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Klaus Holzkamp

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Zwischen Akademisierung und Prekarisierung

08.10.2015: Sozial- und Erziehungsberufe im quantitativen und qualitativen Wandel

  
 

Forum Wissenschaft 3/2015; Foto: Torbz – fotolia.com

Die Umbrüche der spätkapitalistischen Gesellschaft sind mit einem Aufstieg des Dienstleistungssektors einhergegangen. Dabei nehmen Pflege-, Betreuungs- und Erziehungstätigkeiten an Ausmaß und Bedeutung in unserer Gesellschaft massiv zu. Die materielle Anerkennung der dort Beschäftigten hält damit jedoch nicht Schritt. Sie angemessen durchzusetzen bedarf noch massiver Kämpfe, deren Anfänge aber immer deutlicher sichtbar werden, wie Michael Klundt feststellt.

Kinder und Jugendliche spielen in den letzten Jahren eine immer größere Rolle in der Öffentlichkeit. Manche begründen dies damit, dass die Anzahl der jungen Menschen relativ sinkt oder damit, dass sie "unsere" Renten finanzieren und "uns" später gut behandeln sollen. Womöglich liegt es auch einfach daran, dass die Gesellschaft insgesamt sensibler auf Kinderinteressen eingeht. Zu vermuten wäre auch, dass viele Erwachsene, die in der finanzkapitalistischen Wirtschafts- und Arbeitswelt das Gefühl der Kontrolle über die sie selbst bedingenden Faktoren in den letzten Jahren immer mehr zu verlieren meinen, umso energischer versuchen, die Welt und das Leben von Kindern und Jugendlichen unter Kontrolle zu behalten oder zu bringen. Das könnte erklären, warum Kinder und Jugendliche in öffentlichen Diskursen oftmals nur entweder als gefährdet oder als gefährlich, in jedem Falle aber des Schutzes und/oder der Kontrolle Erwachsener bedürfend, dargestellt werden. Vielleicht hat die Wahrnehmungsänderung aber auch etwas damit zu tun, dass sich genau in den beiden Bereichen Wandlungsprozesse vollzogen haben, die laut Oskar Negt und Alexander Kluge noch von der bürgerlichen Öffentlichkeit ausgegrenzt werden: der industrielle Apparat des Betriebes und die Sozialisation in der Familie.1 Mit der stärkeren Erwerbsbeteiligung von Frauen in Westdeutschland und der immer noch weitgehenden Nicht-Beteiligung der Männer am Reproduktionsbereich hat sich die Arbeits- und Familienwelt geändert und der bislang unsichtbar gebliebene Bereich der Reproduktionsarbeit und Pflege von Kindern und Alten erlangt nach und nach gesellschaftliche und öffentliche Bedeutung.

Gleichzeitig führen die sozioökonomischen Gesetze des Neoliberalismus unter Bedingungen eines marktkonformisierten Sozialstaates dazu, dass viele Menschen ausgebeutet, ausgegrenzt und vom täglichen Kampf der Ellenbogengesellschaft buchstäblich überfordert werden. Dies gilt besonders für prekär lebende Familien mit Kindern und Sorge- wie Pflegeaufgaben. Ein Großteil der sozialarbeiterischen Klientel ist somit zurückführbar auf kapitalistische Gesellschaftsstrukturen und deren Auswirkungen. Seit einiger Zeit sollen nun die Soziale Arbeit und im Prinzip alle Sozial- und Erziehungsberufe nach exakt den betriebswirtschaftlichen Kriterien "gesteuert" und "ökonomisiert" werden, die erst dazu geführt haben, dass so viele Menschen ihrer Hilfe bedürfen. Um ihre Fachlichkeit gegenüber neoliberal-technokratischen Steuerungskonzepten verteidigen zu können, benötigen die Sozial- und Erziehungsdienste daher eine klare Analyse und Kritik der sozio-ökonomischen und ideologischen Zusammenhänge sowie Voraussetzungen ihrer Profession.

Selbstbewusster Kampf um Anerkennung

Im bisherigen Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise ist es jedoch noch so, dass wer sich in unserer Gesellschaft beruflich um Geld und Autos kümmert, etwas scheinbar viel Wertvolleres tut, als wer sich beruflich um Kinder, Familien und Pflegebedürftige kümmert. Deshalb verdient er mehr. Außerdem sei nach traditionellem Geschlechterbild bei den meist weiblichen Fachkräften der Sozial- und Erziehungsberufe schon so viel Liebe in der Lohntüte, dass man auch weniger echten Lohn hinzufügen müsse. Dieser Kampf um Anerkennung wird nun von den Beschäftigten immer selbstbewusster geführt, wie die Streiks und Demonstrationen der letzten Jahre beweisen. Eine Berufsgruppe von über 700.000 Menschen, deren sozial-kommunikative Tätigkeiten im Unterschied zu vielen anderen (technischen) Erwerbstätigen nicht ohne weiteres wegrationalisierbar sind, wird in Politik, Wirtschaft, Öffentlichkeit und Wissenschaft als ganz besonders wichtige Personengruppe ausgemacht (vgl. die Akademisierungen im Erziehungsbereich). Mit Alten- und Krankenpflege wäre die Gruppe noch größer und die ambivalente Entwicklung dort ist sogar ähnlich: zwischen dem Bedarf guter Pflege und privatisierten sowie prekarisierten Bedingungen. Nun entscheidet es sich, ob es den Beschäftigten gelingt, auf dem Arbeitsmarkt des neoliberal flexibilisierten Wettbewerbsstaates ihre buchstäbliche "Marktmacht" auszuspielen (und sei es auch gegen die Dogmatiker der Schuldenbremse und der schwarzen Nullen) oder, ob sie einer ebenfalls bereits bemerkbaren Prekarisierung (samt Niedriglöhnen, Befristung, Zwangsteilzeit und damit garantierter Altersarmut) unterworfen werden. Die bürgerliche und die zivile Gesellschaft insgesamt sind gefragt, ob es ihnen um einen realen Fachkräftemangel geht oder ob doch nur Niedriglöhner-Mangel besteht. Die engagierten Akteurinnen und die Kräfteverhältnisse sowie deren öffentlich-wissenschaftliche Artikulation und Beachtung werden darüber womöglich Auskunft geben.2

Anmerkungen

1) Oskar Negt /Alexander Kluge 1972: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt am Main: 10.

2) Vgl. "Wir haben es mit einer Krise der sozialen Reproduktion zu tun". Peter Novak im Gespräch mit Gabriele Winker über die "Care Revolution" und warum die Sorge-Arbeit im Kapitalismus zunehmend ein Problem darstellt, in: Telepolis v. 13.6.2015.


Prof. Dr. Michael Klundt ist Professor für Kinderpolitik im Studiengang Angewandte Kindheitswissenschaften am Fachbereich für Angewandte Humanwissenschaften der Hochschule Magdeburg-Stendal.

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