BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

Newsletter abonnierenKontaktSuchenSitemapImpressum
BdWi
BdWi-Verlag
Forum Wissenschaft

Kostengünstiges Instrument

08.10.2015: Lehraufträge werden von Hochschulen zu allen Zwecken eingesetzt

  
 

Forum Wissenschaft 3/2015; Foto: Torbz – fotolia.com

Lehraufträge sind ein übliches Instrument der Hochschulen, um Lücken im Lehrangebot kostengünstig zu schließen. Doch sind sie dafür eigentlich gedacht? Und was bedeutet das für die Lehrbeauftragten? Über Lehrbeauftragte gibt es kaum Forschung und der folgende Beitrag von Linda Guzzetti wird diese Forschungslücke sicher nicht schließen können. Er wird aber Überlegungen einbringen und Fragen aufwerfen, die aus der beruflichen und gewerkschaftlichen Erfahrung der Autorin stammen.

Oft wird bemerkt, dass Lehrbeauftragte keine homogene Gruppe sind, und es kann auch nicht anders sein. Ein_e Lehrbeauftragte_r ist eine Person, die einen Lehrauftrag ausführt, und das kann jede Person sein, die einen Hochschulabschluss hat und die sich mit einem Thema auskennt.

Was ist ein Lehrauftrag?

Lehraufträge werden in den Hochschulgesetzen der Länder mit großer Übereinstimmung folgendermaßen geregelt: a) Der Lehrauftrag begründet kein Beschäftigungsverhältnis mit der Hochschule, b) der Umfang der Lehrtätigkeit der Lehrbeauftragten darf die Hälfte des Umfangs der Lehrverpflichtung hauptberuflicher Lehrkräfte mit ähnlichen Aufgaben nicht erreichen, c) Lehraufträge können ohne Angabe von Gründen zurückgenommen werden. Was die Ziele der Lehraufträge betrifft, geht es in den Hochschulgesetzen zum einen darum, dass die Lehrbeauftragten die Lehre übernehmen sollen, die hauptberufliche Lehrkräfte nicht wahrnehmen können, und zum anderen, dass sie in die Hochschulen Wissen aus der beruflichen Praxis einbringen. Diese Ziele, die jeweils mit den Begriffen "ergänzend" und "Praxistransfer" ausgedrückt werden können, bleiben vage genug, um Spielräume offen zu lassen und Missbrauch zu ermöglichen. Bedeutet "ergänzend", dass Lehrbeauftragte zur Schließung fachlicher oder lediglich kapazitärer Lücken eingesetzt werden? Der Transfer beruflicher Praxis ist an allen Hochschulen und besonders an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften wichtig, aber kann es auch bei Methoden- und sonstigen Grundkursen um Transfer gehen? Lehrbeauftragte kommen auch zur Vertretung unbesetzter Stellen zum Einsatz. Diese Praxis, die der Definition der Lehraufträge widerspricht, ist jedoch zur Normalität an den Hochschulen geworden, obwohl das Teilzeit-und-Vertretungsgesetz auch im Wissenschaftsbereich anwendbar ist.

Zuerst ist hilfreich, auf einige in Verbindung mit den Lehrbeauftragten oft angewandte Begriffe einzugehen: Prekariat, Unsicherheit, Befristung und Vergütung.

Die Anforderungen an diejenigen, die einen Lehrauftrag übernehmen, werden - am Beispiel des Berliner Hochschulgesetzes - folgendermaßen definiert: "Lehrbeauftragte sollen mindestens ein abgeschlossenes Hochschulstudium, pädagogische Eignung sowie eine mehrjährige berufliche Praxis aufweisen" (Hervorhebung der Autorin).1 Offensichtlich soll es sich dabei um Personen handeln, die außerhalb der Hochschule einen Beruf ausüben. Solche Lehrbeauftragte gibt es tatsächlich und sie erweitern mit ihrem externen Wissen die Horizonte der Hochschulen. Daher wollen die organisierten Musik- und Sprachlehrbeauftragten sowie die GEW das Instrument "Lehrauftrag" nicht generell abschaffen. Typische Beispiele für Lehrbeauftragte im Sinne des Gesetzes sind Techniker_innen aus den Entwicklungsabteilungen großer Firmen oder Richter_innen. Bei diesen Personengruppen kann sicher nicht von Prekariat gesprochen werden.

