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Klaus Holzkamp

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Mehr als ein modisches Schlagwort?

08.10.2015: Über die Geschichte der Globalisierung

  
 

Forum Wissenschaft 3/2015; Foto: Torbz – fotolia.com

Seit den 1990er Jahren ist "Globalisierung" zu einem verbreiteten Schlagwort geworden, um die sich immer enger entwickelnden weltweiten ökonomischen, kulturellen und politischen Verflechtungen zu beschreiben. Inwieweit sich damit ein neues Stadium kapitalistischer Entwicklung auf den Begriff bringen lässt, prüft Georg Auernheimer.1

Als jemand mitbekam, dass ich mich mit dem Thema Globalisierung beschäftige, meinte er: "Ach, das ist doch mehr oder weniger bloß ein modisches Schlagwort. Globalisierung ist jedenfalls nichts Neues." Ein anderer präzisierte: "im Grunde nichts Anderes als Kapitalismus pur". Auf die erste, nicht selten zu hörende Bemerkung müsste man mit "jein" antworten. Die zweite kommt der Sache sehr nahe, drängt aber zugleich die Frage auf, ob der Begriff Globalisierung hilft, ein Entwicklungsstadium dieser Produktionsweise genauer zu fassen.

Auffallend ist, dass der Begriff erst im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts auftaucht, und zwar in den 1980er Jahren zuerst vor allem in ökonomischen Publikationen. In den 1990er Jahren erlebte er dann seine erste Konjunktur in den Sozialwissenschaften und in der Journalistik, um sich dann nach 2000 in der Alltagssprache einzubürgern. In dieser Zeit mehren sich auch Publikationen einführenden Charakters.2 Das Auftauchen eines neuen Begriffs legt die Annahme nahe, dass sich Realitäten, genauer Lebensverhältnisse, spürbar verändert haben. Interessant auch, dass das Wort zunächst in ökonomischen Fachzeitschriften verwendet wurde. Dennoch bleibt die Frage: Ist Globalisierung "bloß ein neues Wort für ein altes Phänomen"3?

Spezifikum des modernen Kapitalismus

Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn schon ein erstes Verständnis dafür da ist, was das Spezifikum der kapitalistischen Gesellschaft im heutigen Stadium ausmacht.4 Wenn die Besonderheit darin besteht, dass nicht nur die Warenzirkulation, sondern auch die Produktion global geworden ist, dass die Welt zu einem einzigen Warenmarkt und Werkraum geworden ist, dann müssten sich frühere Gesellschaften daran messen lassen. Relativ schnell lassen sich dann Imperien oder Handelsnetze wie die Seidenstraße, welche die jeweils damals erschlossene Welt umfassten - teilweise von HistorikerInnen als Vorformen der Globalisierung diskutiert - aussondern, und zwar nicht nur nach räumlichen Kriterien. - Das Römische Reich, die Mongolenherrschaft, die islamische Umma umfassten bestenfalls Eurasien, zum Teil noch das nördliche Afrika, soweit sie nicht sogar auf den Mittelmeerraum begrenzt waren. Vor allem aber beschränkten sich die überregionalen Beziehungen auf den Handel bzw. das Eintreiben von Tributen aus den unterworfenen Ländern.

Ein ähnliches Muster lässt sich zwar noch für die Periode der europäischen Kolonialherrschaft ausmachen. Aber bei der Entdeckung und Eroberung Amerikas, bald auch Australiens und der pazifischen Inselwelt war schon ein Unternehmergeist leitend, der eine neue Wirtschaftsform einleitete. Nicht nur war ab jetzt die ganze Welt objektiv, nicht nur subjektiv im Weltbild der Zeitgenossen, erfasst und verfügbar. Aus der Peripherie wurden unter Einsatz einheimischer Arbeitskräfte oder importierter Sklaven Gold, Silber und andere Metalle geraubt, auch nachwachsende Rohstoffe wie Baumwolle geholt - ein unübersehbarer Beitrag zur "ursprünglichen Akkumulation", die nicht nur innerhalb Europas mit außerökonomischem Zwang durchgeführt wurde. Ein Unterschied zu früheren Epochen kann auch darin gesehen werden, dass die europäische Kolonialwirtschaft Lebensräume zerstörte, sozialstrukturelle Verwerfungen bedingte und teilweise ganz neue Gesellschaften hervorgebracht hat. Frühe Imperien hatten dagegen regionale Sozialstrukturen und Kulturen fast unberührt gelassen. Die Vertreter der Weltsystemtheorie von Immanuel Wallerstein setzen bekanntlich um 1500 eine historische Zäsur an, weil von da ab die Unterscheidung zwischen "Zentrum" und "Peripherie" relevant wird.

