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Klaus Holzkamp

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Geschichte und Gegenwart der extremen Rechten

28.07.2015: Aus Anlass des Symposiums für Reinhard Kühnl am 10. Juli 2015 in Marburg

  
 

Forum Wissenschaft 2/2015; Foto: thomas koch / shutterstock.com

Seit der Wiedergründung des BdWi 1972 gehört die wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit rechten Ideologien zu den Kernanliegen des Verbandes. Die Aktivitäten in diesem Themenbereich sind untrennbar mit der Person Reinhard Kühnls verbunden. Der herausragende Faschismusforscher und BdWi-Mitbegründer verstarb im Februar 2014. Im Juli 2015 will der BdWi mit einem Symposium in Marburg das wissenschaftliche Erbe von Reinhard Kühnl aufgreifen und die "Aktualität der Faschismustheorie" untersuchen. Das Anliegen der Tagung fasst Mitorganisator Gerd Wiegel zusammen.

Der siebzigste Jahrestag der Befreiung vom Faschismus hat die Erinnerung an das Ende des NS-Regimes und an die unermesslichen Kosten an Leid und Menschenleben für diese Befreiung noch einmal in den Fokus der internationalen Aufmerksamkeit gerückt. Lehren aus der Geschichte seien gezogen worden, Konfliktlösungsmechanismen etabliert, die eine Katastrophe wie den Zweiten Weltkrieg als unmöglich erscheinen ließen - so die Verantwortlichen in zahlreichen der am Krieg beteiligten Ländern. Und ohne Zweifel haben sich die Verhältnisse in Europa seit dem Mai 1945 in einer Art und Weise geändert, die einen solchen Krieg auf absehbare Zeit als unwahrscheinlich erscheinen lässt. Doch schon der Blick über das Mittelmeer verdeutlicht, dass die beschworene Formel des "Nie wieder Krieg!" nur für Europa und auch hier nur eingeschränkt Gültigkeit besitzt. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat die Zahl der weltweiten Kriege stetig zugenommen, die Zahl der Flüchtlinge steigt immer besorgniserregender und Europa mobilisiert mit seiner Abschottungspolitik alle Kräfte, um seine Privilegien gegen diejenigen zu verteidigen, die nicht bereit sind, den ihnen zugewiesenen Platz in Armut und Gefahr zu akzeptieren.

Dieser weltweite und täglich stattfindende Verteilungskampf hat in Europa seit einigen Jahren politische Kräfte beflügelt, die einer aggressiven Art der Abgrenzung von Migrantinnen und Migranten das Wort reden und eine Spaltung entlang nationaler und/oder ethnischer Kriterien betreiben. Die extreme Rechte in ihren unterschiedlichen Formen feiert seit Beginn der 2000er Jahre immer neue Erfolge in zahlreichen europäischen Ländern und schafft es in größerem Maße, die politische Agenda der etablierten Politik zu bestimmen.

Reinhard Kühnl, der sich sein gesamtes wissenschaftliches Leben mit der historischen und gegenwärtigen Ausprägung der extremen Rechten in Deutschland und Europa befasst hat, hätte in einer solchen Situation vor allem nach den historischen, kulturellen und sozioökonomischen Triebkräften gefragt, die einen solchen Aufstieg der extremen Rechten befördern. Interessiert hätten ihn die ideologischen Veränderungen einer modernisierten Rechten, die Rolle des Nationalismus in einer globalisierten Welt, die Inhalte eines sich gegen völlig unterschiedliche Gruppen richtenden Ethnopluralismus, die neuen Formen von Parteien und Bewegungen der extremen Rechten, die Frage der klassenmäßigen Fundierung dieser Rechten bzw. ihrer auch historisch nachweisbaren Heterogenität. Und interessiert hätte ihn, in welcher Form der Kapitalismus heute Krisen hervorbringt und autoritäre Reaktionen provoziert und ob und wie sich die herrschende Klasse diese Reaktionen zu Nutze macht. Schließlich hätte Reinhard Kühnl vor vorschnellen Vergleichen zum historischen Faschismus gewarnt, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, dass sich dessen Ausprägung natürlich wandeln kann. Aber sicher hätte er darauf verwiesen, dass eine faschistische Partei wie Jobbik in Ungarn nicht umstandslos mit einer modernisierten Partei der extremen Rechten wie dem Front National oder gar der Partei für die Freiheit eines Geert Wilders in den Niederlanden zu vergleichen ist, wenngleich es ideologische Gemeinsamkeiten gibt.

Die aktuelle Entwicklung der politischen Rechten wäre ein lohnendes Arbeitsfeld für Reinhard Kühnl gewesen und von besonderem Interesse wäre die Verbindung mit seiner historischen Forschung zum Faschismus, um eben gerade Unterschiede und Kontinuitäten besser zu verstehen. Während sich linke Faschismusforschung in den 70er Jahren häufig dem (nicht immer unberechtigten) Vorwurf ausgesetzt sah, eine undifferenzierte und allein politisch motivierte Anwendung des Faschismusbegriffs auf gegenwärtige Erscheinungen zu betreiben, klafft heute eine auffallende Lücke zwischen historischer Faschismusforschung - die in Deutschland fast ausschließlich unter dem Label des "Nationalsozialismus" betrieben wird - und einer Forschung zur extremen Rechten. Reinhard Kühnl hat als Hochschullehrer dazu angeregt, historische Analysen für gegenwärtige politikwissenschaftliche Fragestellungen nutzbar zu machen, um so die Forschung zum Faschismus und seiner spezifischen deutschen Ausprägung nicht allein als historischen Gegenstand zu begreifen, sondern nach den politischen Kräften und Konstellationen zu suchen, die eine Gefahr von rechts aufs Neue befördern könnten.

Im Rahmen des Symposiums zu Ehren von Reinhard Kühnl wollen wir genau das tun: uns der analytischen Tauglichkeit historischer Analyse und ihrer notwendigen Erweiterung versichern und sie auf aktuelle Entwicklungen anwenden. Ausgehend von der Auseinandersetzung um die Faschismustheorie (Axel Schildt), geht es um einen Vergleich/eine Abgrenzung von Faschismus und dem heute so häufig mit der politischen Rechten verbundenen Populismus (Karin Priester) und schließlich zu einer ganz gegenwärtigen "Kultur des Faschismus" in Ungarn (Magdalena Marsovszky). Schließlich wird es um Wandlungen und neue Ausprägungen der politischen Rechten gehen, z.B. in der Form der "Identitären" (Julian Bruns, Kathrin Glösel, Natascha Strobl) oder in Form von Pegida und der AfD (Gudrun Hentges, Gerd Wiegel).

Während die Forschung zur extremen Rechten heute auf einer sehr viel breiteren Basis steht und an zahlreichen Universitäten verankert ist, hat die Auseinandersetzung um den Faschismus im Vergleich zu den Kontroversen, die auch um die Arbeiten von Reinhard Kühnl geführt wurden, viel an öffentlicher Aufmerksamkeit verloren. In der Marburger Tagung soll an beide Stränge angeknüpft werden.


Gerd Wiegel ist Referent Rechtsextremismus/Antifaschismus der Bundestagsfraktion DIE LINKE und Redakteur der Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung.

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