Ganz anders sieht es bei denjenigen aus, für die die Lehraufträge einen bedeutenden Anteil der Einnahmen darstellen. Die Hochschulleitungen bestreiten oft, dass es Lehrbeauftragte gebe, die davon leben. Sicher reichen die Lehraufträge an einer einzigen Hochschule wegen der Beschränkung in der maximalen Anzahl der Semesterwochenstunden nicht zum Leben, aber doch ein Patchwork aus Lehraufträgen an mehreren Hochschulen und sonstigen Tätigkeiten als Honorarlehrkraft. Eben für diese Gruppen von Lehrbeauftragten kann man von prekären Beschäftigungsbedingungen reden. Diese Lehrbeauftragten leben sowohl beruflich als auch privat in einer großen Planungsunsicherheit und müssen Strategien entwickeln, um damit zurechtzukommen.

Prekäre Arbeitsbedingungen?

Die Arbeitsbedingungen sind bekannt: Nur die abgehaltenen Unterrichtseinheiten (Präsenzlehre) werden vergütet, es gibt keine Vergütung im Krankheitsfall, bei Schwangerschaft oder sonstigen Arbeitsausfällen und das Gleiche gilt in den vorlesungsfreien Wochen. Die Zukunftsplanung ist schwierig: Lehraufträge werden i.d.R. für ein Semester (in wenigen Fällen für zwei) vergeben; oft ist eine neue Vergabe wahrscheinlich, aber es gibt keinen Anspruch darauf und bei Nicht-Vergabe ist keine Begründung nötig. Nur an wenigen Hochschulen wird ein Ausfallhonorar bezahlt, falls es zu wenige Teilnehmende gibt.2 Um die möglichen Ausfälle abzufedern, unterrichten viele Lehrbeauftragte bei mehreren Einrichtungen. Damit arbeiten sie - besonders im Bereich Sprachen und Musik - zu viel, d.h. über die normale Lehrverpflichtung bei vergleichbaren Stellen hinaus und ohne Rücksicht auf mögliche gesundheitliche Folgen.

Die Lehraufträge haben eine weitere dramatische Eigenschaft: Die Hochschulen sehen sich nicht als Arbeit- sondern Auftraggeberinnen und bezahlen keine Beiträge zur Sozialversicherung. Die Lehrbeauftragten werden wie Freiberufler_innen behandelt und viele müssen die Beiträge zur Krankenkasse und zur Rentenversicherung zu 100% selbst tragen.3 Die Folge ist, dass viele Lehrbeauftragte, die über keine sonstige Anstellung verfügen, versuchen, die Sozialversicherungsbeiträge zu vermeiden, besonders die zur Rentenversicherung. Die Folge ist die Altersarmut, wie es allmählich deutlich wird.

Im Gegensatz zu den künstlerisch-wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen kann man bei Lehrbeauftragten nicht von "Befristung" reden, da Lehraufträge immer auf 1-2 Semester beschränkt sind, auch wenn sie über Jahrzehnte an dieselben Personen vergeben werden, wie es an den Musikhochschulen und Sprachenzentren geschieht.

Die Vergütung von Lehraufträgen wird von den Hochschulgesetzen und von landes- bzw. hochschulspezifischen Richtlinien oder Ausführungsvorschriften geregelt. Wie gesagt, wird nur die Präsenzlehre, nicht der tatsächliche Aufwand vergütet, der mit der Ausführung von Lehrveranstaltungen verbunden ist. Zudem sehen die meisten Hochschulgesetze vor, dass auf eine Vergütung verzichtet werden darf, in einigen Fällen erst nach Erteilung des Lehrauftrags.