Im Zeitalter der Entdeckungen und Eroberungen, des Überseehandels, der Plantagenwirtschaft finden wir viele Elemente, die später für die kapitalistische Produktionsweise bedeutsam werden sollten, zum Beispiel Aktiengesellschaften. Die Ausrüstung von Schiffen für den Fernhandel war ein riskantes Geschäft, das sich am ehesten von einer Gemeinschaft von Anlegern tragen ließ, was ein wohlhabendes Bürgertum sowohl voraussetzt als auch schafft. Bestimmend für diese Periode war die Enteignung oder Ausbeutung von Ländereien, von Fundstätten, auch von Wissen aus vorkapitalistischen Produktionsweisen. In den Bergwerken und Textilmanufakturen Südamerikas war neben der Sklaverei Lohnarbeit verbreitet. Auf den Schiffen sammelte sich ein bunt gemischter Haufen aus allen möglichen Erdteilen - ein "Treibhaus des Internationalismus" nach Susan Buck-Morss5, für die sich im Überseehandel des 17. und 18. Jahrhunderts bereits ein "atlantisches Proletariat" herausgebildet hat (ebd.).6 Dazu kam die Weckung neuer Bedürfnisse bei einigen Bevölkerungsschichten des Zentrums (Gewürze, Kolonialwaren).

Das System des Fernhandels und der kolonialen Ausplünderung - man könnte von "Globalisierung I" sprechen - wurde also zum Geburtshelfer der kapitalistischen Produktionsweise gegen Ende des 18. Jahrhunderts, und zwar nicht nur durch die Akkumulation von Kapitalien. Auch an die Sicherstellung von Kleidung und Nahrung für große Massen von Lohnarbeitern ist zu denken (Baumwolle, Kartoffel). Darüber hinaus aber mussten zentrale Strukturelemente im Zug der Industriellen Revolution nicht völlig neu erfunden werden. Man konnte auf bewährte Muster zurückgreifen.

Globalisierung mit Dampfkraft

Die Form der gewaltförmigen Expropriation bestimmt auch noch die "klassische Phase" des modernen Weltsystems, deren Beginn Samir Amin7 auf die Zeit um 1800 datiert, als sich mit der Industriellen Revolution die Spaltung in industrialisierte Kernländer und Rohstofflieferanten durchsetzt. Nun revolutionierte die für die Industrielle Revolution entscheidende Erfindung der neuen technischen Energiequelle, des Dampfantriebs, auch das Verkehrswesen und gab der Globalisierung einen neuen Schub, weil Dampfloks und Dampfschiffe die Mobilität in einem heute kaum noch vorstellbaren Ausmaß erhöhten. Mit der räumlichen Ausdehnung der Wirtschaftsbeziehungen innerhalb nationaler Grenzen, aber auch darüber hinaus stieg der Bedarf nach einer entsprechenden Kommunikationstechnik. Telegraph und Telefon boten die Lösung für den damaligen Stand der Globalität.8 Die mit den anwachsenden Warenströmen zu verzeichnenden Phasen des Booms mit folgender Überproduktion weckten am Beginn des 20. Jahrhunderts Begehrlichkeiten nach Anlagemöglichkeiten und Märkten jenseits nationaler Grenzen. Die Konkurrenz zwischen den europäischen Staaten führte schließlich zu einem Weltkrieg - man achte auf das Wort! - ausgelöst von der deutschen Reichsregierung. Danach schlossen sich die kriegsmüden Massen in Russland der revolutionären Avantgarde an, die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen war. Mit der Gründung der Sowjetunion war dann für sieben Jahrzehnte die Entfaltung des kapitalistischen Weltmarkts begrenzt.

