und in der Schulsozialarbeit im Besonderen bleiben indes nicht unwidersprochen. An unterschiedlichen Stellen organisieren sich die Betroffenen in Gewerkschaften oder in lokalen Bündnissen, um ihre Rechte zu erkämpfen. Als Beispiel für diese Selbstorganisation soll an dieser Stelle die Arbeit des Arbeitskreises Schulsozialarbeit Stadt und Landkreis Hildesheim dargestellt werden.

    Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen machte der Arbeitskreis auf das drohende Auslaufen von Arbeitsverträgen und die fehlende Perspektive für die Kolleginnen und Kollegen aufmerksam. Im Oktober 2014 meldeten sich etwa Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter gemeinsam arbeitssuchend und zeigten auf diese Weise Gesicht gegen prekäre Arbeitsbedingungen. Im Juni 2015 ließen sie in der Hildesheimer Innenstadt Seifenblasen aufsteigen, die jedoch zerplatzten wie die Perspektiven der von prekären Arbeitsbedingungen Betroffenen. Bei dieser Aktion wurden Unterschriften gesammelt, die im September an die niedersächsische Kultusministerin übergeben werden sollen. Gefordert wird, dass Schulsozialarbeit entfristet und tariflich bezahlt wird und dass es einen Ausbau von Schulsozialarbeit an jeder Schule mit Vollzeitstellen gibt. Das Land Niedersachsen soll Rahmenbedingungen für nachhaltige und professionelle Schulsozialarbeit schaffen. Bei allen Aktionen des Arbeitskreises wird jedoch auch deutlich, wie wertvoll und - unter guten Bedingungen - schön die zu leistende Arbeit sein kann.

    Turbulenzen, Streik

    Die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtete am 8.6.2015: "Der Streik im kommunalen Erziehungs- und Sozialdienst ist von heute an ausgesetzt. Die Probleme seien aber noch da, mahnt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kurz vor Beginn der Schlichtungsverhandlungen an. Teilzeitjobs und befristete Stellen seien bei Schulsozialarbeit immer noch die Regel." Ebenfalls berichtete diese Zeitung, dass einige Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter den Tarifvorschlag ablehnen, denn viele Beschäftigte gehen leer aus.

    Zugleich sind die gesamtgesellschaftlichen Erwartungen an die Berufsgruppen im Sozial- und Erziehungsdienst enorm gestiegen: "Damit sind auch die Anforderungen an Qualifikation und Arbeit der Beschäftigten in den Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen gewachsen. Diese Entwicklung muss sich endlich in der klar besseren Bezahlung der Kolleginnen und Kollegen widerspiegeln. Dazu gehört auch, dass neue Berufsgruppen wie Kindheitspädagogen und Schulsozialarbeiter entsprechend eingruppiert werden." fasst Norbert Hocke einen Teil der Forderungen in der Tarifauseinandersetzung zusammen. Bald liegen die Ergebnisse der Abstimmung der Gewerkschaften über das Schlichtungsergebnis vor. Selbst wenn die Kolleginnen und Kollegen das Schlichtungsergebnis annähmen, hieße das nicht, dass die Kämpfe vorbei seien. Einen Ausblick habe ich versucht in meinem Redebeitrag bei der DGB-Kundgebung in Hannover zu machen:

    "Wer Perspektiven vermitteln soll, braucht selbst eine sichere Perspektive! Vor allem geht es aber um ein gutes Leben für alle Menschen! Dabei darf es gerade im gesamten Kinder- und Jugendbereich, im Sozial- und Erziehungsdienst, im gesamten Bildungsbereich keinen Finanzierungsvorbehalt geben! Das ist der Kampf, den wir gemeinsam führen müssen!"

    Das Ende der "Allgemeinen Sicherheitshinweise"

    "In jedem Fall gilt: Zu Ihrer eigenen Ruhe bleiben Sie in Sicherheit und erheben Sie sich erst, wenn das System zum Stillstand gekommen ist." Wäre es nicht schlauer, statt zu warten, gemeinsam abzuspringen? "Eine wirklich politische Debatte mit und im Interesse der professionellen Sozialen Arbeit müsste deshalb auch bereit sein, in ihrem Diskurs Systemfragen zu akzeptieren. Unsere gegenwärtige Gesellschaft ist von zwei maßgeblichen Strukturen geprägt: Wir sind eine Demokratie und wir leben gleichzeitig im Turbokapitalismus. Beides hängt nur sehr bedingt zusammen und es ließe sich sicher demokratischer und menschenwürdiger leben, wenn man auf die andere Seite dieser Scheinehe verzichtet. Das gilt sicher für die Soziale Arbeit und für die Menschen, die diese bei der Bewältigung ihres Lebens brauchen."

    Anmerkung

    1) Aus Platzgründen wurde auf Belege verzichtet. Bei der Autorin kann eine Fassung mit Belegen und Literaturliste angefordert werden.


    Meike Grams ist Schulsozialarbeiterin mit Leidenschaft an der Geschwister-Scholl-Schule in Hildesheim und gewerkschaftlich aktiv (Vorsitzende der Fachgruppe Sozialpädagogische Berufe der GEW Niedersachsen, Mitglied in der Bundestarifkommission der GEW, meikegrams@web.de).

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