Lehrbeauftragte und ihre Honorare

Über die Lehrbeauftragten gibt es nicht nur kaum Forschung, sondern auch wenige Daten. In den Berichten über das Hochschulpersonal veröffentlicht das Statistische Bundesamt auch Angaben über die Anzahl der nebenberuflich Beschäftigten, zu denen die Lehrbeauftragten zusammen mit den Privatdozent_innen sowie die Honorar- und Gastprofessor_innen gehören.4 Für 2013 ist deren Gesamtzahl beeindruckend: Es ging um 94.094 Personen, zu 2/3 Männer.

Die Bildungssoziologin Andrea Lange-Vester hat beim 7. Hochschulpolitischen Forum der Hans-Böckler-Stiftung einige interessante Schlüsse aus den Angaben des Statistischen Bundesamts dargestellt5: Im Zeitraum 2001-2011 ist die Zahl der Lehrbeauftragten um 80%, die der Professor_innen um 14% (auf 42.900 Personen) und die der Studierenden um 27% gestiegen.6 Diese Zahlen legen die Vermutung nahe, dass die neue Nachfrage, die sich aus der Zunahme der Studierendenzahlen ergeben hat, auch mit Lehraufträgen abgedeckt wurde. Gleichzeitig ist die Zahl der wissenschaftlichen Hilfskräfte um mehr als 100% und die der wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeiter_innen um 60% gestiegen.

Neben den Berichten des Statistischen Bundesamts gehen Zahlen über die Lehrbeauftragten aus den Antworten der Landesregierungen auf die Kleinen Anfragen hervor, die in den Landesparlamenten gestellt werden. Bei den Kleinen Anfragen werden neben der Zahl der Lehrbeauftragten weitere Angaben verlangt, z.B. der Anteil der Lehrbeauftragten am Lehrdeputat, die Zahl der Unterrichtseinheiten pro Lehrbeauftragter_m, seit wie vielen Semestern jede_r Lehrbeauftragte unterrichtet, wie viel sie verdienen u.s.w.

Die Antworten des Berliner Senats auf die Kleinen Anfragen zeigen deutlich, dass die Hochschulen unvollständige Daten liefern, so dass die Zahlen, welche der Berliner Senat dem Abgeordnetenhaus vorlegt, nur teilweise die Realität abbilden.7 Zum gleichen Schluss kommt die Untersuchung Wer lehrt warum8: Da viele Lehraufträge auf der Instituts- bzw. Lehrstuhlebene vergeben werden, erfährt die Zentralverwaltung nicht unbedingt davon. Das gilt insbesondere für die unvergüteten Lehraufträge, aber nicht nur für diese. Generell werden Lehraufträge nicht als Personalkosten behandelt, sondern sie gehören zu den Sachmitteln, die im Rahmen der Budgetautonomie auf der jeweiligen Ebene der Hochschulstruktur verwaltet werden.

Die Frage, wie viel Lehrbeauftragte pro Unterrichtseinheit vergütet werden, ist ebenfalls schwer zu beantworten. Die Hochschulgesetze und die Ausführungsvorschriften legen die Mindestvergütungen oder auch die Höchstvergütungen fest. Was real bezahlt wird, obliegt den Hochschulen und wird nur in einigen Bundesländern veröffentlicht. Zum Beispiel hat der Hamburger Code of conduct 2014 die Verpflichtung eingeführt, in den Berichten auch Daten über die Lehrbeauftragten zu veröffentlichen.9

Die GEW Berlin hat auf der Basis der Antworten auf die Kleine Anfrage vom Februar 2014 errechnet, dass in Berlin die Mehrheit der Lehrbeauftragten weniger als 30 Euro pro Unterrichtseinheit verdiente10: An den Hochschulen für angewandte Wissenschaften wird besser bezahlt als an den Universitäten; die Lehrbeauftragten, die Aufgaben wie Professor_innen an den Unis übernehmen, verdienen mehr als die Musik- und Sprachlehrbeauftragten.11 Um sich eine Vorstellung der Bedeutung eines Honorars unter 30 Euro zu machen, muss daran erinnert werden, dass es im Jahr je nach Hochschultyp 30 bis 36 Unterrichtswochen gibt und dass die Beiträge zur Sozialversicherung von den meisten Lehrbeauftragten allein getragen werden müssen.