Das Ende des Kolonialsystems und damit die Ablösung des außerökonomischen Zwangs gegenüber den Ländern der Peripherie durch primär ökonomische Zwänge kann als erster Schritt zur endgültigen Globalisierung betrachtet werden. Von da ab bietet sich rückblickend bei der historischen Rekonstruktion eine Periodisierung an, wie sie alle HistorikerInnen, die sich dem Thema Globalisierung zugewandt haben, auf ähnliche Art, mehr oder weniger theoretisch begründet, vornehmen.9

Nach der Implosion der Sowjetunion und des sozialistischen Staatenbundes konnte sich die globale Kapitalverwertung bis in den letzten Winkel durchsetzen. Sie war bereits vorbereitet worden durch die Aufkündigung der Vereinbarungen von Bretton Woods, des Systems fester Wechselkurse also, und durch den Übergang zu neoliberaler Politik in Großbritannien und den USA. Nicht zu vergessen die Politik von IWF und Weltbank, die in den 1980er Jahren den gerade erst von der Kolonialherrschaft befreiten Ländern des Südens eine Liberalisierung des Außenhandels und eine Beschränkung der Staatsaufgaben zugunsten von Privatisierungen aufzwang, indem sie Finanzhilfen von ihren "Strukturanpassungsprogrammen" abhängig machte. Fast gleichzeitig mit dem Ende der Blockkonfrontation im Jahr 1990 wurde der Washington Consensus verabschiedet, das neoliberale Programm für die Zukunft der Weltwirtschaft. Es beinhaltete vier Essentials neoliberaler Politik: Abbau nationaler Schutzschranken für Warenhandel und Kapitalverkehr, generelle Liberalisierung der Märkte, speziell der Finanzmärkte, Austerität und Privatisierung öffentlicher Dienste, arbeits- und sozialrechtliche Deregulierung.

Vollendete Globalisierung durch IT-Revolution

Technologisch vollendet wurde das heutige Stadium der Globalisierung mit der Entwicklung der Informationstechnologie, speziell dem World Wide Web, das gerade um 1990 mit dem Hypertext Transfer Protocol ermöglicht wurde. Damit konnten nicht nur Informationen unterschiedlichster Art in Echtzeit ausgetauscht werden. Die Tragweite dieser technischen Innovation erschließt sich einem nur, wenn man sich klar macht, dass alle bis dahin auf Text-, Bild- oder Tonträgern festgehaltenen Daten jetzt in dem einheitlichen digitalen Code gespeichert und übermittelt werden konnten, was für uns heute selbstverständlich geworden ist.

Die Informationstechnologie veränderte die Finanzmärkte, globalisierte aber vor allem die industrielle Produktion und den Handel, sowohl Business to Business als auch Business to Consumer. Für jede/n erfahrbar, von den meisten praktiziert ist der umstandslose Kauf und Verkauf von Waren weltweit per Internet. Versandfirmen wie Amazon oder Alibaba aus China machen gigantische Umsätze, vielleicht nicht ganz so hohe Umsätze die Onlinehändler in Indien, die in der dortigen Mittelschicht mehrere Millionen Kunden finden. Mindestens so bedeutsam wie der Handel mit "handfester" Ware dürfte der mit Software zum Downloaden sein.10 Konzerne, zum Beispiel Autohersteller, können sich per Internet ihre Zulieferbetriebe in der ganzen Welt aussuchen und sie in Konkurrenz zueinander setzen. Der Handel zwischen Firmen macht einen nicht unwesentlichen Teil des Welthandels aus.