Zwei Fragen stellen sich noch: Zum einen wie viele Arbeitsstunden in einer vergüteten Unterrichtseinheit stecken und zum anderen wie viel eine Unterrichtseinheit für die Hochschule kostet je nach Status der Lehrperson (hauptamtliche Lehrkraft oder Lehrbeauftragter). Zur ersten Frage ist vorab zu sagen, dass die Werte extrem schwanken je nach Veranstaltungstyp, Umfang der Korrekturen, Erfahrung der Lehrpersonen etc. In Brandenburg hat die AG Lehrbeauftragte im August 2014 die Kolleg_innen gebeten mitzuteilen, wie viele Stunden sie pro Semester für die Präsenzlehre, deren Vorbereitung, die Korrekturen, die Beratung von Studierenden inkl. E-Mail-Verkehr, die Online-Unterstützung, die Verwaltungstätigkeiten und die Abnahme von Prüfungen anwenden. Diese Zahl wird durch die Gesamtvergütung pro Semester geteilt und damit ergibt sich die reale Vergütung pro Stunde.12 Selbstverständlich stellen die Ergebnisse dieser Befragung keine wissenschaftlichen Erkenntnisse dar: Sie basieren auf Selbsteinschätzung und die Auswahl der Befragten ist nicht repräsentativ, aber sie geben einen Eindruck, in welcher Spanne die Brutto-Vergütung der Arbeitsstunden liegt. So erhält, der eigenen großzügigen Rechnung zufolge, eine Kollegin im Bereich Sprachpraxis eine Vergütung i.H.v. 18,60 Euro pro gearbeitete Stunde. Hingegen bekommt eine Lehrbeauftragte im Bereich der Romanistik 3,02 Euro pro gearbeitete Stunde, was hauptsächlich mit der Vorbereitung der Sitzungen zu erklären ist. Allgemein verdienen die meisten Lehrbeauftragten zwischen 8 und 10 Euro pro gearbeitete Stunde.

Um die Kosten einer Unterrichtseinheit für die Hochschule je nach Status der Lehrenden zu vergleichen, müssen zuerst die jährlichen Kosten einer versicherungspflichtigen Stelle durch die Zahl der für die Lehre notwendigen Stunden (Präsenzlehre + begleitende und Folgetätigkeiten) geteilt werden. Lehrkräfte für besondere Aufgaben mit einem Lehrdeputat in Höhe von 20 bis 24 SWS (Semesterwochenstunden) widmen der Lehre die gesamte Arbeitszeit. Hingegen setzen Lehrende, die auch Aufgaben in der Forschung und im wissenschaftlichen Management haben, nur 30-50% der Arbeitszeit für die Lehre ein.

Zum Beispiel bekommt eine festangestellte Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin (nach TVL 13, Stufe 3) ein Jahresbruttogehalt in Höhe von rund 50.000 Euro (inkl. Sonderzulage). Sie unterrichtet 22 SWS in den 36 Semesterwochen, was im Jahr 792 Lehrveranstaltungsstunden entspricht. Damit entstehen der Hochschule pro Unterrichtseinheit Kosten in Höhe von circa 62,50 Euro. An derselben Hochschule bekommen die Lehrbeauftragten 35 Euro pro Unterrichtseinheit, d.h. 56% des Betrags, den die Hochschule für eine angestellte Lehrkraft trägt.13 Das Verhältnis variiert je nach Vergütung der Lehrbeauftragten sowie Eingruppierung, Einstufung und Lehrverpflichtung der angestellten Lehrkräfte, aber steigt selten über die 56% der HWR Berlin hinaus. Zum Beispiel verdienen die Lehrbeauftragten an den Berliner Musikhochschulen weniger als die Hälfte einer Professorin bzw. eines Professors mit ähnlichen Aufgaben.14

Wie können Lehrbeauftragte gruppiert werden?

Im Folgenden wird versucht, die Lehrbeauftragten nach drei Haupttypen zu gruppieren:

I. Qualifizierte Berufstätige, die Praxiswissen in die Hochschulen bringen

Für die Angehörigen dieser Gruppe sind Lehraufträge nebenberuflich, da sie über eine Anstellung verfügen oder eine (echte) freiberufliche Tätigkeit ausüben. Einige von ihnen verzichten auf die Vergütung und üben ihre Tätigkeit aus ideellen Gründen aus, z.B. aus Freude, das eigene Wissen zu vermitteln, aus Dankbarkeit der eigenen Alma mater gegenüber etc. Wenn es darum geht, unbezahlte Lehraufträge gesetzlich zu verbieten, begründen die Hochschulleitungen ihre Ablehnung dieses Verbotes mit Verweis auf diese qualifizierten Berufstätigen. Das ist ein Scheinargument, da die Hochschulen Aufwandsentschädigungen oder Honorarverträge bei Gastvorträgen bezahlen.

Es muss noch bemerkt werden, dass zu dieser ersten Gruppe nicht nur gut bezahlte Expert_innen zählen, sondern auch Expert_innen, die zwar ein wichtiges Wissen in die Hochschulen bringen, die aber in ihrem eigentlichen Hauptberuf nicht viel verdienen, z.B. weil sie in der kreativen Szene oder bei Nicht-Regierungsorganisationen oder als unabhängige Berater_innen arbeiten, und für die eine angemessene Höhe der Vergütung nicht unerheblich ist.

II. Stipendiat_innen und andere Wissenschaftler_innen

Viele Qualifizierende bzw. schon Promovierte übernehmen sowohl vergütete als auch unvergütete Lehraufträge. Dabei handelt es sich i.d.R. um Wissenschaftler_innen, die auf Drittmittelstellen oder bei außeruniversitären Forschungseinrichtungen arbeiten oder die sich über Stipendien qualifizieren und die Verträge ohne Lehrverpflichtung haben. Sie benötigen Lehrerfahrungen für ihre berufliche Fortentwicklung und wollen in Verbindung mit ihrem Institut bzw. Lehrstuhl bleiben. Die Lehraufträge sind dabei oft der einzige Weg, Lehrerfahrungen zu sammeln. In einer ähnlichen Lage befinden sich die Privatdozent_innen, d.h. Habilitierte, die lehren müssen, um ihre Lehrbefugnis zu behalten, und die neben der - oft unbezahlten - Pflichtlehre auch Lehraufträge übernehmen.

Die beachtenswerte Zunahme der Anzahl der Lehrbeauftragten, die in den letzten 15 Jahren zu verzeichnen ist, geht höchstwahrscheinlich hauptsächlich auf diese Gruppe zurück. Aber besonders an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften hat auch die Gruppe der - gut und weniger gut verdienenden - externen Expert_innen zugenommen.

III. Hauptberufliche Lehrbeauftragte

Hauptberufliche Lehrbeauftragte sind solche, die überwiegend von Lehraufträgen leben und keine andere Haupteinkommensquelle haben. Im Musik- und Sprachbereich decken sie einen bedeutenden Teil der Lehre ab, oft über die Hälfte, und haben in der Lehre die gleichen Aufgaben wie ihre angestellten Kolleg_innen bei gleichzeitig viel geringerer Vergütung, wie oben dargestellt. In diesen Bereichen ist die Anwendung der Lehraufträge keine neue Erscheinung, obwohl ihre Anzahl in den letzten 15 Jahren zugenommen hat.

Die Lehrbeauftragten der ersten und zweiten Gruppe unterrichten in der Regel 2-4 SWS15, diejenigen der dritten Gruppe 8-11 SWS, je nach Lehrdeputat der Angestellten mit entsprechenden Aufgaben. In den meisten Fällen wünschen sie sich, die lokal mögliche maximale Anzahl an Stunden auszuschöpfen.