Für das heutige Akkumulationsregime kennzeichnend ist aber das Off-shoring, die Auslagerung von Teilaufgaben oder Produktionsschritten in andere Länder. So sind transnationale Wertschöpfungsketten entstanden. Kriterien für Off-shoring können niedrige Lohnstückkosten, niedrige arbeitsrechtliche Standards, niedrige Umweltstandards, geringe Steuerbelastung oder aber auch ein hohes technisches Know-How sein. Transnationale Fertigungsketten sind wiederum ohne weltweite Vernetzung per Internet oder Intranet eines Konzerns nicht denkbar. Indiz für die Praxis des Off-shoring ist die massive Zunahme ausländischer Direktinvestitionen. Die Summe der ADI hat sich von 1985 bis 2001 verzehnfacht und danach bis 2007 noch einmal fast verdoppelt. Dazu kommen selbstverständlich Joint-Ventures, zum Beispiel deutscher Konzerne mit chinesischen Unternehmen. Das Internet hat Amazon und andere auch auf die Idee des Crowdsourcing gebracht. Hunderttausende erledigen hier Microtasks in einer neuen Variante von Heimarbeit.11

Auf den Finanzmärkten sind dank IT Transaktionen in Bruchteilen von Sekunden möglich geworden, Transaktionen, die nicht von einem Banker nach persönlichem Kalkül entschieden werden, sondern vom Computer mit Hilfe von Algorithmen. Dieser Hochfrequenzhandel auf der virtuellen Börse vernetzter Computer macht den Markt äußerst volatil. Die weltweiten Finanzströme sind unkontrollierbar geworden. Die politisch gewollte Deregulierung hat die Krisenanfälligkeit der Finanzmärkte verschärft. Die Deregulierung umfasst erstens die Liberalisierung des außerbörslichen Handels, wo institutionelle Anleger, also Versicherungen, Investmentgesellschaften und -fonds, darunter die berüchtigten Hedgefonds, unbeschränkt und unkontrolliert ihre spekulativen Geschäfte betreiben können. Fragwürdige Praktiken wie Leerverkäufe oder kreditfinanzierte spekulative Geschäfte, das sog. Hebeln, unterliegen keiner Beschränkung.12 Dazu kommt zweitens die unbeschränkte Freigabe des Handels mit Derivaten, die, weil äußerst risikobehaftet, wie Brandbeschleuniger auf den globalisierten Finanzmärkten wirken.13 Diese Liberalisierung hat Finanzmärkte geschaffen, die nicht mehr primär dazu da sind, Geld für private Investitionen oder staatliche Haushalte bereit zu stellen, sondern ausschließlich dazu dienen, mit Geld mehr Geld zu machen.

Globalisierung und Liberalisierung

Dadurch dass sich Industrieunternehmen zunehmend nach US-amerikanischem Vorbild über Commercial Paper auf dem internationalen Markt finanzieren, wurde die Globalisierung der Finanzmärkte gefördert. Ihre Aufblähung und ihr Bedeutungszuwachs für die Weltwirtschaft ist auf vier Entwicklungen zurückzuführen:

  1. die Kapitalisierung der Altersrenten, und damit Zunahme der Pensionsfonds, sowie von Versicherungen, die früher von der Sozialgesetzgebung geregelt waren,
  2. die zunehmende Kreditfinanzierung der Staaten zur Kompensation der Steuerentlastung für vermögende Schichten,
  3. die Privatisierung von öffentlichen Diensten und Infrastruktur, d.h. ihre Umwandlung in Objekte zur Kapitalanlage,
  4. die Zunahme des anlagesuchenden Kapitals, das sich bei wenigen konzentriert. Dies hat Investmentfonds zum erfolgreichen Geschäftsmodell gemacht.
  5. Der globale Operationsraum hat das Kapital erstens von vielen Fesseln nationaler Gesetzgebung befreit. Unternehmen können zweitens weltweit zwischen arbeits- und kapitalintensiven Produktionsstandorten wählen. Mit der Globalisierung lassen sich drittens Hürden der Mehrwertrealisierung leichter überwinden, weil der ganze Weltmarkt zur Verfügung steht. Mehr noch - man kann in Billiglohnregionen produzieren und in Wohlstandszonen verkaufen. Und schließlich lässt sich der Wohlstandsmüll in den Ländern der Peripherie entsorgen.

    Wie wird nun die Globalisierung für uns spürbar? Die bisherige knappe Skizze lässt das schon ahnen. - Dadurch, dass zumindest den großen Konzernen die ganze Welt als Operationsraum zur Verfügung steht, werden die Staaten erstens in den Standortwettbewerb um attraktive Verwertungsbedingungen getrieben. Die Regierungen werden dazu verleitet, unternehmensrelevante Steuern zu senken, sozialstaatliche Leistungen zu beschränken, tarifrechtliche Regelungen auszuhebeln, womit Gewerkschaften geschwächt werden - die Agenda 2010 ist das uns bekannte Muster - und aufgrund der Armut der öffentlichen Hand öffentliche Dienste und Infrastrukturaufgaben zu privatisieren. Joachim Hirsch hat diesen selektiven Umbau der Staatsfunktionen schon 1995 im Begriff des "nationalen Wettbewerbsstaats"14 gefasst.

    Zweitens entrichten transnationale Unternehmen ihre Steuern dort, wo die Besteuerung niedrig oder nachlässig ist, wenn sie überhaupt Steuern zahlen. Aufgrund der Streuung der Unternehmensteile können sie völlig legal den Zweigbetrieb für steuerpflichtig erklären, der in einem Steuerparadies angesiedelt ist. Zusätzliche Möglichkeiten der Steuerflucht bieten die zahlreichen Steueroasen.

    Die dritte Beschränkung staatlicher Steuerungsmöglichkeiten ist den Finanzmärkten geschuldet. Währungsspekulation kann Staaten in eine Schieflage bringen. Vor allem Entwicklungsländer waren davon mehrfach bedroht, da das Geld dort oft nur kurzfristig angelegt ist15. Staaten mit Haushaltsdefiziten werden oft wegen der hohen Zinsen mit spekulativem Kapital überhäuft. Sobald die Anleihen von den Ratingagenturen, den selbst ernannten Hütern der Bonität, herabgestuft werden, gerät der Staat in einen Abwärtsstrudel. Siehe Griechenland!

    Ein Übriges tun viertens die demokratisch nicht kontrollierten internationalen Institutionen, nämlich IWF und Weltbank, unterstützt von der 1994 gegründeten Welthandelsorganisation, indem sie Staaten die bereits erwähnten Strukturanpassungsprogramme verordnen. Staatliche Souveränität wird damit zur leeren Floskel. Die WTO wirbt seit längerem für TISA, das Trade in Services Agreement, das den grenzenlosen Handel mit Dienstleistungen, d.h. deren Privatisierung, erleichtern soll. Sie wird dabei von den großen Industriestaaten und der EU unter Führung der USA unterstützt.

    Die EU, von der sich OptimistInnen, eine Rückgewinnung von politischer Handlungsfähigkeit gegenüber der globalisierten Wirtschaft versprochen hatten, ist zum Projekt und Objekt jener Kräfte geworden, die gezähmt werden müssten. Die Konstruktion der EU ermöglicht nur bedingt demokratische Kontrolle. Die Rechte des Parlaments sind beschränkt. Politik wird von der Exekutive und der Europäischen Zentralbank gemacht. Eine europäische Öffentlichkeit gibt es vorläufig nicht. Einflussreiche Think Tanks und Round Tables sind der Ersatz. Der andere große regionale Zusammenschluss im North American Free Trade Agreement (NAFTA) ist von vornherein nicht mit politischen Erwartungen befrachtet gewesen. Aber auch das Versprechen wirtschaftlicher Prosperität ist für die Bevölkerungen in ihrer Mehrheit nicht eingelöst worden, zumindest in den USA und in Mexiko nicht.