Organisierung von Lehrbeauftragten

Erwartungsgemäß geht es bei der Organisation der Lehrbeauftragten in erster Linie um diejenigen an Musikhochschulen und in der Sprachausbildung, die ein dringendes Interesse an einer Verbesserung ihrer Situation haben. Aber auch unter diesen sind ausgeprägte Organisationsstrukturen noch jung. Die Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen (BKLM) ist im Januar 2011 mit den Forderungen: "Dauerstellen, angemessene Vergütung" entstanden.16 Mit ähnlichen Zielen ist im Oktober 2012 die Bundeskonferenz der Sprachlehrbeauftragten (BKSL) gegründet worden.17

Die GEW hat schon seit 2010 Forderungen für die Lehrbeauftragten aufgestellt18, aber bis 2014 hatte sie wenige konkrete Vorschläge für sie. Nur in Berlin existiert seit 1998 eine spezifische Arbeitsgruppe, in anderen Bundesländern gibt es AG-Lehrbeauftragte erst seit 2014. Bei der ver.di-Initiative "fairspektive" schließt die allgemeine Zielsetzung die Lehrbeauftragten mit ein, aber die konkreten Aktionen und Vorschläge betreffen hauptsächlich die befristeten wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen.19

Viele unter denjenigen, die Lehraufträge übernehmen, sind nicht bereit, sich für die Verbesserung ihrer Honorare und Arbeitsbedingungen einzusetzen, weil sie sich nicht als Lehrbeauftragte verstehen, sondern z.B. als Qualifizierende, die Lehrerfahrung sammeln. Aber auch die hauptberuflichen Lehrbeauftragten haben oft wenig Bereitschaft, sich dafür zu engagieren. Zu den Gründen, warum die verbreitete Unzufriedenheit mit der eigenen Lage zu keinem Engagement führt, gehört die Angst, dass diejenigen, die sich engagieren, keine Stelle bekommen (sofern welche ausgeschrieben werden), und im schlimmsten - aber nicht so seltenen - Fall sogar den Lehrauftrag verlieren.20 Hinzu kommen die Resignation und die Skepsis, ob sich eine schon lange andauernde Situation ändern lässt. Auch die Arbeitsbedingungen tragen dazu bei: Hauptberufliche Lehrbeauftragte leben oftmals von vielen kleinteiligen Beschäftigungen, die zeitlich und organisatorisch sowohl das Engagement als auch die Identifikation mit jeder Hochschule erschweren. Schließlich ist für viele eine Notwendigkeit, sämtliche Aktivitäten, die kein Geld bringen, auf ein Minimum zu reduzieren.

Die Honorarlehrkräfte, die als Lehrbeauftragte, Volkshochschuldozent_innen u.a. von diesen Tätigkeiten leben, haben auf dem Arbeitsmarkt eindeutig eine schwache Stellung. Zusätzlich befinden sie sich in einer - oft unfreiwilligen - Selbstständigkeit, aber auch weitgehend außerhalb der betrieblichen Vertretung.21 Nur in Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein werden die Lehrbeauftragten, die mindestens 4 SWS unterrichten, von den Personalräten vertreten. Diese Bestimmung wurde in NRW 2011 eingeführt und hat dazu geführt, dass an den Universitäten Bochum und Münster Dienstvereinbarungen über die Arbeitsbedingungen der Lehrbeauftragten, einschließlich der Höhe des Honorars, abgeschlossen wurden. Damit werden die Anliegen der Lehrbeauftragten zum ersten Mal über ein Abkommen mit der Personalvertretung und nicht über eine einseitige Verwaltungsvorschrift geregelt.22