    Nutznießer der Freihandelsabkommen sind stets die Mächtigen, sowohl die mächtigen, wirtschaftlich starken Staaten als auch die jeweils Mächtigen innerhalb der Vertragsstaaten. In den Ländern des Südens sind speziell die Bauern, Kleingewerbetreibenden und Fischer durch den Abbau von Zollschranken in ihrer Existenz bedroht. Die Abhängigkeit von Rohstoffexporten wird durch die Abkommen meist verfestigt. Nur wenigen Staaten ist es gelungen, durch den Aufbau eigener Verarbeitungsbetriebe die Abhängigkeit zu lockern. Insgesamt hat die "Akkumulation durch Enteignung"16 neue Bedeutung erlangt.

    Auch die Landwirtschaft ist inzwischen globalisiert, nicht zuletzt aufgrund des politisch geförderten Bedarfs an Biotreibstoffen, aber auch wegen des erhöhten Konsumstandards in Industrie- und Schwellenländern. Beides hat Böden zu einem attraktiven Anlageobjekt gemacht. Investmentfonds und einzelne Spekulanten, auch Agromultis kaufen riesige Landflächen in Osteuropa, Afrika und Südostasien.

    Spürbar wird die Globalisierung schließlich durch die ökologischen Schäden, die dem System eigen sind, das Umweltkosten wie soziale Kosten externalisiert, durch Klimawandel, Vermüllung der Meere etc. also - ein Aspekt, den Ulrich Beck fokussiert, der darauf setzt, dass "das globale ökologische Gefahrenbewusstsein"17 den gemeinsamen Widerstand wecken wird.

    Wie steht es um den politischen Widerstand?

    In diesem postdemokratischen Stadium sind allein schon Organisationen wie LobbyControl bedeutsam, weil sie gegenüber einer "gegen politische Beteiligung isolierten Regierungs- und Finanzdiplomatie"18 die Wachsamkeit der kritischen Öffentlichkeit sichern. Eine ähnliche Funktion erfüllen investigative JournalistInnen und Whistleblower, kritische SozialwissenschaftlerInnen nicht zu vergessen. Andere NGOs decken soziale oder ökologische Missstände auf - eine Voraussetzung für Widerstand, der aber meist punktuell bleibt. Auch die Gegenwehr mit Fairtrade-Siegeln bleibt auf einige transnationale Fertigungsketten beschränkt. Bedeutsam ist die globalisierungskritische Bewegung, die zeigt, auf was dieses System zusteuert. Die Weltsozialforen senden seit 2001 immer wieder Warnsignale an die Weltöffentlichkeit.

    Wenn wir aber fragen, was an Systemkorrekturen notwendig wäre - zunächst ohne den Seitenblick auf die politische Durchsetzbarkeit, so wären zu nennen: die Re-Regulierung der Finanzmärkte, aber auch die Verhinderung weiterer Freihandelsabkommen, aktuell von CETA, TTIP und TISA, sowie die Kündigung bestehender Abkommen, speziell durch die Länder des Südens. Da davon auszugehen ist, dass sich die transnationale Wertschöpfung nicht mehr rückgängig machen lässt, steht die Angleichung von Sozial- und Umweltstandards, zunächst innerhalb der EU, dann weltweit, auf der Tagesordnung. Das mag utopisch erscheinen. Aber nur so kann man dem destruktiven Wettbewerb zwischen den Staaten ein Ende setzen.

    Die These von Elmar Altvater und Brigitte Mahnkopf von der "Entbettung" des ökonomischen Systems19 - der Markt "oktroyiert seine Logik der Politik"20 - darf nicht übersehen lassen, dass die Politik dieser Logik erst zur Wirksamkeit verholfen hat. Hier darf am Schluss die Rolle der USA nicht übergangen werden, die ihre hegemoniale Position dazu genutzt haben, die Verwertungsbedingungen für das Kapital global zu sichern. Die neue Blockkonfrontation zwischen den USA und Russland, und vielleicht bald auch China, macht den Kampf für eine andere Weltordnung nicht leichter, weil der Konflikt die Kräfte bindet.

    Anmerkungen

    1) Belege, Beispiele, statistische Daten zu den Aussagen in dieser knappen Skizze findet man bei Georg Auernheimer 2015: Dimensionen der Globalisierung. Eine Einführung, Schwalbach/Ts.

    2) Auf die Einführung von Ulrich Beck (1997; 2. Aufl. 2007) folgten bis 2011 vier Buchpublikationen.

    3) Scherrer / Kunze 2011: Globalisierung, Göttingen: 8.

    4) Karl Marx: "Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen" (Grundrisse, MEW 13). Osterhammel / Peterson: "Wird Globalisierung als eine Erscheinung erst der letzten Jahrzehnte, vielleicht sogar als Beginn einer neuen historischen Epoche bezeichnet, so ist eine solche Aussage überhaupt nur möglich, wenn man das Neue dem Bisherigen gegenüberstellt" (2012: 16).

    5) Susan Buck-Morss 2011: Hegel und Haiti. Für eine neue Universalgeschichte, Berlin: 140.

    6) Neben den Schiffen hat sie dabei die Häfen und Faktoreien, d.h. die Handelsplätze an den Küsten Afrikas, Indiens und Amerikas, im Auge, wo Seeleute, Schuldknechte, Zimmerleute, Schiffsjungen, Schauerleute beschäftigt wurden.

    7) Samir Amin 2002: Die Zukunft des Weltsystems. Herausforderungen der Globalisierung, Hamburg.

    8) "Londoner Börsenhändler mussten 1913 nicht einmal mehr eine Minute auf eine Verbindung warten, wenn sie mit ihren Partnern in New York Kurse und Aufträge austauschen wollten" (Harald Schumann / Christiane Grefe 2008: "Weltkrieg oder Weltgesellschaft", in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H.6: 51).

    9) Vgl. Sebastian Conrad u.a. (Hg.) 2007: Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen, Frankfurt/M.

    10) Für 2015 wird ein Umsatz von rd. 1,6 Billionen US$ im E-Commerce prognostiziert.

    11) Sebastian Strube 2015: "Die Entstehung des digitalen Prekariats", in: RLS, Standpunkte 02/15.

    12) Beim "Hebeln" werden mit Hilfe von Fremdkapital z.B. ganze Konzerne aufgekauft. Bei Lehman Brothers betrug der Verhältnis Fremd- zu Eigenkapital kurz vor der Pleite 34: 1. Es ging dabei um hunderte Milliarden Dollar.

    13) Derivate sind "abgeleitete" Finanzprodukte, weil ihr Wert sich von dem tatsächlichen Preis am Ende der Wette ableitet, was sich vor allem an Futures verdeutlichen lässt, einem an sich traditionellen, früher im Agrarbereich üblichen Mittel der Absicherung. Kursieren solche Papiere auf dem Markt, entziehen sie sich zunehmend der Risikoabschätzung. Paradox ist z.B. auch der Handel mit Kreditausfallversicherungen.

    14) Joachim Hirsch 1995: Der nationale Wettbewerbsstaat. Staat, Demokratie und Politik im globalen Kapitalismus, Berlin.

    15) Sahra Wagenknecht 2012: Freiheit statt Kapitalismus. Über vergessene Ideale, die Eurokrise und unsere Zukunft, Frankfurt/M. u. New York: 174.

    16) David Harvey 2015: Siebzehn Widersprüche und das Ende des Kapitalismus, Berlin.

    17) Ulrich Beck 1997/2007: Was ist Globalisierung? Frankfurt/M.: 31.

    18) Wolfgang Streek 2013: Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus, Berlin: 78.

    19) Unter Bezugnahme auf Karl Polanyi 1979: Ökonomie und Gesellschaft, Frankfurt/M.

    20) Elmar Altvater / Brigitte Mahnkopf 2004: Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft, 6. Aufl., Münster: 98.


    Georg Auernheimer (Jg. 1939) hatte Professuren für Erziehungswissenschaft in Marburg und Köln. Einige seiner Buchpublikationen zur Interkulturellen Pädagogik wurden mehrfach aufgelegt. Seit einigen Jahren hält er Vorlesungen über Globalisierung an der Uni Salzburg.

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