Aktionen und Perspektiven

Wie wir gesehen haben, sind viele Lehrbeauftragte keine gut verdienenden externen Expert_innen. Die hohe Anteil der Lehrbeauftragten an der Lehre sowie die Zunahme ihrer Zahl in den letzten fünfzehn Jahren lassen vermuten, dass Lehraufträge nicht nur "ergänzend" und zum "Praxistransfer" eingesetzt werden. Die schlechten Arbeitsbedingungen, die oben geschildert worden sind, existieren schon lange, aber sie betreffen in den letzten Jahren immer mehr Lehrende, und allmählich werden die Chancen auf eine Veränderung konkreter. Auf Vorschlag der BKSL und der BKLM setzten sich an den Tagen um den 6.11.2014 in mehr als 20 Städten Lehrbeauftragte in Aktion. Die Gewerkschaften - GEW, DOV (Deutsche Orchestervereinigung) und ver.di - organisierten und unterstützten die Proteste mit.23 Die Aktionen bestanden aus Info-Ständen an den Hochschulen, Podiumsdiskussionen mit Hochschulleitungen und Landespolitiker_innen, einem "Beschwerde-Chor" nach der Musik von "Freude schöner Götterfunken" und kleinen Szenen wie der Berliner Pantomime "Lehrbeauftragte stehen auf". Ein großes mediales Echo begleitete den Aktionstag.24

Dieser Erfolg war erfreulich, hat aber nicht gereicht, um eine Lösung herbeizuführen. Die Verbesserungen sind bislang überschaubar: In einigen Bundesländern werden die Honorare der Musiklehrbeauftragten an die tarifliche Gehaltsentwicklung der Angestellten angepasst25; einige Honorare sind erhöht worden, aber ein Ende des Missbrauchs der Lehraufträge ist bislang leider noch nicht in Sicht.

Trotzdem steht außer Frage, dass sich das Klima ändert. An den Arbeitsbedingungen der Lehrbeauftragten kommt an den Hochschulen niemand vorbei: Akademische Senate, Personalräte und -versammlungen haben Solidaritätsanträge im Sinne der Lehrbeauftragten verabschiedet, auch wenn viele dieser Gremien keine spezifische Zuständigkeit für sie haben.26

Ein weiterer, erfreulicher Punkt ist die geänderte Einstellung zu den Lehrbeauftragten: Sie finden mehr Beachtung und sie sehen sich selbst immer weniger als gescheitert nach dem Tenor: "Ihr seid nicht gut genug für eine Stelle". Die Ursache wird zunehmend in der Personalpolitik der Hochschulen und in den dahinter stehenden politischen Entscheidungen und nicht in der persönlichen Unzulänglichkeit der Lehrbeauftragten gesucht. Von der geänderten Wahrnehmung der Lehrbeauftragten ist auch in einigen Stellungnahmen wissenschaftlicher Organisationen etwas zu spüren. Der Wissenschaftsrat fasste in seinen Empfehlungen vom Juli 2014 die Situation der Lehrbeauftragten folgendermaßen zusammen: "Solche problematischen Beschäftigungsverhältnisse sind aus Sicht des Wissenschaftsrates weder für das Wissenschaftssystem noch für die Betroffenen funktional".27 Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes hat im März dieses Jahres erklärt: "Der Zweck von Lehraufträgen liegt nicht darin, Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern vorbehaltene Lehraufgaben für wenig Geld an Externe zu delegieren" und hat eine "schrittweise Erhöhung der Lehrauftragsvergütung auf mindestens 60 Euro pro Lehrveranstaltungsstunde" dringend empfohlen.28

Anmerkungen

1) gesetze.berlin.de/jportal/?quelle=jlink&query=HSchulG+BE&psml=bsbeprod.psml&max=true§120.

2) Ausfallhonorare sind an der Uni Bochum 2014 eingeführt worden: sprachlehrbeauftragte.files.wordpress.com/2014/03/dv-lehrauftraege-20140129.pdf.

3) Die Lehrbeauftragten im Bereich Kunst und Musik können sich über die Künstlersozialkasse versichern, welche die Hälfte der Sozialversicherungsbeiträge übernimmt.

4) www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/BildungForschungKultur/Hochschulen/PersonalHochschulen.htmlSeite 94-117.

5) www.boeckler.de/pdf/v_2015_02_ 05_lange-vester.pdf; 4.-5. Februar 2015, Berlin.

6) Statistisches Bundesamt 2013: Hochschulen auf einen Blick. 2011 gab es 86.100 Lehrbeauftragte.

7) Siehe Drucksache 17 / 12 848, Antwort des Berliner Senats von 10.2.2014 auf die Anfrage von Lars Oberg vom 14.11.2013. 2014 hat die TU Berlin, 2009 die FU Berlin keine Zahlen ermittelt.

8) Roland Bloch / Monique Lathan / Alexander Mitterle / Doreen Trümpler / Carsten Würmann 2014: Wer lehrt warum? Strukturen und Akteure der akademischen Lehre an deutschen Hochschulen, Leipzig: 36-37.

9) www.gew-hamburg.de/themen/hochschule-und-forschung/langfristige-arbeitsvertraege-dann-muessen-wir-aber-die-probezeit.

10) www.gew-berlin.de/public/media/final_Zahlen_2.pdf.

11) Über die Honorare der Musiklehrbeauftragten: www.bklm.org/erfolge.html.

12) Das Honorar pro Unterrichtseinheit beträgt 26Euro am Sprachenzentrum der Viadrina, 21Euro am ZESSKO der Uni Potsdam.

13) Ich bedanke mich bei Elisabeth Seydel und Rüdiger Meißner, die diese Zahlen errechnet haben.

14) www.gew-berlin.de/public/media/final_Zahlen_2.pdf.

15) Nach Roland Bloch u.a. (2014: 10; 62) unterrichten die Lehrbeauftragten an den Universitäten in der Regel 2-4 SWS und werden in der Hälfte der Fälle nicht vergütet. Diese Untersuchung berücksichtigt weder die Zentraleinrichtungen noch die Musikhochschulen.

16) www.bklm.org/.

17) sprachlehrbeauftragte.wordpress. com/.

18) Siehe den Punkt 4 im Templiner Manifest: www.gew.de/wissenschaft/templiner-manifest/templiner-manifest-text/ 2010. Siehe auch den Punkt 5 im Herrschinger Codex: www.gew.de/wissenschaft/herrschinger-kodex/ 2012.

19) fairspektive.de/.

20) sprachlehrbeauftragte.wordpress.com/2013/04/30/tu-berlin-ayhamsalam/.

21) Zur betrieblichen Interessenvertretung von Honorarlehrkräften in Berlin und Nordrhein-Westfalen siehe: www.gew-nrw.de/index.php?id=2517.

22) sprachlehrbeauftragte.files.wordpress.com/2014/03/dv-lehrauftraege-20140129.pdf; sprachlehrbeauftragte.files.wordpress.com/2014/12/muenster_141001_richtlinie.pdf.

23) sprachlehrbeauftragte.wordpress.com/category/aktionstag-der-lehrbeauftragten/; www.gew.de/wissenschaft/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/schluss-mit-dem-lohn-dumping-an-hochschulen/; www.dov.org/pressereader/items/erster-bundesweiter-aktionstag-der-lehrbeauftragten-an-hochschulen-am-6-november-2014.html; musik.verdi.de/++co++d801f416-6052-11e4-b657-525400a933ef.

24) aktionstagberlinlb.wordpress.com/2014/11/06/press/aktionstagberlinlb.wordpress.com/2014/12/07/neue-artikel-lehrbeauftragten/aktionstagberlinlb.wordpress.com/2014/12/26/presse-uber-lehrbeauftragte/.

25) www.dov.org/Newsreader/items/hoehere-honorare-fuer-lehrbeauftragte-an-mehreren-musikhochschulen-1521.html.

26) sprachlehrbeauftragte.wordpress.com/tag/akademischer-senat/;sprachlehrbeauftragte.wordpress.com/2014/12/07/tu-fu-berlin-personalversammlung/.

27) www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/4009-14.pdf.

28) www.hochschulverband.de/cms1/pressemitteilung+M57b61f564f9.html.


Dr. Linda Guzzetti ist Lehrbeauftragte für Italienisch am Sprachenzentrum der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/Oder) und der FU Berlin; Koordinatorin der AG-Lehrbeauftragte GEW Berlin; Bundessprecherin der Bundeskonferenz der Sprachlehrbeauftragten.

Zum Seitenanfang | Druckversion | Versenden | Textversion